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Haymatlos

„Haymatlos“ — ein Begriff, der in den 1930er Jahren durch jüdische Geflüchtete in die türkische Sprache getragen wurde — beschreibt die Gefühle in der postmigrantischen Gesellschaft.

Vom ausgeschlossen werden und davon, dazu zu gehören, vom vermeintlich Normalen, vom Besonderen, von Einsamkeit und Sehnsucht, von Empathie, Ignoranz und (fehlender) Geborgenheit. Tamer Düzyol und Taudy Pathmanathan haben in diesem Gedichtband 51 Autor_innen Raum gegeben, ihre Geschichten zu erzählen. Sie schreiben über ihre Migrationsgeschichte(n) und ihre Erfahrungen mit Rassismus. Die Autor_innen gewähren einen tiefen Einblick, sie klagen an, sie verzweifeln, sie erzählen und sind hoffnungsvoll. Sie nehmen die Leser_innen mit, sie konfrontierten sie, sie lassen keine vorgeschobene intellektuelle Auseinandersetzung zu, sondern gehen direkt ins Herz, ins Hirn und ins Mark.

Die Gedichte schaffen die Auseinandersetzung auf emotionaler Ebene und berühren damit wichtige Fragen, mit denen wir als Gesellschaft in den letzten Jahren konfrontiert waren. Wem gegenüber wird Empathie aufgebracht, wem Ignoranz — und was hat diese Frage mit dem gesamtgesellschaftlichen Rassismus zu tun? Ayşe Güleç und Johanna Schaffner haben diese beiden Kategorien für die Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex zentral gestellt. Ihr Konzept wird mit den Gedichten, die in diesem Band versammelt wurden, sinnlich erlebbar.

„Haymatlos“ eröffnet einen Raum, der zwar immer da ist, aber viel zu selten wahrgenommen wird: die Gesellschaft der Vielen, in der die Unterschiede weniger zählen als die Gemeinsamkeiten.

Tamer Düzyol & Taudy Pathmanathan (Hg.):
Haymatlos
edition assemblage, Münster 2018
224 Seiten, 14,80 Euro

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