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Männerbünde

Wenn aus Wutbürgern Blutsbrüder werden

„Männerbund“ ist in erster Linie ein ethnologischer Fachbegriff für eine eingeschworene männliche (Krieger-)Gemeinschaft. Erst in den 1970er-Jahren wurde das Bedeutungsfeld des Wortes durch die feministische Bewegung auf alle Vereinigungen ausgedehnt, die Frauen den Zugang verwehren und sich einen eigenen Codex auferlegen. Für das politische Leitbild der extremen Rechten sind Männerbünde ein zentrales Thema. Darin unterscheidet sich die extreme Rechte von allen anderen politischen Gruppierungen.

Ob Rocker, Rotarier oder Zisterzienser: Männerbünde sind in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Organisatorisch und in den Begrifflichkeiten gleichen sie sich häufig bis ins Detail. Der Aufbau von rotarischen Männerclubs und der Hells Angels ist beispielsweise nahezu identisch, sämtliche Geschäfte werden in beiden Vereinigungen ausschließlich durch einen Präsidenten, einen Vizepräsidenten, einen Sekretär, einen für die Disziplin verantwortlichen Clubmaster, einen Activity-Beauftragten und einen Schatzmeister geregelt, es gibt Anwärter und organisierte Supporter, weltweit ist man in identisch strukturierte Charter aufgeteilt. Daraus könnte man ableiten, dass extrem rechte Männerbünde nur eine weitere Kopie solcher Strukturen sind. Doch das würde zu kurz greifen. Das extrem rechte Männerbundkonzept gehört vielmehr zu den Kernideen eines idealen faschistischen Staates, die aufwändig theoretisch, historisch und biologistisch begründet werden.

Bis 1918

1902 lieferte der deutsche Völkerkundler Heinrich Schurtz der völkischen Männerbund-Erzählung den entscheidenden Impuls mit seiner Veröffentlichung „Altersklassen und Männerbünde. Darstellung der Grundformen der Gesellschaft“. Schurtz kam — unterfüttert durch eine Vielzahl völkerkundlicher Beobachtungen — zum Schluss, dass Männer aufwändigere Initiationsriten benötigten als Frauen. Wenn Jugendliche von der mütterlichen, häuslichen Sphäre getrennt werden, verlaufe dies bei Frauen weniger schroff als bei Männern. Männer entwickelten aus dieser Not heraus einen stärkeren „Geselligkeitstrieb“. Maskulinität würde dadurch zum Dynamo für komplexe Gesellschaften. Mit seinem Modell lieferte Schurtz eine Gegenerzählung zu einer sozialistischen Debatte, die sich in diesen Jahren um das prähistorische Matriarchat drehte. Die völkische Bewegung nahm diese Idee schnell auf. Hans Blüher (1888-1955) setzte in diesem Jahrzehnt erstmals Männerbünde in einen antisemitischen Kontext. Bis hin zur Wandervogelbewegung sah Blüher im Männerbund eine spezifisch „arische“ Institution, stets jung, elitär, aggressiv und homoerotisch aufgeladen. Auch die avantgardistische Kunst in der unmittelbaren Vorkriegszeit griff den Männerbund als Thema auf und trug damit zur Kriegsbegeisterung von Intellektuellen bei.

1918 bis 1945

In den 1920er Jahren kam es zu einer weiteren Radikalisierung des völkischen Männerbundgedankens. Vor allem der Germanist Otto Höfler versuchte für Deutschland ekstatische Männerbünde nachzuweisen, die über die Jahrtausende hinweg immer wieder auftauchten. Schamanen gleich könnten sich diese „Berserker“, „Ulfhednar“, „Einherier“ oder wie sie auch immer hießen, in das Wesen von Wölfen oder Bären versetzen. So wären sie zur Ekstase im Kampf und zum Übergang in spirituelle Anderswelten befähigt. Das eine mache sie zu Elitekriegern, das andere zu religiösen Führern. Frühmittelalterliche Abbildungen von Tier-Mensch-Mischwesen deutete er neu als Darstellungen solcher Wolfskrieger. Damit begründete Höfler eine bis heute kaum hinterfragte Bildinterpretation mit fatalen Auswirkungen. Dass in den Wikingersagas diese „Ulfhednar“ nicht unbedingt als Elite, sondern als teilweise bewunderte, teilweise aber auch belächelte „Outlaws“ geschildert werden, kommt in Höflers Erzählungen nachvollziehbarerweise nicht so richtig rüber. Die neue Erzählung des Männerbundes entsprach durchaus dem Zeitgeist: Sah doch Höflers Milieu nach der unverstandenen Kriegsniederlage das deutsche Militär als eine fatalistische, einsame, zum letzten Opfer stets bereite, eingeschworene Gemeinschaft von Männern mit großer Seelentiefe.

Auch in einer zweiten Interpretation bezog sich Höfler bewusst auf die aktuellen Verhältnisse: Er sah die germanische Gesellschaft zweigeteilt in eine männerbündische Parallelwelt und in die offiziellen Herrschaftsstrukturen. Hier zog er eine Parallele zum idealen nationalsozialistischen Staat. Auch dort wurde ein Zweisäulenmodell angestrebt: SS-Staat neben NSDAP-Staat. Zahlreiche NS-Bildungsmedien propagierten Höflers Thesen. Höfler schöpfte mit seinem Männerbundideal aus eigener Erfahrung, er war bereits 1922 Mitglied der Ordnertruppe O. T., einer Vorläuferorganisation der SA, später war er im SS-Ahnenerbe aktiv.

Nach 1945

Da sich Otto Höflers akademische Karriere in der Nachkriegszeit aalglatt fortsetzte, blieben auch seine Ideen salonfähig. Seit den späten 1960er-Jahren wurden sie international aufgegriffen, im französischen Sprachraum machte sie vor allem George Dumézil bekannt, im Italienischen half die Rezeption von Julius Evola bei der Verbreitung. Dem englischsprachigen Raum wurden sie zugänglicher durch die Dissertation von Kris Kershaw, „The One-eyed God. Odin and the (Indo-) Germanic Männerbünde“. Übersetzt wurde die deutsche Ausgabe von Kershaws Werk, das 2007 im extrem rechten Arun-Verlag erschien, bezeichnenderweise durch Carsten „Baal“ Müller, Autor in zahlreichen extrem rechten Postillen, z.B. der Sezession, der am 26. Januar 2015 als Redner der PEGIDA-Abspaltung DÜGIDA in Düsseldorf auftrat.

Höflers Männerbund-Erzählung ist bis heute von Kritik nahezu unberührt und wurde durch zahllose Kurzdarstellungen im Netz und in extrem rechten Medien manifestiert. Deshalb kann ein Autor wie Karlheinz Weißmann mit seiner Männerbund-Monografie beim extrem rechten Antaios-Verlag von 2004 einfach Höflers Thesen im Maßstab 1:1 weitertragen. Jack Donovans Buch „Der Weg der Männer“ folgt demselben Strickmuster — allerdings weitaus gröber als Weißmann. Durch die Einfachheit trägt er das Motiv zwar in die Breite, erzählt es aber derart plump, dass es selbst für so manchen enttäuschten Macho uninteressant wird. Es ist wie bei der fachlich desaströs zusammengezimmerten Wikingerhalle von Donovans Truppe Wolves of Vineland: Wäre diese vor achtzig Jahren gebaut worden, hätten die Jungs wegen Verballhornung nordischen Kulturerbes mächtig Ärger bekommen.

Dennoch: Den entscheidenden Beitrag zur Popularisierung der Männerbund-Ideologie leistete in den letzten beiden Jahrzehnten die Bildmacht des Living-History. Frühmittelalter-Darstellergruppen wie Ulfhednar trugen in Medien, Museen und auf Wikingermärkten unterschwellig die Essenz der Höflerschen Männerbund-Erzählung weiter — an ein Publikum, das extrem rechte Kleinverlage nie erreichen würden.

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