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„...und wenn es das Letzte ist, was ich auf Erden tue“

Die hessische EU-Abgeordnete Christine Anderson
Foto: Sascha Schmidt
Christine Anderson bei einer Demonstration der AfD in Friedberg im April 2019 mit ihren Flügel-Mitstreitern Andreas Lichert (1.v.l.) und Heiko Scholz (2.v.r.)

Christine Anderson ist eine der wenigen exponierten Frauen der hessischen AfD. In der Vergangenheit trat die EU-Abgeordnete bei PEGIDA-Veranstaltungen als Rednerin auf und war Obfrau des „Flügels“ in Hessen. Im hessischen Landesverband musste sie allerdings mehrere Rückschläge hinnehmen. Auch regional lief es bisweilen nicht reibungslos. Nach ihrem Umzug nach Fulda ist sie nun im dortigen Kreisverband aktiv.

Im März 2015 wird Christine Anderson bei einer Kundgebung von PEGIDA-Frankfurt von einem Stein eines Gegendemonstrierenden getroffen. Mit blutverschmiertem Gesicht spricht sie anschließend, umringt unter anderem von Esther Seitz (Widerstand Ost/West) und Andreas Höhne (NPD), in eine Videokamera; „Ich liebe mein Land und ich werde mein Land verteidigen, und wenn es das Letzte ist, was ich auf Erden tue“. Vom Interviewer wird sie zur „wahren“ Widerstandskämpferin und zum „Symbol für PEGIDA-Frankfurt“ stilisiert. Anschließend wird das Video via PI-News verbreitet. Anderson ist nun gefragt. Nur wenige Tage später tritt sie zunächst in Wuppertal und knapp zwei Wochen später am 30. März 2015 in Duisburg bei Kundgebungen von PEGIDA NRW als Rednerin auf (vgl. LOTTA #58, S. 48). Als sie am 11. April wieder in Frankfurt spricht, hat sich PEGIDA-Frankfurt bereits zerlegt. Bei der Kundgebung des Ablegers Freie Bürger für Deutschland kommen gerade mal 40 Personen. Der kurze Hype ist vorbei.

Im gleichen Jahr unterzeichnet die 51-jährige die Erfurter Erklärung des Flügels und nimmt auch an dessen Veranstaltungen teil. Im Januar 2016 steht sie bei einer AfD-Demonstration an der Seite von Björn Höcke, von dem sie im gleichen Jahr beim „Kyffhäusertreffen“ in seiner Rede als „eine Mitstreiterin, die zu den treusten Kämpfern für unsere gemeinsame Sache zählt“, hervorgehoben wird. Auch in den folgenden Jahren nimmt sie an den Veranstaltungen des Flügels Teil und revanchiert sich beim „Kyffhäusertreffen“ 2019 bei Höcke, indem sie ihm attestiert, er habe „die AfD davor bewahrt eine Systempartei zu werden“. Folgerichtig wurde im März 2020 bei der Ankündigung der Auflösung des Flügels in Hessen bekannt, dass Anderson dessen Obfrau war.

Partei-Laufbahn

Auch auf Parteiebene wurde Anderson 2015 aktiver. Als sich im Frühjahr Vorstandswahlen im hessischen Landesverband abzeichneten, meldete sie Ambitionen an. Ob sie letztendlich antrat, ist nicht bekannt, allerdings wurden ihr im Vorfeld vom späteren Bundestagsabgeordneten Uwe Schulz aus Gießen kaum Chancen eingeräumt. Zumindest auf kommunaler Ebene lief es aber weiterhin gut für Anderson. Im Juni 2015 wurde sie zur Vorsitzenden im AfD-Kreisverband Limburg-Weilburg gewählt. Sie zog im März 2016 als Spitzenkandidatin der AfD Limburg-Weilburg in den Kreistag ein und wurde Fraktionsvorsitzende. Ihr nächster Versuch auf Landesebene sollte allerdings erneut nicht von Erfolg gekrönt sein. Zunächst wurde Anderson beim Landesparteitag im November 2016 in Hofheim am Taunus auf Platz neun der hessischen Landesliste zur Bundestagswahl 2017 gewählt, was mit einem etwas besseren Wahlergebnis der AfD für ihren Einzug in den Bundestag hätte reichen können. Nachdem die Wahl wegen Verfahrensfehlern allerdings wiederholt werden musste, rangierte Anderson nur noch auf dem wenig aussichtsreichen Listenplatz zwölf. Zwar trat sie parallel in ihrem Wahlkreis Rheingau-Taunus-Limburg als Direktkandidatin an, mit 10,2 Prozent der Erststimmen verpasste sie das Direktmandat aber erwartungsgemäß deutlich. Bei der Landtagswahl 2018 stand Anderson dann gar nicht auf der Landesliste der AfD, und in ihrem Wahlkreis trat sie auch nur als Ersatzbewerberin an.

Ob es zu dieser Zeit schon Dissonanzen zwischen Anderson und dem Kreis- und Landesverband gab oder sie bereits auf eine Kandidatur bei der EU-Wahl spekuliert hatte, lässt sich nicht nachvollziehen. Etwas überraschend wurde sie dann im November 2018 auf Platz acht der Wahlliste der AfD zur Europawahl gewählt. Sie war somit die bestplatzierte Vertreterin der AfD Hessen. Im Wahlkampf machte sie deutlich, dass es kein Widerspruch für sie sei, in das Parlament einzuziehen, das ihre Partei eigentlich ablehne, da sie den parlamentarischen Weg als Mittel sehe, das Parlament letztendlich abzuschaffen. Und nicht nur das Parlament. In einer Rede auf einer AfD-Demonstration in Friedberg im April 2019 betonte sie: „Es ist an der allerhöchsten Zeit, dass diese EU demontiert wird.“ Einen Monat später wurde sie dann ins EU-Parlament gewählt, wo sie seitdem in der Fraktion Identität und Demokratie (ID) unter anderem zusammen mit Abgeordneten der FPÖ, der italienischen Lega und des belgischen Vlaams Belang sitzt. Als Rednerin wirkt Anderson auch hier recht unverblümt, wenn sie etwa anlässlich eines Gesetzesentwurfs aus Polen zur Kriminalisierung von Sexualerziehung die polnischen Bürger dazu beglückwünscht, dass ihre Regierung sie „vor dieser widerlichen linken, perversen Ideologie“ schütze oder vom „Diktat des Zentralbüros der EU“ redet.

Zukunft in Osthessen

Anfang des Jahres legte Anderson ihr Mandat im Kreistag im Kreis Limburg-Weilburg nieder. Vorangegangen war ein Rückschlag bei den Vorstandswahlen im Kreisverband. Bei der Wahl um einen der Beisitzer*innenposten verlor sie deutlich gegen einen bis dato politisch völlig unbekannten Kandidaten. Wenige Wochen später gab die AfD Fulda bekannt, dass Anderson nach Fulda umgezogen sei und in Zukunft dort im Kreisverband aktiv sein werde. Die Verbindung nach Fulda ist offensichtlich, ihr Mitarbeiter im EU-Parlament, Pierre Lamely, gehört dem Kreisvorstand an und war 2017 dort Direktkandidat bei der Bundestagswahl. Auch Inhaltlich dürfte Anderson gut in die AfD-Hochburg passen, wo die Partei in der Vergangenheit des Öfteren durch ihre Nähe zur extremen Rechten aufgefallen ist (vgl. LOTTA #72, S. 24 f.). Somit scheint Anderson auf regionaler Ebene eine neue Perspektive zu haben.

Spannend bleibt, ob sie eine Rolle bei der anstehenden Kommunalwahl im März 2021 einnimmt. Ob dies ihrem Anspruch genügen würde, ist fraglich, zumal im kommenden Jahr auch noch die Bundestagswahl ansteht. Außerdem wird von den Ergebnissen der Kommunalwahl auch die Zukunft des Landesvorstands abhängen, der bereits beim letzten Landesparteitag nicht mit guten Ergebnissen wiedergewählt wurde. Es sind also mehrere Optionen, auf die Anderson spekulieren könnte. Allerdings schafften es in der hessischen AfD bisher nur wenige Frauen, eine herausragende Rolle einzunehmen. Im Bundestag ist neben Joana Cotar auch Mariana Harder-Kühnel vertreten. Darüber hinaus ist nur noch Claudia Papst-Dippel zu nennen, die für die AfD im hessischen Landtag sitzt. Auch der Landesvorstand der hessischen AfD, in dem keine Frau vertreten ist, spiegelt die Geschlechterverhältnisse wider. Möglich, dass dies bei Andersons Überlegungen eine Rolle spielt. Es darf jedoch als sicher gelten, dass sie, vielleicht auch gerade deswegen, im kommenden Jahr wieder Ansprüche anmelden wird.

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