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Uncrititical Whiteness

Auseinandersetzungen um Firmen-Logo offenbaren Alltagsrassismus

Im Frühjahr hatte ein lange kritisiertes rassistisches Firmenlogo in Mainz zum ersten Mal für viel Aufsehen gesorgt. Kritiker_innen geht es dabei um eine Auseinandersetzung mit Alltagsrassismus, der sich in dem Logo widerspiegelt. Ein Blick auf die Entwicklung und Hintergründe.

Das Logo der Ernst Neger GmbH entstand in den 1950er-Jahren, als „der singende Dachdeckermeister“ und Fastnachter Ernst Neger das Geschäft übernahm. Als sein Enkel, Thomas Neger, heute CDU-Stadtrat und Mainzer Fastnachter, um die Jahrtausendwende übernahm, wurde das Logo beibehalten. Eleonore Wiedenroth-Coulibaly, Autorin und Mitbegründerin der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD), hatte bereits in den 1980er-Jahren schriftlich Kritik an dem Logo geäußert. „Sollte ein schwarzer Mensch zu mir kommen, der sich wegen des Logos beleidigt fühlt, würde ich meine Haltung sofort überdenken“, versprach Thomas Neger Ende 2013 der Allgemeinen Zeitung (AZ). Im Februar 2014 verfasste die Fachschaft für Ethnologie der Uni Mainz eine „Pressemitteilung zur Debatte um das Ernst Neger-Logo“ mit dem Ziel einer „Sensibilisierung für die Thematik von Alltagsrassismen, die Mitbürger unserer Stadt betreffen und treffen.“ Auch persönlich suchten People of Color mehrfach Thomas Neger auf, um das Gespräch zu suchen.

„Das Logo muss weg“

Anfang Februar dieses Jahres wurde die Kampagne „Das Logo muss weg – Für eine Welt ohne Rassismus“ gestartet. Diese erhielt bald rege Unterstützung. So fand eine Fotoaktion mit Menschen statt, die das Logo ablehnten und ein kurzes Statement zu Alltagsrassismus oder dem Logo auf Schildern zeigten. Doch erst nachdem im März in der ganzen Stadt Aufkleber mit seinem Gesicht und dem Schriftzug „Rassismus ein Gesicht geben“ verklebt wurden, zeigte Neger eine wirkliche Reaktion. Und zwar in Form einer Strafanzeige. In der Folge eskalierte der Konflikt. In sozialen Netzwerken gründeten sich die Gruppen Gegen die Hetzer von Thomas Neger und Ein Herz für Neger, zu deren Unterstützung auch die NPD aufrief. Bei diesen Gruppen tauchten Kommentare wie „Schlimm, dass Schwarze hier ihr Maul aufmachen dürfen“ oder „Die Gleise sind noch vorhanden“ auf. Anfang April berichtete die Washington Post international über die Eskalation. Als dann Mitte April die AZ ein Streitgespräch zwischen Thomas Neger und dem Ethnologie-Professor Matthias Krings veröffentlichte, flaute der Konflikt ab.

Unter Druck

In diesem Streitgespräch diskutierten weiße Männer miteinander: Über koloniale Bildsprache, „linke Aktivisten“ und „gemäßigte Menschen, die mit rechten Parolen nichts am Hut haben“. Zu dem Konsens, dass ein gesellschaftlicher Rassismus existiert, kam man nicht. Dieser wurde im Verlauf dieses Konflikts aber mehr als deutlich: Zum Beispiel als Horst Radelli als „Willi Windhund“ in seiner Büttenrede exzessiv das N-Wort nutzte. Wenn Menschen bedroht werden, nachdem sie auf Grund ihrer Hautfarbe zu Logo-Kritiker_innen erklärt wurden. Tatsächliche Logo-Kritiker_innen wurden eingeschüchtert. Der Kreisvorsitzende der Jungen Union, Felix Leidecker, veröffentlichte Namen und Adresse von einem Unterstützer der „Das Logo muss weg“-Kampagne. Dieser erhielt Drohanrufe, vor seiner Haustür wurden Naziaufkleber verklebt. Daraufhin wurde Anzeige gegen Leidecker wegen Nötigung erstattet. Doch die Einschüchterung hatte Erfolg: Menschen, die sich im Rahmen des Fotoprojekts hatten fotografieren lassen, baten darum, dass ihre Bilder aus dem Internet genommen werden. Der Druck wurde zu groß.

Das Potential der mobilisierbaren Mehrheitsgesellschaft kann auch einschüchtern. Das Darmstädter Echo, eine Zeitung, zu deren Einzugsgebiet auch Mainz gehört, befragte im letzten Jahr ihre Leser_innen zur in der Fastnachtszeit aufgekommenen Kritik an dem Logo: 86,01 % der 1.322 Teilnehmenden klickten bei der Frage „Änderung auch nach Jahren: Wie wichtig ist Political Correctness?“ auf „Man kann’s auch übertreiben“.

Rassismus ist im liberalen Mainz durchaus präsent. Angesprochen werden kann er, solange es sich ignorieren lässt. Von Nachdruck sollte lieber abgesehen werden. Sonst spaltet sich die Stadt auf. In diejenigen, die es mit der Auseinandersetzung mit dem rassistischen Alltag ernst meinen, auf der einen und denjenigen, die Veränderungen ablehnen, auf der anderen Seite. Die zweite Seite überwiegt zahlenmäßig und verteidigt ihre Ablehnung mit harten Bandagen.

Perspektiven

Thomas Neger muss als das gesehen werden, was er ist: Weder jemand, der offensiv rassistische Propaganda verbreitet, noch ein Unbeteiligter. Allerdings muss ihm fehlende Empathie und ein großes Maß an Ignoranz unterstellt werden. In dieser Geschichte sind er und das Logo zu einer Symbolfigur geworden. Für ihn wäre es möglich gewesen, diesen Konflikt zu beenden und auf seine Unterstützer_innen einzuwirken. Letzteres hat er zumindest nicht mit der nötigen Nachhaltigkeit getan. Es ging hier weniger um seine Person als vielmehr um den gesellschaftlichen Umgang mit dem rassistischen Normalzustand. Dass die Auseinandersetzungen wichtig waren, zeigt auch die Art der medialen Berichterstattung. Dort hat ein Umdenken stattgefunden. Anfangs kaum wahrgenommen, kamen später auch Betroffene zu Wort. Mit der Zuspitzung der Auseinandersetzung entwickelte sich vor allem in den lokalen Medien ein Problembewusstsein: Wo anfangs Kritiker_innen und gesellschaftlicher Rassismus noch als Fastnachtsposse belächelt wurden, fand eine Entwicklung statt, an deren Ende von Rassismus Betroffene und Bedrohte als solche anerkannt wurden.

Wie es jetzt weitergeht, bleibt abzuwarten. Aus politischer Sicht ist der Konflikt vorbei, die Fronten sind geklärt. Ein Wiederaufrollen des Konflikts würde wieder an der Person Thomas Neger hängen bleiben und dieselben Phrasen zu Tage fördern, die bereits artikuliert wurden. Die Auseinandersetzung muss also darüber hinausgehen. Der Fachschaftsrat Ethnologie & Afrikastudien hat bereits Ende März in einer Pressemitteilung angekündigt: „Solange der weißen Mehrheitsgesellschaft die Deutungshoheit über Themen eingeräumt wird (…), ist für uns die Rassismus-Debatte in Deutschland nicht beendet.“ Auch die „Das Logo muss weg“-Kampagne will weitermachen. So äußert sich David: „Man muss kein_e Rassismus-Expert_in sein, um das Logo scheiße zu finden. Aber die Logo-Debatte ist nur ein Teil von dem, woran sich gesellschaftlicher Rassismus entzündet. Diese Debatte steckt noch in den Kinderschuhen.“ Das Kampagnenziel bleibt.

In dem Streitgespräch im April hat Neger angekündigt, einen „zeitgemäßeren Entwurf“ des Logos mit Hilfe einer Design-Studentin zu überdenk

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