Von

Vielfalt und Gleichheit statt „Natürlichkeit“ und Dominanz

Extrem rechte Geschlechterpolitiken als Herausforderungen für geschlechterreflektierte Pädagogik

Geschlechterpolitische Themen stellen stets einen zentralen Bestandteil extrem rechter Politiken dar. In der Auseinandersetzung mit der extremen Rechten ist eine geschlechterreflektierte Pädagogik notwendig. Für eine solche Pädagogik bedarf es gut ausgebildeter Pädagog*innen, die ihre Vorstellungen einer geschlechtlichen und sexuellen Vielfaltspädagogik in Abgrenzung zu den anti-egalitären Vorstellungen von rechts entwickelt haben.

Aktuelle Mobilisierungen von (extrem) rechts mit Bezug auf Geschlecht und Männlichkeit laufen in etwa folgendermaßen ab: Es wird die Fiktion eines zweigeschlechtlichen und heteronormativen Urzustandes als Naturzustand phantasiert, der gegenüber einer gesellschaftlichen (sexuellen und geschlechtlichen) Pluralisierung verteidigt werden müsse. Völkisch-nationalistische, ultraklerikale, familien-populistische sowie weitere extrem rechte Gruppierungen gehen mit aller (zunächst sprachlichen) Gewalt gegen sexuelle und geschlechtliche Vielfalts- und Gleichstellungspolitiken vor. Pädagogische Ansätze, die geschlechtliche und sexuelle Vielfalt und Gleichheit sowie die Förderung individueller Entwicklungsmöglichkeiten von Menschen zum Ziel haben, werden zur Zielscheibe. Die Kern-Message einer extrem rechten „Anti-Gender-Allianz“ lautet: Kollektiv erkämpfte Selbstbestimmungsrechte bedeuten keine Freiheit. Die wahre Freiheit würde darin liegen, einer (vermeintlichen) Natur schicksalshaft folgen zu dürfen. Mit aller Macht werden auf diese Weise zweigeschlechtliche Differenzen wieder relevant gemacht und hierarchisch geordnet.

Männlichkeit wird dabei in besonderer Form angerufen. Es wird eine wahrhafte Männlichkeit gefordert, damit Männer wieder ihre Rolle als Gestalter von Gesellschaft und geschlechtlicher Ordnung wahrnehmen sowie diese dann gegenüber „fremden Männern“ verteidigen können. Spiegelbildlich wird in (extrem) rechten Mobilisierungen wiederum das Versprechen gemacht, Männlichkeit und Weiblichkeit in wahrhaftiger Form leben zu können. Männer dürfen (als Versprechen) und sollen (als Anforderung) ihrer „authentischen“ Bestimmung wieder nachkommen, zum Beispiel, indem sie Stärke zeigen, kämpfen, verteidigen und beschützen. Die (extrem) rechten Versprechen lauten: Authentizität, geordnete Verhältnisse, identitäre Platzanweisungen, exklusive Solidarität und Erhalt von Dominanzpositionen.

Ein herausforderungsvoller Balanceakt

In Bezug auf geschlechterpädagogische Fragen gilt, was für präventive Ansätze im Allgemeinen gelten sollte: keine pädagogische Arbeit mit (extrem) rechten Ideolog_innen und Kader_innen. Mit Vertreter_innen der extremen Rechten pädagogisch (in offenen Formaten) zu arbeiten, ignoriert gänzlich, dass nicht Verständigung das Ziel der Rechten ist, sondern dass sie ihre Inhalte, in denen es um Ausschluss (sexueller und geschlechtlicher Vielfalt), um exklusive Solidaritäten (für heteronormative, deutsche Familien) und um hierarchi­sche Ordnungen (zwischen Männern und Frauen) geht, durchsetzen wollen. Auf geschlechter- und sexualpolitische Fragestellungen bezogen zeigt Steffen K. Herrmann in einem Aufsatz im 2015 erschienenen Sammelband „Anti-Gen­derismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen“ auf, dass eine (extrem rechte) „Anti-Gender Allianz“ keine demokratische Aushandlung rund um Fragen geschlechtlicher und sexueller Politiken führen kann, da „die Pluralität von Geschlecht, Begehren und Sexualität das nicht-anerkennbare Andere des politischen Diskurses“ von rechts bildet. Es geht in ihren (Diskurs-)Interventionen darum, die andere Position mit Mitteln der (sprachlichen) Gewalt zu vernichten.

Für Pädagog_innen muss es daher darum gehen, die geschlechterpolitischen Interventionen von rechts in ihrer Ausrichtung zu erkennen, zu verstehen, einzuordnen und auf sie reagieren zu können. Gerade der letzte Punkt ist keine einfache Aufgabe, weil die Themenfelder, entlang derer rechte Mobilisierungen stattfinden, oftmals mit starken Emotionen verknüpft sind. So wird sexuelle Vielfaltspädagogik als „Frühsexualisierung“ diffamiert, oder es werden schlicht falsche Behauptungen aufgestellt, zum Beispiel dass Männer und Frauen unter dem Vorzeichen geschlechtlicher Vielfalt nicht mehr männlich beziehungsweise weiblich sein dürften. Extrem Rechte nehmen eine Haltung des Authentischen für sich in Anspruch, der zufolge man* sich nicht mehr verbiegen müsse.

Für Pädagog_innen resultiert aus dieser Konstellation ein herausforderungsvoller Balanceakt: Sie müssen sich gegen Angriffe von rechts wappnen und dürfen den Ideolog_innen einer „Anti-Gender-Allianz“ keine Bühne für ihre Gewaltandrohungen bieten. Zugleich gilt es, die aufgeworfenen Fragen in authentischer Weise zu bearbeiten und für eine sexuelle und geschlechtliche Vielfalts- und Gleichheitspolitik einzutreten. Authentisch heißt hier nicht, auf eine imaginierte Natürlichkeit zurückzugreifen; vielmehr handelt es sich hier um das Ergebnis reflexiver und prozesshafter Verständigungsprozesse über Geschlechterfragen. Um das zu entwickeln, sind Aus- und Weiterbildungen nötig, in denen Teilnehmende Zeit für eine Beschäftigung mit eigenen vergeschlechtlichen Sozialisationserfahrungen haben, sie selbst eine Haltung zu geschlechter- und sexualpolitischen Vielfalts- und Gleichheitsperspektiven entwickeln können, dabei eigene Wünsche, Ängste und Verunsicherungen im Austausch mit anderen bearbeiten und sich ein fundiertes Wissen über die anti-egalitären Ziele extrem rechter geschlechterpolitischer Mobilisierungen aneignen können.

Entlastung von Männlichkeitsanforderungen

Auf pädagogischer Ebene gilt es zu verstehen, welche Attraktivitäten extrem rechte Geschlechterangebote möglicherweise für Kinder, Jugendliche und Erwachsene entwickeln können. An dieser Stelle müssen Stichworte in Bezug auf Männlichkeitsversprechen und -anforderungen ausreichen: Rechte Männlichkeitsbilder geben vor, das mit Männlichkeit verknüpfte Souveränitätsversprechen in Verbindung mit Überlegenheitsphantasien einzulösen. Aushandlungsanforderungen werden durch starre Männlichkeits- und Weiblichkeitsvorstellungen abgewehrt. In (extrem rechten) Männerbünden wird Freundschaft und exklusive Solidarität versprochen. Dies und mehr wird mit dem Nimbus des Authentischen umgeben, mit dem Männlichkeit wieder unhinterfragbar gemacht werden soll.

Ansätze geschlechterreflektierter Pädagogik setzen an einer Entlastung von Männlichkeitsanforderungen an. So stellt das mit Männlichkeit verknüpfte Versprechen von Souveränität zugleich auch deren krasseste Anforderung dar, nämlich immer souverän sein zu müssen. Davon kann entlastet werden, indem Gefühle der Schwäche oder der Furcht sowie die Bereitschaft zur Aushandlung ambivalenter Wünsche oder Interessen gezeigt werden können. Gerade die von rechts abgewehrte Aushandlungskompetenz wird gestärkt, um zwischen verschiedenen (vergeschlechtlichen) Handlungsoptionen abwägen zu können.

Meta