Von und

Antifa als Ausstiegshelferin?

Die heikle Frage des Umgangs mit ausstiegswilligen Neonazis

Immer wieder wenden sich Neonazis, die sich von der Naziszene distanzieren, an Antifa-Gruppen. Auch wenn kein direkter Kontakt vorliegt, müssen sich Antifaschist_innen zu (angeblichen) Austeiger_innen positionieren. Beide Situationen erfordern komplexe Entscheidungen. Wie können und wollen Antifaschist_innen damit umgehen?

Im Herbst 2003 wandte sich unmittelbar nach einer Vortragsveranstaltung in Düsseldorf ein junger Mann an den Aussteiger Jörg Fischer, der als Referent eingeladen war. Auch er sei Aussteiger und suche den Austausch. Fischer verwies ihn an lokale Antifaschist_innen. Nach den ersten Gesprächen wurde klar, dass er nicht alles offen legte und offenbar eher eine Art „Unbedenklichkeitsbescheinigung“ von Seiten der Antifa haben wollte. Daraufhin brachen die Antifaschist_innen den Kontakt ab und drangen darauf, dass er sich von linken Strukturen fernhalten solle. Als er im Jahr darauf als Referent des gemeinsamen Autonomen Schwulenreferats an Universität und Fachhochschule kandidierte, wurde sein Vorleben in der Neonazi-Szene öffentlich gemacht. Daraufhin zog er seine Kandidatur zurück und hielt sich fortan zurück. Ende des Jahres 2011 holte ihn die Vergangenheit erneut ein. Er wurde wegen Verdachts auf Beihilfe zu neunfachem Mord festgenommen. Was er den Düsseldorfer Antifaschist_innen unter anderem verschwiegen hatte, war, dass er um die Jahrtausendwende eine Pistole besorgt und an Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt übergeben hatte. Es war die Ceska, mit der der NSU neun Menschen ermordete. Der Name des Aussteigers: Carsten Schultze.

„Langer und schwieriger Prozess“

Ein Ausstieg bedeute, „einen langen und schwierigen Prozess durchzumachen, an dessen Ende nur die Konsequenz bleibt, sich selbstverständlich und konsequent gegen seine ehemaligen ‘Kameraden’ zu stellen“, schreibt das Antifaschistische Infoblatt in seiner Ausgabe 74. Dazu gehört natürlich auch die Reflexion und Abkehr von rechten Denkmustern und Einstellungen. Ein alleiniges Verlassen der Szene oder ein Inaktivwerden hat aus antifaschistischer Sicht den Begriff „Ausstieg“ nicht verdient. Die Motivationen, aus denen heraus sich Ausstiegswillige oder Ausgestiegene an Antifa-Strukturen wenden, sind vielfältig. Einige erhoffen sich Hilfe beim Distanzierungs- und Reflexionsprozess, andere wollen zukünftig von der Antifa in Ruhe gelassen werden. Teils wollen Aussteiger_innen Antifaschist_innen über Strukturen und Gefahren informieren und aufklärend aktiv werden. Hinter der Kontaktaufnahme können aber auch wirtschaftliche Erwägungen – beispielsweise die Befürchtung eines Verlusts des Arbeitsplatzes –, Geltungssucht und Rachegelüste gegen ehemalige „Kamerad_innen“ stecken.

Klarheit über das eigene Interesse und Distanz

Aus Antifa-Sicht gibt es ebenfalls unterschiedliche Beweggründe, den Kontakt einzugehen. Es kann darum gehen zu überprüfen, ob ein behaupteter „Ausstieg“ glaubhaft ist, Informationen über neonazistische Strukturen und Strategien zu erhalten oder auch beim Ausstieg behilflich zu sein, diesen also zu begleiten. Über das eigene Interesse muss also erst einmal Klarheit geschaffen werden. Für den Kontakt mit Aussteiger_innen spricht der Einblick in die neonazistische Szene und die Möglichkeit des Abgleichs von vorhandenen Informationen und Einschätzungen. Doch blindes Vertrauen in die Berichte von „Aussteiger_innen“ führt in die Irre. Gewollt oder ungewollt wird oft ein verzerrtes Bild vermittelt. Insbesondere die Schilderung der eigenen Rolle muss hinterfragt und mit anderen Quellen abgeglichen werden. Ausstiegswillige neigen dazu, die eigene Rolle herunterzuspielen, um besser dazustehen, oder aber auch, sich als möglichst wichtig darzustellen, um die eigene Person aufzuwerten und sich interessanter zu machen. Schultze beispielsweise sah sich – obwohl damals mit federführend in der Jenaer Neonazi-Szene – als „kleines Licht“, nicht einmal Rassist will er gewesen sein.

Einer Kontaktaufnahme seitens „Aussteiger_innen“ liegt nicht immer ein ernst gemeinter Ausstiegswille zugrunde. Sie kann auch den Versuch darstellen, Einblick in antifaschistische Strukturen zu erhalten und Teil von „Anti-Antifa“-Arbeit sein. Davor lässt sich nur durch Vorsicht, Austausch und Abgleich mit weniger involvierten und eventuell auch erfahreneren Antifaschist_innen schützen.

Einige der in den letzten Jahren ausgestiegenen Personen äußerten auch den Wunsch, in Antifa-Gruppen aktiv werden, sich gegen rechts engagieren oder Zugang zu Orten linker Subkultur erhalten zu dürfen. Derartige Wünsche sollten auf jeden Fall verweigert oder zumindest vom weiteren Ausstiegsprozess abhängig gemacht werden. Zu bedenken ist auch, dass es in den meisten Fällen Menschen gibt, die sich durch die Anwesenheit eines ehemaligen Neonazis eingeschüchtert fühlen oder die gar konkrete Gewalttaten oder Drohungen durch ihn oder sie erfahren haben. Solange dies der Fall ist, muss der Person der Zugang zu den Räumen verweigert werden, so ernst es ihr oder ihm auch mit dem Ausstieg ist.

In manchen Fällen tauchen die vermeintlichen Aussteiger_innen aber auch einfach im linken Szene-Umfeld auf. Ein Beispiel hierfür ist der Fall einer ehemaligen Aktivistin der Wuppertaler Neonazi-Szene. Es gelang ihr schnell, Freundschaften zu Personen zu schließen, die links konnotierten Subkulturen angehören, und in soziale Zusammenhänge integriert zu werden. Und dies, obwohl sie nie richtig auspackte und bis heute unklar ist, ob sie nicht noch Kontakte zu ehemaligen „Kameraden“ pflegt. Auch wenn sie mittlerweile von Wuppertaler Neonazis aufgrund ihrer belastenden Zeuginnenaussagen gegen angeklagte Ex-“Kameraden“ massiv bedroht wird, ist die „Aufarbeitung“ noch lange nicht an einem Punkt, der einen Umgang mit ihr unbedenklich macht – im Gegenteil.

Verlockungen und Fallstricke

Das Wuppertaler Beispiel deutet an, was alles beim Kontakt mit Ausstiegswilligen schief laufen kann. In der Antifa-Szene sind Ex-Nazis nicht selten heiß begehrte Gesprächspartner_innen, versprechen sie doch den Zugang zu vermeintlich exklusiven Informationen, was der eigenen Position innerhalb der Szene zugute kommen kann. Zudem bietet sich hier die „spannende“ Nähe zum „Feind“. Hierin könnte der Grund dafür liegen, dass sich Antifaschist_innen so oft so unbedarft auf Aussteiger_innen stürzen. Neben einer Unterschätzung, wie heikel der Umgang mit Aussteigenden sein kann, scheinen diese auch eine Art Trophäe darzustellen. Dabei wird oft nicht daran gedacht, politisch zu entscheiden, was wichtig ist und ob eine solche Konzentration auf Täter_innen richtig und wünschenswert ist. Ebensowenig werden Sicherheitsstandards eingehalten, Aussteiger_innen teilweise sogar in kürzester Zeit ins soziale Umfeld integriert.

Zu den Gefahren gehört auch, dass im Prozess der Ausstiegsbegleitung die Distanz verloren geht. Hierbei gerät schnell die Täter_innenrolle aus dem Blick, was zur Folge haben kann, sich die Sichtweise und Wünsche der „betreuten“ Person zu sehr zu eigen zu machen.

In der Interaktion sollte daher darauf geachtet werden, die Person nicht zu sehr in den Mittelpunkt zu stellen, eine „Star-Rolle“ muss unbedingt vermieden werden.

Sich auf den Kontakt mit Aussteiger _in­nen einzulassen, birgt sowohl Chancen als auch Risiken, die für jeden Fall neu abgewogen werden müssen. Ein Grund für die Unterstützung eines Ausstiegs ist, dass Chancen genutzt werden müssen, Menschen die Distanzierung von der Neonazi-Szene zu ermöglichen. Dies muss nicht zwangsläufig durch antifaschistische Strukturen geleistet werden, sollte aber auch nicht staatlichen Institutionen überlassen werden (vgl. den Artikel über die Aussteiger-Programme des VS auf S. 21-22).

Standards

Voraussetzung für einen Kontakt zu ausstiegswilligen Neonazis sollte immer der glaubhafte und unumkehrbare Bruch mit der Neonazi-Szene sein, beispielsweise durch klare öffentliche Distanzierungen und die Preisgabe sensiblen Wissens über die Szene. Es darf kein Zurück geben, alle Kontakte – auch „soziale“ – müssen abgebrochen werden. Die Gründe der Austiegswilligen sind genau zu prüfen, es ist zudem wichtig klarzustellen, zu welchen Bedingungen man sich auf den Kontakt einlässt. Und auch dann darf nicht auf die Schnelle eine Art „Unbedenklichkeitsbescheinigung“ ausgestellt werden. Leichtfertigkeit ist fehl am Platz, sie erhöht die ohnehin bestehenden Risiken und kann einigen Schaden anrichten.

Die Motivation der ausstiegswilligen Person sowie die eigenen Ressourcen sind ausschlaggebend für die Gestaltung des Kontakts. Eine Begleitung nebst ausführlichen Gesprächen ist zeitintensiv und – teilweise auch emotional – anstrengend. Daher stellt sich die Frage, ob ein Kontakt für das Erreichen der eigenen politischen Ziele wirklich notwendig ist. Mit Gesprächen ist es nicht getan, Berichtetes muss dokumentiert, überprüft, eingeordnet und an die eigenen Strukturen rückgekoppelt werden. Außerdem muss der Prozess immer wieder reflektiert werden, um Vereinnahmung und Distanzverlust vorzubeugen. Die Begleitung muss also gut vorbereitet werden, eine klare Aufgaben(ver)teilung ist notwendig. Wer führt die Gespräche? Regionale Recherchestrukturen können die Informationen vermutlich am besten einordnen und die präzisesten Fragen stellen. Erfahrungen mit Ausstiegsbegleitungen sind ebenfalls von Vorteil. Sicherheitsabwägungen könnten auch dafür sprechen, zumindest die ersten Gespräche an Menschen außerhalb der eigenen regionalen Strukturen zu delegieren. Da eine Vermischung von Informationsgewinnung und Aufarbeitung der Vergangenheit als Neonazi problematisch sein kann, macht es Sinn, dies auch personell zu trennen. Eine darüber hinausgehende Begleitung auf sozialer Ebene muss wohlüberlegt sein. Hier verschwimmen schnell die Grenzen zwischen politischer und freundschaftlicher Beziehung oder auch Sozialarbeit.

Aber auch eine antifaschistische Positionierung zu als Aussteiger_innen Präsentierten muss sorgfältig durchdacht und eventuell auch in andere Städte kommuniziert werden. Andernfalls besteht die Gefahr, dass Informationen über einen nicht überzeugenden „Ausstieg“ untergehen.

Mit Vorsicht eine Chance geben

Nicht immer ist der Unterschied zwischen dem, was von ehemaligen Neonazis, die sich von der Szene distanziert haben, preisgegeben wird, und der Realität so groß wie bei Carsten Schultze. Es darf jedoch nicht vergessen werden, wie viel für ehemalige Neonazis an einem „anerkannten“ Ausstieg hängen kann. Daher ist immer Vorsicht und permanente Reflexion geboten. Im Zweifelsfall lieber die Finger davon lassen. Keine Information ist so wichtig, dafür Kopf und Kragen, im schlimmsten Fall die von anderen, zu riskieren. Es obliegt denjenigen, die aus der Naziszene aussteigen wollen, ihren Wandel glaubhaft und überprüfbar zu machen, nicht Antifaschist_innen. Dennoch verdienen Menschen, die sich von der neonazistischen Szene lossagen und sich von ihrem menschenverachtenden Weltbild lösen wollen, eine Chance. Auch seitens der Antifa.

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