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Zwei Etappen

Das Warschauer Ghetto und der Aufstand – Teil I

Am 19. April dieses Jahres jährte sich der Beginn des Aufstands im Warschauer Ghetto zum 70. Mal. Das Ghetto in der polnischen Hauptstadt war das größte, das die Nationalsozialisten eingerichtet hatten. Es war nicht das einzige, in dem die Jüdinnen und Juden sich bewaffnet gegen die Deutschen wehrten. Allerdings hat der Widerstand nirgends ein solches Ausmaß angenommen. Schlecht ausgerüstet und mit wenigen Kämpfern gelang es den jüdischen Organisationen, den Deutschen über Wochen erbitterte Gefechte zu liefern.

Der erste Teil des Artikels beschreibt die Entstehung des Ghettos, die Lebensbedingungen und den Weg zum bewaffneten Widerstand. Im zweiten Teil folgt eine Darstellung der Geschichte des Ghettos bis zum Aufstand am 19. April 1943 sowie der Rezeption der Ereignisse.

Am 28. September 1939 besetzt die Wehrmacht Warschau. Von Beginn an planen die Deutschen, die Warschauer Juden und Jüdinnen in einem „Jüdischen Wohnbezirk“ zu konzentrieren. Die Umsetzung zieht sich allerdings hin. „[Die Einrichtung eines] Getto[s] ist für einige Monate zurückgestellt worden“, notiert Adam Czerniaków, Vorsitzender des von den Deutschen installierten Judenrats, am 18. November 1939 in seinem Tagebuch. Stattdessen werde die „Gemeinde […] Pfosten mit der Aufschrift ‘Achtung Seuchengefahr, Eintritt verboten’“ an den Grenzen des Bezirks „aufstellen“. Als Ort für das Ghetto werden zunächst Randbezirke der Stadt in Betracht gezogen, was sich jedoch als kurzfristig nicht durchführbar herausstellt. Hinzu kommen temporäre Überlegungen, die Juden und Jüdinnen nach Lublin oder gar Madagaskar umzusiedeln.

Im Herbst 1940 werden die Pläne wieder aktuell: Das Ghetto soll im nördlichen Stadtzentrum errichtet werden. Bereits seit April sind auf Kosten der jüdischen Bevölkerung Mauern um den Bezirk gebaut worden. Am 2. Oktober 1940 unterzeichnet der Gouverneur des Distrikts Warschau, Ludwig Fischer, einen Erlass über die Errichtung eines jüdischen Wohnbezirks. In den nächsten Wochen siedeln die Deutschen über 250.000 Menschen um, 138.000 Jüdinnen und Juden sowie 113.000 nicht-jüdische Polinnen und Polen. Eine drei Meter hohe Mauer umgibt nun das komplette Gebiet. Am 16. November 1940 postieren sich Wachen vor den verbliebenen Durchgängen. Das Ghetto ist geschlossen.

„Es wird nur noch ein Friedhof übrigbleiben“

Der Mangel an Wohnraum und Nahrungsmitteln kennzeichnet das Leben im Ghetto. Zum Zeitpunkt der Schließung müssen dort 350.000 Menschen wohnen. Die Fläche beträgt vier Quadratkilometer, die Einwohner_innendichte somit 110.000 Menschen pro Quadratkilometer. Auf den Straßen herrscht ein dichtes Gedränge, teils ist es schwierig, überhaupt voranzukommen. In den Wohnungen ist die Situation nicht besser. Statistisch müssen sich sieben bis acht Personen einen Wohnraum teilen. Faktisch sind Räume mit zweistelligen Bewohner_innenzahlen nicht außergewöhnlich. Durch den Zuzug jüdischer Flüchtlinge aus anderen Regionen und die Verkleinerung des Ghettos auf drei Quadratkilometer verschärft sich die Situation bis Frühjahr 1941 weiter. Die Einwohner_innendichte steigt auf beinahe 150.000 Einwohner pro Quadrat­kilometer.

Ebenso katastrophal ist die Ernährungslage. 184 Kilokalorien gestehen die Deutschen den Bewohner_innen des Ghettos pro Tag zu. Dafür erhalten die Bewohner_innen durchschnittlich zwei Kilogramm niederwertiges Brot und 250 Gramm Zucker pro Monat. Wer nicht in der Lage ist, diese Zuteilung aufzustocken, verhungert. „50 Prozent der Bevölkerung sterben buchstäblich vor Hunger, 30 Prozent hungern auf ‘normale’ Art und Weise, 15 Prozent haben selten zu essen“, berichtet eine jüdische Untergrundzeitung. In den gedrängten Verhältnissen führt die Unterernährung zu einer raschen Verbreitung von Fleck­fieber und anderen ansteckenden Krankheiten. Die Sterblichkeit aufgrund von Hunger und Hungerkrankheiten ist enorm: Vom Oktober 1939 bis zum Juni 1942 sterben 100.000 Ghetto­bewoh­ner_innen. Die verheerende Wirkung der Unterernährung im Ghetto ist ein von den Nationalsozialisten bewusst eingesetztes Mittel zu ihrer Vernichtung. „Die Juden werden vor Hunger und Elend eingehen und von der jüdischen Frage wird nur noch ein Friedhof übrigbleiben“, fasste Ludwig Fischer das Ziel der deutschen Hungerpolitik unmissverständlich zusammen.

Das Bild, das sich auf den Straßen bietet, ist infernalisch. Menschen in zerlumpter Kleidung drängen sich durch das Ghetto, bettelnde Kinder sitzen an jeder Ecke. Viele Bewohner_innen können die Bestattung ihrer Angehörigen nicht bezahlen, deshalb liegen Leichen auf den Bürgersteigen, die Gesichter nur mit einer Zeitung bedeckt.

Selbsthilfe

Der Judenrat und die Jüdische Soziale Selbsthilfe, aber auch sogenannte Häuserkomitees, versuchen die Not zu lindern. Sie betreiben Sozialküchen, Kranken- sowie Waisenhäuser und ambulante Kliniken. Doch die Mittel sind sehr begrenzt. „Leichen in den Korridoren, 3 Kranke in einem Bett“, vermerkt Czerniaków am 14. Oktober 1941 in seinem Tagebuch nach dem Besuch mehrerer Krankenhäuser. Auch die Sozialküchen sind den Anforderungen kaum gewachsen. Anfang 1941 geben sie durchschnittlich 60.000 Suppen täglich aus. Doppelt so viele Personen hatten sich um eine Mahlzeit bemüht und dafür registriert. Der tatsächliche Bedarf ist noch höher, doch die Registrierungen wurden begrenzt.

Der allgegenwärtige Mangel im Ghetto führt zu einem regen Schmuggel. Waren werden an bestochenen Posten vorbei, durch Tunnel und die Kanalisation unter der Mauer hindurch transportiert oder schlicht über die Mauer hinübergeworfen. Die Ghettobevölkerung verkauft die verbliebenen Habseligkeiten zu Spottpreisen an Pol_innen außerhalb des Ghettos und an Deutsche. Den Weg ins Ghetto finden vor allem Nahrungsmittel und Waren des täglichen Bedarfs. Auch wenn die Schmuggelwaren im Ghetto zu horrenden Preisen verkauft werden - die Preise für Lebensmittel sind um ein Vielfaches höher als außerhalb der Ghettomauern -: Der Schwarzmarkt hat viele Menschen vor dem Hungertod bewahrt.

Neben dem offiziellen, von den Nationalsozialisten aufgebauten Wirtschaftssektor, bei dem Juden in sogenannten Shops Waren für die Deutschen, vor allem für den Wehrmachtsbedarf, produzieren, entsteht ein zweiter Sektor. Auf Dachböden und in Kellern arbeiten Mühlen, Bäckereien, Werkstätten für Kurzwaren, Seife und Waschmittel. Es werden Stoffe gewebt und Knöpfe hergestellt. Sogar Dienstleistungen werden angeboten. Uhren werden kaputt hinein- und repariert hinausgeschmuggelt. Über Umwege erreichen die illegal erstellten Waren die „arische Seite“ und sogar die Wehrmacht.

Die „zweite Etappe“ beginnt

Am 22. Juli 1942 endet der Alltag im Ghetto. Morgens erscheinen Funktionäre vom Stab „Aktion Reinhard“ – Sturmbannführer Hermann Höfle an der Spitze – beim Judenrat. „Man eröffnete uns, daß [...] die Juden ohne Unterschied des Geschlechts und des Alters in den Osten ausgesiedelt werden sollen. Bis heute n.m. um 4 Uhr müssen 6.000 Menschen bereitgestellt werden. Und so (mindestens) wird es jeden Tag sein“, schreibt Czerniaków in sein Tagebuch. An diesem Tag beginnen die Deutschen, die Bewohner_innen des Warschauer Ghettos zu deportieren. Czerniaków nimmt sich am nächsten Morgen das Leben. „Sie verlangen von mir, mit eigenen Händen die Kinder meines Volkes umzubringen. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als zu sterben“, schreibt er in seinem Abschiedsbrief. Täglich werden nun Straßenzüge abgesperrt, Razzien durchgeführt und Tausende Menschen zum Umschlagplatz gebracht. Auf dem Platz am Rand des Ghettos werden sonst Nahrungsmittel und andere Waren verladen. Jetzt sind es Menschen, die in Waggons gedrängt und in den Tod geschickt werden, die meisten in das rund 100 Kilometer entfernte Vernichtungslager Treblinka.

Im Ghetto bricht Panik aus. „Alle Personen, welche nicht in Anstalten und Unternehmen tätig sind“, sollen „unbedingt umgesiedelt“ werden, verkünden Aushänge, die überall im Ghetto angebracht worden sind. Der einzige Schutz vor der Deportation scheint die Anstellung bei einem der deutschen Betriebe oder bei den Ghettoinstitutionen zu sein. Die Menschen versuchen verzweifelt, einen rettenden Arbeitsnachweis zu erhalten. Vor den Betrieben bilden sich lange Schlangen. Doch es war so gut wie „unmöglich, eine Stelle in einer deutschen Fabrik zu bekommen. Solche Stellen waren äußerst rar. Man mußte den Arbeitgebern eine bestimmte Summe zahlen oder brauchte gute Verbindung zu den jüdischen Geschäftsbesitzern“, berichtet Vladka Meed. „In der Stadt drängt sich alles, Werkstätten zu eröffnen. Eine Nähmaschine kann das Leben retten“, fasst Czerniaków zusammen. Die Hoffnung, so das eigene Leben zu bewahren, erweist sich für die meisten Ghettobewohner_innen als trügerisch, ein Großteil von ihnen wird entgegen der deutschen Zusicherungen deportiert.

Die Deportationen, auch „große Aktion“ genannt, dauern bis Ende September an. Schon im August bieten auch die begehrten Arbeitsnachweise keinen Schutz mehr. Die Deutschen führen Mitte des Monats Meldekarten ein, die Fabrikausweise verlieren ihre Gültigkeit. Einen Monat später strebt die „Aktion“ dem Ende entgegen. Der Jüdische Ordnungsdienst, der für die Nazis bei der Durchführung der Deportation eine wichtige Rolle gespielt hat, verliert seine Funktion. Über 2.000 Mitarbeiter werden in den Tod geschickt, lediglich 380 Ordnungsdienstler verbleiben im Ghetto.

Die Quellen zur Anzahl der Opfer der „Aktion“ sind nicht eindeutig. Der „November-Bericht“, der sich auf deutsche Zahlen stützt, zählt 275.000 Opfer, davon 254.000 in Treblinka Ermordete. Der Rest der Menschen starb im Ghetto oder wurde in Arbeitslager verbracht. Der Bericht von Jürgen Stroop, der im April 1943 die Niederschlagung des Ghettoaufstandes leitet, beziffert die Zahl der in Treblinka Ermordeten auf 310.000. Der jüdische Untergrund berichtet meist von 300.000 Opfern.

Im Ghetto verbleiben 60.000 Menschen. 35.000 davon offiziell, der Rest versteckt auf dem Ghettogelände. Nach der „Aktion“ besteht das Ghetto aus drei voneinander getrennten Bereichen, die Straßenzüge dazwischen dürfen nicht betreten werden.

„Beile, Steine und Äxte“

In einem im Oktober 1942 veröffentlichten Bericht über die Geschehnisse im Ghetto schließt der Autor: „Wären alle Juden aus den Häusern geströmt, hätten alle Juden die Mauern durchbrochen, hätten wir schreiend mit Beilen, Steinen und Äxten alle Straßen Warschaus, die jüdischen und nichtjüdischen überflutet, dann wären zehntausend, zwanzigtausend von uns erschossen worden - dreihunderttausend Menschen hätte man nicht auf einmal erschießen können.“

Zu Beginn der „Aktion“ sind das Ghetto und die Untergrundorganisationen allerdings noch nicht bereit zum Kampf. „Beile, Steine und Äxte“ sind tatsächlich die einzigen Waffen, die den Bewohner_innen zur Verfügung stehen. Doch die Idee, sich den Deutschen entgegenzustellen, existiert schon vor den Deportationen. Angetrieben wird sie durch Berichte über Massaker an Jüdinnen und Juden, die Ende 1941 das Ghetto erreichen. Im Oktober veröffentlichen mehrere Untergrundzeitungen Artikel über Massenexekutionen. Czyżew und Zaręmby im Regierungsbezirk Białystok, Malkinia, Pińsk und Kolbryń/Polesie im Reichskommissariat Ukraine sowie Ponary bei Wilna werden als Orte, an denen Jüdinnen und Juden ermordet wurden, bekannt.

Die Nachricht über das Vernichtungslager Chełmno bringt „Szlamek“, dem es gelungen ist zu flüchten, im Februar 1942 in das Warschauer Ghetto. „Szlameks“ Bericht wird in den Untergrundzeitungen gedruckt und löst einen Schock in den Untergrundorganisationen aus. Doch das „Warschauer Ghetto glaubte diesen Berichten nicht. All diese Menschen, die sich so an das Leben klammerten, waren unfähig zu glauben, daß man ihnen das Leben auf solch eine Weise nehmen könnte“, schreibt Marek Edelman. Dem Bericht über Chełmno folgten Informationen über die Vernichtungslager Bełżec im März/April 1942 und Sobibór Anfang Juni 1942 sowie über die Liquidierung des Ghettos Lublin im April 1942.

In Reaktion auf diese Nachrichten bemühen sich die Untergrundorganisationen im Ghetto, eine gemeinsame Organisation aufzubauen, die sich den Deutschen stellen kann. Auf Initiative der Polska Partia Robotnicza (PPR, „Polnische Arbeiterpartei“) und der Linken Poale Zion entsteht der Antifaschistische Block. Dieser soll die linksgerichteten Parteien und Organisationen des Ghettos vereinen. Die Rechte Poale Zion sowie die zionistischen Jugendorganisationen Hashomer Hazair, Dror, Gordonia und Akiba schließen sich an. Der sozialistische Allgemeine jüdische Arbeiterbund von Litauen, Polen und Russland, kurz Bund, weigert sich jedoch: „Wären nicht die verfluchten Ghettobedingungen, säßen wir nicht am gleichen Tisch“, stellte Maurycy Orzech die Position des Bunds klar.

Rund 500 Personen bilden die Kampforganisation des Blocks. Sie verfügen allerdings trotz andauernder Bemühungen über keine Waffen. Die Kämpfer sollen sich Partisanengruppen in den Wäldern anschließen. Mehrere Gruppen verlassen das Getto, um zu den Partisanen zu gelangen. Die meisten Versuche scheitern allerdings tragisch.

Der Stimmungsumschwung bleibt den Deutschen, die über ein Netz von Informanten im Ghetto unterhalten, nicht verborgen. Die Antwort ist Terror. In der Nacht vom 17. auf den 18. April nimmt die Gestapo 52 Juden fest, erschießt sie und lässt ihre Körper zur Abschreckung im Ghetto liegen. Die Deutschen fahren bis zum Beginn der „Aktion“ fort und ermorden täglich zehn- bis fünfzehn Menschen. Diese Einschüchterung bleibt nicht ohne Folgen. Der Block und der Bund stellen ihre Aktivitäten zurück, die Mitglieder tauchen unter. Der Antifaschistische Block bleibt somit wirkungslos.

„Die ersten Anzeichen eines aktiven Widerstands“

Einen Tag nach dem Beginn der „Aktion“, am 23. Juli 1942, treffen sich die Vertreter der Parteien, des Blocks und der Jugendorganisationen im Ghetto. Ein Teil der Versammelten, vor allem die Vertreter der Jugendorganisationen, fordern, sich bewaffnet zur Wehr zu setzen. Die Mehrheit schätzt ein solches Vorgehen allerdings als chancenlos ein. „Die älteren Leute rieten damals von einem aktiven Widerstand ab“, berichtet Israel Gutman, „weil sie glaubten, daß es für einen Teil der Juden die Chance zum Überleben gäbe. Falls Widerstand geleistet würde, war mit dem Überleben nicht zu rechnen.“ Die Jugendgruppen organisierten sich auf eigene Faust. „In diesen Tagen wurde die Jüdische Kampforganisation gegründet, und zwar am 28. Juli 1942. Ohne Waffen beschloß die Organisation ihr möglichstes zu tun“, erinnert sich Icchak „Antek“ Cukierman, Mitglied des Kommandos der Żydowska Organizacja Bojowa (ŻOB, „Jüdische Kampforganisation“).

Kurz nach der Gründung erhält die ŻOB die erste Waffe von der PPR. Es ist eine Pistole. Mit dieser begibt sich Izrael Kanał, der im Auftrag des Untergrundes beim Ordnungsdienst arbeitet, am 25. August 1942 in die Nowolipkistraße. Hier wohnt der Kommandant des Ordnungsdienstes, Jósef Szeryński. Als Szeryński zur Tür kommt, schießt Kanał zweimal und flieht. Der Ordnungsdienstleiter wird verletzt, überlebt das Attentat jedoch. Er bleibt bis Januar 1943 im Krankenhaus, wo er sich das Leben nimmt. „Zur selben Zeit häuften sich die Fälle von Brandstiftung in den deutschen Lagern im Ghetto“, schreibt Vladka Meed, „die ersten Anzeichen eines Aktiven jüdischen Widerstandes waren da.“

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