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Getrennt marschieren — vereint schlagen

In der Geschichte der Soldatenverbände kreuzen sich die Wege seit 100 Jahren ganz rechts

Seit November 2018 fördern journalistische Recherchen nahezu im Wochenrhythmus umfangreiche Erkenntnisse zu Strukturen, Akteuren und ideologischer Ausrichtung des (Ex-)Soldaten-, -Polizisten- und Sicherheitskräfte-Vereins „Uniter e.V.“ zu Tage. Soldatenverbände, Veteranenvereinigungen und Zusammenschlüsse (para-)militärisch geschulter, in Vereinen verbundener (Ex-)Militärs oder -Kampfeinheitenangehöriger vor allem von Bundeswehr und Polizei sind aber keine neue Entwicklung. Vielmehr stehen Vereine wie „Uniter“ in einer langen Traditionslinie.

Das extrem rechte Hannibal-Netzwerk, eine Gruppe aus dem Umfeld von Bundeswehr, KSK, SEK und Mitgliedern des Vereins Uniter e.V. um André S., Chat-Name Hannibal, wartet auf einen Umsturzmoment. An einem „Tag X“ wollen sie Linke entführen, gefangennehmen und ermorden — und sie bereiten sich darauf vor. Enge Verflechtungen bestehen allerdings nicht nur zwischen der Hannibal-Schattenarmee, Uniter und der Bundeswehr, sondern wohl auch zu bundesdeutschen Geheimdiensten. In der Öffentlichkeit bleibt das Interesse trotz der seit Monaten von taz-Journalist*innen veröffentlichten brisanten Recherchen jedoch gering.

Rechtsaußen-Traditionsraum

Auch die Geschichte des organisierten, (extrem) rechten Militarismus in Deutschland ist jenseits geschichtswissenschaftlicher Forschungsnischen oder antifaschistischer Recherchen kaum bekannt. Paramilitärische Einheiten, Soldatenverbände oder Vereinigungen ehemaliger Soldaten mit Nähe zu den bestehenden Streitkräften gibt es jedoch nicht erst seit der Gründung der „Traditionsgemeinschaften“ oder „Kameradschaftsbünde“ der Gebirgsjäger oder der Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS (HIAG).

Erst anlässlich der antisemitischen „Schmierwelle“ im Winter 1959/60 und dank der Aufmerksamkeit für die Strafverfolgung von NS-Verbrechen durch die Zentralstelle in Ludwigsburg geriet die SS-Veteranen- und Unterstützungsvereinigung, die sich die juristische und moralische Rehabilitation der ehemaligen „Kameraden“ zum Ziel gesetzt hatte, in den sechziger Jahren zumindest phasenweise bundesweit in den Blick einer kritischen Öffentlichkeit.

Deutlich weniger Aufmerksamkeit erhielt zur damaligen Zeit — und auch später — eine „Traditionsgemeinschaft“, deren organisatorische und ideologische Wurzeln weit tiefer zurückreichen und die eine fast 100 Jahre lange Geschichte des Faschismus begleitete und mitgestaltete. Mal mehr, mal weniger aktiv, aber immer militaristisch, immer extrem nationalistisch, rechtsaußen, völkisch und antisemitisch: der Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten, nach seiner Neugründung Anfang der fünfziger Jahre und bis zu seiner offiziellen Selbstauflösung im Sommer 2000 bekannt unter dem Namen Stahlhelm e.V. — Bund der Frontsoldaten — Kampfbund für Europa.

Antirepublikanische Störkraft

Seit seiner Gründung im Winter 1918/19 hatte sich der Veteranenverband Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten massiv als antirepublikanische Störkraft engagiert. Das betraf alle Mitgliedergruppen des militärisch-hierarchisch strukturierten Bundes in je unterschiedlicher Weise: Mitglieder des „Wehrstahlhelm“ (diejenigen, die als Frontsoldaten am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatten und außerdem jung oder körperlich genug bei Kräften waren, um sich militärisch aktiv zu betätigen) trainierten und schulten die „Jungstahlhelm“-Mitglieder, Männer, die wiederum zu jung waren, um als Kriegsveteranen zur „Gemeinschaft des Schützengrabens“ des Ersten Weltkriegs gehören zu können. „Jungstahlhelmführer“ und Stahlhelm-Frauen (organisiert im Bund Königin Luise) erzogen auf Fahrten, in Zeltlagern, in Handarbeits- und Werkgruppen die Kinder der Stahlhelm-Familien. Militärischer Drill, Wehrübungen, Heimat- und Kameradschaftsabende sowie Auszeichnungs- und Unterordnungs-Rituale mit Aufmärschen und Ordensverleihungen gehörten für alle zum Erlebnis- und Vergemeinschaftungsangebot.

Bis Mitte der zwanziger Jahre war der Stahlhelm unter der Doppelführung von Franz Seldte und Theodor Duesterberg zur mitgliederstärksten paramilitärisch organisierten Frontkämpfervereinigung des rechten Spektrums angewachsen. Mit Ausnahme des süddeutschen Raumes waren seine Ortsgruppen im gesamten Reichsgebiet flächendeckend vertreten. Nach eigenen Angaben hatten Ende der zwanziger Jahre etwa 500.000 Männer, in überwiegender Zahl Frontsoldaten des Ersten Weltkrieges, ein Mitgliedsbuch des Stahlhelm in der Tasche. Seine Hauptziele waren: die Revision des Versailler Vertrages, der Kampf gegen Kommunisten und Sozialisten, die Wiederwehrbarmachung der deutschen Streitkräfte unabhängig von alliierter Kontrolle und der Aufbau eines von militärischen Strukturen geprägten, „organischen“ Staates jenseits aller demokratischer Prinzipien von repräsentativer Volksvertretung und Gewaltenteilung.

Kooperation und Konkurrenz

Ab Mitte der zwanziger Jahre drängte der Stahlhelm zunehmend auch in (partei-)politische Aktionsfelder hinein, engagierte sich in der Regel an der Seite der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), arbeitete aber auch zunehmend mit der aufstrebenden NSDAP zusammen. Mit der Krise der Weimarer Republik veränderten sich jedoch die Machtkonstellationen am rechten Rand: Zunehmend besetzten die Nationalsozialisten das politische Feld mit ebenjenen Themen, die bis dahin auch zur Kernprogrammatik des Stahlhelms gehört hatten. Im Verbund mit der zunehmenden Präsenz der SA, die die Straße als politisches Kampffeld in Stadt und Land eroberte und den traditionellen Soldatenbund rasch als bürgerlich-elitären Verein reaktionärer und überalterter Kameraden erscheinen ließ, geriet der Stahlhelm ab Ende der zwanziger Jahre schließlich immer deutlicher in den Schlagschatten der NS-Bewegung. Eine wachsende Zahl an Stahlhelm-Mitgliedern entschloss sich, dem Frontsoldatenbund den Rücken zu kehren und sich der NSDAP und ihren Organisationen anzuschließen.

Vor allem der Konflikt um die vermeintlich richtige Anwendung von körperlicher Gewalt trennte die Geister am rechten Rand. Saal- und Straßenschlachten gegen den gemeinsamen politischen Gegner, gegen Linke und Kommunisten mochten Stahlhelm und SA nur selten gemeinsam führen: Denn während der in dieser Frage behäbige Stahlhelm intern noch über „ehrenhafte“ soldatische Formen der Auseinandersetzung debattierte, hatten die SA-Trupps bereits in rohester Gewalt mit Knüppeln, Fäusten, Messern und Hinterhalten ihre Opfer traktiert und Menschen ermordet. Spätestens 1931 wurde die Gewaltfrage zur Entscheidungsgrundlage für die Abwanderung vieler, vor allem jüngerer Nicht-Veteranen weg vom Stahlhelm, hin zur SA.

Am 12. September 1931, dem Tag des jüdischen Neujahrsfestes, hatten Stahlhelm-Männer und SA-Angehörige allerdings noch gemeinsam auf dem Berliner Kurfürstendamm im Rollkommando Passant*innen angriffen, Restaurant-Terrassen zertrümmert, Menschen, die sie für jüdisch oder links hielten, durch die Straßen gehetzt und geprügelt. Diese gemeinsame Erfahrung, starker Straßenakteur zu sein, täuschte jedoch nicht darüber hinweg, dass sich bald auch in einem weiteren Aspekt die Wege trennten: in der Frage einer konsequent antisemitischen Haltung.

Trotz seiner antisemitischen Grundhaltung und seines 1924 eingeführten „Arierparagraphen“ wurden die Mitglieder des Bundes mit der Entscheidung alleingelassen, ob man den Frontkameradschaftsgedanken aufrechterhalten und gemeinsam mit jüdischen Stahlhelm-Mitgliedern am Kameradschaftsabend über die Schützengrabengemeinschaft sinnieren oder ob man den jüdischen Bundesgenossen aus der Ortsgruppe ausschließen und damit den Mythos einer alle Klassen und religiöse Fragen überwindenden Frontgemeinschaft beschädigen wollte. Mitglieder, die eine klar antisemitische Haltung hatten, blieben dem Bund in der Folge fern; die judenfeindlichen Antworten der NSDAP schienen ihnen attraktiver.

Nach der Machtübertragung 1933 verleibten sich die NSDAP-Strukturen den Stahlhelm schrittweise ein — in taktischer Umarmung und unterstützt von Bedrohungsszenarien. Zwischenzeitlich wurde der „Wehrstahlhelm“ der SA unterstellt.

„Völkisch und antisemitisch“

Seine selbstgewählten Radikalisierungsgrenzen gerieten dem Stahlhelm nach 1945 zum Vorteil. Nicht nur, dass er im Rahmen der Nürnberger Prozesse vom Verdacht losgesprochen wurde, Teil der verbrecherischen Strukturen des NS-Apparates gewesen zu sein. Er konnte sich Anfang der fünfziger Jahre sogar unter seinem alten Namen neu gründen. Sein ideologisches Fundament, seine antidemokratische, militaristische Haltung, sein völkischer Nationalismus und seine revanchistischen Ziele etwa zur Wiederherstellung eines Großdeutschen Reiches schienen von überzeitlicher Qualität. Und wo sein Antisemitismus vor 1933 noch nicht eliminatorisch genug gewesen war, um Hardliner vom Wechsel zu den Nationalsozialisten abzuhalten, war er nach seiner Neugründung wiederum nicht extrem genug, um den neuen Frontsoldatenbund nachdrücklich ins Visier der Verfassungsschützer zu rücken.

Erst 1975 tauchte der Stahlhelm im Verfassungsschutzbericht auf Bundesebene auf, ein zweites Mal 1998. Das Bundesinnenministerium stufte die Organisation nun als „rechtsextremistische Gruppierung“ ein, „deren ideologische Ausrichtung insbesondere von nationalistisch-völkischem, antisemitischem und revisionistischem Gedankengut geprägt“ sei und der bundesweit — mit Schwerpunkt in Niedersachsen, Rheinland-Pfalz sowie mit einem lokalen Ableger in Flandern — wohl etwa 100 Mitglieder angehörten. Seinem Ziel, der „Wiederherstellung des Deutschen Reiches“, gehe der Stahlhelm vor allem mit „nach innen gerichteten Aktivitäten“ wie „soldatisch-kameradschaftlicher Brauchtumspflege“, mit „kriegsverherrlichende[n] Aktionen“ und dem Bekenntnis zum „deutsche[n] Soldatentum“ nach.

Weit weniger harmlos dürfte hingegen das Auftreten nach Außen gewesen sein — nicht zuletzt, da der neue Stahlhelm vor allem in Rheinland-Pfalz enge Kontakte zur NPD pflegte und etwa an der Seite der HIAG dem Rudolf-Heß-Kult folgte. 1997, 1998 und 1999, so wusste das Bundesinnenministerium im August 1999 als Antwort auf eine kleine Anfrage der PDS zu berichten, waren Mitglieder des Stahlhelm in Bonn, München, Kiel und Saarbrücken bei Kundgebungen gegen die „Wehrmachtsausstellung“ zugegen. Im November 1999 wurde bekannt, dass der Stahlhelm in seinem Bundesstützpunkt, dem Franz-Seldte-Haus im niedersächsischen York, Militärübungen abhielt und Kinder und Jugendliche an Waffen trainierte. Ein knappes Jahr vorher hatte der Militärische Abschirmdienst (MAD) der Bundeswehr geraten, öffentliche Veranstaltungen nicht mit Stahlhelm-Bundesführer Günter Drückhammer zu begehen. Zuvor hatte die Bundeswehr den Stahlhelm-Mann offenkundig eingeladen.

Auch 100 Jahre nach der Stahlhelm-Gründung werden „soldatisch-kameradschaftliche Brauchtumspflege“ und das Bekenntnis zum „deutschen Soldatentum“ gepflegt. Es bestehen (wieder) Netzwerke und Vereine von Soldaten, von Angehörigen der Polizei und Sicherheitsbranche mit Verbindung zur organisierten extremen Rechten. Ob diese gefährliche „Schattenarmee“ jemanden interessiert, steht jedoch auf einem anderen Blatt.

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