Von

Tim K. — „YouTube“-Star

Ein stets bemühter rechter Medienmacher
Timm Kellner (l.) spricht bei einer Veranstaltung des AKK.
Foto: Screenshot YouTube
Timm Kellner (l.) spricht bei einer Veranstaltung des AKK.

2010 schied der ehemalige Polizist aus dem aktiven Dienst aus, seitdem versucht er sich als Publizist. Timm Kellner aus Horn-Bad Meinberg (Kreis Lippe, NRW) ist ein rechter Medienaktivist, relativ erfolgreicher „YouTuber“ und Präsident seines eigenen Motorradclubs.

Nachdem Kellner nach der Kölner Silvesternacht 2015/2016 eine wachsende Anhänger_innenschaft auf Facebook gesammelt hatte, startete er Mitte 2016 als „Tim K.“ seinen YouTube-Kanal. Veröffentlichte er in den ersten anderthalb Jahren nur acht Videos, erhöhte sich ab 2018 die Schlagzahl stark. Im Schnitt lädt er jeden zweiten Tag einen Beitrag hoch, manchmal sogar bis zu drei Videos am Tag. Jedes Video hat um die 130.000 Klicks, sein Kanal derzeit 170.000 Abonnent_innen. Im Vergleich mit anderen rechten YouTuber_innen ist das eine enorme Reichweite (vgl. LOTTA #73, S. 14—16).

Timm Kellners Perspektive auf die Welt ist einfach. Er reproduziert die von antisemitischen Verschwörungstheorien, Rassismus und der Ablehnung der repräsentativen Demokratie geprägten Basisnarrative der extremen Rechten: Deutschland sei bedroht und befinde sich im Kriegszustand. Regierung und „Altparteien“ mit Angela Merkel an der Spitze forcierten dies, gelenkt durch dunkle Mächte im Hintergrund. Und das „deutsche Volk“ setze sich, gelähmt durch den „Schuldkult“, nicht zur Wehr gegen eine „Invasionsarmee“ aus Flüch­tlingen. Kellners Ziel ist die „Rückabwicklung des Systems Merkel“. Dazu brauche es Druck von der Straße, an Wahlen glaubt er nicht.

Verantwortlich für Kellners Reichweite dürfte sein Konzept sein: Er kommentiert tagespolitische Themen und liefert eine hohe Publikationsfrequenz. Seine Ansprache ist weder empört noch aggressiv. Kellner spricht ruhig, transportiert seine menschenverachtenden Inhalte aber mit zynischem Unterton, den er selbst wohl als Satire bezeichnen würde. Ein Erfolgsfaktor dürfte außerdem in seiner „schillernden“ Biografie als Ex-Polizist und Rocker-„Outlaw“ liegen.

Kellner arbeitete lange als Polizist im Kreis Lippe, wies aber eine Nähe zum Rocker- und Rotlichtmilieu auf, was schließlich zu seiner Suspendierung und einer Verurteilung wegen Körperverletzung führte. Doch Kellner sah sich als Opfer und veröffentlichte 2011 seine hollywood-artig inszenierte Sicht der Dinge in einem Buch, was ihm kurzzeitig mediale Aufmerksamkeit bescherte. Vier Jahre später schrieb er ein zweites Buch, in dem er eine Verschwörung in den Reihen der Polizei aufgedeckt haben will. Inzwischen ist sein zehntes Buch erschienen, das er als dritten Teil seiner Autobiographie versteht. Stilistisch erreichen seine Bücher kaum die Qualität von Manuskripten pathetischer Hobbyautor_innen, was sich auch in den Bewertungen des inhaltlich zugeneigten Publikums niederschlägt.

2015 gründete Kellner den 1%-Motorradclub Brothers MC Germany mit. Sein eigenes Chapter, der Brothers MC Salt City, benannt in Anlehnung an den Gründungsort Bad Salzuflen, wurde 2017 aus dem bundesweit organisierten Club ausgeschlossen. Das Verhältnis zu seinen ehemaligen Club-Kollegen ist angespannt. Nach Angaben Kellners sollen mehrere Dutzend Rocker im Herbst 2017 versucht haben, das Clubhaus des Brothers MC Salt City in Horn-Bad Meinberg zu überfallen. Politisch positioniert sich Kellners Motorrad-Club eindeutig rechts. Mitglieder des Clubs begleiten ihn auf öffentlichen Veranstaltungen, wo sie wie seine Bodyguards auftreten.

Vom Netz auf die Straße?

Im Juli 2018 kündigte Kellner in einem Video die Gründung einer Organisation namens Für die Eigenen an. In einer Rede bezeichnete er sie als „außerparlamentarische Sammelbewegung“, deren Ziel es sei, die AfD zu unterstützen. Auf der offiziellen Homepage steht nichts von diesem Ziel, dort wird vom Einsatz für „echte Demokratie, Meinungsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit“ gesprochen. Tatsächlich handelt es sich bei Kellners „Liste“ lediglich um einen E-Mail-Verteiler und ein Label, das nur er selbst benutzt.

Nachdem Kellner 2018 zweimal als Gastredner auf rechten Demonstrationen aufgetreten war, organisierte er im Frühjahr 2019 drei Mahnwachen in Paderborn, an denen jeweils zwischen 50 und 120 Personen teilnahmen. Unter den Teilnehmenden befanden sich am 1. Juni 2019 auch der ehemalige HDJ-Kader Gerd Ulrich, seine Frau Anna-Marie Ulrich sowie der völkische Kleinverleger Burkhart Weecke. Kellner sieht sich und seine Mahnwachen in einer Leuchtturmfunktion für eine deutschlandweite Bewegung. Tatsächlich ist Gegenteiliges der Fall: Nach wenigen Veranstaltungen, die keinen relevanten Zuwachs verzeichnen konnten, scheint Kellner das Projekt begraben zu haben.

Verhältnis zur AfD

Kellners Verbindungen zur ostwestfälischen AfD hingegen gehen über Lippenbekenntnisse hinaus. Engen Kontakt hat er zu Matthias Tegethoff, dem stellvertretenden Sprecher des AfD-Kreisverbandes Paderborn. Tegethoff ist Vorsitzender des AfD-nahen Vereins Alternativer Kulturkongress (vgl. LOTTA #72), der bislang gut ein Dutzend Veranstaltungen in Ostwestfalen-Lippe durchführte, bei denen Vertreter des „Flügels“ wie Björn Höcke oder Andreas Kalbitz zu Gast waren. Bei einer Podiumsdiskussion im Juni mit dem Titel „Medienkrieg — Feldzug gegen die Meinungsfreiheit“ saß auch Kellner auf dem Podium. Mit ihm diskutierten Christian Blex, AfD-Landtagsabgeordneter und „Flügel“-Vertreter, der Medienanwalt Christian Stahl und Michael Stürzenberger (Pax Europa).

Außerdem hat Kellner Anfang des Jahres drei Videos mit Tegethoff unter dem Reihentitel „Polit-Talk“ veröffentlicht. Bemerkenswert ist, dass mindestens eines der Videos von Pierre Jung, Sprecher der AfD Hamm, produziert wurde und dass das dafür notwendige Equipment zumindest teilweise mit Geldern aus der AfD finanziert wurde. Jung kündigte zudem an, Videos auf Kellners Medienplattform Profortis Deutschland zu veröffentlichen.

„Profortis Deutschland“

Profortis Deutschland soll die Veröffentlichung von Inhalten ermöglichen, die auf anderen Plattformen Gefahr laufen, gelöscht zu werden. Nachdem Kellner über Monate den Start des Projekts angekündigt und massiv Spenden eingeworben hatte, ging die bis heute stark improvisiert und unübersichtlich wirkende Seite im August 2019 als Prometheus Deutschland online. Den Namen änderte er im September nach einer Klageandrohung in Profortis. Von großen Ankündigungen wie der Entwicklung einer App oder der täglichen Produktion von Nachrichtensendungen ist bisher nichts realisiert.

Auch wenn es inzwischen mehrere hundert Profile geben dürfte, stammen die meisten Beiträge von Kellner selbst und einer Handvoll „Poweruser_innen“, darunter die Nutzerin „Marsi“, deren Account schon einen Monat, bevor Profortis online ging, erstellt wurde und deren Inhalte und Sprache denen Kellners ähneln. Bislang kann Profortis Deutschland nicht an die Reichweite von Kellners YouTube-Kanal anknüpfen und bietet keine Inhalte, die nicht auch über soziale Netzwerke abzurufen wären. Die Plattform könnte eine ähnliche Zukunft haben, wie andere Projekte von Kellner. Diese verliefen im Sand, weil sie konzeptlos waren oder es ihnen an Vernetzung mangelte.

Meta