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Burschenschafter und andere Korporierte

Im Netzwerk der extremen Rechten

Dass Studentenverbindungen ein Hort der Reaktion sind, ist hinlänglich bekannt. Eine gewisse Zeit lang hatte man hoffen können, dass sich diese aus der Zeit gefallene männerbündische Form der Vergesellschaftung von allein erledigen würde, so sehr waren sie ins Feld gesellschaftlicher Irrelevanz gerückt. Diese, wenn auch schon immer naive Hoffnung hat sich seit dem Aufstieg der AfD und ihren Wahlerfolgen zerschlagen. Zeit, sich die Studentenverbindungen und ihre Rolle im Netzwerk der völkisch-autoritären Sammelbewegung näher anzuschauen.

In den Reihen der AfD-Abgeordneten und ihrer Mitarbeiter finden sich viele Mitglieder von Studentenverbindungen, sie nehmen bereits seit der Gründung der Partei eine prägende Rolle ein. Sichtbar wurden sie spätestens 2015, als sich die Verbindungsstudenten in der Facebook-Gruppe Korporierte in der AfD organisierten. In der Presse wurde damals die These diskutiert, ob die AfD von Verbindungsstudenten unterwandert würde. Vielmehr stellt die AfD aber die neue politische Heimat jenes nationalistischen Milieus dar, das sich selbst gerne als Elite der Gesellschaft stilisiert. Die Partei ist für Verbindungsstudenten attraktiv: Sie rekrutiert ihr Führungspersonal vor allem aus akademischen Kreisen — Stichwort Professorenpartei. Damit spricht sie den Standesdünkel vieler Verbinder an. Ihre völkische und rassistische Ausrichtung sowie ihre neoli­­bera­le und elitenorientierte Wirtschaftspolitik entspricht dem Welt- und Gesellschaftsbild eines großen Teils dieses Spektrums. Auch bei anderen Themen überschneiden sich Interessen: Antifeminismus, die Diffamierung von Gender Studies, die Auslegung des Christentums und die Nähe zu den „Vertriebenen“-Verbänden stellen eine inhaltliche Schnittmenge dar. Falsch wäre es, allen Verbindungsstudent*innen qua ihrer Organisation eine Nähe zur AfD zu attestieren, dennoch ist die Häufung auffällig und die Rolle des gesamten Verbin­dungs­milieus komplexer.

Neue politische Heimat

Studentenverbindungen stellen nicht, wie oft von ihnen behauptet, einen Querschnitt der Gesellschaft dar, sondern sammeln vor allem Männer des konservativen bis extrem rechten Politikspektrums in ihren Reihen. Zwar gibt es auch in den Parteien links der Unionsparteien Verbindungsstudent*innen, wie den Lassalle-Kreis in der SPD. In ihm haben sich die Korporierten in der SPD organisiert, nachdem es in der Partei immer wieder Debatten um Unvereinbarkeitsbeschlüsse der Mitgliedsschaften in der SPD und Studentenverbindungen gab. Die hauptsächliche politische Heimat der Verbindungsstudenten lag traditionell aber im konservativen Parteienspektrum, vor allem der Unionsparteien und der FDP.

Ähnlich wie in Österreich die FPÖ ist die AfD nun zur parteipolitischen Plattform geworden, in der nationalistische, strukturkonservative und offen rechte Politik betrieben werden kann. Die AfD ist nicht nur Betätigungsfeld der Verbinder, für die die NPD aus unterschiedlichen Gründen keine parteipolitische Option darstellt, sei es, weil sie mit ihren schlechten Wahlergebnissen keine Karriereoptionen bietet oder eine Mitgliedschaft oder ein Posten zur gesellschaftlichen Ächtung führen würde. Der Kurs, den die CDU/CSU in der Regierungsverantwortung in der großen Koalition eingeschlagen hatte, schien einen Teil der dort beheimateten Korporierten zum Wechsel in die AfD bewegt zu haben.

Burschenschaften unterstützen am sichtbarsten die AfD in ihren Verbandsorganen und als Organisatoren von Veranstaltungen. Das liegt nicht daran, dass andere Verbindungstypen die AfD als uninteressant empfinden, sondern am politischen Anspruch der Burschenschaften. So schreibt die Deutsche Burschenschaft (DB) in ihren Leitmotiven: „Wir kämpfen für unsere Ideale als gesellschaftlich und politisch orientierte Akademiker und erheben Anspruch auf die Mitgestaltung der Zukunft unseres Volkes.“ Anders als die meisten Verbindungstypen, die sich selbst als unpolitisch definieren und das politische Engagement als Privatsache ihrer Mitglieder erklären, verstehen die Burschenschaften es als ihr Kerngeschäft, sich ins politische Geschehen einmischen zu wollen. Es äußern sich also nicht nur die einzelnen Mitglieder, sondern auch die Bünde und die Dachverbände. Damit sind vor allem die beiden großen Dachverbände Deutsche Burschenschaft (DB) und ihr Spaltprodukt, die Allgemeine Deutsche Burschenschaft (ADB) eine wichtige Stütze für die AfD.

Doch auch Mitglieder anderer Verbindungstypen finden sich in der AfD. Besonders deutlich konnte man die Bandbreite an Korporierten bei der Gründung des AfD-nahen Deutschen Akademikerverbandes (DAV!) sehen (siehe Seite 19). An seiner Entstehung und Gründung waren unter anderem Burschenschafter, Landmannschafter, Turnerschafter, Corpsstudenten und Mitglieder der Vereine deutscher Studenten (VVdSt) beteiligt, die auch in verschiedenen Kreis- und Landesverbänden aktiv sind, wie die Autonome Antifa Freiburg in ihrem ausführlichen Communique zum DAV! darlegte.

­Die Gemeinschaft

der Spaltpilze

Die AfD hat in ihrer jungen Parteigeschichte drei große interne Richtungsstreits hinter sich gebracht, bei denen sich der völkische Flügel um Björn Höcke, Alexander Gauland und Alice Weidel durchgesetzt hat. Diese Spaltungsprozesse waren immer mit dem Risiko verbunden, Mitglieder und Bedeutung zu verlieren. Um zu verstehen, warum es nicht zu einem Bedeutungsverlust gekommen ist, ist es hilfreich, den völkischen Flügel, der die Spaltungen vorangetrieben hat, als Teil eines Netzwerkes zu begreifen, das sich in diesen riskanten Prozessen gestützt hat. Teil dieses Netzwerkes ist auch die Deutsche Burschenschaft, die einen ebenso riskanten Spaltungsprozess vollzogen hat und mithilfe der AfD und anderen Akteuren die Risiken abmildern konnte.

Die Nachkriegsgeschichte der DB ist geprägt von internem Hegemoniekampf des völkischen Flügels, der sich seit 1956 in der Burschenschaftlichen Gemeinschaft (BG) gegen die rechtskonservativen Bünde organisierte. Seit dem letzten öffentlich ausgetragenen Streit im Jahr 1996, als sich die Neue Deutsche Burschenschaft abspaltete, wurde jedoch der Burgfrieden innerhalb der Organisation höher gehalten als die Auseinandersetzungen mit den extrem rechten Positionen im Dachverband. Der größere Teil der rechtskonservativen Bünde verblieb im Dachverband und trug die zunehmend völkische Ausrichtung weiter mit.

Kurz vor dem Burschentag 2011 wurde dann aber ein rassistischer Antrag der Presse zugänglich gemacht. Der als „Ariernachweis“ bekannt gewordene Antrag forderte, dass Mitglied eines DB-Bundes nur werden könne, wer eine „europäische Gesichts- und Körpermorphologie“ aufweise. Der Antrag wurde zwar zurückgezogen, der völkische Flügel konnte seine Machtposition im Laufe der folgenden Burschentage weiter durchsetzen. Das gelang auch, weil 1971 die Aufnahme der deutschnationalen österreichischen Verbindungen beschlossen wurde und damit das Stimmgewicht zugunsten der BG verschoben wurde. Die rechtskonservativen Bünde haben sich nie in der Konsequenz gegen die BG organisiert. Zwar unternahmen sie mit der „Initiative Burschenschaftliche Zukunft“ einen letzten Versuch, doch gelang es nicht, eine grundsätzlich andere Linie zu prägen als sie der völkische Flügel vertrat (siehe auch LOTTA #60, S. 33 ff.). Als Folge traten fast die Hälfte der Mitgliedsbünde aus dem Dachverband aus. Teile dieser ausgetretenen Bünde gründete 2016 die Allgemeine Deutsche Burschenschaft. Auch dieser neue Dachverband ist der AfD wohlgesonnen und gibt ihr viel Raum in ihrer Dachverbandszeitung, vertritt dabei aber weniger offen völkische Positionen.

Dass die DB diesen immensen Einschnitt nicht nur im Personal, sondern auch in der Finanzierung auffangen konnte, lag vor allem auch daran, dass sie mit dem völkischen Flügel der AfD zu diesem Zeitpunkt bereits eng verzahnt war. Sie stand vor dem Problem, nun endgültig als die extrem rechte Organisation erkennbar zu sein, die sie seit langem ist, was die Karrierechancen ihrer Mitglieder gefährdete. In diesem Moment konnte die AfD durch ihre Wahlerfolge neue Perspektiven bieten. Durch den Einzug in die Landesparlamente und den Bundestag eröffneten sich immense Ressourcen und eine neue Sinnstiftung für die selbsternannten „Mitgestalter der Zukunft des Volkes“.

Völkische Hegemoniepolitik

Das oben skizzierte völkische Netzwerk besteht aus der AfD als parlamentarischem Arm, rechten „Thinktanks“ wie dem Institut für Staatspolitik (IfS), Gruppen wie den „Identitären“ und der Spendensammelorganisation Ein Prozent, Publikationsorganen wie Compact, Sezession und Junge Freiheit, der rassistischen Mobilisierung auf der Straße durch Gruppierungen wie PEGIDA sowie den Studentenverbindungen — allen voran die DB — als Kaderschmieden. Die einzelnen Teile des Netzwerkes können sich in ihrer Ausrichtung, Zielsetzung und Reichweite unterscheiden, wichtiger als tatsächliche Gemeinsamkeiten untereinander sind die gemeinsamen Feindbilder und Schlagworte, um sich gegenseitig zu stärken und zu stützen. Sie spielen sich rhetorische Bälle zu, springen auf die gleichen Themen auf, arbeiten an den gleichen Framing-Kampagnen und unterstützen einander materiell und personell.

Letzteres wurde besonders deutlich bei der Frage, wie die AfD schnell an das Personal für den Aufbau ihrer Landtagsfraktionen kam. Die KONTEXT:Wochenzeitung veröffentliche interne Chatprotokolle zwischen Marcel Grauf und Philip Stein, Pressesprecher der DB und Leiter der rechten Spendensammelorganisation Ein Prozent. Grauf war gerade fertig mit seinem Politikstudium in Marburg und bat Stein um Rat für seine Jobsuche. Kontext zitiert aus den Chatprotokollen. Stein: „Jetzt haben wir die Chance, da Leute zu platzieren.“ Grauf: „Parlamentarischer Berater ist im Prinzip für mich ideal“. Stein: „Eben – Götz sagt, du sollst ihm Bewerbung schicken.“ Kurze Zeit darauf wurde das ehemalige NPD-Mitglied Grauf Mitarbeiter der AfD-Fraktion in Baden-Württemberg. Er versuchte, gegen die Berichterstattung zu seiner Person vorzugehen, die KONTEXT:Wochenzeitung allerdings gewann den Prozess.

Bei „Götz“ handelt es sich wohl um keinen Geringeren als Götz Kubitschek, Mitgründer des IfS und Inhaber des Antaios-Verlags. Er selbst ist kein AfD-Mitglied, dennoch scheint seine Stimme gewichtig bei der Personalverteilung in diesem völkischen Netzwerk zu sein.

Kubitschek war auch zur Stelle, als es darum ging, das Selbstbewusstsein der DB nach der Spaltung wieder zu stärken. Die damalige Vorsitzende Burschenschaft Germania Marburg — mit dem stellvertretenden Sprecher Philip Stein — lud ihn ein, die Festrede beim Burschentag 2015 zu halten. In seiner Rede unterstrich er die Wichtigkeit der Burschenschaften als „Anführer“ des Volkes und machte sie auf die Ressourcen aufmerksam, die sie als Dachverband der völkischen Bewegung zur Verfügung stellen können.

Dass die AfD sich als festen Bestandteil des Netzwerkes sieht, hat auch kürzlich Alice Weidel erneut bestätigt, als sie bei der „Sommerakademie“ des IfS verlauten ließ, dass sie dort den Nachwuchs für ihre Partei verortet, und die Wichtigkeit betonte, mit allen Strömungen ihrer Partei im Austausch zu stehen. Kubitschek erkannte die Chancen für das Netzwerk beim Einzug der AfD in den Bundestag. Er schrieb damals auf dem Blog der Sezession: „Auch für uns bricht eine andere Zeit an: erneute Resonanzraumerweiterung; berufliche Auffangnetze für manchen, der sich vorwagte und keine der 200 Genderprofessuren abgreifen konnte — dafür jetzt aber den Posten eines Beraters, eines Büroleiters, eines wissenschaftlichen Mitarbeiters angeboten bekommt. Man wird Texter, Computerspezialisten, Filmleute, Sicherheitspersonal, Experten benötigen, es wird sehr viele sehr gut bezahlte Stellen geben, und mancher wird sein Leben als Lehrstuhlhure mit prekärem Vier-Jahres-Vertrag aufgeben und in gesittete geistige Verhältnisse wechseln können.“

Die Rolle der „Deutschen Burschenschaft“

In allen Organisationen dieser völkisch-autoritären Sammelbewegung (Eigendefinition: „Mosaikrechte“) finden sich Burschenschafter der DB als Kader wieder. Sie stellen das gut ausgebildete Personal für Parteiarbeit und Publikationstätigkeiten. Durch die burschenschaftliche Erziehung haben sie gelernt, sich in Hierarchien einzuordnen und bringen den benötigten Habitus mit. Außerdem haben die Burschenschaften pragmatischen Nutzen. Sie verfügen über Häuser, die bundesweit als unkündbare Veranstaltungsorte genutzt werden können und mit ihrer „Altherrenschaft“ bieten sie zahlungskräftige Gönner, die über das Verbandsblatt erreicht werden können. Sie haben auch insbesondere in der Phase des Aufbaus des Netzwerkes eine wichtige Rolle eingenommen: In der Zeit, in der die offen völkischen Positionen noch nicht für die gesamte Partei tragbar waren und sich die AfD daher von den „Identitären“ abgrenzen musste, stellten die Burschenschaften das nötige Bindeglied her. Auf den Häusern leben die Kader des völkischen Netzwerkes ungehindert von formellen Trennungsbeschlüssen zusammen und konnten so den Kampf um die Hegemonie in ihren jeweiligen Organisationen vorantreiben. So konnten sie schlussendlich die Spaltungsprozesse, die zur klaren völkischen Ausrichtung führten, provozieren.

Der Begriff der Hegemonie wurde von dem italienischen Kommunisten Antonio Gramsci geprägt. Er beschreibt, dass das Durchsetzen und Halten von Macht nicht unbedingt über Zwang funktioniert, sondern auch Zustimmung braucht. Wenn eine Gruppe die Deutungshoheit erlangen will, muss sie nicht unbedingt die Mehrheit stellen, um andere zu unterdrücken. Sie muss Angebote machen können, um so die anderen davon zu überzeugen, dass es für alle von Vorteil ist, wenn sie die Macht bekommt. Im Falle der Deutschen Burschenschaft waren die überzeugenden Vorteile vor allem das Sinnangebot, wieder eine nationale Elite sein zu können und „das Volk“ auf der Straße anzuführen, sowie die Aussichten auf Jobs, wie sie Kubitschek skizziert.

Radikalisierung des konservativen Milieus

Auch wenn die DB eine zentrale Rolle im Netzwerk der extremen Rechten einnimmt, wäre es fatal, nur sie ins Zentrum der Kritik zu stellen. Denn was sie tatsächlich eingebüßt hat für diese Rolle im rechten Netzwerk, ist der Einfluss auf das konservative Milieu. Hier sind andere Studentenverbindungen noch immer wesentlich besser verankert. Dem völkischen Netzwerk kommt in diesen Verbindungen das unpolitische Prinzip entgegen. Das führt in den meisten Dachverbänden dazu, dass sie sich nicht mit den rechten Umtrieben ihrer Bundesbrüder offen auseinandersetzen wollen — das ist schließlich deren Privatsache. Natürlich tragen aber die Verbinder, die sich in dem völkischen Netzwerk organisieren, die Politik in ihre Verbindung und ihren Dachverband. Damit normalisieren sie die Politik des völkischen Netzwerkes und erweitern den Raum des Sagbaren im konservativen Milieu. Solange sich die Dachverbände und Einzelbünde also als unpolitisch verstehen, machen sie sich — bewusst oder unwissend — zu Verbündeten der völkischen Kräfte, wie es das konservative Milieu historisch schon immer gemacht hat. Die DB nimmt, so der Verbindungskritiker Lucuis Teidelbaum, die Funktion einer „Bad Bank“ in der Debatte ein. Auf sie wird auch innerhalb der Verbinderszene alle Kritik ausgelagert, anstatt sich mit Rassismus, Sexismus und Antisemitismus vor der eigenen Haustür zu beschäftigen und Stellung dagegen zu beziehen.

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