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Ein Einsamer kehrt zurück

Geläuterte, Opfer und Rebellen. Der Mythos Ausstieg

AussteigerInnen umweht der Dunst von Gefahr und moralischer Überlegenheit. Schaut man genauer hin, bleibt oft wenig davon übrig. Dabei ist nicht nur die Motivation mancher AusteigerInnen zweifelhaft, auch jene, die sie der Öffentlichkeit präsentieren, schieben für eine gute Geschichte gerne mal jegliche Skepsis beiseite.

„Das Interview findet in einem Hotelzimmer statt. Wir dürfen nicht zeigen, wo er wohnt. Axel Reitz war ein Insider der deutschen Neonaziszene und wird bedroht“, verkündet die sonore Stimme aus dem Off, während Reitz ins Bild kommt. Das erste Interview mit dem ehemaligen „Hitler von Köln“ fährt mit allem auf, was Medien an Aussteigern aus der extremen Rechten mögen und was für leichtes Schaudern bei den ZuschauerInnen sorgt. „Zwei Jahre lang saß er im Gefängnis“ und „dem Verfassungsschutz galt er als wichtiger Strippenzieher“. Doch jetzt ist er raus: „Irgendwann fängt man an nachzudenken und erwachsen zu werden und sich auch mal zu überlegen: Wohin führt das ganze? Willst du das eigentlich, was du da propagierst und einforderst?“ Und dann ist Reitz die „Menschenfeindlichkeit“ und der „Zynismus in der Szene“ aufgefallen. Ein „entscheidender Aspekt“ für seinen Ausstieg, so Reitz.

Einen wie auch immer gearteten Erkenntnisgewinn bringt das von Rainer Fromm geführte Interview nicht. Reitz’ Motivation wird an keiner Stelle hinterfragt. Dass gegen ihn gerade ein Strafprozess läuft, wird zwar erwähnt, aber kritische Nachfragen, ob der überraschende Ausstieg etwas damit zu tun habe? Fehlanzeige. Stattdessen darf Reitz als Experte referieren. „Einige“ in der Szene seien so radikalisiert, dass er sich vorstellen könne, es laufe irgendwann irgendjemand „regelrecht auf die eine oder andere Art Amok“. Angesichts der NSU-Morde eine Analyse, so unpräzise und unvollständig, dass sie sprachlos macht. Und selbst um das Thema Sex kommt der Zuschauer nicht herum. Da sei die Szene, wie an vielen anderen Punkten auch, „scheinheilig“. Die Kameraden würden die Sexindustrie verteufeln, aber zuhause ihre Pornosammlungen pflegen. Von jemandem, der sich in einem Kölner Großbordell ablichten ließ, um das Foto anschließend zu veröffentlichen, mutet die Einlassung befremdlich an. Alles Kleinigkeiten. Denn die sonore Stimme weiß, dass Reitz’ Leben heute einem „Scherbenhaufen“ gleicht. Aber: Der „Neuanfang“ ist gemacht.

Das Reitz-Interview zeigt, wie das Thema Ausstieg in den Medien aufbereitet wird. Es ist ein modernes Märchen. Eins, das von der Wandlung von böse zu gut erzählt. Der Verführung folgt die Zeit in der Szene, ausstaffiert mit Episoden von Gewalt, Suff und Knast. Dann ein Schlüsselerlebnis, das Zweifel aufkommen lässt und zum Bruch führt. Anschließend die Läuterung. Die Umstände sind widrig, die Bedrohung durch die ehemaligen „Kameraden“ stets präsent. Doch am Ende wird alles gut. So einfach ist das.

Diese Einfachheit ist es, die das Thema Ausstieg so beliebt und präsent macht. Für die Medien sind es knackige, einfache Geschichten. Für den Staat eine dankbare Möglichkeit, greifbare Erfolgsmeldungen für den staatlichen „Kampf gegen Rechts“ zu generieren. Und auch Bildungseinrichtungen arbeiten gerne mit AusteigerInnen, da sie als authentisch gelten. Damit die Geschichten stringent bleiben, werden Uneindeutigkeiten und Widersprüche ausgeblendet. Kritische Nachfragen bleiben aus.

Unter Geiern

Die „Reduzierung des rechtsextremistischen Personen-Potenzials“ und „Verunsicherung der rechtsextremistischen Szene“ nennt der aktuelle Verfassungsschutzbericht NRW als Ziele seines Aussteigerprogramms. So richtig aus der Behördenhaut kommt der VS dabei nicht: Bevor es losgeht, muss eine Selbst­verpflichtung, den Kontakt zur Szene abzubrechen, unterschrieben werden. Ist diese Unterlassungserklärung abgeheftet, sollen sich die Aussteiger von ihren „rechtsextremistischen Feindbildern“ und von „Rassismus und Fremdenhass“ verabschieden. Dafür gibt der VS auch mal einen Döner aus, um Vorurteile gegen „Ausländer“ abzubauen.

Die Wahrnehmung dessen, wann ein Ausstieg vorliegt, beschränkt sich darauf, dass die „Aussteiger“ nicht mehr auffällig werden. Ist das Hakenkreuztattoo überstochen und bleiben Neueinträge ins Strafregister aus, ist alles in Ordnung. Nicht zufällig betont NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD), dass von den 131 Aussteigern, die seit 2001 erfolgreich vom VS betreut worden seien, nur zehn Prozent straffällig geworden seien. Dass nicht unbedingt die Abkehr von rechter Ideologie im Vordergrund steht, verneint auch das Innenministerium nicht: „Etliche Neonazis wollen aus der Szene aussteigen, weil die Zukunftsperspektiven für sie nicht gerade rosig sind“, so ein Sprecher.

Ungeachtet dieser Skurilitäten bleibt auch die Annahme, Ausstiege würden für die Neonazi-Szene einen ernsthaften Rückschlag bedeuten, fragwürdig. Ein führender deutscher Neonazi schätzte die Fluktuation des neonazistischen Fußvolkes auf ein Drittel pro Jahr: eine durchaus realitätsnahe Einschätzung. Lediglich wenige AktivistInnen bleiben der Szene über lange Zeit erhalten. Größere Einbrüche in der Umtriebigkeit von Neonazi-Strukturen sind nur beim Wegfall wichtiger Führungspersonen und langjähriger AktivistInnen bemerkbar. So sank zum Beispiel die Anzahl der Demonstrationen in NRW während des Haftaufenthaltes von Axel Reitz von Juli 2006 bis April 2008 deutlich. Im Regelfall ist jedoch keine Schwächung der Szene durch Ausstiege wahrnehmbar.

Von Angesicht zu Angesicht

Für die Bildungsarbeit liegt die Bedeutung von AussteigerInnen in deren Authentizität. Sie können aus erster Hand berichten, wie und warum sie sich der extremen Rechten angeschlossen haben, was die Faszination ausgemacht hat und wo die Bruchlinien verliefen, die zu einer Distanzierung und anschließenden Reflexion des extrem rechten Weltbildes führten. Allerdings ist der Distanzierungsprozess nur bei wenigen tatsächlich abgeschlossen. Oft ist nicht die Reflexion der eigenen Gedankenwelt ausschlaggebend für das Verlassen der Szene. Viel häufiger führen szeneinterne Konflikte dazu, dass diese an Attraktivität einbüßt. Staatliche Repression und Druck von AntifaschistInnen tun ihr Übriges. An der Authentizität der AussteigerInnen nagt zudem, dass sie vor dem Problem stehen, im Angesicht ihrer Vergangenheit ein konsistentes Selbstbild zu konstruieren. Ihre Berichte werden vor allem wortkarg, wenn es um die eigene Beteiligung an Gewalttaten geht. Einige verneinen sogar, jemals RassistIn gewesen zu sein. Die öffentlich auftretenden AussteigerInnen mogeln sich um die Problematik herum, indem sie in die Expertenrolle schlüpfen. Das bewahrt sie davor, sich mit der eigenen Person auseinanderzusetzen. Das Bedürfnis des Publikums, Analysen über die Szene zu bekommen, fördert dieses Verhalten noch. Dabei ist die Qualität der Analysen oft zweifelhaft. Nur in wenigen Fällen offenbaren AussteigerInnen Informationen, die antifaschistischen Strukturen gänzlich neu sind. Das Bild wird durch ihre Aussagen lediglich detaillierter. Ihr Einblick beschränkt sich zudem meist auf den kleinen Ausschnitt der Szene, in dem sie aktiv waren und ihre Wahrnehmung ist durch die Ideologie, die sie verinnerlicht hatten, getrübt.

Für eine Handvoll Dollar

Beispiele dafür, dass nicht Läuterung und Moral der Antrieb des „Ausstiegs“ sind, sondern vielmehr anstehende Strafprozesse oder die eigene Perspektivlosigkeit sind die Fälle Andreas Molau und „Flex“ alias Felix Benneckenstein. Für Benneckenstein bedeutete sein Ausstieg einen „Karrieresprung“. Er wurde in der Neonazi-Szene wegen angeblicher finanzieller Unregelmäßigkeiten und Aussagen bei der Polizei als „Kameradenschwein“ geschmäht. Bereits wenige Monate nach seinem Ausstieg fungierte er als Vorsitzender der von ihm selbst gegründeten Aussteigerhilfe Bayern – mit hoher Medienpräsenz und vermutlich auch ordentlichen Honoraren. Andreas Molau durchlief diverse extrem rechte Organisationen, die in der Lage waren, ihm eine Stelle zu finanzieren. Als er innerhalb der extremen Rechten keine Aussicht mehr auf Erfolg hatte, stieg er medienwirksam aus.

Die ganze Meute gegen mich

Der Mythos AussteigerInnen lebt zu einem guten Teil von der Gefahr, in der diese vorgeblich ständig schweben. Für jene, die der militanten Szene als VerräterInnen gelten, ist die Bedrohung real. Das Risiko für Personen, die einfach dem extrem rechten Lesekreis oder dem lokalen Kameradschaftstreffen fernbleiben, tendiert jedoch gegen Null. Der Verweis auf die Gefahren bleibt trotzdem selten aus. Das NRW-Innenministerium weiß von AussteigerInnen zu berichten, die „auf der Straße mit dem Messer am Hals bedroht“ wurden. Und Molau war froh, dass die Polizei in seinem Dorf „öfter Streife fuhr“. Er bedient den Opfermythos auch auf anderer Ebene: „Wenn ich mich irgendwo bewerbe, stoße ich auf Ablehnung“, beklagt er. Er habe „nicht damit gerechnet, wie schwer es wird, wieder eine Arbeit als Publizist oder Lehrer zu finden“. Auch Stefan Michael Bar hat es hart erwischt. „Die Neonazis sind die Lüge meines Lebens“, resümiert er in seinem Aussteigerbuch. Sie haben ihn „die besten Jahre und die halbe Jugend an Knast gekostet“. Furchtbare Welt: Den einen will die „demokratische Gesellschaft“ nicht warm genug in ihrer Mitte aufnehmen, den anderen haben „die Neonazis“ ins Gefängnis gebracht.

Statt diese Selbststilisierung und die Externalisierung von Schuld zu hinterfragen, wird den AussteigerInnen die Rolle als Opfer zugestanden. Dabei waren sie TäterInnen. Sie waren es, die Rassismus propagiert und in Gewalt umgesetzt haben. Solche Inszenierungen werfen die Frage auf, wie weit es mit Distanzierung von der alten Ideologie her ist. „Alle gegen mich“: ein Gedankenkonstrukt, das sich nahtlos von der Zeit in der extremen Rechten in die Gegenwart übernehmen lässt. Zelebriert wird der eigene Opferstatus. Die Fälle, in denen sich AussteigerInnen bei Betroffenen rechter Gewalt auch nur entschuldigten sind rar, noch rarer sind Versuche, zum Beispiel finanzielle Wiedergutmachung zu leisten.

Vorsicht mit den Pferden

So begrüßenswert der Entschluss ist, sich von der extremen Rechten und ihren Inhalten zu distanzieren, so wenig Grund besteht, die Personen mit Samthandschuhen anzufassen. Erst recht gilt es zu verhindern, in Denkstrukturen des Boulevards zu verfallen und die Angehörigkeit zur extremen Rechten mit einer mystischen Aura von Devianz und Gefahr zu umhüllen. Das zeichnet ein verzerrtes Bild der extremen Rechten und lenkt den Fokus weg von den Opfern. Wenn es darum geht, Personen bei ihrer Distanzierung von der extremen Rechten zu begleiten, kommt es vor allem auf eine kritische inhaltliche Auseinandersetzung und fundierte sozialpädagogische Arbeit an. Mediale Selbstdarstellung und Vortragstourismus bieten dagegen auch mal den Falschen eine Plattform: „Ich bereue es nicht, für ein Prinzip gekämpft zu haben, das diesen Staat in Frage stellt“, schreibt Stefan Michael Bar in dem von Klaus Farin und Rainer Fromm herausgegebenen Buch „Fluchtpunkt Neonazi“. Bar hatte im Kampf „gegen den Staat“ unter anderem mit einer Schnellfeuerwaffe auf einen türkischen Imbiss geschossen.

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