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Krieger und Walküre

Geschlechterverhältnisse im Kontext von Kampfsport in der extremen Rechten

Wie viele Elemente der extremen Rechten erscheint auch der Nazikampfsportsektor als reine Männerwelt: Fast alle Kämpfer sind Männer, fast nirgendwo sonst in der Szene kann man das archaische und dominante Männerbild so in Reinform betrachten. Doch auch Frauen sind bei den Events zu finden, nicht nur im Publikum, auch auf der Matte und als Teil der Organisationsteams. Sie haben kein leichtes Standing, ihr Auftreten wird vom szenetypischen Sexismus begleitet. Einend für Männer und Frauen ist die Vorstellung vom Leben als Kampf, für den man sich bereit und fit halten muss.

Seit April 2016 tritt die russische MMA-Kämpferin Anastasia Yankova beim renommierten internationalen Kampf­sport-Event Bellator Fighting Championship an. Sie ist eine von 38 Frauen unter insgesamt 169 Kämpfer_innen. Yankova hat sich in den letzten Jahren professionalisiert und wird mittlerweile von Nike gesponsert. In sozialen Netzwerken wird sie von Fans an ihre Verpflichtung erinnert: „Bitte vergesse nie, wofür es sich lohnt zu kämpfen! Volk, Nation, Vaterland!“ Begonnen hat Yankova ihre Kampfsport-Karriere bei White Rex. 2013 gewann sie bei einem der Geist des Kriegers-Turniere. Als Hauptdarstellerin eines Promotion-Videos von White Rex mit dem Titel „Strength Through Beauty“ wurde sie zur weiblichen Ikone in der rechten Kampfsport-Szene. Distanziert hat sich Yanova bis heute nicht, sie steht zu ihren Wurzeln.

Auch beim deutschen Kampfsport-Event Kampf der Nibelungen (KdN) findet seit 2016 jeweils ein Frauenkampf statt. So stieg 2016 die JN-Aktivistin Julia Thomä aus Mecklenburg-Vorpommern in den Ring. 2017 traten dann „Tanja aus München“ und die zum Team von Pride France gehörende „Emma aus Frankreich“ gegeneinander an. In einem Bericht über den KdN in der Zeitschrift NS-Heute wird ein Zuschauer des Kampfes mit den Worten zitiert: „Die kämpfen besser als die Männer!” Dennoch scheint diesen Frauenkämpfen in der Selbstdarstellung des KdN keinerlei Bedeutung beigemessen zu werden. Auf der Facebook-Seite der Veranstalter beschwert sich „Emma Artimes“, die den Frauenkampf beim KdN 2017 gewann, in den Kommentaren, dass auch Frauen gekämpft hätten, diese aber nicht im Video auftauchten. Bis auf seltene Ausnahmen wie Yankova werden in der Selbstdarstellung der NS-Kampfsportmarken oder -events Frauen als

„Nummern- und Showgirls“ oder Models gezeigt.

Mutter und Kriegerin — Seiten einer Medaille

Der Widerspruch, in dem sich die Frauen in der NS-Kampfsportszene bewegen, ist so alt wie die NS-Bewegung selbst. Sie wollen aktiver Teil der politischen Bewegung sein, ihre Arbeit wird aber von den Männern nicht als politische anerkannt. Schon Mitte der 1920er Jahre veröffentlichte die Nationalsozialistin Pia Sophie Rogge-Börner Schriften zur Emanzipation von „arischen“ Frauen, ihre Publikation „Die deutsche Kämpferin“ war der erste Versuch einer rassistisch-feministischen Organisierung in der deutschen Rechten. Die Zeitschrift wurde 1937 verboten, Rogge-Börner verfasste danach nur noch Prosa. Auch in den 1980er Jahren wurde über die Stellung von Frauen als aktiver Teil der Kampfgemeinschaft diskutiert. In der Zeitschrift „Die Kampfgefährtin“ der Deutschen Frauenfront (DFF) wurde die Frage thematisiert, welche Rolle Frauen und Mädchen im Straßenkampf zukommen sollte. Immer wieder beanspruchen Frauen ihren Platz, entweder in der ersten Reihe oder zumindest als kämpfende Gefährtin — und immer wieder werden sie von ihren männlichen Kameraden zurechtgewiesen, nicht selten auf extrem sexistische Art und Weise. Es lassen sich Parallelen zur Skinhead-Kultur ziehen.

In der bürgerlichen Gesellschaft gilt die Hausfrau am Herd als Gegenstück zur Kämpferin. In der extrem rechten Ideologie ist diese Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit verschoben, denn auch das Dasein als Mutter wird als Kampf gesehen. Der Kampf der Frauen wird dann nicht mit Waffen ausgetragen, sondern mit der ideologischen Erziehung der Kinder, Frauen können sich damit ideologisch in allen ihren Aufgabenbereichen als wehrhaft und kämpferisch erleben.

Kampfziel „Volksgemeinschaft“

Im Zentrum dieses Verständnisses vom Leben als Kampf steht das Konstrukt der „Volksgemeinschaft“. Die „Volksgemeinschaft“ erscheint vor diesem Hintergrund in einem permanent bedrohten Zustand durch äußere Einflüsse — Stichwort „Großer Austausch“ — und innere Bedrohungen — Stichwort „Blutsreinheit“. Für den Fortbestand der „Volksgemeinschaft“ braucht es „echte“ Männer und Frauen, die gemeinsam als Familie deren kleinste Zelle bilden. Damit bietet das Konstrukt sinnstiftende Identitätsangebote für beide Geschlechter, aus denen sich spezifische Aufgabenbereiche ableiten. Nicht nur die Vorstellung von Geschlecht ist damit biologistisch, sondern auch die Vorstellung der gesamten Gesellschaft als organischer Zusammenhang, als „Volkskörper“. Rassismus und Sexismus sind dabei ideologisch fest miteinander verbunden, was sich auch im extrem rechten Diskurs über Sexismus niederschlägt. Dieser ist nur als ethnisierter Sexismus zu besprechen und muss deshalb von „Fremden“ kommen. Sexismus innerhalb der Szene und des eigenen „Volkes“ wird ausgeblendet.

Die soldatische Männlichkeit

Der Erhalt der „Volksgemeinschaft“ fordert auch von den Männern eine fest bestimmte Rolle. Das Leitbild der Männlichkeit, die sogenannte hegemoniale Männlichkeit, innerhalb der extremen Rechten ist der Soldat. Das Konzept der hegemonialen Männlichkeit, das von der australischen Soziologin Raewyn Connell entwickelt wurde, geht davon aus, dass es gleichzeitig ein gesellschaftliches Machtgefälle zwischen Männern und Frauen und ein Machtgefälle zwischen verschiedenen sozial konstruierten Männlichkeiten gibt. An der Spitze dieser Hierarchie steht die hegemoniale Männlichkeit. Dieser Typus profitiert vollständig von patriarchalen Herrschaftsstrukturen und ist an ihrer Durchsetzung interessiert. Also in den meisten Fällen der weiße, heterosexuelle Cis-Mann, der gesund und körperlich fit ist. Dem Typ der hegemonialen Männlichkeit entsprechen nur wenige Männer, die anderen streben die Idealvorstellung lediglich an.

Hegemoniale Männlichkeit wird dabei als Ergebnis sozialen Handelns verstanden, um die gegebene Geschlechterordnung sowie weitere Machtverhältnisse, die damit verschränkt sind, aufrecht zu erhalten. Dabei ist sie aber auch historisch und gesellschaftlich veränderbar und Modernisierungsprozessen unterworfen. Gesamtgesellschaftlich gesehen, setzt sich aktuell vor allem eine Männlichkeitskonzeption durch, die sich weniger durch physische Durchsetzungsfähigkeit auszeichnet als durch Wissen und Expertentum. Hier zählt also eher der Manager als der Soldat. In der extremen Rechten und dort insbesondere in der Kampfsportszene ist eine andere hegemoniale Männlichkeit anzutreffen: der Mann als kämpferischer, das Volk und die Familie beschützender Recke. In einem Video zu einem von der extrem rechten Partei National Orientierter Schweizer durchgeführten Selbstverteidigungs-Seminar mit Denis Nikitin erklärt dieser, es gehe darum zu lernen, „stark zu sein. Unsere Frauen zu schützen und uns selbst schützen zu können“. Diese Männlichkeitskonstruktion, als doing gender verstanden, bildet sich vor allem auch über den Aspekt der Körperlichkeit heraus.

Wesentliches Element extrem rechter Ideologie sind autoritäre Ordnungsvorstellungen, also die Orientierung an Macht und Stärke, Unterwürfigkeit gegenüber Autoritätspersonen und das Beharren auf Konventionen, Stereotypen und Vorurteilen. Autoritäre Ordnungsvorstellungen gehen dabei auch Hand in Hand mit der Durchsetzung der patriarchalen Ordnung. Die ideologische Hierarchisierung, also die eigene ausgemachte Überlegenheit gegenüber dem Anderen zeigt sich auch innerhalb der hegemonialen Männlichkeit: der Mann als der Stärkere und damit Dominierende gegenüber der Frau und/oder allen Schwächeren gegenüber, die dem hegemonialen Männlichkeitsbild nicht entsprechen. Das Idealbild des extrem rechten Mannes als kämpferischer, völkischer, die deutsche Familie beschützender Kämpfer lässt sich auch als Ausdruck und Versuch der Durchsetzung hegemonialer Ansprüche deuten. Hier bietet sich der Kampfsport besonders an, um dieses Bild zu verkörpern, auszutrainieren und zu zelebrieren.

Gehorsam, Disziplin, Stärke

Die im Kampfsport entstehenden Männerbünde sind kein rein rechtes Phänomen, sie sind aber zumindest unter dem Fokus Gender anknüpfbar für extrem rechte Ideologien. Ähnlich wie in anderen subkulturellen Bereichen wie der Hardcore- und Skinheadkultur ist davon auszugehen, dass extrem rechte Männer sich an Männlichkeitsvorstellungen orientieren, für die es in der modernen Gesellschaft ihrer Ansicht nach keinen Platz mehr gibt, die sich aber in diesen Kontexten nach wie vor wunderbar ausleben lassen. Im Kampfsport tritt der einzelne Mann als Einzelkämpfer in der Gruppe auf, in der er sich seinen Platz in der Hierarchie wortwörtlich erkämpfen und sich gegenüber Schwächeren durchsetzen muss. Innerhalb dieses Männerbundes im Kampfsport geht es aber auch um die oben genannte Stärkung und Verteidigung der individuellen Männlichkeit.

Dieser gemeinsame Kampf in einem von autoritärer Ordnung geprägten, auf Drill ausgelegten Kampfsport-Kontext ist der Ort, an dem sich hegemoniale Männlichkeit konstituieren und manifestieren kann. Verhaltensweisen, die im klassischen Kampfsport das Grundkonstrukt bilden, lassen sich fast eins zu eins in der rechten Ideologie wiederfinden. Gehorsam, Disziplin, Stärke zeigen, Niederlagen einstecken, mit sich selber ausmachen und nicht nach außen zeigen, keinen Schmerz zulassen, für die Sache kämpfen, den Gegner besiegen und im besten Fall ausschalten: alles männlich konnotierte Eigenschaften, die dem Ausbau des Machtanspruchs stützen.

Zwischen Normalo-Kampfsportlern und rechtem Kampfsportler zu unterscheiden, mag auf den ersten Blick gar nicht so leicht sein, da die Übergänge fließend sind und sich der Kampfsport in seiner strukturell männlichen Erscheinung als attraktiver Agitationsraum anbietet, um die rechte Ideologie salonfähig zu machen. Denn primär scheint es erst einmal nur um die Ästhetisierung des Körpers zu gehen, wenn auf das traditionelle Körperideal hin trainiert wird oder die Akzeptanz von Gewalt und Gewaltausübung in einem vermeintlich konsensualen Raum stattfindet. Doch hier wird Gewalt zum doing masculinity: Die Gewalt stellt die Männlichkeit her und damit auch die Unterdrückung des Nicht-Männlichen.

Im Ring und im Gym: fight sexism — fight fascism!

Wie in allen subkulturellen Bereichen, die sich aufgrund ihrer Strukturiertheit als Grauzonen anbieten, ist der Kampf gegen Sexismus eine wichtige Säule im antifaschistischen Kampf. Ob in der Kurve oder auf der Matte, dominante und unreflektierte Männlichkeit ist ein fester Bestandteil faschistischer Ideologien, Männerbünde sind elementar für ihre Struktur. Frauen sind weder friedfertig noch unpolitisch, ihr Aktivismus ist ebenso zu beobachten und zu bekämpfen wie derjenige der Männer.

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