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Männerrechte im Fokus?

Aktivitäten und Inhalte der antifeministischen „Maskulisten“

Der Maskulismus entstand als Spaltprodukt einer ursprünglich antipatriarchalen Männerbewegung, die sich in den 1970er Jahren im linksalternativen und linksradikalen Milieu herausbildete (vgl. LOTTA #48, S. 5—7). Diejenigen Gruppen, Projekte und Personen, die aktuell als Männerrechtsbewegung firmieren, zeichnen sich seit Jahren durch antifeministische und zunehmend rechtspopulistische Inhalte aus.

Wichtigstes Wirkungsfeld des Maskulismus, beziehungsweise der Männerrechtsbewegung, ist bis heute der Netzaktivismus und die damit einhergehende Agitation. Diese umfasst nicht nur eigene Webprojekte, sondern auch Versuche der Einflussnahme auf den politischen Diskurs in den Kommentarspalten und sozialen Netzwerken sowie organisierte Anfeindungen gegen Feminist_innen und sich öffentlich konträr zu den Zielen der Maskulisten äußernde Frauen*. Seit der antifeministischen Vereinnahmung der Männerbewegung bilden Fragen des Sorgerechts und des Kindeswohls einen Kernpunkt des Maskulismus. Männer beziehungsweise Väter werden hier als Opfer von feministischen Bewegungen und anderer weiblicher Machenschaften stilisiert, was zur Folge habe, dass ihnen in Rechtsstreiten das Sorge- und Umgangsrecht für ihre Kinder abgesprochen werde. Dabei wird oftmals behauptet, Mütter würden Gewalttaten der Väter vortäuschen, um diesen ein Umgangsrecht zu verweigern. Die politischen Ziele der Männerrechtsbewegung gehen aber weit über diese Themen hinaus.

Eine der bekanntesten Websites dieses Spektrums ist das Wikipedia ähnelnde Online-Nachschlagewerk WikiMANNia, das von dem Ehepaar Rainer Hamprecht und Christine Hamprecht gegründet wurde. Beide sind für die Vernetzung der sogenannten Maskulisten bedeutende Schlüsselfiguren und betreiben auch das stark frequentierte Online-Forum Wie viel Gleichberechtigung verträgt das Land? (wgvld.com-Forum) sowie den Femokratie-Blog. Bereits die Titel dieser Websites verweisen auf das politische Projekt ihrer Betreiber_innen: Die Maskulisten-Szene hat nicht nur den Feminismus beziehungsweise das, was sie als „feministisch“ ausmachen, im Visier, sondern ihr geht es viel grundsätzlicher um die Zurückdrängung von Frauen aus öffentlichen Bereichen, den Erhalt traditioneller Familienstrukturen und die Festigung männlicher Dominanz. Männer* stellen sie dabei als Opfer eines um sich greifenden Feminismus dar. Die krude Theorie der „Femokratie“ besagt beispielsweise, dass der deutsche Staat in allen Bereichen von Feminismus durchzogen sei, was sich bereits in der Person der Bundeskanzlerin zeige, und dass in der Gesellschaft „männliche Belange“ unterdrückt würden.

Zugleich orientieren sich Maskulisten in ihrer aktuellen Themenwahl nicht nur an den Forderungen von radikalen Abtreibungsgegner_innen, sondern beteiligen sich seit 2015 verstärkt an der Hetze gegen Geflüchtete. Gefordert wird eine „Willkommenskultur für Ungeborene, nicht für Flüchtlinge“. Die Wortwahl ähnelt nicht zufällig der Sprache von Bewegungen wie PEGIDA oder der Alternative für Deutschland (AfD).

Inhalte der „Maskulisten“

Fast alle Inhalte der antifeministischen Männerrechtsbewegung sind von Ideologieelementen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit durchzogen. Dies kann beispielhaft an den Beiträgen im Internetforum wgvdl.com aufgezeigt werden, im dem über 270 registrierte und aktive User regelmäßig posten und kommentieren. Deutlich zu erkennen sind begriffliche Überschneidungen zu anderen rechtspopulistischen Gruppierungen. Sowohl bei der antifeministischen Männerrechtsbewegung als auch bei verschiedenen rechtspopulistischen Gruppen herrschen ein klares Feindbild und eine damit einhergehende Opferideologie vor. Obwohl sich innerhalb des maskulistischen Diskurses diese Opferideologie, wie bereits erwähnt, primär auf einen vermeintlich allmächtigen und bedrohlichen Feminismus konzentriert, inszenieren sich viele User auch als Opfer von Fluchtbewegungen. Dabei werden Geflüchtete zur omnipotenten Bedrohung für Deutschland stilisiert.

Verschränkung mit rassistischen Diskursen

„Nein, die Musels sind schlau! Sie grabschen nur hübsche, junge Frauen, alternde Lehrerinnen wollen sie nicht berühren…“ (User_in SpiegelIn, 2016)

Im Rahmen maskulistischer Argumentationen wird sich häufig auf eine deutsche Nation berufen, welche als schützenswert angesehen wird und die es dringend zu verteidigen gilt. Die Feindlichkeiten gegenüber Geflüchteten und insbesondere muslimischen Menschen beschränken sich nicht ausschließlich auf eine rassistische Wortwahl, sondern knüpfen direkt an Forderungen von rechtspopulistischen Gruppierungen an. Ein gängiges Argument, welches als Rechtfertigungsversuch der Hetze gegen Geflüchtete gelten soll, sind hier interessanterweise „Frauenrechte“. So behaupten maskulistische Akteur_innen häufig, sexualisierte Gewalt würde ausschließlich von Geflüchteten ausgehen. Eine häufig verwendete Bezeichnung für Geflüchtete, die sich im wgvdl.com-Forum findet, ist der Begriff „Rapefugees“, der eine Wortkombination aus Rape (engl. Vergewaltigung) und Refugees (engl. Geflüchtete) darstellt. Von muslimischen Personen wird in der Regel ausschließlich unter dem rassistischen Terminus „Muselmanen“ gesprochen.

Hier zeigt sich die Externalisierung von (sexualisierter) Gewalt gegen Frauen* und das proklamierte Selbstbild des Mannes als „Beschützer“. Ansonsten stellen Maskulisten die Gewalterfahrungen von Frauen* regelmäßig in Abrede, denunzieren sie als „Falschbeschuldigungen“ und „Täuschungen“. Das Thema Falschbeschuldigungen im Zusammenhang mit Anzeigen wegen sexualisierter Gewalttaten wird sowohl im wgvdl.com-Forum als auch in verschiedenen maskulistisch geprägten Weblogs häufig thematisiert. Dabei werden die wenigen Frauen*, die es schaffen, sexualisierte Gewalt zur Anzeige zu bringen, unter Generalverdacht gestellt. Diese Agitation kann anknüpfen an gängige Mythen über lügende und hinterhältige Frauen* sowie an eine verbreitete „Rape Culture“, die sexualisierte Gewalt bagatellisiert und toleriert und den Opfern eine Mitschuld an dem erfahrenen Leid gibt.

Die Forderung „Willkommenskultur für Ungeborene, nicht für Flüchtlinge“ knüpft an die Inhalte von fundamentalistischen Abtreibungsgegner_innen an und lädt sie rassistisch auf. Neben einem noch repressiveren Gesetz im Zusammenhang mit Schwangerschaftsabbrüchen wird mitunter auch ein Mitbestimmungsrecht von Vätern bei der Entscheidung über einen Schwangerschaftsabbruch gefordert. Dabei steht häufig das „deutsche Volk“, welches es zu schützen gelte, im Mittelpunkt der Argumentation. So heißt es beispielsweise bei WikiMANNia: „Familiennachzug und Willkommenskultur für illegale Invasoren, Abtreibung und Zerstörungskultur für deutsche Familien.“ Bedroht sei das „deutsche Volk“ neben Einwanderung und Schwangerschaftsabbrüchen ferner durch Möglichkeiten der Eheschließung für Homosexuelle. Bei all diesen Argumentationen stehen biologistische Erklärungsversuche im Vordergrund: sei es, um eine vermeintliche Kindeswohlgefährdung bei gleichgeschlechtlichen Paarbeziehungen zu rechtfertigen, sei es, um den Schutz des vermeintlich bedrohten deutschen Volkes zu fordern.

„Linksfaschismus“ und „Homolobby“

„Gegen eine so mächtige Homolobby haben wir nicht einen Hauch einer Chance. Es ist verloren, ziehen wir uns zurück. Die einzige Hoffnung die uns bleibt ist ein neues AIDS. Keine Ahnung wann sowas kommt und wie es aussieht.“ (User_in SpiegelIn im wgvdl-Forum, 2015)

Viele Akteur_innen der Männerrechtsbewegung fühlen sich nicht nur durch den Feminismus diskriminiert, sondern ebenfalls der, wie sie es nennen, „Homolobby“ chancenlos ausgeliefert. Diese wäre allmächtig, omnipräsent und hätte das Ziel, die Gesellschaft zu unterwandern. Im darauf folgenden Post wird von einem User sogar gefordert, den §175 StGB, welcher gleichgeschlechtliche Handlungen bis 1994 unter Strafe stellte und in Zeiten des Nationalsozialismus die gesetzliche Grundlage für die Verfolgung und Ermordung von homosexuellen Männern* gebildet hat, wieder einzuführen.

Ein klares Feindbild stellen auch die Gender Studies dar, die ein User als „Genderforschung — Studienfach für Linksfaschisten (Political Correctness)“ charakterisiert. Begriffe wie „Linksfaschisten“ und „Political Correctness“ verweisen auf die Verwurzelung des Schreibenden im Rechtsaußen-Diskurs.

Wachsender Einfluss

Die Männerrechtsbewegung stellt, auch wenn sie von vielen Seiten immer noch als Internetphänomen abgetan wird, ein wachsendes und an Einfluss gewinnendes Phänomen dar, das antifeministische, rassistische, sexistische und LGBTIAQ*-feindliche Inhalte in die Öffentlichkeit trägt. Zum wachsenden Einfluss des Maskulismus trägt vor allem die AfD bei, die dessen Antifeminismus und viele zentralen Forderungen teilt. So stellt die nordrhein-westfälische AfD in ihrem Landeswahlprogramm 2017 fest, dass unter dem „Vorwand der Antidiskriminierung und der Toleranz […] ,Gender Mainstreaming‘ der Versuch [sei], dem Bürger sein Privatleben und seine Vorlieben vorzuschreiben.“ Während also der Abbau von Diskriminierung von Frauen als repressiv abgelehnt wird und die AfD deshalb folgerichtig auch fordert, Gleichstellungsbeauftragte und Quotenregelungen abzuschaffen, will sie explizit die „Entwicklungschancen von Jungen und Männern fördern“ und die „Entwicklung von Leitlinien gegen Jungen-, Männer- und Väterdiskriminierung“ vorantreiben.

Aus antifaschistischer Perspektive sind die Inhalte der Maskulisten aufzudecken und die von „Hate Speech“ betroffene Personen zu unterstützen. Unumgänglich ist es zudem, Veranstaltungen der Männerrechtsbewegung kritisch zu begleiten und Gegenmaßnahmen zu organisieren. Hier muss berücksichtigt werden, dass sich insbesondere User der Websites WikiMANNia und wgvdl.com vernetzen, um gemeinsam an rechten Demonstrationen und Versammlungen teilzunehmen. Aktuell wird beispielsweise die aus dem Kreis der Identitären organisierte #120dezibel-Kampagne mit den dazugehörigen Demonstrationen beworben. Auch Termine von PEGIDA-Demonstrationen werden auf verschiedenen Plattformen geteilt und zumindest ideell unterstützt. Organisationen der maskulistischen Bewegung veranstalten aber auch selbst Aktionen und Veranstaltungen. So will am 9. Juni 2018 bereits zum dritten Mal der Verein Väteraufbruch für Kinder. Kreisverein Köln e.V. in Köln auf die Straße gehen. Mobilisiert wird zu einer „bundesweiten Demo“. Für November 2019 wird der dritte „Deutsche Gender Kongress“, organisiert von Väternetzwerk e.V., angekündigt, der zuletzt 2017 in Nürnberg unter Beteiligung einer großen Zahl maskulistischer Gruppen stattfand.

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