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„Content“ für die Bewegung

Online-Medienprojekte aus der Neonazi-Szene
Foto: LOTTA

„Volksfront Medien“ (VFM) war 2006 ein Vorreiter-Projekt bei der Produktion von Internetvideos aus der Neonazi-Szene. Seitdem hat sich die Szene in diesem Bereich weiter professionalisiert, neue Online-Projekte sind entstanden.

Mit Volksfront Medien ging 2006 eines der ersten semiprofesionellen neonazistischen Medienportale an den Start. Das Projekt wurde im „nationalen Wohnprojekt“ von dem Szeneaktivisten Marcel Wöll in Butzbach-Hochweisel gegründet und sollte in den kommenden Jahren der Neonazi-Szene einen spürbaren Modernisierungsschub geben.

Wöll war damals Stadtverordneter der NPD in Butzbach sowie Landesvorsitzender der hessischen NPD. Bei Volksfront Medien agierte er unter anderem als Moderator der Nachrichtensendung „Kritische Nachrichten der Woche“. Treibende Kraft des Projektes waren aber vor allem Christian Müller und Kevin S., der sich die Schnitttechnik selbst aneignete. Auf dem Gelände in Butzbach entstanden in einem kleinen Studio auch kurze Videoclips und Werbevideos für Neonaziaufmärsche. Die Videos folgten meist dem gleichen Muster: Politische Botschaften, die direkt an die Konsumentin gerichtet waren, wurden in prägnanten Sätzen in Bewegung frontal in die Kamera gesprochen. Die ProtagonistInnen wirkten authentisch, die Musik und die Schnitte taten ihr übriges, um für eine durch MTV geprägte Generation kompatibel zu sein. Die radikalen Botschaften sorgten für öffentlichen Wirbel. Einige dieser Clips erreichten auf YouTube über 500.000 Klicks.

In der Szene wurde das Projekt euphorisch aufgenommen. Die mühselige Arbeit, Flugblätter zu produzieren und an die Leute zu bringen, schien vorbei. Stattdessen druckten Neonazis aus Dortmund Schnipsel in Zehntausender-Auflage, auf denen lediglich der Link zum neusten VFM-Video stand und verteilten diese nachts auf Schulhöfen.

Mit der Zeit brach das Wohnprojekt in Butzbach auseinander. Müller, mittlerweile beeinflusst durch seine Nähe zur Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ), wollte zurück zu klassischer Propaganda und Darstellungsformen. Er führte VFM noch eine Weile fort. Kevin S. interessierte sich mehr für Themen der „Autonomen Nationalisten“ und zog nach Jena ins „Braune Haus“. Hier startete er 2007 sein neues Projekt Media pro Patria (MPP) zusammen mit unter anderem dem damaligen, mittlerweile ausgestiegenen Blood & Honour-Kader Patrick W. und dem heutigen Nazikampfsportler Philipp Liebetrau. Zusammen produzierten sie Videos in gewohnt hoher Schlagzahl. Schon nach wenigen Monaten ging S. wieder zurück nach Hessen und wurde nach seiner Inhaftierung aufgrund eines Übergriffs auf ein Jugendlager der Linksjugend Solid‘ aus der Gruppe ausgeschlossen. MPP verblieb in Thüringen und produzierte bis 2010 weiter Videos.

Professionelle Propaganda aus Dortmund

Ungefähr zeitgleich mit der Entstehung von Volksfront Medien bauten auch Dortmunder Neonazis ihr Online-Angebot aus. Videos produzierten sie eher selten, stattdessen entstand mit dem Infoportal Dortmund eine lokale Nachrichtenseite. Zuvor hatten „Autonome Nationalisten“ aus Dortmund seit 2002 das bundesweit wichtigste Internetportal der Kameradschaften „widerstand.info“ administiert. 2005 verlor die Seite aber nach einem Hack des angeschlossenen Forums an Bedeutung.

Nach dem Verbot des Nationalen Widerstands Dortmund 2012 etablierte Die Rechte Dortmund als Ersatz für das Infoportal die Website DortmundEcho, die tagesaktuell berichtet. Schwerpunkte der Berichterstattung sind rassistische Inhalte („kriminelle Ausländer“), stadtpolitisches Tagesgeschehen (Berichte aus dem Stadtrat und den Bezirksvertretungen) sowie rechte Veranstaltungsberichte und Terminhinweise.

Einer der ersten rechten Twitter-Accounts aus Dortmund, der nach dem Verbot aktiv wurde, ist der von Kadern genutzte „@beobachterDO“, der Name ist einer Anspielung auf das NS-Propaganda-Organ „Völkischer Beobachter“. Ebenso wie das DortmundEcho dient der Account der Agitation und Verbreitung von Propaganda.

Mit dem Einzug ins Dortmunder Rathaus ergaben sich neue Finanzierungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten, so ist Christoph Drewer als „Beauftragter für Außenwerbung“ zuständig. Sein Bruder Matthias Drewer kümmert sich als Fotograf („Stahlfeder-Fotografie“) um die richtige Inszenierung rechter Veranstaltungen wie zum Beispiel des „Kampfs der Nibelungen“. Durchaus professionelle Layouts entwirft der in Dortmund lebende Martin Wegerich, der als Vlanze Graphics Material für Die Rechte und für viele große RechtsRock-Label und -Bands erstellt.

Rechtsrock im Stream

Ein weiteres wichtiges Online-Medium ist FSN-TV des bayrischen Neonazis Patrick Schröder. Gestartet 2007 als Online-Radio mit verschiedenen Rechtsrock-Livestreams wurde das Angebot 2012 um ein wöchentlich live gesendetes Videoformat ergänzt, in dem Schröder und Co-Moderator Daniel Franz Interviews mit Rechtsrock-MusikerInnen führen und über die Politik des „Nationalen Widerstands“ sprechen. Sie erreichen pro Folge mehrere tausend User_innen, verfügen damit aber nicht über eine so große Reichweite wie erfolgreiche extrem rechte YouTuber. Aufgrund von Gerichtsurteilen musste das Angebot kurzfristig eingestellt werden, aktuell wird wieder regelmäßig gesendet. NPD-Mitglied Schröder betreibt auch das Modelabel Ansgar Aryan und organisiert große Rechtsrock-Festivals, was ihm in der Szene auch Vorwürfe einbringt, er wolle sich vor allem persönlich bereichern.

Nach einem ähnlichen Prinzip wie FSN TV funktionieren die im November 2017 erstmals veröffentlichten Sendungen von Frontmagazin. Hier stellt ein vermummter Neonazi neue CDs von Rechtsrock-Bands vor, zeigt Musikvideos und interviewt Szene-Musiker. Die Reichweite ist mit insgesamt nur 33.500 Klicks auf YouTube allerdings noch gering.

Reaktivierung von „Media Pro Patria“

Um in diesem Geschäft wieder mitzumischen, wurde auch Media Pro Patria reaktiviert. Zunächst trat Christian Müller, Mitgründer von Volksfront Medien, wieder in Erscheinung, als er bei der 1. Mai-Demo 2016 in Plauen mit seinem Kamerastativ eine Gegendemonstrantin attackierte. In den folgenden Jahren produzierte MPP aber nur sehr wenige Videos, auch die Homepage wurde nie richtig fertig gestellt. Müller zeigte sich nach der Verurteilung wegen der Gewaltat am 1. Mai nur noch selten im Kontext des Projekts, dafür übernahm ein in Hessen altbekanntes Gesicht die Regie: der vormals bei den Autonomen Nationalisten Wetzlar aktive Danny Wolff, der sich auch als Grafikdesigner versucht. MPP ist nicht der einzige Versuch von Wolff, sich am Geschäft zu beteiligen. Aktuell organisiert er mit Lars Schulz aus Dillenburg Nazikonzerte unter dem Label H5. (vgl. LOTTA #77, S.29-30) Anders als in den Phasen zuvor scheint sich das Projekt Media Pro Patria aktuell nicht aus einem regionalen Schwerpunkt heraus zu organisieren, sondern anhand des Themenfeldes Rechtsrock. Neben Wolff sind Kevin Seifert aus Köthen und Simon Zeise aus Apolda unter dem Label aufgetreten.

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