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„Europa den Europäern!“

Die extreme Rechte und Europa

Immer wieder heißt es, die extreme Rechte sei „antieuropäisch“ eingestellt. Nichts könnte falscher sein. Zwar trifft es zu, dass die extreme Rechte die „Europäische Union“ in ihrer heutigen Form ablehnt und sie rückbauen oder gar ganz beseitigen will. Doch hat sie gleichzeitig durchaus eigene Vorstellungen von Europa entwickelt, die nach dem Zweiten Weltkrieg zuweilen mit dem Begriff „Nation Europa“ bezeichnet wurden und heute vor allem als „Europa der Vaterländer“ beschrieben werden. Auch hat sie „Europa“ immer wieder ideologisch überhöht — zuletzt etwa als „Abendland“.

„Europa“ ist schon für die politischen Planungen des NS-Regimes ein wichtiger Bezugspunkt gewesen — nicht zuletzt übrigens, weil der Gedanke, man müsse den Kontinent enger integrieren, im deutschen Establishment seit dem Durchbruch der Industrialisierung stets eine wichtige Rolle gespielt hat. Schon 1841, dreißig Jahre vor der Gründung des Deutschen Reichs, schrieb Friedrich List, ein Vorkämpfer des Deutschen Zollvereins, man müsse langfristig den Aufbau „einer dauernden Continentalallianz“ in den Blick nehmen. Warum? Nun, das die Meere beherrschende britische Empire sei mit seinen kolonialen Rohstoffquellen und Absatzmärkten so stark und mächtig, dass die entstehende deutsche Industrie sich auf lange Sicht nur gegen es behaupten könne, wenn sie sich einen kontinentalen Wirtschaftsblock zusammenzimmere, erklärte der noch heute als „Vater der deutschen Nationalökonomie“ verehrte Stratege. Für das 20. Jahrhundert sah er die Konkurrenz zwischen einem integrierten Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika voraus.

Mit dem Konzept einer „Continentalallianz“ hat List in den 1840er Jahren Maßstäbe gesetzt. Im Deutschen Kaiserreich entwickelte sich daraus der Plan, die Länder von der niederländischen Küste bis zum Schwarzen Meer zu einer „mitteleuropäischen Zollunion“ zusammenzufassen; damit könne man „die mannigfache industrielle Überlegenheit Nordamerikas“ kompensieren, hoffte 1903 der Ökonom Julius Wolf, der 1904 den hochkarätig unterstützten Mitteleuropäischen Wirtschaftsverein gründete. Dem Konzept war auch die großdeutsch orientierte äußerste Rechte nicht abgeneigt. Die Alldeutschen Blätter betonten 1904 lediglich: „Das Deutsche Reich müßte notwendigerweise in einem mitteleuropäischen Zollgebiet das Rückgrat, den stärksten Machtfaktor bilden“. Um dies zu erreichen, müsse man natürlich „die Peitsche, wenn es nötig ist, ebenso entschlossen anwenden wie das Zuckerbrot“.

Europäische Großraum- wirtschaft

NS-Strategen konnten problemlos daran anknüpfen. „Europäische Großraumwirtschaft“ lautete ein Schlagwort, unter dem Wirtschaftsplaner Anfang der 1930er Jahre die alte Mitteleuropa-Konzeption weiterentwickelten und das NS-Ökonomen wie Werner Daitz schließlich übernahmen. Daitz, seit 1931 Mitarbeiter der wirtschaftspolitischen Abteilung der Reichsleitung der NSDAP, hatte 1939 den Auftrag erhalten, mit einer neu gegründeten Gesellschaft für europäische Wirtschaftsplanung und Großraumwirtschaft die „Neuordnung“ des Kontinents zu konzipieren. Das NS-Regime war vollauf damit beschäftigt, den Krieg zu führen, angeblich germanische Gebiete zu annektieren und die Territorien jenseits des erstrebten Größtdeutschlands entweder Kollaborationsregimen zu übertragen oder sie selbst gewalttätig zu kontrollieren. Die Vernichtungspolitik sollte „Lebensraum im Osten“ schaffen; die Okkupation des Kontinents schritt voran. Dennoch stand auch für die Nazis fest, dass man sich nach dem erhofften Sieg daran machen müsse, „Europa“ neu zu strukturieren.

Dazu trafen Funktionäre wie Daitz die Vorbereitungen. „Eine kontinentaleuropäische Grossraumwirtschaft unter deutscher Führung muss … sämtliche Völker des Festlandes von Gibraltar bis zum Ural und vom Nordkap bis zur Insel Cypern umfassen“, forderte Daitz in einer Denkschrift, die er Ende Mai 1940 vorlegte — zwei Wochen vor dem Einmarsch der Wehrmacht in Paris. Wozu? „Eine das ganze europäische Festland umfassende Grossraumwirtschaft … ist unbedingt erforderlich, um den gewaltigen Wirtschaftsblöcken Nord- und Südamerikas, dem Yen-Block und dem vielleicht verbleibenden restlichen Pfundblock erfolgreich die Stirn zu bieten“, er­­läuterte Daitz, bevor er folgerte, man müsse umgehend „die feste wirtschaftliche Eingliederung der von Grossdeu­tsch­­land … abhängigen Länder West-, Nord- und Südeuropas“ in die Wege leiten. Mit Blick auf die Tatsache, dass man in den okkupierten, aber nicht in aller Form annektierten Territorien perspektivisch auf zuverlässig kollaborierende Eliten angewiesen sein würde, empfahl Daitz, im Ausland besser nicht mit allzu offenem Dominanzgehabe aufzutreten: „Wir müssen grundsätzlich immer nur von Europa sprechen, denn die deutsche Führung ergibt sich ganz von selbst aus dem politischen, wirtschaftlichen, kulturellen, technischen Schwergewicht Deutschlands und seiner geografischen Lage.“ „Europa den Europäern!“, hatte er — in diesem Sinne — schon 1936 gefordert.

Einbindung der Kollaboration

Auch wenn das NS-Regime zu Daitz’ Leidwesen eher weniger von Europa sprach, sondern vor allem von Deutschland schwadronierte: „Europa“ war das Schlagwort, mit dem sich NS-Kollaborateure in weiten Teilen des Kontinents einbinden ließen. Ein Beispiel bietet eine Schrift, die der griechische Kollaborateur Sotírios Gotzamánis, ein gestandener Faschist, im Frühjahr 1943 publizierte. Darin plädierte er für einen „europäischen Kontinentalismus“, in dem sich die „Völker Europas“ eng zusammenschlössen, eine Zollunion gründeten und eine gemeinsame Währung schüfen — natürlich unter deutscher Führung. Was versprachen sich Gotzamánis und viele andere Kollaborateure in anderen Ländern, die überraschend ähnliche Pläne schmiedeten, davon? Ganz einfach: Sie hofften auf ein „Neues Europa“, das von britischem, von US-amerikanischem und vor allem von sowjetischem Einfluss frei war und das sich zu einem eigenständig operierenden, mächtigen Kontinentalblock entwickelte. Der Gedanke trieb, verbunden mit einem äußerst krassen Antisemitismus, so manchen Bürger der okkupierten Länder sogar in die Freiwilligenverbände der Waffen-SS.

Die NS-Führung hat das propagandistisch unterstützt. Ein Beispiel bietet der Geschichtsmythos um Karl den Großen. Hatte die NS-Propaganda den Karolinger-Kaiser ursprünglich als angeblich „romanisierten“ Schlächter der germanischen Sachsen verunglimpft, so stellte Joseph Goebbels im April 1942 fest: „Erhebliches Aufsehen hat in der deutschen Öffentlichkeit unsere vollkommene Kurswendung in der Beurteilung Karls des Großen erregt.“ Wie kam’s? Der Krieg im Osten lief nicht rund; man ging im Reich dazu über, stärkere Waffenhilfe der Kollaborateure zur Verteidigung der „Festung Europa“ (so formulierte es Goebbels 1943) ins Visier zu nehmen — etwa im Rahmen der Freiwilligenverbände der Waffen-SS. Karl der Große, dessen europäische Reichsbildung schon Napoleon Bonaparte mit der Parole „Je suis Charlemagne“ zu Legitimationszwecken genutzt hatte, bot sich als optimale Integrationsfigur für französische Kollaborateure an; Adolf Hitler erklärte deshalb 1942: „Karl der Große war einer der größten Menschen der Weltgeschichte, da er es fertiggebracht hat, die deutschen Querschädel zueinander zu bringen.“ Noch im September 1944 wurde eine vor allem von französischen Soldaten gebildete Division der Waffen-SS auf den Namen „Charlemagne“ getauft.

„Nation Europa“

Alte Nazis und alte Kollaborateure haben schon kurz nach der Befreiung des Kontinents von der NS-Herrschaft begonnen, ihren alten Kampf für ein integriertes Europa unter deutscher Führung wieder aufzunehmen. Ein Produkt dieser Bestrebungen ist die 1951 erstmals erschienene Monatszeitschrift Nation Europa gewesen; der Titel des Blattes, das den Untertitel „Monatsschrift im Dienste der europäischen Erneuerung“ trug, war durchaus programmatisch gemeint. Arthur Ehrhardt, Gründer und bis zu seinem Tod 1971 Schriftleiter der Zeitschrift, kam aus der Waffen-SS, deren europäische Orientierung in Nation Europa weiterlebte: „Die Einigung Europas bedeutet für uns grundsätzlich mehr als einen nur widerwillig beschrittenen Ausweg aus wirtschaftlichen Nöten und politisch-militärischen Gefahren“, hieß es in Nullnummer — „wir wollen die Verwirklichung einer hohen Idee.“ Zu den alten Kollaborateuren, die in dem Blatt publizierten, gehörte beispielsweise Oswald Mosley. Der englische Faschistenführer warb damals dafür, als Gegengewicht gegen die USA und die Sowjetunion die Vereinigten Staaten von Europa zu gründen. Diese Idee war freilich im Vereinigten Königreich nie sonderlich populär.

„Europa der Vaterländer“

Später, vor allem seit den 1980er Jahren, als die europäische Integration rasch Fortschritte machte, hat sich der Schwerpunkt der extrem rechten Europapolitik verschoben. Im Mittelpunkt stand nicht mehr das Bemühen, die Staaten des Kontinents gegen die beiden großen Gegner im Westen (USA) und im Osten (Sowjetunion) zusammenzuschließen — der europäische Zusammenschluss war ja schließlich mittlerweile Realität; vor allem ging es nun um das Vorhaben, die Preisgabe nationaler Souveränitätsrechte des deutschen Staates innerhalb der EU zu unterbinden. Um diese Absicht griffig zu formulieren, eigneten sich führende Funktionäre der extremen Rechten die alte de Gaulle-Formel vom „Europa der Vaterländer“ an. Dabei ging es nicht etwa darum, die Kooperation der Staaten Europas gänzlich einzustellen, sondern vielmehr darum, das europäische Bündnis wieder auf eine strikt nationale Basis zu stellen. „Ja zu Europa, nein zu dieser EG“: So lautete ein Slogan, mit dem Die Republikaner im Jahr 1989 warben. Ihr damaliger Führer, Franz Schönhuber, kam aus der Waffen-SS, genauer: aus der Division Charlemagne der Waffen-SS — genauso wie mehrere frühe Funktionäre des Front National (FN), mit dem Schönhuber in seinem Streben nach einer stärkeren Vernetzung der zerstrittenen europäischen Rechten zeitweise eng kooperierte.

Exemplarisch nachlesen lässt sich ein Konzept des „Europa der Vaterländer“ im Europawahlprogramm der NPD aus dem Jahr 2014. Darin heißt es, man setze sich für die Umwandlung der EU „in einen Bund souveräner, eigenverantwortlicher Staaten“ ein, in dem die Mitgliedstaaten ihre Grenzen und ihre nationale Politik wieder weitestgehend selbst kontrollierten. Anzustreben sei dennoch — beispielsweise — eine enge außenwirtschaftliche Kooperation etwa bei der „geopolitischen Durchdringung und Erschließung neuer Märkte“, um „die Selbstbehauptung unseres Erdteils in der Welt des 21. Jahrhunderts zu gewährleisten“. Auch gelte es, eine gemeinsame europäische Außenpolitik zu formulieren. Last but not least sprach sich die NPD für die „Errichtung eines Europäischen Verteidigungspaktes“ aus, um die Militärpolitik der Staaten Europas zu koordinieren. Hauptmotiv der Partei ist es demnach, den Einfluss der USA auf den europäischen Kontinent zu minimieren: „Wir bekennen uns zu der von Carl Schmitt formulierten europäischen Großraumpolitik mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte.“

Das „Abendland“

Immer wieder wurde der Machtblock „Europa“ in der extremen Rechten ideologisch überhöht. Nahm das NS-Regime etwa, um die französische Kollaboration zufriedenzustellen, Bezug auf Karl den Großen, so druckte Nation Europa regelmäßig die Göttin Athene auf’s Titelblatt — als Symbol für die griechische Antike, die Wiege der europäischen Kultur. Zuweilen ist von Europa als „Reich“ die Rede, dessen „Reichsgeist“, wie der Holocaust-Leugner Bernhard Schaub schon vor Jahren fantasierte, „die europäischen Nationen zur Brüderschaft“ führe. Weit verbreitet ist vor allem der schillernde Begriff vom mythischen europäischen Abendland. Lange Jahrzehnte war das „Abendland“ hauptsächlich das Gegenmodell zum Realsozialismus Ost- und Südosteuropas, das Symbol für die westlich-christliche Kultur in Abgrenzung zum angeblich barbarischen Osten, weshalb sich wüst antikommunistische Organisationen damals Abendländische Aktion oder Abendländische Akademie nennen konnten. Heute hat das „Abendland“ wieder Konjunktur — jetzt aber als Banner zur Abwehr des „morgenländischen“ Islams, und so finden sich nun Zusammenschlüsse wie die Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (PEGIDA).

Karl Martell

Gerade in hart antiislamischen Milieus, die sich der „Verteidigung des Abendlandes“ gegen eine angebliche muslimische Invasion verschrieben haben, sind immer wieder durchaus originelle Europa-Mythenbildungen anzutreffen. Beliebt ist zum Beispiel der Bezug auf Karl Martell. Der Mann amtierte in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts als fränkischer Hausmeier und ist der Nachwelt hauptsächlich deshalb bekannt, weil er im Oktober 732 mit einem aus mehreren Stämmen rekrutierten Heer in der Schlacht von Poitiers eine arabisch-islamische Streitmacht bezwang. Die arabischen Truppen hatten zuvor in sehr kurzer Zeit Spanien erobert und dort eine kulturelle Blütephase eingeleitet, die jahrhundertelang anhielt und ihresgleichen suchte; demgegenüber war Europa nördlich der Alpen und der Pyrenäen damals nur düsteres, unzivilisiertes Hinterland. Das war der Grund, weshalb die arabischen Truppen in den 730er Jahren zwar ab und zu nach Frankreich einfielen, um dort zu plündern, aber kein besonderes Interesse am Verbleib nördlich der Mittelmeerregion hatten und sich, sobald Probleme auftraten, bereitwillig wieder zurückzogen. In der Schlacht von Poitiers holten sie sich ein blaues Auge und machten sich einfach vom Acker, was aber keine größeren Folgen für sie mit sich brachte. Karl Martell, nach dem sich schon eine antiarabische Terrortruppe im Frankreich der 1970er und 1980er Jahre benannt hatte (Groupe Charles-Martel) und der unter Islamhassern heute besondere Beliebtheit genießt, hatte also nicht ganz Europa vor der angeblichen Islamisierung bewahrt, sondern nur eine kulturell hochstehende Macht aus der öden, kein besonderes Interesse weckenden europäischen Provinz verjagt.

Die Reconquista

Ähnlich aussagekräftig wie das Lob auf Karl Martell ist auch der Bezug auf die Reconquista, die sich über Jahrhunderte erstreckende Zurückdrängung des muslimischen Machtbereichs auf der Iberischen Halbinsel durch christliche Kräfte. Antiislamische Organisationen beziehen sich gerne auf sie. Nun, die Reconquista brachte eine ganze Reihe einschneidender Entwicklungen mit sich. Zum einen ging der Kampf gegen den Islam mit einer Verschärfung der Inquisition einher, die ein außergewöhnlich repressives soziales Klima schuf; in besonders hohem Maße waren von ihren Sanktionen und vor allem von den Exekutionen Jüdinnen und Juden betroffen, die zum Christentum übergetreten waren. Dabei ist es zu den Übertritten vor allem deshalb gekommen, weil der Druck auf die spanischen Jüdinnen und Juden während der Reconquista gewaltig wuchs; manche von ihnen konnten sich nur durch die Konversion vor den immer wiederkehrenden Pogromen retten, manche wurden sogar zur Konversion gezwungen. Im selben Jahr, in dem die Reconquista mit der Eroberung des bis dahin muslimisch beherrschten Granada an ihr Ziel gelangte — man schrieb das Jahr 1492 –, zwangen die „Katholischen Könige“ Isabella von Kastilien und Ferdinand II. von Aragón Spaniens jüdische Bevölkerung, sich entweder zu bekehren oder das Land zu verlassen. Spanien wurde mit der Reconquista „judenfrei“. Und nicht zuletzt war 1492 auch das Jahr, in dem Kolumbus in Amerika einfiel und Spanien, durch die Ausschaltung des muslimischen Elements von inneren Widersprüchen freier als zuvor, eine Welle mörderischer kolonialer Ausplünderung in Gang setzte, die unter dem Mantel der katholischen Mission vollzogen wurde und an deren Spätfolgen Lateinamerika noch heute leidet. Die Reconquista zum Vorbild für das heutige Europa zu erheben — das ist in der Tat eine Kampfansage, und zwar keinesfalls nur an die Muslime des europäischen Kontinents.

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