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Geschichtspolitik für die AfD

Der Verein „Alternativer Kulturkongress“ aus Paderborn
Bundestag und Herrmannsdenkmal - Screenshot der Website

„9.n Chr. — Schlacht im Teutoburger Wald“, „955.n Chr. — Schlacht auf dem Lechfeld“, „1830 — Völkerschlacht bei Leipzig“, „1871 — Deutsche Reichsgründung“ und „1989 — Fall der Berliner Mauer“. Mit pathetischer Musik unterlegt werden diese historischen Daten im Werbevideo des „Alternativen Kulturkongresses“ eingeblendet. „Nur wer weiß, woher er kommt, bestimmt wohin er geht“ lautet das Motto des AfD-nahen Vereins aus dem ostwestfälischen Paderborn (NRW).

Der Alternative Kulturkongress Deutschland e.V. wurde am 14. Februar 2016 im Ratskeller in Paderborn gegründet und beim Amtsgericht Paderborn eingetragen. Eingeladen hatte Gründungsmitglied Matthias Tegethoff bereits im Dezember 2015. Tegethoff ist nicht nur Beisitzer im Vorstand des AfD-Kreisverbands, sondern auch Sprecher der seit Januar 2014 bestehenden Jugendorganisation der AfD, der Jungen Alternative (JA) im Kreis Paderborn. Der Verantwortliche für die Homepage des Vereins, Julian Hermneuwöhner aus Bad Lippspringe, ist laut Impressum der Facebook-Seite der JA Paderborn Teil des Vorstandes des JA-Bezirksverbands Detmold und Beisitzer im Vorstand des Kreisverbands Paderborn der AfD. Mittlerweile ist die Anbindung des Alternativen Kulturkongresses e.V. an die AfD Paderborn noch enger geworden. Seit Ende März 2017 sind mit Andreas Kemper und Karl-Heinz Tegethoff der Vorsitzende der AfD-Fraktion im Paderborner Kreistag und der Sprecher des AfD-Kreisverbands Paderborn im Vorstand des Vereins aktiv. Die AfD Paderborn hat sich von Anfang an am völkischen Kurs des AfD-Flügels um Björn Höcke orientiert.

Nähe zu „Identitären Bewegung“

Öffentlich in Erscheinung trat der Alternative Kulturkongress erstmals beim AfD-Bundesparteitag am 30. April 2016 in Stuttgart. Mit Flugblättern wurde für den 11. Juni 2016 eine Veranstaltung in der Nähe von Bielefeld beworben, auf der Höcke, der AfD-Kommunalpolitiker Rainer Peitz aus Wetter (Ennepe-Ruhr-Kreis), der Compact-Autor Peter Feist sowie Martin Sellner, Kopf der Identitären Bewegung (IB) in Österreich, referieren sollten. Auch bei einer Kundgebung der AfD am 13. Mai 2016 in Paderborn, auf der Höcke sprach und zahlreiche Aktivisten der ostwestfälischen Naziszene anwesend waren, wurden diese Flugblätter von IB-Aktivisten verteilt. Zwischen dem Alternativen Kulturkongress und der IB bestehen personelle Überschneidungen. Die Vereinsmitglieder Davy Mühlenbein und Savin Legard waren auch an der Gründung des ebenfalls in Paderborn eingetragenen Vereins Identitäre Bewegung Deutschland e.V. (vgl. Lotta #64 S.12 ff) beteiligt.

Die erste Veranstaltung des Alternativen Kulturkongress wurde jedoch kurzfristig abgesagt, nachdem zunächst noch die AfD-Politiker André Poggenburg und Alexander Gauland statt Sellner als Referenten angekündigt worden waren. Anstelle eines großen „Kongresses“ mit mehreren Referenten fand schließlich am 16. Juli 2016 in einer Dorfkneipe in der Nähe von Paderborn ein Vortrag mit Martin Sellner statt. Insgesamt organisierte der Alternative Kulturkongress seitdem mindestens zehn Vortragsveranstaltungen und themenbezogene Exkursionen im Raum Ostwestfalen-Lippe.

„Ich will keine deutsche Leitkultur“

In seinem Referat unter dem Titel „Wozu eine deutsche Leitkultur?“ am 24. Juli 2017 zog der damalige Landesvorsitzende der AfD Niedersachsen, Armin-Paul Hampel, die ganz großen historischen Linien, beginnend mit der Varusschlacht als Geburtsstunde einer „deutschen Kultur“. Da mit dem Sieg Arminius’ über die Römer im Jahr 9. n Chr. „die Romanisierung Europas […] ein Ende [hatte], sprechen wir heute alle deutsch, eine germanische Sprache und keine romanische“. Die deutsche Kultur habe sich aus der Abgrenzung der Germanen gegenüber den Römern entwickelt. Von der gotischen Architektur, über das Handwerk, die Kunst, Musik, Literatur und Wissenschaft entwickelt Hampel das Bild einer „deutschen Kultur“, in der er die „Wesensart“ der Deutschen (Wahrhaftigkeit, Streben nach Erkenntnis, Wertarbeit und Qualität) erkennen will. Modernisierung und Globalisierung würden diese gefährden. Sein monolithisches Kulturverständnis bringt Hampel in der Einleitung seines Vortrags auf den Punkt: Er wolle „keine deutsche Leitkultur […]; Wir leben in Deutschland, wir sind Deutsche und deshalb gibt es eine deutsche Kultur.“ Für Hampel sind weniger gesamtgesellschaftliche Entwicklungen zentral für Geschichte und Kultur, sondern „einzelne Personen, die […] in diesem Land gewirkt haben und die maßgeblich zu dem beigetragen haben, was wir heute sind.“

Geschichte „großer deutscher Männer“

Der Header der Facebook-Seite des Vereins bildet die Konterfeis von Kaiser Otto dem Großen, Konrad Adenauer, Oswald Spengler, Otto von Bismarck und Richard Wagner ab. Diese am Wirken „großer“ Männer orientierte Perspektive entstammt der sich im 19. Jahrhundert formierenden modernen Geschichtswissenschaft und verweist auf die Fokussierung von Geschichte als Herrschafts- und Nationalgeschichte. Geschichtlich wird dabei der Bogen von der Gründung des „Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation“ bis zur deutschen Nachkriegszeit und ideologisch vom katholischen Konservatismus bis zum nationalistisch-antidemokratischen Theoretiker Oswald Spengler gespannt. Spenglers erstmals 1918 erschienenes Werk „Der Untergang des Abendlandes“ stellt bis heute einen zentralen Bezugspunkt der „Neuen Rechten“ dar. Spengler galt Geschichte als Aufstieg und Niedergang von Kulturen und Zivilisationen. Für den „Untergang des Abendlandes“ waren für Spengler der westliche Kapitalismus, die mit Urbanisierung einhergehende Dekadenz, die Ideale der Französischen Revolution und die Demokratie verantwortlich. Auch zur weiteren Verbreitung antisemitischer Ideen trug Spengler bei, indem er das Judentum als „zersetzendes Element“ bezeichnete, welches unfähig sei, sich der abendländischen Kultur anzupassen und einen Fremdkörper in Europa darstelle.

Für die Macher des Alternativen Kulturkongresses gelten neben diesen „großen Männern“ besonders Orte wie das als „Elbflorenz“ verehrte Dresden, die Paulskirche in Frankfurt am Main oder der Berliner Reichstag als Symbole der „Deutschen Kultur“. Eine besondere Bedeutung nimmt auch das Hermannsdenkmal und die als „sagenhaftes Hermannsland“ mystifizierte Region Ostwestfalen-Lippe ein.

Heimat erleben — Mythenregion OWL

Mit einer Wanderung unter dem Motto „Auf den Spuren von Vidukind und Karl der Große“ [sic!], die der Alternative Kulturkongress in Kooperation mit der AfD-Gruppe im Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) am 28. November 2017 durchführte, wird ein zentraler Mythos der deutschen Nationalerzählung thematisiert, der besonders für die Region von Bedeutung ist. Widukind, der in der kleinen Stadt Enger im Kreis Herford begraben worden sein soll, verkörpert die Position des widerständigen heidnischen Sachsen, der sich gegen die als fremd gedeutete Christianisierung wehrte, während Karl der Große als Begründer des christlichen Europas gilt.

Im Rahmen des sogenannten „Kulturstammtischs“ des Vereins ging es am 13. Oktober 2017 in einem Vortrag um sagenumwobene Orte in Ostwestfalen-Lippe. Unter der Überschrift „Sagenhaftes Hermannsland“ werden auf der Homepage des Vereins Geschichten, Märchen und Sagen sowie die damit verbundenen mythisch aufgeladenen Orte in der Region thematisiert. Schon Ende des 19. Jahrhunderts galt Ostwestfalen-Lippe in Teilen der völkischen und nationalistischen Bewegung als „germanisches Kernland“. Den völkischen Mythos des Arminius als Einiger und Befreier der germanischen Stämme von der „Fremdherrschaft“ der Römer, für den in verklärender Absicht der Name „Hermann der Cherusker“ erfunden wurde, griff die NSDAP im Landtagswahlkampf 1933 in Lippe auf und prägte mit dem Wahlkampfmotto „Macht frei das Hermannsland!“ diese Bezeichnung für die Region. Die mystische Aufladung der Figur des „Hermann“ wirkt bis heute nach.

Der deutsche „Schuldkult“

Der Alternative Kulturkongress sieht das Narrativ einer 2.000-jährigen Geschichte der Deutschen durch die geschichtspolitische und erinnerungskulturelle Thematisierung der Shoah und weiterer NS-Verbrechen verdrängt. So schreiben sie zum Thema Erinnerungskultur auf ihrer Homepage von einem „historischen Tunnelblick“ und beklagen ein „Verblassen großer deutscher Zivilisations- und Kulturleistungen“, da „unsere Geschichte, was die Zeitabläufe und Ereignisse aus der Zeit vor dem ‚Dritten Reich‘ angeht, heute größtenteils unbekannt sind“. Doch ohne diese „historischen Vorbilder“ wäre es nicht möglich, „Stolz für das eigene Volk zu empfinden“. Vor allem die „Alleinschuldthese der Deutschen am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges“ sei es, die für diese Negativwahrnehmung verantwortlich sei. Im Folgenden werden die Minderheiten-Politik in Polen und der Tschechoslowakei und deren Beziehungen zu Nachbarstaaten in der Zwischenkriegszeit sowie die Verträge von Versailles als Ursachen des Zweiten Weltkriegs aufgeführt.

Die in dem Text formulierte Argumentation gleicht den Thesen des geschichtsrevisionistischen Autors und Generals a.D. der Bundeswehr Gerd Schultze-Rhonhof. Dieser referierte am 18. Mai 2017 zum Thema „Selbstwahrnehmung und Staatlichkeit: Deutschlands falsches Geschichtsbild, ein Grund für die nationale Selbstverachtung“ beim Alternativen Kulturkongress. Schultze-Rhonhof ist mit seinem 2003 im Münchener Olzog-Verlag erschienenen Buch „Der Krieg, der viele Väter hatte“ einer der bekanntesten Geschichtsrevisionisten der Bundesrepublik. Er befasst sich mit der „Vorkriegsgeschichte“ des Zweiten Weltkrieges und versucht, Deutschlands Nachbarstaaten Kriegspläne gegen Deutschland nachzuweisen, um so das nationalsozialistische Deutschland von der Verantwortung für den Krieg freizusprechen. In der extremen Rechten wurde Schultze-Rhonhofs Buch begeistert aufgegriffen. Dort tritt er auch immer wieder als Referent auf.

„Kulturkampf“ für die AfD

Das Geschichtsbild des Alternativen Kulturkongresses legitimiert zentrale Begriffe wie „Volk“, „Nation“ und „Kultur“ scheinbar historisch. Geschichte dient somit einem „Kulturkampf“, indem ein exklusiv gedachtes, homogenes Gemeinschaftskonzept gegen ein plurales, inklusives Gesellschaftsverständnis in Stellung gebracht wird. Als AfD-naher Verein stellt der Alternative Kulturkongress eine Besonderheit dar. Geschichtspolitische Aussagen finden sich ansonsten zumeist in Reden einzelner AfD-Politiker wie Björn Höcke oder Alexander Gauland. Die zentralen Figuren des Alternativen Kulturkongresses sind insbesondere mit dem AfD-internen völkischen Zusammenschluss Der Flügel eng verbunden.

Dies zeigt auch der für den 24. November 2018 angekündigte Kongress des Flügels, der als „Hermannstreffen 2018“ im Raum Ostwestfalen angekündigt ist. Neben den AfD-Politikern Björn Höcke, Thomas Rökemann (MdB aus dem Kreis Minden-Lübbecke) und Christian Blex (MdL aus dem Kreis Warendorf), wird auch Gianluca Savoini von der extrem rechten italienischen Regierungspartei Lega als Referent angekündigt. Die Anmeldungen für die Veranstaltung laufen über die Homepage des Alternativen Kulturkongresses.

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