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Konservativer Gegenpol

Die „Burschenschaft Germania Halle“ zu Mainz bleibt sich treu

„An der Universität versuchen wir einen konservativen Gegenpol zu den größtenteils links eingestellten Studentenvertretern zu bilden“, so ein Mit­glied der „Burschenschaft Germania Halle zu Mainz“, das sich Thorsten Schul­ze nennt, in einem Interview in einer der letzten Ausgaben der Zeit­schrift Unipress, die vom AStA der Uni Mainz herausgegeben wird. Auch die in Verbindungskreisen verbreitete Verschwörungstheorie von der antikorporierten Medienmacht darf der Burschenschafter hier un­kom­­mentiert verbreiten, wenn auch in etwas ungelenkem Deutsch: „Wir können keine rechtsextremen Tendenzen in unserem Dachverband er­ken­­nen. Die ständige Wiederholung dieser Anschuldigungen [...] machen jene nicht ‘wahrer’.“

Rechtsruck in der DB

Unipress war vor einiger Zeit noch eine verbindungskritische Publikation. Seit der Übernahme des Mainzer AStA durch die Hochschulver­bän­­de von CDU und SPD ist sie jedoch zu einem Organ geworden, in dem – vermeintlich ideologiefrei – alle Seiten zu Wort kommen dürfen. Diese Entwicklung fällt ausgerechnet in eine Zeit, in der die Kritik an Studentenverbindungen und insbesondere an Burschenschaften allgemein eher zunimmt.

Der größte burschenschaftliche Dach­verband, die Deutsche Burschenschaft (DB), erlebt zur Zeit einen mas­siven Rechtsruck (siehe LOTTA #48 und #50). Die sogenannten konservativen – das heißt: etwas weniger rechten – Bünde konnten sich bei den letzten Burschentagen in wichtigen Fragen nicht gegen das Lager der mehrheitlich in der Burschenschaftlichen Gemeinschaft (BG) organisierten Rechtsaußen-Bünde durchsetzen.

Die Entwicklung hatte der DB soviel negative Presse beschert wie lange nicht mehr. Eine Welle von Austritten konservativer Bünde folgte.

Konservativer Gegenpol

Bei der Betrachtung dieser Ereignis­se wurde die Rolle einzelner Bur­schen­­schaften, zum Beispiel der Burschenschaft Germania Halle zu Mainz, bisher wenig beleuchtet. Die Germania Halle trat über Jahre hinweg in der studentischen und städtischen Öffentlichkeit in Mainz kaum in Erscheinung. Zwar waren Germanen in irgendeiner Form an allen rechten bis neonazistischen Hochschulgruppen in der Geschichte der Main­zer Uni beteiligt, aber nach dem Ende des Republikanischen Hochschulverbandes der REP zog sich die Germania weitgehend auf ihr Haus zurück. Die Veranstaltungen, die in dieser Zeit stattfanden (zum Beispiel: „Namibia – Auf den Spuren der Schutztruppe“), entfalteten keinerlei öffentliche Wirkung. Ein kurzes Intermezzo blieb auch der er­neu­te Versuch der Germania, in den studentischen Gremien Fuß zu fassen: 2003 stellte sie eine eigene Liste für die Wahl zum Studierendenparlament auf und schickte mit Axel Elsenbast auch einen Vertreter ins Par­lament, der sich in der Gremienarbeit aber wenig hervortat.

Doch das Zitat vom „konservativen Gegenpol“ zeigt, dass sich die Germania Halle auch weiterhin nicht einfach als Traditionsverband versteht, der seinen Mitgliedern durch das – „Lebensbund“ genannte – Seilschaftenprinzip zusätzlich ein wenig Unterstützung beim Karriere machen bietet, sondern durchaus als Verei­ni­­gung mit explizit politischen Zielen. Seit einigen Jahren lässt sich so­gar beobachten, dass die Aktivitas der Germania dieses Element wieder stärker betont. Ihre Veranstaltungen werden teilweise offensiv auf dem Campus beworben. So zum Beispiel 2009 eine Veranstaltung mit dem 2010 verstorbenen Hajo Herrmann, gegen die Anti­fa­schist_innen eine Kundgebung organisierten. Als ehemaliger Kampfflieger im Zweiten Weltkrieg und späterer Anwalt von Neonazis und Holocaustleugnern war Herrmann bis zuletzt ein ü­ber­zeugter Nationalsozialist und als Angehöriger der „Erlebnisgeneration“ ein Star im revisionistischen Wanderzirkus.

„Schicker Mast im Hintergrund“

Bei der Germania zeigt man sich gern traditionsbewusst. Auf ihrer Facebook-Seite veröffentlichte die Burschenschaft im November 2012 ein Foto, das, auf einer Wiese vor ei­nem Strommast stehend, mehrere Ger­manen in Couleur zeigt. Betitelt ist das Bild mit „Hier: Südtirol“. Im­mer wieder veranstaltet die Germania gemeinsame Fahrten der Bun­des­brüder nach Südtirol. Das Bild ist aber keine harmlose Reiseerinnerung, sondern eine Anspielung, die man außerhalb burschenschaftlicher Kreise nicht auf Anhieb versteht. Mindestens bis vor einigen Jah­ren hing im Haus der Germania ein ähnliches Foto – versehen mit dem Spruch „Sprengt den Mast in Süd­tirol“. Die Burschenschafter beziehen sich damit auf den extrem rech­ten Terrorismus von Südtiroler Separatisten (darunter auch Bur­schen­schafter). Diese sprengten in den 1950ern und 1960ern Strom­mas­­ten als ‘Symbole des italienischen Staates’ in die Luft. Die An­schlä­­ge werden von Burschenschaftern häufig verharmlost. In dieser Tra­dition stehen auch die spöttischen Kommentare zum Facebook-Bild: „Schicker Mast im Hintergrund“. Es blieb damals jedoch nicht bei Sachbeschädigungen. Bis Ende der 1980er fielen dem Südtirol-Terrorismus über 20 Menschen zum Opfer.

Die Germania in DB und BG

Interessant ist auch die Arbeit der Germania innerhalb ihres Verbandes. Im ohnehin rechten politischen Koordinatensystems der DB steht die Germania Halle zu Mainz wieder­um rechts. Sie ist Teil der BG und gehört zusammen mit den ebenfalls rechten Bünden Hamburger Bur­schen­­schaft Germania und Frankonia Erlangen zum Schwarz-weiß-roten Kartell. Ein Kartell ist eine institutionalisierte Freundschaftsbeziehung zwi­schen einzelnen Bünden.

Man kann also getrost davon ausgehen, dass die Germania im zurückliegenden Flügelkampf in der DB einen stramm rechten Kurs verfolgte. Dafür spricht nicht nur die Zugehörigkeit der Burschenschaft zur BG und zum SWR-Kartell, sondern auch, dass Germanen beinahe schon traditionell wichtige Ämter in der BG ü­ber­nehmen. So ist zum Beispiel der aus Leuterod im Westerwald stammen­de Germane Sebastian Noll, nebenbei auch CDU-Mitglied, Schriftwart der BG. Beim außerordentlichen Burschentag Ende November 2012 in Stuttgart stimmte die Germania gegen die als Zugeständnis an die konservativen Bünde gedachte Absetzung von Norbert Weider als Chef der Burschenschaftlichen Blätter. Weidner war wegen seiner Rechtfertigung der Ermordung des Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer durch die Nazis öffentlich in die Kritik gekommen. Anders als andere Rechtsaußen-Bünde war die Germania also nicht einmal bereit, taktische Zurückhaltung zu üben, um die konservativen Bünde in der DB zu halten.

Für den derzeitigen Mainzer AStA wird das wohl kein Grund sein, die Germania aus dem Diskurs auszuschließen. Und auch die anderen schlagenden Verbindungen in Mainz würden sich auf Nachfrage sicher wie üblich von DB und BG distanzieren – allerdings nur, um sich dann wieder dem Alltag zuzuwenden. Im „Mainzer Waffenring“, ei­nem Zusammenschluss schagender Verbindungen, debattieren sie jedenfalls mit der Germania über Fragen der ordnungsgemäßen Durchführung einer Mensur, des ritualisierten Fechtens, und beschließen Regeln wie: „Ein Blutiger ist ein Schmiss, aus dessen Wundrändern Blut tritt.“ Burschenschafter, Corpsstudenten und Landsmannschafter schlagen sich dann gemeinsam in bis ins Kleinste geregelter Form die Köpfe ein – gerne bis zum „Blutigen“.

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