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Das Feld des Jammer(n)s

Tummelplatz für Geschichtsrevisionist*innen
Foto: Jan Maximilian Gerlach
Henry Hafenmeyer spricht am 16. November 2019 in Remagen

Das sogenannte „Feld des Jammers“ im rheinland-pfälzischen Bretzenheim bietet halbjährlich Neonazis und Holocaustleugner*innen einen Anlaufpunkt, um ihre geschichtsrevisionistischen Ansichten kundzutun.

Am 23. November 2019 trafen sich auf Einladung Wilhelm Herbis in Bretzenheim (Landkreis Bad Kreuznach) zum wiederholten Mal Angehörige der Neonazi- und Holocaustleugner*innenszene, um in geschichtsrevisionistischer Manier den toten Wehrmachtsoldaten der „Rheinwiesenlager“ zu gedenken.

Die 45 Personen, die sich unter lautstarkem Gegenprotest des Bündnisses Kreuznach für Vielfalt versammelten, haben damit die Tradition fortgesetzt, sich halbjährlich im Mai und im November am Mahnmal des „Felds des Jammers“ zu versammeln und ihren verklärten Blick auf die Geschichte der „Rheinwiesenlager“ kundzutun. Laut Herbi finden diese Kundgebungen seit den 1980er Jahren (LOTTA dokumentiert seit 2010) statt, im November 2017 war mit knapp 100 Teilnehmenden der bisherige Höhepunkt erreicht. Neben der Fortsetzung der kontrafaktischen Darstellung der Geschichte der „Rheinwiesenlager“, die mit der verschwörungsideologischen Ansicht einhergeht, die Alliierten hätten hier 1945 gezielt Wehrmachtssoldaten getötet, bietet das sogenannte „Heldengedenken“ neben lokalen auch bundesweit agierenden Neonazis und Holocaustleugner*innen ein Stelldichein.

„Other losses“ — Ein deutscher Aufschrei

Zum Ende des Zweiten Weltkriegs im Frühjahr 1945 sahen sich die Alliierten mit der Situation konfrontiert, das vom Krieg gebeutelte und sich in einer humanitären Krise befindende Europa wiederaufzubauen und die Bevölkerung zu versorgen. Die Alliierten übernahmen die Aufgabe, nicht nur für die Überlebenden des deutschen Vernichtungswahns, dem neben sechs Millionen Juden und Jüdinnen insgesamt weitere etwa sieben Millionen Menschen zum Opfer gefallen waren, und die Überlebenden des deutschen Feldzugs zu sorgen, sondern auch für die deutsche Zivilbevölkerung. Diese war besonders in Westdeutschland aufgrund der Migration aus ehemals ostdeutschen Gebieten schlagartig angestiegen. Hinzu kam eine globale Lebensmittelknappheit.

Die Historikerin Brigitte Bailer-Galanda beschreibt, dass bis Mai 1945 bereits fünf Millionen deutsche Wehrmachtssoldaten von US-Truppen gefangen genommen wurden. Ihre Versorgung stellte die US-Armee vor ungeahnte Schwierigkeiten, was nur im Kontext der oben beschriebenen europäischen Situation verstanden werden kann. In diesem Rahmen wurde den deutschen Wehrmachtssoldaten der Kriegsgefangenenstatus nach Genfer Konvention verwehrt. Sie wurden als „disarmed enemy forces“ behandelt. Es wurden provisorische Gefangenenlager entlang des Rheins eingerichtet, die später als „Rheinwiesenlager“ Bekanntheit erlangen sollten.

In diesen Lagern herrschten prekäre Verhältnisse aufgrund mangelnder Vorlaufzeit und fehlender Versorgungsgüter vor, sodass es vermehrt zu Todesfällen kam. Die Historikerin Barbara Manthe spricht in dem 2015 von Martin Langebach und Michael Sturm herausgegebenen Sammelband „Erinnerungsorte der extremen Rechten“ von 8.000 bis 10.000 Toten. Eine unkontrollierte Freilassung der Soldaten war aufgrund der angestrebten Entnazifizierung Deutschlands nicht möglich, denn unter ihnen befanden sich Kriegsverbrecher und überzeugte Nationalsozialisten.

Der Umstand hoher Opferzahlen in den ersten Monaten dieser Lager ist nicht auf eine mörderische Absicht der Alliierten zurückzuführen, sondern der prekären Situation zum Kriegsende geschuldet. Eben diesen Aspekt ignoriert der kanadische Pseudohistoriker James Bacque, auf den sich die extreme Rechte gerne bezieht. Bacque, der im September 2019 verstarb, ließ es sich sogar nicht nehmen, im November 2017 selbst an der Kundgebung in Bretzenheim teilzunehmen.

Gerhard Ittner, ein bundesweit agierender Neonazi und verurteilter Volksverhetzer und Holocaustleugner, der auch in Themar zusammen mit Ursula Haverbeck für ein Gruppenbild posierte, rief mehrfach zur Kundgebung in Bretzenheim auf. 2017 bezeichnete er die Lager als das „echte Verbrechen“ des Zweiten Weltkriegs, nahm in seiner Rede im November 2016 in Bretzenheim direkten Bezug auf Bacque und empfahl den Anwesenden dessen Film „Other losses“. Der Titel des Films sowie des gleichnamigen Buches von Bacque bezieht sich auf die in den Lagerstatistiken der US-Armee geführte Kategorie „Other losses“ — für Baque der Beweis für etwa eine Million Tote in den „Rheinwiesenlagern“.

Die Historikerin Bailer-Galanda macht darauf aufmerksam, dass unter dieser Kategorie vorzeitig Freigelassene gefasst wurden. Dies ist der größte, aber nicht einzige Schnitzer, den sich Bacque leistet, um der US-Armee Kriegsverbrechen zu unterstellen. Er vergleicht die „Rheinwiesenlager“ mit deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern, was seinen Geschichtsrevisionismus noch einmal verdeutlicht.

Parteien im Umfeld

Häufig meldet Wilhelm Herbi, ehemaliger Landesvorsitzender der NPD Rheinland-Pfalz, die Kundgebung in Bretzenheim an. Außer von Ittner wurde Herbi dabei organisatorisch in der Vergangenheit von Ricarda Riefling, Mitglied des Bundesvorstands der NPD und bis 2017 Vorsitzende des Rings Nationaler Frauen, unterstützt. Riefling machte in ihrer Rede im Mai 2017 darauf aufmerksam, der 8. Mai sei ein Tag der Trauer und nicht der Befreiung. Es scheint zwischen den beiden allerdings zum Zerwürfnis gekommen zu sein, da Riefling im November 2019 nicht an der Kundgebung Herbis teilgenommen und eine separate Kundgebung durchgeführt hat, zu der 18 Personen erschienen.

Neben der NPD zeigt auch Die Rechte häufiger Präsenz in Bretzenheim. Im November 2019 stellte deren Kreisverband Rhein-Erft das Haupttransparent der Kundgebung, auf dem er „Der Toten Tatenruhm“ gedachte. Ob die Trennung Rieflings von Herbi auf ein stärkeres Zerwürfnis der entsprechenden Kreisverbände von NPD und Die Rechte schließen lässt und Herbi sich damit mittlerweile auf Seiten der Die Rechte positioniert, bliebe zu klären.

Im Mai 2016 nahm an der Kundgebung in Bretzenheim die ehemalige Landesvorsitzende der AfD Schleswig-Holstein, Doris von Sayn-Wittgenstein, teil. Sie hatte zuvor den Aufruf Wilhelm Herbis über ihren E-Mail-Verteiler verbreitet. 2019 wurde sie offiziell aufgrund ihrer Verbindung zu verschiedenen Akteuren der bundesweiten Neonazi-Szene aus der Partei ausgeschlossen.

Bindeglied Antisemitismus

Neben Personen aus dem extrem rechten Parteienspektrum ist Bretzenheim auch Anlaufpunkt für Angehörige der Holocaustleugner*innen- und Geschichtsrevisionismus-Szene. Im Mai 2019 sprach erstmals Ernst Cran zu den Anwesenden. Das ehemalige Mitglied einer christlichen Punkband betreibt den YouTube-Kanal „DerNuernbergerHerold“, auf dem er sich zu den Themenfeldern Esoterik, Religion und Geschichtsrevisionismus auslässt. In seiner Rede im Mai 2019 vermischte er diese Themen mit völkischer Ideologie. Für seine Reden 2016 bei PEGIDA und 2018 bei der rechten Bewegung Hand in Hand in Wiesbaden zog er sich Anklagen wegen Volksverhetzung zu. Des Weiteren sprach Cran bisher häufig beim Nürnberger PEGIDA-Ableger NüGIDA. Im November 2019 wurde in Bretzenheim lediglich eine Rede des mittlerweile Verurteilten verlesen.

Im November 2017 nahm auch der Deutsch-Kanadier Alfred Schaefer an der Kundgebung in Bretzenheim teil. Alfred und seine Schwester Monika Schaefer wurden im Oktober 2018 zu drei Jahren und zwei Monaten beziehungsweise zehn Monaten Haft verurteilt, weil sie gemeinsam in einem selbstgedrehten YouTube-Video und er alleine auf einer Kundgebung die Shoah geleugnet hatten. Alfred Schaefer ließ es sich nicht nehmen, den Tatbestand der Holocaustleugnung vor Gericht nochmals zu wiederholen. Beide nehmen in der Szene eine ähnlich bedeutende Rolle wie die Holocaustleugner*innen Horst Mahler und Ursula Haverbeck ein.

Ein Grußwort Mahlers verlas im Mai 2017 der Holocaustleugner Henry Hafenmeyer. Er schreibt und dreht Videos für mehrere völkisch-antisemitische und geschichtsrevisionistische Blogs, wie Ende der Lüge, Wahrheit spricht Klartext und verkehrt.ru. Im September 2019 wurde er zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt und leugnete vor Gericht weitere Male die Shoah. Solidarität und Unterstützung erhält er aus der „Reichsbürger“-Szene und von Die Rechte aus Dortmund.

Hafenmeyer nahm am 9. November 2019 an der Solidaritätsdemonstration für die verurteilte Haverbeck in Bielefeld teil und wurde dabei gefilmt, als er in Richtung Presse pöbelte. Dass es bei ihm nicht bei verbalen Attacken bleibt, bewies er eine Woche später, am 16. November, nach seiner Rede auf einer Demonstration in Remagen. Am Bonner Hauptbahnhof beteiligte er sich an einem Angriff von Neonazis auf Gegendemonstrant*innen. Auch bei den Demonstrationen in Remagen trauert die extreme Rechte um die „Opfer“ der „Rheinwiesenlager“.

Am 18. November musste Hafenmeyer in Oberhausen erneut wegen Volksverhetzung vor Gericht erscheinen. In Bretzenheim hatte er offen seinen Antisemitismus zur Schau gestellt. Hafenmeyer machte den „jüdischen Geist“ für das Übel auf der Welt verantwortlich und ließ verlauten, man könne nicht über die „Wahrheit“ sprechen, ohne das „Wort Jude“ zu verwenden. Wurde die Kundgebung in Bretzenheim im November 2018 noch von ihm moderiert, war er im November 2019 nicht mehr zugegen.

Zu den bekanntesten Besucher*innen und Aufrufenden der Kundgebung in Bretzenheim gehört Nikolai Nerling, der es als „Volkslehrer“ auf YouTube zu zweifelhafter Berühmtheit gebracht hat. Im November 2018 sprach er hier über zwei seiner Vorfahren, die in den „Rheinwiesenlagern“ inhaftiert gewesen seien, und kritisierte seinen eigenen Vater, der der „roten Propaganda“ unterliegend ein Leben lang gegen Nazis gekämpft habe, anstatt zu erkennen, dass die Alliierten die „eigentlichen Verbrecher*in­nen“ und damit für das Leid der eigenen Familie verantwortlich gewesen seien. Grüße richtete Nerling von Mahler und Ittner aus. Nerling wurde Anfang Dezember 2019 zu einer Geldstrafe wegen Volksverhetzung verurteilt, weil er im Februar 2019 im ehemaligen KZ Dachau die Opfer der Shoah verhöhnt hatte.

Im Wehklagen vereint

In Bretzenheim treffen sich Angehörige der Esoterikszene, des christlichen Fundamentalismus, der völkischen Ideologie und des Geschichtsrevisionismus, die in der Ansicht vereint sind, die Toten der „Rheinwiesenlager“ bildeten das eigentliche Verbrechen des Zweiten Weltkriegs. Die Teilnehmenden kennen einander und sind bundesweit und über bundesdeutsche Grenzen hinweg vernetzt.

Nach außen soll der Anschein einer seriösen Gedenkveranstaltung mit Kranzniederlegung gewahrt werden. Jedoch erscheinen hier Neonazis, die ihren Antisemitismus offen zur Schau stellen. Eine Verurteilung wegen des Tatbestands der Holocaustleugnung beschert den Verurteilten eine Märtyrerrolle. Aufgrund des Vernetzungs- und Traditionscharakters der Veranstaltung ist deren Tragweite trotz in 2019 gesunkener Teilnehmendenzahl nicht zu unterschätzen.

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