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„Wie lange sollen wir uns das gefallen lassen?!“

Zur Geschichte migrantischer Kämpfe in Deutschland – Der „Fordstreik“ 1973

Am Nachmittag des 24. August 1973 standen die Fließbänder in der Halle Y der Fordwerke in Köln-Niehl still. Die in der Endmontage beschäftigten überwiegend türkischen ArbeiterInnen hatten die Maschinen angehalten. Kein Fahrzeug verließ an diesem Freitag mehr die Fabrik. Im Laufe des Tages hatte sich ein Streikaufruf wie ein Lauffeuer im Betrieb verbreitet. Rund 8.000 ArbeiterInnen traten in den Ausstand – unorganisiert und spontan.

Die Konzernleitung, der Betriebsrat und die IG Metall wurden von diesem „wilden Streik“ gleichermaßen überrascht. Die Tatsache, dass sich vor allem migrantische Beschäftigte am Arbeitskampf beteiligten, machte das Ereignis zu einem Politikum. Mit breiter gesellschaftlicher Solidarität konnten diese jedoch kaum rechnen, vielmehr sahen sie sich mit unverhohlenen, nicht selten rassistisch aufgeladenen Ressentiments konfrontiert. Schon bald war in der Öffentlichkeit teils abschätzig, teils dramatisierend vom „Türkenstreik“ die Rede. Die Boulevard-Medien berichteten in großen Schlagzeilen vom „Türken-Terror bei Ford“ und stellten die bange Frage: „Übernehmen die Gastarbeiter die Macht?“ Das Fazit der BILD: „Das sind keine Gäste mehr.“

Am 30. August wurde der Streik schließlich gewaltsam niedergeschlagen. Politik, Medien, Gewerkschaften und Unternehmen reagierten gleichwohl verunsichert und verständnislos auf den vorwiegend von MigrantInnen getragenen Arbeitskampf, mit dem diese aus der ihnen zugeschriebenen Rolle als gehorsame und anspruchslose „Fließband-Kulis“ (Der Spiegel) demonstrativ herausgetreten waren. Seit dem Beginn der Arbeitsmigration in die Bundesrepublik Mitte der 50er Jahre hatte es immer wieder Streiks, Revolten und widerständiges Handeln gegenüber den Zumutungen in den Fabrikhallen und oftmals lagerartigen Wohnquartieren gegeben. Aus dieser Perspektive ereignete sich der „Ford-Streik“ nicht ganz überraschend. Er stand in einer Tradition migrantischer Kämpfe um Selbstbehauptung, die jedoch im August 1973 erstmals von der Öffentlichkeit wahrgenommen wurden – und danach bald wieder in Vergessenheit gerieten.

Verdrängte Geschichte(n)

Im kollektiven Gedächtnis der BRD bleiben widerständige Aspekte der Migrationsgeschichte nach wie vor ausgeblendet. Sofern MigrantInnen überhaupt als historische Figuren halbwegs wertschätzende Beachtung finden, dominieren weiterhin paternalistische Projektionen, in denen die „Gastarbeiter“ der 50er und 60er Jahre je nach Sichtweise als demütig, fleißig, dankbar oder ausgebeutet beschrieben werden, nur selten jedoch als selbstbewusste und eigensinnige AkteurInnen in den Blick geraten.

Es verwundert daher nicht, dass das Foto vom unsicher in die Kamera lächelnden Rodruiges de Sa, dem im Bahnhof Köln-Deutz im September 1964 als millionstem „Gastarbeiter“ im Rahmen eines groß inszenierten Empfangs ein Moped übergeben wurde, zu einer in Ausstellungen und Schulbüchern vielfach reproduzierten Ikone avancierte, mit der sich zudem die „Erfolgsstory Bundesrepublik“ illustrieren ließ. Demgegenüber blieb es vor allem migrantischen und rassismuskritischen Initiativen „von unten“ vorbehalten, die neun Jahre später, nur wenige Kilometer entfernt entstandenen Bilder und Erzählungen der am Tor 3 der Fordwerke postierten Streikposten als gleichsam über Jahrzehnte hinweg verschüttete erinnerungskulturelle Spuren freizulegen. Der „Fordstreik“ stellt somit lediglich eine – wenn auch spektakuläre – Facette einer bis heute marginalisierten widerständigen Geschichte der Migration dar.

Vom Protest zum Streik

Den unmittelbaren Anlass für den Arbeitskampf bildete die fristlose Entlassung von 300 türkischen Beschäftigten, die nach Auffassung der Firmenleitung verspätet aus den Werksferien zurückgekommen waren. Viele der rund 12.000 türkischen ArbeiterInnen bei Ford nutzten ihren vierwöchigen Jahresurlaub, um ihre Angehörigen, Familien und FreundInnen in der Heimat zu besuchen. Die oftmals strapaziöse Reise in die Türkei und wieder zurück nach Köln konnte indessen bis zu vierzehn Tage in Anspruch nehmen. Die Personalabteilung von Ford beobachtete daher mit zunehmendem Missfallen, dass zahlreiche ArbeiterInnen ihren Urlaub offenkundig eigenmächtig verlängerten. Gegen diese Praxis wollte die Firmenleitung ein Exempel statuieren. Ford-Personal-Vorstand Horst Bergemann bezeichnete die drakonische Maßnahme lapidar als „nicht dramatisch“ und schätzte die seit langem gärende Stimmung vor allem unter den migrantischen Beschäftigten vollkommen falsch ein.

In einer Betriebsversammlung erklärten sich die TeilnehmerInnen mit den Entlassenen solidarisch und forderten deren Wiedereinstellung. Als die Firmenleitung auf ihrer Entscheidung beharrte, traten am 24. August rund 8.000 ArbeiterInnen in den Streik. Aufgerüttelt vom Ausruf eines türkischen Arbeiters: „Kollegen, wie lange sollen wir uns das gefallen lassen?!“ formierte sich auf dem Werksgelände eine Demonstration, die von Halle zu Halle zog, um weitere Beschäftigte zu animieren, sich dem Ausstand anzuschließen. Schnell wurde jedoch deutlich, dass sich der Unmut nicht nur gegen die als willkürlich empfundenen Kündigungen richtete. Ins Zentrum des Arbeitskampfes rückte vielmehr der Protest gegen das Fabrikregime insgesamt, das durch miserable Arbeitsbedingungen ebenso geprägt war wie von strukturellem Rassismus.

Nicht zufällig hatte der Streik in der Y-Halle begonnen, wo an Fließbändern die Endmontage der Fahrzeuge stattfand. Durch die Monotonie der Tätigkeiten, besonders aber durch die oftmals hohe Bandgeschwindigkeit, standen die in diesem Bereich Beschäftigten – in der Regel MigrantInnen – unter enormem Druck. Salih Güldiken, ehemaliger Betriebs- und Aufsichtsrat bei Ford und davor selbst an den Fließbändern eingesetzt, beschreibt die Arbeitssituation folgendermaßen: „Die Arbeit am Band ist nicht kompliziert, aber anstrengend. Du darfst keine Pausen machen, das Band läuft einfach immer weiter. Es ist schwer so zu arbeiten. […] Hätte ich einen Fehler gemacht, wäre es übel gewesen, es hätte mich erwischt.“

Die Streikenden protestierten aber auch gegen die ungerechten Lohnverhältnisse bei Ford. Während deutsche FacharbeiterInnen mit einem Stundenlohn zwischen 8,98 und 10,59 DM rechnen konnten, erhielten die migrantischen Beschäftigten an den Fließbändern lediglich Tarife zwischen 7,15 und 8,24 DM.

Die Emanzipation der FließbandarbeiterInnen

Am 27. August erfuhr der Arbeitskampf eine weitere Zuspitzung. Mittlerweile hatten sich rund 12.000 ArbeiterInnen dem Streik angeschlossen. In einer Betriebsversammlung wählten die TeilnehmerInnen eine Streikleitung und einigten sich auf drei zentrale Ziele: Rücknahme der Kündigungen, Herabsetzung der Bandgeschwindigkeiten und Erhöhung des Stundenlohns um eine DM für alle Beschäftigten. Die Ausweitung der Forderungen bedeutete, so der Soziologe Serhat Karakayali, die „Wende im Streik“. Waren die Proteste zu Beginn noch vom Betriebsrat und der IG Metall unterstützt worden, gingen die ArbeiternehmervertreterInnen erkennbar auf Distanz, als ihnen die Kontrolle über das Geschehen zunehmend zu entgleiten drohte. Bei zahlreichen Streikenden wiederum hatten Gewerkschaft und Betriebsrat spätestens seit dem Scheitern der Verhandlungen mit der Firmenleitung über das Schicksal der Entlassenen jegliches Ansehen verloren. „Sendika satilmis“ – „die Gewerkschaft ist käuflich“ lautete einer der Slogans der streikenden türkischen ArbeiterInnen, in dem auch die über Jahre hinweg entstandenen Wahrnehmungen zahlreicher MigrantInnen zum Ausdruck kamen, von den deutschen Gewerkschaften nicht angemessen vertreten zu werden. Im knapp 50 Mitglieder starken Betriebsrat gab es lediglich eine handvoll nicht-deutscher Delegierter. Demgegenüber betrug der Anteil migrantischer ArbeitnehmerInnen an der Gesamtbelegschaft der Ford-Werke knapp 40 Prozent, im Bereich der Fließbandarbeit lag er bei rund 90 Prozent.

Aus dieser Perspektive wies der „Fordstreik“ über die konkret erhobenen Forderungen hinaus. Vielmehr war er gleichermaßen ein demonstrativer Kampf um Selbstbehauptung und Anerkennung. Dabei blieben die migrantischen AktivistInnen weitgehend auf sich alleine gestellt. Deutsche ArbeiterInnen solidarisierten sich nur vereinzelt.

Der „Fordstreik“ hob sich von der weitgehend berechenbaren und ritualisierten Dramaturgie regulärer Arbeitskämpfe in der Bundesrepublik ab. Es wurde nicht nur im Rahmen der üblichen Arbeitszeiten oder gleich „von zu Hause aus“ (Serhat Karakayli) gestreikt. Vielmehr hielten bis zu 2.000 AktivistInnen Teile des Werksgeländes auch nachts besetzt. Nicht zuletzt diese Aktionsformen schienen für die Firmenleitung und den Betriebsratsvorsitzenden Ernst Lück die Koordination und Steuerung des Streiks durch „linke Rädelsführer“ zu belegen. Aber auch der NRW-Innenminister Willy Weyer (FDP) sah subversive Kräfte am Werk und betonte, dass bestreikte Betriebe „zum Teil von Kriminalpolizei und Beamten des Verfassungsschutzes beobachtet“ würden. Die BILD wiederum wusste von „6-8 Kommunisten“ zu berichten, die sich „getarnt in Monteursmänteln […] eingeschlichen haben.“ Deutlich zeigte sich hier eine paternalistisch-herabsetzende Sichtweise auf die „Gastarbeiter“ in der eine eigenständige Selbstorganisation migrantischer Beschäftigter unvorstellbar erschien.

Tatsächlich versuchten während des Streik-Verlaufs auch linke deutsche AktivistInnen aus den Reihen der K-Gruppen oder aber der operaistischen Gruppe Arbeiterkampf in das Geschehen zu intervenieren, etwa indem sie nach Beginn des Ausstands in den Wohnheimen der migrantischen FordarbeiterInnen und auf dem Werksgelände für den Streik mobilisierten. Insgesamt spielte die deutsche Linke in diesen Auseinandersetzungen jedoch eine eher untergeordnete Rolle, die je nach Perspektive von vereinnahmenden und verklärenden Projektionen auf den Arbeitskampf geprägt war.

„Schlagt die Ratten tot!“ – Das Ende des Streiks

In einer zunehmend aufgeheizten Atmosphäre kamen Firmenleitung und Polizei mit Billigung des Betriebsrates überein, die Werksbesetzung notfalls mit Gewalt zu beenden. Nachdem die Streikenden am 29. August ein „Kompromissangebot“ von Ford abgelehnt hatten, das lediglich die „Überprüfung“ der Kündigungen und eine Teuerungszulage von 200 DM in Aussicht stellte, kam es am folgenden Tag zur offenkundig generalstabsmäßig geplanten Eskalation. Zu diesem Zeitpunkt hielten noch rund 300 AktivistInnen das symbolträchtige Tor 3 besetzt.

In einem Bereich des Werksgeländes hatte sich indessen ein Demonstrationszug von knapp 1.000 deutschen Arbeitern und leitenden Angestellten formiert, die mit der Parole „Wir wollen arbeiten!“ gegen die Streikenden protestierten. Als sich die Gruppen schließlich gegenüberstanden, ging alles sehr schnell: Aus den Reihen der arbeitswilligen DemonstrantInnen stürmten mit Schlagstöcken bewaffnete Polizeibeamte in Zivil in die Menge der Streikenden und griffen sich vermeintliche „Rädelsführer“ heraus. Baha Targün, der Sprecher der Streikleitung wurde überwältigt und zusammengeschlagen. Gleichzeitig drängte uniformierte Bereitschaftspolizei durch Tor 3. Ein Beobachter des Angriffs erinnerte sich später daran, dass der „erste Polizist […] mit hoch erhobenem Knüppel in die Menge reinlief“ und dabei gebrüllt habe: „Schlagt die Ratten tot!“. Die Streikenden wehrten sich nach Kräften, aber letztendlich vergeblich gegen die Übermacht aus Polizei und Werksschutz.

Wieviele Verletzte es bei den Auseinandersetzungen gab, ist nicht bekannt. Knapp 20 Aktivisten wurden festgenommen. Die BILD triumphierte im militärischen Jargon: „Deutsche Arbeiter kämpfen Ford frei.“ Für viele Streikenden hatte der Arbeitskampf ein Nachspiel. Baha Targün wurde als angeblicher „Rädelsführer“ aus der BRD ausgewiesen. 100 weitere Beschäftigte erhielten von Ford die fristlose Kündigung. Rund 600 Arbeiter verließen den Betrieb „freiwillig“. Serhat Karakayli weist in seinen Studien zum „Fordstreik“ zudem darauf hin, dass kein Fall bekannt geworden sei, in dem der Betriebsrat gegen Entlassungen im Zusammenhang mit dem Arbeitskampf sein Veto eingelegt habe.

Über den „Fordstreik“ hinaus

Gleichwohl blieb der „wilde Streik“ bei Ford im August 1973 kein isoliertes Ereignis. Im selben Jahr kam es auch in anderen Betrieben zu vorwiegend migrantisch geprägten Arbeitskämpfen, deren ProtagonistInnen vielfach neben und außerhalb der Gewerkschaften agierten. Zu nennen ist hier beispielsweise der Streik der Arbeiterinnen beim Automobilzulieferer Pierburg in Neuss bei Düsseldorf, bei dem es ebenfalls um die Erhöhung des Stundenlohns um eine DM ging – und bei dem, ähnlich wie in Köln, die Polizei mit Gewalt gegen die Streikenden einschritt.

Die Tatsache, dass viele dieser Geschichten von Selbstbehauptung und Widerstand in Vergessenheit geraten sind und selbst im Gedächtnis der sozialen Bewegungen wie auch der Gewerkschaften kaum präsent sind, hat unterschiedliche Gründe. Zahlreiche ProtagonistInnen dieser Kämpfe mussten das Land verlassen. Doch auch die Stimmen und Erfahrungen jener vielen, die geblieben sind, fanden nur selten Gehör.

Für die gewerkschaftliche Geschichtsschreibung stellen der „Fordstreik“ und andere migrantische Arbeitskämpfe freilich eine Herausforderung dar. Die Rolle der Gewerkschaften gegenüber den „Gastarbeitern“ war über Jahrzehnte hinweg ambivalent. Zwar entwickelten sie seit den 60er Jahren im Vergleich zu anderen Verbänden, Institutionen und Behörden in der Bundesrepublik zahlreiche Initiativen, um ausländische ArbeitnehmerInnen zu organisieren und zu betreuen. Gleichwohl blieb das Verhältnis zu den MigrantInnen oftmals paternalistisch. Hauptadressat der Gewerkschaften waren die (männlichen) deutschen Facharbeiter. Diese Haltung geriet in spektakulärer Weise mit dem „Fordstreik“ in eine Krise, als, wie auch in anderen migrantisch geprägten Arbeitskämpfen, deutlich wurde, dass große Teile der Belegschaften sich durch die gewerkschaftlichen Führungs- und Vertretungsansprüche nicht repräsentiert, oftmals sogar verraten fühlten. Die Quittung erhielten die Gewerkschaften, vor allem die IG Metall, in zahlreichen Betriebsratswahlen in den Jahren nach 1973. In einigen Betrieben musste der „angeschlagene Dinosaurier“ (Der Spiegel) empfindliche Niederlagen einstecken, während alternative, oftmals von MigrantInnen (mit)initiierte Listen bemerkenswerte Erfolge erzielen konnten. Auch diese Entwicklungen sind dem Vergessen anheim gefallen. Die seit den frühen 80er Jahren entstandene, gesellschaftskritisch ausgerichtete Geschichtswerkstättenbewegung widmete sich ebenfalls nur selten der Migrationsgeschichte unter dem Aspekt von Widerstand und Selbstbehauptung.

Ein Paradigmenwechsel vollzog sich erst nach der Jahrtausendwende. Migrantische Initiativen wie etwa Kanak Attack oder der 1990 gegründete Verein DOMiT (Dokumentationszentrum und Museum über die Migration aus der Türkei e.V.; seit 2007: DOMiD – Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland) eröffneten neue Perspektiven auf die Geschichte der Migration, in der nicht über MigrantInnen gesprochen und geschrieben wird, sondern diese als eigenständige AkteurInnen selbst zu Wort kommen oder „Geschichte“ schreiben. Im Rahmen einer Diskussionsrunde anlässlich des 30. Jahrestags des „Fordstreiks“ postulierte ein Aktivist von Kanak Attack: „Es gibt eine Geschichte des Widerstands, das heißt Migranten sind nicht nur Opfer gewesen. Es gibt eine Geschichte des Widerstands, die […] bewusst unsichtbar gemacht wird, weil sie eben komplementär ist, passend zum Status, der den Einwanderern aus dem Süden in Deutschland zugewiesen wird.“

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