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Die Spitze des Patriarchats

Bedeutung der Fantifa für die antifaschistische Bewegung

Anfang März diesen Jahres protestierten etwa 500 Menschen auf einer feministischen Demonstration in Münster für das Recht auf selbstbe­stim­­mtes Leben in einer herrschaftsfreien und solidarischen Gesellschaft. Anlass war ein am selben Tag und alljährlich stattfindender „Gebetszug“ reaktionär-fundamentalistischer ChristInnen. Diese sogenannten „1000-Kreuze-Märsche“ stellen zunehmend ein Feld dar, wo sich feministische und antifaschistische Politik treffen. Die Forderung einer Verbindung von Feminismus und Antifaschismus ist jedoch keineswegs neu, schon in den 1980/90er Jahren entstanden daraus zahlreiche Fantifa-Gruppen.

­Bei den „1000-Kreuze-Märschen“ agitieren die selbsternannten „Lebens­schüt­zer“ gegen das Selbstbestim­mungs­recht von Frauen, indem Schwan­ger­schaftsunterbrechung mit Mord gleich­gesetzt wird. Sie propagieren da­bei ein erzkonservatives Bild von Fa­mi­lie, Religion und Sexualität. Seit 2002 ruft der Bundesverband Lebensrecht zu solchen Protestformen auf. Ähnliche „Gebetszüge“ gibt es seitdem auch in anderen Städten, zum Beispiel in Berlin, Wien, München, Fulda, Salzburg und Frei­burg. Seit einigen Jahren ist fest­zu­stellen, dass sich neben feministischen, schwulen, queeren, humanistischen und lesbischen Aktivist_innen auch anti­fa­schistische Gruppen verstärkt in die Aus­einandersetzungen einbringen. Die dabei entstehenden Netzwerke und Möglichkeiten des Austauschs können eine Perspektive darstellen, Feminismus und Antifaschismus nicht nur einen gemeinsamen Ausdruck in der Praxis zu verleihen, sondern notwendige Debat­ten innerhalb antifaschistischer Zu­sam­menhänge weiterzuführen.

Zwar ist mittlerweile die Tatsache, dass es auch in der extremen Rechten aktive Frauen gibt, die mehr sind als nur „die Freundin von...“, hinlänglich bekannt. Darüber hinaus finden Auseinander­set­zungen über Geschlechterverhältnisse, gerade in männlich-dominierten antifa­schis­tischen Zusammenhängen, immer noch zu selten statt. Dabei entwickelte bereits in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren die Fantifa-Bewegung fe­mi­nistische Perspektiven und Praxen für antifaschistische Politik und lieferte damit Anstöße für wichtige Debatten.

Konservatismus und (Mit-)Täterinnenschaft

„Faschistische Herrschaft baute in unge­heurem Maß auf patriarchale Gewalt. Doch diese staatlich legitimierte Form patriarchaler Gewalt im Faschismus set­zte nicht unvermittelt und unvor­be­rei­tet ein. Es bestanden bereits alle gesell­schaftlichen Voraussetzungen, um die Frauen umfassend für den faschisti­schen Staat zu funktionalisieren, als Opfer wie Täterinnen. Familienpolitik, Bevölkerungspolitik, Humangene­tik/ Eugenik, Sexismus, das waren/sind die Waffenschmieden patriarchaler Herr­schaft, und die haben eine lange Tradi­tion.“ Dieses Zitat aus einer Broschüre der Fantifa Bonn von 1989 ermöglicht einen Einstieg in Debatten von Fantifa-Zusammenhängen, die eine antifaschis­tische Perspektive erweitern wollten. Frauen als (Mit-)Täterinnen im NS wie aktuelle Aktivistinnen der extremen Rechten sollten in den Fokus gerückt werden, aber auch die auf Grundlage eines konservativen Gesellschaftsbildes an Frauen zugewiesene Rolle.

In­ner­halb dieser Debatten gelang es deutlich zu machen, dass das kon­ser­va­tiv-hegemoniale Frauenbild die Frauen auf Mutterschaft, Dienstbarkeit gegen­über der Familie und Heterosexualität festschreibt und dies auch wesentliches Merkmal neonazistischer Bestrebungen ist. Um diesen Zusammenhang zu ver­deut­lichen, bot sich für die Fantifa Bonn die Auseinandersetzung mit der dort aktiven rechten Vereinigung Deutsche Liga für das Kind an. Zuerst wurden die in der Organisation aktiven Personen, ihre politischen und beruflichen Le­bens­läufe sowie ihre Veröffentlichungen näher beleuchtet. So sollte gezeigt wer­den, dass es aufgrund historischer Kon­ti­nuitäten in der Bevölkerungs- und Familienpolitik kaum mehr Unter­schei­dungskriterien zwischen (neo-)nazis­tischen und konservativen Ansätzen gab. Identische Inhalte, so die damalige Analyse, würden sich auch bei Themen wie „Familien-/Geburtenschwund” der Deutschen, Abtreibung, „Sittenverfall” oder der Rolle der Frauen innerhalb fa­mi­liärer Zusammenhänge finden. Es wurde herausgearbeitet, dass die Deut­sche Liga für das Kind auch als Brücke zwi­schen der „Neuen Rechten” und ei­nem breit gefächerten Netz von karita­tiv tätigen Mitgliedsvereinen in einem gesellschaftlich allgemein akzeptierten Themenbereich fungierte. Auf Grund­lage solcher Erkenntnisse wurde nicht nur direkt gegen die extreme Rechte vor­gegangen. Antifaschist_innen sollte damit auch die Notwendigkeit verdeut­licht werden, antipatriarchale Konzepte als Gegenentwürfe zu Vorstellungen der extremen Rechten zu entwickeln.

Über die nationalsozialistische Frauen­ideo­logie wurde die Rolle von Frauen innerhalb des NS von Fantifa-Zusam­men­hängen thematisiert und die daraus gewonnenen Erkenntnisse in die eigene Praxis übernommen. Frauen wurden als (Mit-)Täterinnen benannt. So formu­lier­te die Fantifa Kassel 1998 begleitend zur Ausstellung „Vernichtungskrieg. Ver­brechen der Wehrmacht“: „Der Mythos der ‘Unschuld der Frauen’ weist Pa­ral­lelen auf mit dem Mythos der ‘sau­be­ren Wehrmacht’: nämlich, sich auf eine angebliche ‘Normalität’ des Funk­tio­nierens zurückzuziehen und sich da­mit der spezifischen historischen Ver­ant­wortung zu entziehen“. Die Beto­nung der Mit-Täterinnenschaft meint, dass Frauen nicht nur Zielscheibe und damit Leidtragende von Unterdrückung und Ausbeutung waren und sind, son­dern durchaus auch von Herrschafts­stru­kturen profitieren. Allerdings agie­ren sie aus einer anderen Position als Männer. Nach der Wissenschaftlerin Christina Thürmer-Rohr bleiben Frauen Männern gegenüber benachteiligt, auch wenn sie aktiv in Herrschaftsstrukturen involviert sind. Grundlage dieser Er­kenn­tnis bildeten Debatten und Studien feministischer Faschismusforscherinnen in den 80er Jahren über das Zusam­men­wirken von patriarchaler und fa­s­chis­­tischer Herrschaft. Die Geschlechts­blindheit der Faschismusforschung wur­de dafür angegriffen, dass sie Faschis­mus nicht als patriarchale Ideologie und Herrschaftsform wahrnahm.

Für eine erweiterte Perspektive

Einsprüche gegen die Annahme, dass Frauen ausschließlich Opfer systema­tischer Gewalt waren, gab es auch aus Schwarzer feministischer Perspektive. bell hooks oder Angela Davis zum Bei­spiel betonten, dass weiße Frauen syste­ma­tische Bündnisse mit weißen Män­nern eingingen, als Kolonialherrinnen wirkten und sich an rassistischer Un­ter­drückung aktiv beteiligten und davon pro­fitierten. Mit diesen Debatten fand auch der westliche Feminismus ein Kor­rek­tiv im Kontext (post)kolonialer Über­legungen. Denn im globalen Kampf für Gerechtigkeit und gegen das Patriarchat wurde oft außer Acht gelassen, dass Frau­en verschiedene Kämpfe gegen mehr­fache Unterdrückung führen und mit sehr unterschiedlichen Privilegien ausgestattet sind.

Die Einsicht, dass Menschen unter­schied­liche soziale Positionen ein­nehmen, unterschiedliche Differenz­ka­te­gorien (wie etwa Geschlecht, Ethni­zi­tät, Klasse) Einfluss auf das Individuum haben und es somit spezifischer Kämpfe bedarf, um diese Unterdrückungs­ver­hältnisse zu überwinden, hielt spätes­tens 1990 in linksradikale Zusam­men­hän­ge Einzug. Innerhalb der Fantifa-Bewegung gab es explizite Bezug­nah­men auf diese Debatte. Zum 8. März 1995 äußerte dementsprechend die Fantifa Kassel: „Unser Kampf muß sich – und hier sprechen wir aus der Sicht und an die Adresse weißer Feministinnen – Unser Kampf muß sich deswegen nicht nur gegen äußere Gegner und Gegnerin­nen richten. Vielmehr muß er die Aus­ei­nandersetzung und Reflexion über uns selbst beinhalten. Über Privilegien, die wir z.B. haben, wenn wir im Besitz eines deutschen Passes sind, wenn wir eine wei­ße Hautfarbe haben, wenn wir Zu­gang zu gesicherten und gutbezahlten Jobs haben, wenn wir nicht als be­hin­dert definiert werden, usw“.

Zen­trales Thema innerhalb der anti­fa­schistischen Szene blieb allerdings die Diskussion um rechte Frauen. Der Natio­nal­sozialismus wurde weiterhin als auch patriarchale Ideologie aufgefasst – das hieß aber nicht länger, dass rechte Frau­en und die entsprechenden Organi­sa­tionen unberücksichtigt agieren konn­ten. Sowohl rechter Antifeminismus als auch positive Bezüge auf Feminismus durch rechte Frauen wurden diskutiert.

Haste ‘ne Macke, Macker?

Patriarchale Herrschaft in eine Gesell­schafts­analyse einzubetten und infolge­des­sen die eigene Verstrickung von Män­­nern in dieses System theoreti­sie­ren zu können, war allerdings nicht der Punkt, an dem Fantifa-Aktivistinnen stehenbleiben wollten. Vielmehr wurde eine direkte Kritik an die eigene Szene formuliert und eine Auseinander­set­zung darüber von den Männern in der Szene eingefordert. Dass dies von männ­lich-dominierten Zusam­men­hän­gen nicht immer angenommen wurde, verdeutlicht folgendes Statement an die Antifa Westberlin von 1989: „Und noch­mal zu den Helden der Antifa-Bewe­gung, die auch mit Vorliebe von Ge­soch­se reden, oder von der Geilheit, die mann befällt bei faschoklatschen. Mal Klartext: ,Geil’ ist daran nichts, rein gar nichts. Wir empfinden Militanz gegen Personen in bestimmten Situationen als notwendig und angebracht. Damit ist aber auch schon Ende der Diskussion. Sich an der Militanz selbst aufzugeilen, finden wir widerwärtig, typ-isch und ab­schreckend“. Mit Ausdehnung der Fantifa-Gruppen Anfang der 1990er Jahre wurde die Kritik von Frauen an patriarchalem Redeverhalten, Sexismus, Machoverhalten, selbstbezogener Mili­tanz und mangelnder Reflexion der Män­ner in antifaschistischen Zusam­men­hängen noch lauter. Dies ging ein­her mit der Kritik an polarisierten Aus­ei­nan­dersetzungen um Vergewaltigung und Vergewaltigungsvorwürfe inner­halb der Szene sowie mit Diskussionen um Definitionsrecht und Täterschutz.

Natürlich können die zurückliegenden Debatten nicht unhinterfragt in den aktu­ellen Kontext szeneinterner Ent­wick­lungsprozesse übernommen wer­den. In den dazwischen­lie­genden Jahren hat sich die Auseinander­set­zung innerhalb feministischer Debatten we­sentlich weiterentwickelt. Im Zuge dieser Auseinandersetzungen wurde auch die Frage nach dem „Subjekt Frau“ gestellt. Unter den Voraussetzungen des Konstruktionscharakters von Ge­schlecht wurde erneut in Frage gestellt, ob der Feminismus sich weiterhin posi­tiv auf die Kategorie Frau beziehen kann, weil durch eine Anrufung von Menschen als Frauen oder Männer diese erst geschlechtlich festge­schrie­ben werden. Dass solche Positions­be­schrei­bungen sich aber nicht ausschlie­ßen müssen, haben die Teilnehmenden der feministischen Demonstration in Münster gezeigt, die in einem breit ge­tragenen Bündnis die jeweilige Perspek­tive auf feministische Kämpfe solida­risch formuliert haben. Wenn dieses Bei­spiel noch weiter in die Antifa-Szene getragen werden kann, wären gute Be­din­gungen für eine konstruktive Debat­te über Notwendigkeit von feminis­tischen Perspektiven in antifaschis­tischer Politik geschaffen.

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