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Getötet, weil sie Frauen sind

Zum Begriff des Femizids
Foto: AA170

Am Internationalen Frauentag am 8. März formten sich unter den Mottos „Keine mehr“, „Nous Toutes“ („Wir alle“) oder „Ni una menos“ („Nicht eine weniger“) Proteste gegen Tötungsdelikte an Frauen. In Lateinamerika werden Tötungen von Frauen bereits seit längerer Zeit als Femizide bezeichnet. Auch hierzulande findet der Begriff zunehmend Verbreitung. Doch was ist damit überhaupt gemeint? Und wie viele Femizide ereignen sich jährlich in Deutschland?

Der Begriff Femizid (engl. „femicide“) wurde stark geprägt durch die in den USA arbeitende Soziologin Diana E. H. Russell. Sie verwendete ihn 1976 vor dem Internationalen Strafgerichtshof für Verbrechen gegen Frauen. Ihr Ziel ist es, einen Begriff neben das gender-neutrale „homicide“ (Tötungsdelikt) zu stellen, um zu betonen, dass bei einem Teil der Tötungsdelikte an Frauen das weibliche Gender eine Rolle spielt.

Die grundlegende Definition lautet: Femizide sind Tötungen von Frauen, weil sie Frauen sind. Es werden mehrere Abwandlungen dieser Definition verwendet. Unterschiede lassen sich finden, je nachdem ob auch Taten, die von Frauen begangen werden, und ob Taten mit Mädchen als Opfer eingeschlossen werden. Marcela Lagarde, eine mexikanische Wissenschaftlerin, verwendet den spanischen Begriff des „feminicidio“. Sie betont in ihrer Definition des Begriffs, dass in Mexiko Täter von Feminiziden teils nicht bestraft werden, der Staat aber seiner Verpflichtung nachkommen soll, diese Taten zu verfolgen.

Auf Ebene der EU und ihrer Mitgliedsstaaten ist der Begriff des Femizids, der einem politischen und aktivistischen Kontext entspringt, bislang undefiniert. Die sogenannte Istanbul-Konvention, das Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, verwendet den Begriff nicht, wenngleich sie auch diese Gewaltform umfasst. Femizide sind die extremste Form genderbasierter Gewalt, von welcher Frauen überproportional häufig betroffen sind.

Formen

Femizide können unterschiedliche Formen annehmen. Für Deutschland von Bedeutung sind vor allem Tötungsdelikte innerhalb oder nach Auflösung von Paarbeziehungen, sogenannte Beziehungsfemizide, seltener sexuell motivierte Tötungsdelikte oder „Ehrenmorde“. Diese Formen finden sich auch in vielen weiteren Ländern, die Häufigkeiten unterscheiden sich von Land zu Land.

Weitere Ausprägungen des Femizid sind beispielsweise Tötungen von Frauen im Rahmen bewaffneter Konflikte, die Abtreibung weiblicher Föten oder die Tötung neugeborener Mädchen. In einem weiter gefassten Verständnis kann der Tod von Frauen in Folge von Genitalverstümmelung, nicht sachgerecht medizinisch durchgeführten Schwangerschaftsabbrüchen oder Unterlassungen des Staates unter den Begriff gezählt werden. Diese Aufzählung ist keinesfalls abschließend. Die Vereinten Nationen (UN) unterscheiden solche passiven und indirekten Handlungen von erstgenannten aktiven und direkten und führen sie unter dem Begriff der „gender-related killings“. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dagegen beschränkt ihre Auffassung des Begriffs auf vorsätzliche Tötungsdelikte.

Weil es keine einheitliche Definition des Begriffes gibt, ist bei der Verwendung nicht immer klar, ob nur vorsätzliche Tötungsdelikte oder auch weitere Todesursachen gemeint sind. Ausgehend von der ursprünglichen Intention Diana Russells, dem genderneutralen Begriff des „homicides“ einen geschlechterspezifischen Begriff gegenüberzustellen, und in Anbetracht ihrer Wortwahl wäre es naheliegend, Femizide lediglich als aktive Tötungshandlungen zu verstehen. Allerdings hat auch Russell in späteren Schriften beispielsweise den Tod von Frauen in Folge von Schwangerschaftsabbrüchen als Femizid bezeichnet.

Wann ist eine Tötung einer Frau ein Femizid?

Nach Diana Russell ist nicht jede Tötung einer Frau ein Femizid. Für die Bewertung kommt es auf die geschlechtsbezogene Motivation des Täters an. Handelt es sich bei der getöteten Frau um ein Zufallsopfer, beispielsweise in Folge eines terroristischen Anschlags, ist die Tat nach Russell kein Femizid. Dies gilt natürlich nur unter der Voraussetzung, dass es sich nicht gezielt um einen Anschlag gegen Frauen aus Frauenhass heraus handelte. Es ist wichtig zu betonen, dass es sich bei Femiziden nicht nur um Taten handelt, die durch einen mehr oder weniger expliziten Frauenhass motiviert sind.

Die Ursache von Femiziden wird in der sozialen Ungleichheit der Geschlechter und deren Hierarchien gesehen. Wissenschaftliche Forschungsarbeiten zeigen, dass sich viele Beziehungsfemizide vor dem Hintergrund einer Trennungsabsicht oder nach vollzogener Trennung ereignen. In der Beziehung ist der Täter häufig stark eifersüchtig. Entweder bereits während der Beziehung oder nach deren Beendigung zeigt er oft kontrollierende Verhaltensweisen und verwehrt der Frau ein selbstbestimmtes Leben. Er versucht, sie daran zu hindern, die Beziehung zu verlassen, übt Besitzanspruch aus und degradiert die Frau zu einem Objekt, über welches verfügt werden kann. Gleichzeitig ist zu betonen, dass sich Beziehungsfemizide in verschiedenen Lebenslagen und Formen ereignen können und es sich bei den genannten Merkmalen um statistische Häufungen handelt.

Die Bewertung, ob es sich um einen Femizid handelt, ist demnach schwierig, erfordert es doch die Herausarbeitung des Motivs. Bei „Ehrenmorden“ oder auch Tötungsdelikten im Zusammenhang mit Sexualdelikten ist die Einordnung als Femizid einfach. Bei anderen Tötungsdelikten, zum Beispiel solchen mit dem vorrangigen Motiv Habgier, kann diese Bewertung schwerer fallen. Entsteht der Entschluss zur Tat aus dem Wunsch, sich finanziell zu bereichern, so kann in der konkreten Auswahl des Opfers, beispielsweise in der Gestalt einer wohlhabenden, älteren, alleinstehenden Dame, deren Geschlecht dennoch eine gewisse Bedeutung zukommen, falls sie als weniger wehrhaft erachtet wird. Inwieweit solche Taten als Femizide zu bezeichnen sind, steht zur Diskussion.

Die Beantwortung der Frage, ob eine Tat als Femizid bezeichnet werden kann, erfordert eine tiefgehende Auseinandersetzung mit dem Fall und den Beweggründen des Täters. Hauptinformationsquellen für in Betracht kommende Fälle bilden Medienberichte und Akten der Strafverfolgungsbehörden, wobei erstere selektiv berichten könnten und letztere Zugangsbeschränkungen unterliegen, um nur zwei Einschränkungen zu nennen. Es ist davon auszugehen, dass beide eine durch ihre jeweiligen Interessen geleitete Sichtweise haben, was eine Bewertung der Taten durch Dritte ebenfalls erschwert.

Wie viele Femizide verübt werden, ist schwer zu beziffern. Denn in den behördlichen Statistiken werden keine Angaben zum Motiv festgehalten. Eine Möglichkeit ist es, alle Tötungsdelikte an Frauen zu Grunde zu legen, ohne auf eine genderbezogene Motivation einzugehen. Auch diese Analysen aller Tötungsdelikte an Frauen werden dann oft mit dem Begriff Femizid überschrieben. Die in Europa hauptsächlich angewandte Vorgehensweise besteht aber darin, ausschließlich Beziehungsfemizide, also Tötungsdelikte an Frauen durch den (ehemaligen) Partner, zu betrachten. Dies ist die in Europa verbreitetste Form des Femizids. Zudem wird in vielen europäischen polizeilichen Kriminalstatistiken die Täter-Opfer-Beziehung erfasst.

Beziehungsfemizide jeden dritten Tag

Auch in Deutschland sind Beziehungsfemizide von besonderer Bedeutung. Für das Jahr 2018 weisen die Kategorien „Mord“ und „Totschlag“ der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) 333 getötete Frauen aus — davon wurde etwa jede dritte Frau durch den (ehemaligen) Partner getötet. Statistisch wird also jeden dritten Tag eine Frau durch ihren (ehemaligen) Partner getötet. Dazu kommen Fälle nicht tödlich endender Partnerschaftsgewalt, die zahlenmäßig die vollendeten Tötungsdelikte weit übertreffen. Die größte Gefahr für Frauen, Opfer eines Tötungsdelikts zu werden, geht somit vom (ehemaligen) Partner aus. Im Vergleich zu getöteten Männern zeigt sich, dass Frauen im Jahr 2018 zirka vier bis fünf Mal häufiger Opfer eines Tötungsdelikts in einer oder nach einer aufgelösten Partnerschaft wurden.

Aus der Analyse von Beziehungsfemiziden ist bekannt, dass der Täter mitunter weitere Personen tötet oder sich die Tat ausschließlich gegen dritte Personen richtet, zum Beispiel gegen Kinder, den (vermeintlichen) neuen Partner oder Familienangehörige der Frau. Wird statt der Frau eine männliche Person im Kontext der Trennungssituation getötet, kann die Tat nicht als Femizid bezeichnet werden, schließlich ist der Begriff als Tötung einer Frau definiert. In empirischen Untersuchungen kann es aber sinnvoll sein, auch diese Taten zu betrachten, da die gemeinsame Ausgangssituation die Trennungssituation ist. Diese Taten werden entweder als „associated femicide“ oder „connected femicide“ bezeichnet. Eine Alternative für den Begriff Beziehungsfemizid stellt das Wort „Partnerinnentötung“ dar, welches jedoch kaum Verwendung findet.

Keine „Familiendramen“ oder „Ehetragödien“

Wenngleich der Begriff des Femizids durchaus Schwierigkeiten bereitet, insbesondere für statistische Analysen, und die wissenschaftliche Begriffsbestimmung noch nicht abgeschlossen ist, so ist er doch eine wesentlich bessere Alternative für die mediale Berichterstattung, als weiterhin von „Familiendramen“ oder „Ehetragödien“ zu sprechen. Einige Medien verwenden den Begriff Femizid bereits oder sprechen von „Frauenmorden“. Am Begriff des „Frauenmords“ ist jedoch zu kritisieren, dass er die strafrechtliche Wertung als Mord bereits enthält, während die Taten aber auch als Totschlag verurteilt werden können. Wenngleich das Bedürfnis bestehen kann, die Tötungen als Mord zu bewerten, so fehlt oft zum Zeitpunkt der Berichterstattung über die Tat die juristische Bewertung. Hier könnte neutraler von „Frauentötungen“ gesprochen werden, um Missverständnisse zu vermeiden.

Es ist begrüßenswert, mit einem Begriff die stärkere Betroffenheit von Frauen, Opfer bestimmter Tötungsdelikte zu werden, auszudrücken. Gleichzeitig ist zu bedenken, dass neben dem Geschlecht weitere Merkmale wie Migrationshintergrund oder Gesundheitszustand relevant sind, um Tötungsdelikte und andere Gewaltformen zu analysieren, aber auch um Prävention zu betreiben.

Der Femizidbegriff ist bereits weit verbreitet. Die UN nutzen ihn in zahlreichen Dokumenten, er findet sich in einer zunehmenden Anzahl an wissenschaftlichen Publikationen, erhält Einzug in die Medienberichterstattung, und es haben sich bereits Dokumentationsstellen für Femizide in unterschiedlichen Ländern gegründet. Es bleibt abzuwarten, inwieweit der Begriff auch von der deutschen Polizei, Justiz und Politik verwendet wird.

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  • verfasst am Lehrstuhl für Kriminologie der Ruhr-Universität Bochum ihre empirische Dissertation zu der Frage, ob Beziehungsfemizide im Vergleich zu anderen Tötungsdelikten milder sanktioniert werden.