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„Um sich mit ihren weißen Brüdern zu messen“

Das Neonazi-Kampfsport-Event "Kampf der Nibelungen"

Mit dem "Kampf der Nibelungen" scheint sich ein fester Termin im extrem rechten Eventkalender zu etablieren. Die neonazistische Kampfsportveranstaltung fand 2015 zum dritten Mal statt. Durch die Ausrichtung des Kampfsport-Events versuchen deutsche Neonazis, an erfolgreiche Veranstaltungen aus dem europäischen Ausland anzuknüpfen. Dafür holen sie sich mit der russischen Marke "White Rex" einen wichtigen Kooperationspartner ins Boot. 

"European Fighting Summer 2015" lautete das Motto einer Reihe verschiedener extrem rechter Kampfsportveranstaltungen, die zwischen Mai und Oktober letzten Jahres in sechs verschiedenen Ländern stattfand. Geboten wurden dort sogenannte "Fight Nights", bei denen Kampfsportler verschiedener Disziplinen gegeneinander antraten. Sie kamen vornehmlich aus dem Bereich MMA (Mixed Martial Arts), wo unterschiedliche Techniken aus dem Thai- und Kickboxen oder Jiu-Jitsu angewendet werden. Oftmals wurden die Events mit einem RechtsRock-Konzert abgeschlossen. Als treibende Kraft der "Fighting Tour" trat die russische Marke White Rex beziehungsweise deren französisches Pendant, die Marke Pride France, in Erscheinung. Neben Veranstaltungen in Athen, Rom, Lyon, Warschau und Budapest wurde als letzter Termin der Tour der "Kampf der Nibelungen" am 17. Oktober 2015 "in Westdeutschland" angekündigt.

 Vom Ring.. 

Der konspirativ organisierte "Kampf der Nibelungen" hatte unter dem Namen "Ring der Nibelungen" schon am 24. Oktober im Jahr 2014 im rheinland-pfälzischen Vettelschloss (Landkreis Neuwied) stattgefunden. Auch 2013 soll dort eine vergleichbare "Fight Night" aus der Neonazi-Szene organisiert worden sein. Ein Jahr später kamen mindestens 100 Neonazis in der örtlichen "Fun-Sport Arena" zusammen. Dort trainiert auch der lokale Kampfsportverein Fight Club Vettelschloss e.V., der im Logo den Namenszusatz "Asgard" sowie zwei Thorshämmer zeigt. Beworben wurde die Veranstaltung in erster Linie szeneintern als geschlossene Gesellschaft "im Raum Hessen".

Auch wenn sich offiziell keine Organisation findet, die für den "Ring" beziehungsweise den "Kampf der Nibelungen" verantwortlich zeichnet und in einer Selbstdarstellung lediglich von der "Beteiligung von jungen Deutschen" gesprochen wird, lassen sich starke Verbindungen zu den Strukturen der Hammerskins ausmachen. Angemietet wurden die Räumlichkeiten für den "Ring der Nibelungen" von Malte Redeker (Ludwigshafen), einem der führenden Köpfe der Hammerskins in Europa. Redeker, der das RechtsRock-Label "Gjallarhorn Klangschmiede" betreibt, übt seit mehreren Jahren Kampfsport aus und leitete zeitweise in Mannheim ein Training für Neonazis aus der Rhein-Neckar-Region. Beim "Ring der Nibelungen" fungierte er als Ringrichter. Dass die südwestdeutschen Hammerskin-Strukturen um das Chapter Westwall maßgeblich in die Organisation des "Ring der Nibelungen" eingebunden sind, darauf verweist auch ein Dossier der "Autonomen Antifa Freiburg" über die V-Mann-Tätigkeit des Neonazis Roland Sokol, das nach seinem Tod Ende September 2015 auf der Plattform linksunten.indymedia.org veröffentlicht wurde. Der Hammerskin Sokol soll, so heißt es, auch in die Organisation des Kampfsport-Events in Vettelschloss involviert gewesen sein.   

...zum "Kampf der Nibelungen" 

Es war abzusehen, dass die "Fun-Sport Arena" als Veranstaltungsort wegfallen würde, da antifaschistische Initiativen im Nachgang des "Ring der Nibelungen" über die neonazistischen Hintergründe des Kampfsport-Events öffentlich berichteten. So kam es im Vorfeld der Veranstaltung 2015, die dann nach eigenen Angaben im Ruhrgebiet beziehungsweise in Dortmund stattfand, zu einer Umbenennung in "Kampf der Nibelungen". Als "Sponsoren" traten wie im Vorjahr "Greifvogel Wear" und "Sport Frei" in Erscheinung - beides Marken, die aus der extremen Rechten stammen und eine Kundschaft aus der rechten Kampfsport- und Hooligan-Szene ansprechen. "Greifvogel Wear" aus Dresden, die auch im Kraftsportbereich diverse Sportler promotet und ausrüstet, stellte beim "Kampf der Nibelungen" eigene Kämpfer und war auch mit einem eigenen Team vertreten. Unlängst kündigte "Greifvogel Wear" unter dem Motto "Might is right" eine enge Kooperation auf europäischer Ebene mit der russischen Marke "White Rex" an. 

White Rex 

Der "Kampf der Nibelungen" muss im Zusammenhang vergleichbarer Events im europäischen Ausland betrachtet werden. So finden in Osteuropa, aber auch in Italien und Frankreich regelmäßig aus der extremen Rechten organisierte Kampfsport-Events statt. Von zentraler Bedeutung ist dabei die russische Marke "White Rex", die von Denis Nikitin 2008 in Moskau gegründet wurde. White Rex definiert sich als Marke für "die weißen Völker Europas" und vertreibt Kampfsportausrüstung und Kleidung mit einer martialischen und neonazistischen Symbolik. Richtete das Unternehmen zunächst in Russland eine Vielzahl von Kampfsport-Events aus, die zum Teil vierstellige Besucherzahlen erreichen, versucht Nikitin durch die Bildung eigener Kampfsportgruppen, die unter dem Label und Sponsoring von "White Rex" auftreten, sich zunehmend den europäischen Markt zu erschließen.

Einen engen Kooperationspartner stellt dabei die Marke "Pride France" dar, die neben dem Vertrieb von Kleidung auch ein eigenes Kämpferteam betreut. Wirft man einen Blick auf die Strukturen hinter der "European Fighting Tour" im Sommer 2015, zeigt sich ein transnationales Netzwerk, zu dem wichtige Akteure der militanten europäischen extremen Rechten wie die CasaPound-Bewegung in Italien, Teile von Blood & Honour und den Hammerskins oder extrem rechte Kampfsport- und Hooligan-Gruppen gehören. Im Vorfeld des "Kampfs der Nibelungen" verkündeten die OrganisatorInnen mit "Freude" auf ihrer Facebook-Seite, "dass in diesem Jahr auch Kämpfer von Pride France und White Rex in den Ring steigen." "Unsere Freunde aus Russland und Frankreich haben angekündigt", so heißt es dort weiter, "uns in Deutschland zu unterstützen. Damit kommt White Rex endlich nach Deutschland". Tatsächlich traten beim "Kampf der Nibelungen" Neonazis aus Deutschland, Frankreich und Ungarn gegeneinander an. Für einen internationalen Charakter sorgte dann vornehmlich das Pride France-Team um den aus Lille stammenden Neonazi Tomasz Szkatulski.

Wegen Verletzungen und angeblicher Einreise- bzw. Visaprobleme konnte "White Rex" kein eigenes Kämpferteam stellen. Nichtsdestotrotz war Denis Nikitin vor Ort und hielt die Eröffnungsrede. In einem Interview mit dem Dortmunder Neonazi-Podcast Tremonia spricht Nikitin von seinen "Dortmunder Freunden", die er beziehungsweise "White Rex" mit der Teilnahme am "Kampf der Nibelungen" unterstützen möchten. Nicht verwunderlich, da sich einige Bezugspunkte der russischen Neonazimarke auch nach NRW finden. 

Comrades in Dortmund 

Im November 2015 wurde auf der Instagram-Seite von "White Rex" ein Foto mit dem Titel "Payed a visit to our Comrades in Dortmund, Germany! Sport frei!" veröffentlicht. Das Foto zeigt eine Gruppe Männer, die in einem Kampfring - offensichtlich nach einer Trainingseinheit - posieren. Neben Denis Nikitin ist unter anderem Timo Kersting zu erkennen. Kersting betreibt seit mehreren Jahren Kampfsport und pflegt gute Kontakte in die Dortmunder Neonazi-Szene. Zeitweise soll er auch ein Kampfsporttraining geleitet haben, an dem sowohl Dortmunder Neonazis als auch Personen aus der rechtsoffenen Ultra- und Hooligan-Szene von Borussia Dortmund teilgenommen haben.

Im Rahmen des Verbotes des Nationalen Widerstands Dortmund (NWDO) fanden die Behörden bei der Durchsuchung des Nationalen Zentrums (R135) im März 2012 Urkunden von Kampfsport-Turnieren mit Kerstings Namen. Aktuell trainiert Kersting in der Kampfsportschule "Arena Dortmund" und absolviert für diese auch professionelle Turnierkämpfe. In den Trainingsräumen der Arena Dortmund scheint auch das Gruppenfoto mit Nikitin aufgenommen worden zu sein. Kersting selbst nahm schon an von White Rex organisierten Turnieren teil. Unter anderem trat er am 30. März 2013 beim "Der Geist des Kriegers" im russischen Jekaterinburg für das "Walhall Athletic Team" an. Bei "White Rex"-Turnieren in Russland und Italien kämpfte neben Kersting unter anderem auch der zeitweise in Dortmund lebende Andreas Kolb, der bundesweit für den NPD-Nachwuchs "Junge Nationaldemokraten (JN)" aktiv ist. 

...und im Rheinland

Es ist davon auszugehen, dass das Gruppenfoto in Dortmund im Rahmen des Deutschland-Besuches von Nikitin für den "Kampf der Nibelungen" entstanden ist. Neben einem T-Shirt aus der Fanszene des BVB ist es nicht überraschend ist, dass eine weitere Person auf dem Foto ein rotes T-Shirt mit dem Aufdruck "Hooligans Köln" präsentiert. Insbesondere in einen rechtsoffenen Teil der Ultra- und Hooligan-Szene des 1. FC Köln scheint Nikitin gute Kontakte zu pflegen. Wiederholt tauchten in den letzten Monaten auf den Profilen von White Rex in den Sozialen Netzwerken immer wieder Bezüge zur Fanszene des FC auf.

Als Nikitin im Sommer 2015 in einem deutschen Krankenhaus in Folge einer Schulter-Operation behandelt wurde, postete er Bilder seiner "German Friends", die ihm einen Besuch abgestattet hatten. Dabei handelte es sich um Personen aus dem Umfeld der Kölner Ultra-Gruppe "Boyz" und der Hooligan-Szene des 1. FC Köln. Die "Boyz" gerieten in den letzten Jahren immer wieder auch wegen rechter Vorfälle in die Öffentlichkeit. So nahmen einzelne Personen, die der Gruppe zugerechnet wurden, an einem neonazistischen Hooligan-Fußballturnier 2013 in Moskau teil. Passenderweise pflegen die "Boyz" eine Fanfreundschaft mit der Dortmunder Ultra-Gruppe "Desperados", die des Öfteren wegen ihrer Verbindungen in die extreme Rechte öffentlicher Kritik ausgesetzt war. 

Von der Szene für die Szene 

Kampfsport hat für die extreme Rechte eine große Bedeutung. Dabei geht es aber nicht nur um die Befähigung der direkten Anwendung körperlicher Gewalt, beispielsweise gegenüber politischen Gegnern. "Kampf" und körperliche Ertüchtigung sind auch Teil extrem rechter Ideologie. Während es im Kampfsportbereich immer wieder Kämpfer, Teams oder Marken aus der extremen Rechten gibt, die versuchen, bei etablierten Veranstaltungen Fuß zu fassen, stellt der "Kampf der Nibelungen" eine neonazistische Szeneveranstaltung dar. Solche "eigenen" Veranstaltungen sind für die neonazistische Szene von großer Bedeutung, da "es Wettkämpfe geben muss, wo sich die Besten aus unseren Reihen gegenseitig messen", so ein Teilnehmer in einem Interview mit dem Tremonia-Podcast. Damit sind "aber nicht nur deutsche Stämme" gemeint, sondern es gilt, sich auf europäischer Ebene mit den "weißen Brüdern zu messen". Für diese grenzüberschreitende Ausrichtung hat sich "White Rex" schon in Stellung gebracht und kündigt für den "Kampf der Nibelungen" im Jahr 2016 "an even bigger event in Germany" an.

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