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Marcus Pretzell

Der Zocker

Wer jemanden in der Bielefelder FDP sucht, der etwas über Marcus Pretzell zu berichten weiß, muss Ausdauer mitbringen. Zwar war er dort fünf Jahre Mitglied. Spuren hat er aber keine hinterlassen. Nach vielen Telefonaten erinnert sich ein Jahrzehnt später dann doch noch einer an den jungen Juristen von damals. Seinen Namen habe der eine oder andere in der FDP sehr wohl im Hinterkopf gehabt: für den Fall, dass mal ein Mandat in einer Bezirksvertretung freiwerden würde.

Statt sich in Bielefeld-Schildesche um Straßenschilder und Kanaldeckel zu kümmern, spielt Pretzell mittlerweile in der großen Politik mit. Als einer von 751 Europaabgeordneten ist es zwar nur eine kleine Nebenrolle. Aber besser als Schildesche ist das allemal. Im Mai soll es mit dem nächsten Karrieresprung klappen. Dann will er in den Landtag einrücken und dort womöglich den Oppositionsführer geben.

Unter den Rechtspopulisten in Deutschland und Europa darf er jetzt schon in der ersten Reihe mitspielen. In Europa treibt er die Suche seiner Partei nach rechten Bündnispartnern voran, sitzt mit Front National-Chefin Marine Le Pen an einem Tisch und steht mit FPÖ- Obmann Heinz-Christian Strache auf der Bühne. In Deutschland ist er wichtigster Bündnispartner - und frisch vermählter Ehegatte - von AfD-Bundessprecherin Frauke Petry.

Früher als viele andere begann er, sich rechts von Parteigründer Bernd Lucke zu profilieren. Beim AfD-Parteitag, der ihn Anfang 2014 als Kandidaten fürs EU-Parlament nominierte, erklärte er demonstrativ seine Ablehnung gegen die Bildung einer Fraktion mit den britischen Konservativen, die Lucke favorisierte. Pretzells Vorwurf: Die Tories würden mit „germanophoben“ Parteien in Polen und Tschechien zusammenarbeiten. In Brüssel fügte er sich dann aber doch Luckes Willen.

Im Jahr darauf standen die Zeichen für einen Frontalangriff gegen den Parteichef günstiger. Der Essener Parteitag vom Juli 2015, bei dem Lucke abgewählt wurde, war auch sein ganz persönlicher Triumph. Pretzell gab den Ton vor, als er an die Diskussion, ob die AfD „Euro-Partei“ oder „Pegida-Partei“ sei, erinnerte und seine Antwort gab: „Wir sind beides - und noch viel mehr!“ Als „kleine Volkspartei“ könne die AfD „vor keinem Thema davonlaufen“, rief er und nannte Zuwanderung und Asyl als Beispiele: „Wir müssen die Themen, die es gibt, bedienen.“

Fortan trieb es die AfD immer weiter nach rechts. Auf europäischem Feld stets mit Pretzells Zutun. Sichtbarstes Zeichen war im Februar 2016 ein in Düsseldorf stattfindender Kongress mit Petry, Strache und dem FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky. Nach dem kurz darauf folgenden Rauswurf aus den Reihen der konservativen Abgeordneten wurde Pretzell Mitglied der Fraktion Europa der Nationen und der Freiheit (ENF), die vom französischen Front National dominiert wird und der Mitglieder der FPÖ, der italienischen Lega Nord, der Wilders-Partei PVV und des Vlaams Belang angehören.

Pretzell praktiziert eine Art Doppelstrategie. Während er international die Zusammenarbeit von Rechtspopulisten vorantreibt, pflegt er im heimischen NRW softere Töne. Das missfällt den Anhängern von „rechteren“ Gruppen im Landesverband. Zuweilen erinnern sie an seine privaten Kalamitäten, etwa an Pretzells Probleme mit dem Finanzamt, die dazu führten, dass das Landesverbandskonto vorübergehend gepfändet war. Über die Monate entstand in der Partei das Bild eines Tricksers. Auch nach den Turbulenzen rund um die letzten Landesparteitage dürfte er dieses Image nicht so schnell loswerden.

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