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Antifeminismus in Bewegung

Extrem rechte Geschlechterpolitiken und ihre Anschlussfähigkeiten
Foto: apabiz

Im „Kampf gegen den Genderismus“ und in der Rettung der traditionellen Familie hat die extreme Rechte seit etwa acht Jahren strömungsübergreifend Themen ausgemacht, von denen sie sich Anschluss verspricht an breit geführte Debatten um eine postulierte „Krise der Geschlechter“ und einen sich auch in anderen Teilen der Gesellschaft entladenden Antifeminismus.

Angriffe gegen „Gender“

Angestoßen durch die Diskussion um die antifeministischen Veröffentlichungen Eva Hermans im Mai 2006 sowie einen Artikel Volker Zastrows in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in dem Gender Mainstreaming als „politische Geschlechtsumwandlung“ tituliert wurde, begannen die neurechte Wochenzeitung Junge Freiheit, die NPD-Postille Deutsche Stimme und diverse rechte Organisationen eine politische Kampagne: Polemisiert wurde gegen „Gender“ und die „gesellschaftszersetzende Maßnahme ‚Gender Mainstreaming’“, die das Ziel der „Schaffung eines neues Menschentypus“ (Internetportal Free Gender) verfolge. Schnell war von neurechter Seite zudem der Begriff des „Genderismus“ kreiert. Dieser findet heute Verwendung in maskulistischen Internetforen ebenso wie bei christlich-fundamentalistischen „LebensschützerInnen“ oder im Wahlprogramm der Alternative für Deutschland (AfD). Der Begriff dient AntifeministInnen zum Rundumschlag gegen eine moderne und pluralistische Gesellschaft an sich: verhandelt wird eine Themenpalette vom Umgang mit Homosexualität bis zur Rolle von Frauen und Männern, von Abtreibungspolitiken bis zur Kindererziehung, von staatlichen und suprastaatlichen Familienpolitiken bis hin zum „Mythos Multikulti“.

Galten die Angriffe in einer ersten Welle der Jahre 2006-2009 zunächst dem von extrem rechter Seite zum Angriff auf das deutsche Volk stilisierten „Gender (Mainstreaming)“, so sind es seit etwa anderthalb Jahren in einer zweiten Welle vermehrt Debatten um familienpolitische Themen, die von AntifeministInnen unterschiedlicher politischer Couleur für ihren Populismus gegen die Vielfalt geschlechtlicher Lebensweisen genutzt werden. Die (bürgerliche) Familie als statische Einheit von Mann, Frau und Kind(ern) gerät zum Politikum, die ihrer Privatheit entrissen und zugleich vor staatlichen Interventionen etwa im Bereich der Bildungspolitik geschützt werden soll.

Fundamentalistische ChristInnen, MaskulistInnen, organisierte Neonazis, RechtspopulistInnen und nicht zuletzt die „WutbürgerInnen“ der Republik wähnen sich als VerteidigerInnen traditioneller Familien- und Geschlechterbilder und einer von ihnen als „natürlich“ erklärten, heteronormativen Ordnung der Geschlechter.

Geschlechterverhältnisse in der „Volksgemeinschaft“

Die Normierung von Geschlecht und Sexualität in der extremen Rechten ist nicht neu und folgt der ideologischen Konstruktion der „Volksgemeinschaft“, die als zentraler Baustein extrem rechter Ideologie zu betrachten ist. Dabei war sie weder im historischen Vorbild des Nationalsozialismus reales Abbild der Gesellschaft, noch ist sie dies heute in Bezug auf die extreme Rechte. In ihrem Charakter als völkische Ordnungsvorstellung ist sie vielmehr Verheißung und Normierung zugleich: die Verheißung einer harmonischen Zukunft, welche sich aus der gegenwärtigen Misere erhebt. Und zugleich Normierung, indem sie Teilhabe an und Rollen innerhalb der imaginierten Gemeinschaft definiert. Geschlecht fungiert als Platzanweiser in der streng anti-individualistischen und autoritär-hierarchischen Ordnung. Ein grundsätzliches Herauslösen der Einzelnen aus den ihnen zugedachten Rollen wird zur Bedrohung der Gemeinschaft als Ganzes stilisiert. Das schließt nicht aus, dass einzelne aktive Frauen und Männer in der Szene von vorgedachten Geschlechterrollen abweichen, (re-) produziert jedoch die völkische Norm. Teil dieser Norm ist das Zusammenleben der Geschlechter in der heterosexuellen Kleinfamilie mit möglichst zahlreichen Kindern und dem Zusammenleben der Generationen unter einem Dach. Gitta Schüßler, familienpolitische Sprecherin der ehemaligen NPD-Fraktion im Sächsischen Landtag und Vorstandsmitglied des Ring Nationaler Frauen (RNF), erklärt anlässlich des weitgehend unbekannten Internationalen Tages der Familie am 15.05.2012: „Im Gegensatz aber zu anderen Parteien (...) erscheint es uns nicht sinnvoll, sogenannten ‚modernen Familienformen’ hinterherzuhecheln, schwulen Minderheiten Adoptionsrechte einzuräumen und ganz allgemein ‚Beziehungen der Beliebigkeit’ unter dem Deckmantel der ‚Moderne’ zu propagieren.“. Die Konstruktion der „Volksgemeinschaft” kennt keine Individuen, sondern nur die heterosexuelle Familie als „kleinste Zelle“ der völkischen Gemeinschaft, und weist Männern und Frauen qua Geschlecht ihre jeweiligen Aufgaben zum Wohle der „Volksgemeinschaft“ zu. Frauen obliegt in erster Linie die Verantwortung für das Gebären sowie die Erziehung möglichst zahlreicher Kinder, Männern die Sphäre des politischen Kampfes. Die Vorstellung eines sozialen Geschlechts – Gender – bedroht diese Rollenaufteilung und damit die „Volksgemeinschaft“-svorstellung als solche.

Extrem rechte Familienpolitiken

In der NPD ist zu beobachten, dass ein offenes Polemisieren gegen „Gender“ ergänzt wird durch eine vermeintlich anschlussfähigere Argumentation der „Förderung deutscher Familien“. In ihrem familienpolitischen Programm geht es der NPD dabei mitnichten um die allgemeine Unterstützung von Familien: Vielmehr wird Bevölkerungspolitik betrieben und die Förderung heterosexueller, herkunftsdeutscher Familien gegen die Förderung vielfältiger familialer Lebensformen und das Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft ausgespielt. Deutlich abzulesen ist dies u.a. an einer Aktion der Jungen Nationaldemokraten (JN) im Vorfeld der Bundestagswahl 2013: Die Jugendorganisation der NPD verschickte Kondome mit der Aufschrift „Für Ausländer und ausgewählte Deutsche“. Als „ausgewählte Deutsche“ werden „Bundestagsabgeordnete, Minister und Ausländerlobbyisten, die sich in der Vergangenheit besonders durch ihre volksfeindliche Heimatabwicklungspolitik hervorgetan haben“ adressiert. So verstehen die JN ihre Aktion als Beitrag, „den demografischen Wandel [zu] bekämpfen“, indem sie verdeutlichen, wer im Denken der Neonazis möglichst zahlreiche Kinder bekommen und wer Verhütungsmittel verwenden soll: es geht ihnen darum, mehr ‚deutsche’ Kinder in tradiert heteronormativen Verhältnissen aufwachsen zu sehen. Forderungen der NPD nach einem „Mehr für Kinder“ sind stets verknüpft mit der Forderung eines „Weniger für Ausländer“.

Und auch die ursprünglich als Anti-Euro-Partei angetretene AfD versteht sich laut ihrer Bundessprecherin Frauke Petry als „Familienpartei“, die laut Wahlprogramm zur Landtagswahl in Sachsen einer „menschenfeindlichen Ideologie wie dem verqueren Genderismus (…), der uns mit aller Macht aufgezwungen werden soll”, entgegentreten will. Petry spricht offen von Familienpolitik als Bevölkerungspolitik – einer Politik, die sich an der Norm der heterosexuellen Mehrkindfamilie orientiert und der demografischen Entwicklung begegnen soll. So fordert die brandenburgische AfD: „Stärkung von Familien und eine Willkommenskultur für Kinder müssen Vorrang vor Zuwanderung haben.“ Es geht in erster Linie um den Erhalt von Privilegien in von Ungleichheiten durchzogenen gesellschaftlichen Machtverhältnissen: das Vorrecht der traditionellen Familie vor pluralisierten familialen Lebensformen, von „Deutschen“ gegenüber „Nicht-Deutschen“, heterosexueller gegenüber homosexuellen Partnerschaften, Männern gegenüber Frauen. Zu diskutieren bleibt, inwieweit der Anti-Gender- und Familien-Populismus der AfD einen Beitrag zu den Wahlerfolgen bei Europa- und Landtagswahlen 2014 geleistet hat – zumindest stand er dem nicht entgegen.

Antifeministische Allianzen

Der offene Populismus gegen „Gender“ und die Gegnerschaft zu einer Vielfalt geschlechtlicher, sexueller und familialer Lebensweisen dient einem in sich heterogenen Milieu zur Bestimmung eines gemeinsamen Feindbildes und zeugt von diskursiven Überschneidungen im antifeministischen Populismus einer schier unüberschaubaren Anzahl an Parteien, Organisationen und engagierter Einzelpersonen. Themen von geschlechter- und familienpolitischer Relevanz nehmen hier eine Scharnierfunktion zwischen extremer, konservativer und religiöser Rechter mit Verbindungen bis weit in den bürgerlichen Mainstream ein.

Es sind rechtsoffene Zeitungen und Magazine, die dem benannten antifeministischen Spektrum als Bezugsgrößen dienen. Neben der Jungen Freiheit ist dies das Compact-Magazin, in dessen Schwerpunktausgabe „Feindbild Familie – Politische Kriegsführung gegen Eltern und Kinder“ im Frühjahr 2014 u.a. der ehemalige Bundesminister Norbert Blüm seine Kulturkritik der gegenderten Gesellschaft in einem Interview betont. Bereits im November 2013 veranstaltete das Compact-Magazin eine Konferenz unter dem Titel „Werden Europas Völker abgeschafft? Familienfeindlichkeit, Geburtenabsturz und sexuelle Umerziehung“. Dort referierten RednerInnen von Thilo Sarrazin bis hin zum „Kaptain-Blaubär“-Autor Bernard Lassahn über die Gefahren der „Gender Mainstreaming-Ideologie“ – Eva Herman wie auch Frauke Petry sagten ihre Teilnahme kurzfristig aufgrund der zu erwartenden Gegenproteste ab. Dies nahm der Veranstaltung nichts an antifeministischem Populismus: „Das Gender-Mainstreaming-Programm ist offensichtlich (...) eine Ideologie, deren Ziel es ist, eine neue Weltordnung zu schaffen. Eine Sozialideologie einer Mikro-Mikro-Minderheit, einer politischen Avantgarde, die ihr Programm mit großer systematischer Kraft zur Staatsdoktrin erhoben hat“, heißt es in einem Videozusammenschnitt der Konferenz. Während es dem Compact-Magazin mit seinem vorherigen Schwerpunkt auf die Anti-Euro-Politik nur begrenzt gelang, AkteurInnen unterschiedlicher politischer Provenienz zusammen zu bringen, ist es mit den offen antifeministischen Polemiken gegen „Sexuelle Umerziehung“, „Raubtierfeminismus“ und „Schulfach schwul“ anschlussfähig in einem breiten Spektrum von Gender-GegnerInnen.

Und so sieht nicht nur die extreme Rechte die völkische Ordnung bedroht von „Feministinnen“, die qua zur Ideologie verkommener Gleichstellungspolitik die „natürliche Ordnung der Geschlechter“ abschaffen wollen. Über politische Lager hinweg werden die rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften sowie die Legitimität staatlicher Interventionen im Bereich der Familien- und Bildungspolitik diskutiert. Hiervon zeugten zuletzt die Proteste gegen den Bildungsplan in Baden-Württemberg (siehe S. 17). Auch wenn sich die Initiative auf ihrer Internetseite von offen extrem rechtem Gedankengut distanziert, ist die diskursive Nähe bei den Polemiken gegen „Gender“ und „Gender Mainstreaming gegeben. Einer Pluralisierung von Lebensmodellen und Geschlechterrollen im Zuge der letzten Jahrzehnte versuchen die AkteurInnen mit naturalisierten, eindeutigen Vorstellungen von Männlich- und Weiblichkeiten und einer darin fußenden „natürlichen“ Ordnung der Geschlechter zu begegnen. Sie fühlen sich herausgefordert von einem omnipotent imaginierten Feminismus und der Infragestellung traditioneller Geschlechterrollen. Über politische Lager hinweg wird ein anti-moderner Diskurs über die Ordnung der Geschlechter, die rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften sowie nicht-normative Lebensweisen gespeist.

Von offen antifeministischen Inhalten in den Wahlkämpfen und dem Populismus gegen „Gender“ und vielfältige familiale, geschlechtliche und sexuelle Lebensweisen, versprechen sich extrem rechte und rechtspopulistische Parteien WählerInnenstimmen. Dies lässt auch Rückschlüsse auf antifeministische und homophobe Ressentiments in Teilen der Gesellschaft zu.

Kampf um Deutungshoheiten

Doch es geht nicht nur um WählerInnenstimmen: Angesichts gesellschaftlicher Debatten um die „Krise der Geschlechter“ sind die Geschlechterpolitiken extrem rechter AkteurInnen als gezielte Intervention in gesellschaftliche Krisendiskurse und ein Ringen um Deutungsmacht darin zu verstehen. Ob der weitgehenden Unkenntnis feministischer Bewegungen und Theorien und eines Anti-Etatismus, der sich gegen eine konstatierte Bevormundung seitens des Staates richtet, werden letztlich Auseinandersetzungen um Deutungshoheiten über Begriffe geführt. „Wer einen Begriff plaziert und definiert, erreicht, daß man ein Wort benutzt und außerdem, daß man sich darunter etwas Bestimmtes vorstellt.[sic]“, so der neurechte Vordenker Karlheinz Weißmann. Begriffe wie der Anglizismus „Gender“, aber auch „Feminismus“ werden in expliziter Gegnerschaft durch antifeministische ProtagonistInnen definiert. Nicht alle werden dabei so deutlich wie die Junge Alternative für Deutschland: Diese hat in Abgrenzung zu einer profeministischen Aktion der Jusos zum 8. März 2014 Schnappschüsse mit Statements, warum sie keine Feministen sind, veröffentlicht. Dort zeigt sich Markus Frohnmaier, Landesvorsitzender der Jungen AfD Baden-Württemberg, mit selbstgemaltem Schild und der Aussage: „Ich bin kein Feminist, weil der künstlich geschürte Kampf zwischen den Geschlechtern von den wirklichen Problemen in unserem Land ablenkt!“ Ein anderer porträtiert sich mit der Aussage „Ich bin kein Feminist, weil eine Mutter genauso wertvoll ist wie eine Vorstandschefin!“ In offen antifeministischer Weise wird hier gegen die Aufweichung heteronormativer Geschlechterverhältnisse mit klaren Rollenzuweisungen an Männer und Frauen polemisiert – im Falle der AfD ebenso von jungen Männern wie Frauen. Feminismus erscheint hier als eine omnipotente Verschwörung mit der Absicht, die Gesellschaft in totalitärer Weise umzugestalten und die Menschen daran zu hindern, ihrer „natürlichen“ Rolle nachzugehen, ja ihre ureigene geschlechtliche Identität anzunehmen. Im Kampf um Begriffe versuchen antifeministische AkteurInnen, liberalen Auffassungen geschlechtlicher und familialer Lebensformen mit einem gezielten öffentlichen Gegendiskurs zu begegnen.

Und die Linke?

Während antifeministische Inhalte zum einen extrem rechte Wahlkämpfe durchziehen und zum anderen in weiten Teilen der Gesellschaft an Salonfähigkeit gewinnen, sind bislang nur wenige linke Gegenstimmen zu vernehmen, die über das Name-Dropping antifeministischer ProtagonistInnen und deren Netzwerke hinaus gehen. Dabei liegen erste Analysen vor, auf deren Grundlage sich Interventionen in antifeministische Diskurse thematisieren ließen. Auch haben sich rund um die Events der AntifeministInnen heterogene Bündnisse gefunden, die deren reaktionäre Vorstellungen und Forderungen aufzeigen. Ob gegen die Compact-Konferenz, die „Bildungsproteste“ in Stuttgart oder die bundesweiten „Tausend-Kreuze-Märsche“ der „LebensschützerInnen“: stets sind es breite Bündnisse aus antifaschistischen und (pro-)feministischen Gruppen, die sich mit kreativen Aktionsformen dem antifeministischen Spuk entgegenstellen.