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„Hand in Hand, fürs Vaterland!“

Die „Schwesternschaft Deutschland“ aus NRW

Am 10. November 2019 gründete sich die „Schwesternschaft Deutschland“ (SSD), die sich als „Kameradschaft“ von Frauen versteht und gemeinsam mit ihren „Brüdern“ von der extrem rechten „Bruderschaft Deutschland“ (BSD) gegen die „unerträglichen Zustände im Land“ kämpfen will. Die Gründung der SSD ist nicht nur ein Versuch, dem martialischen Auftreten der BSD einen weicheren Glanz zu verleihen, sondern auch Möglichkeitsräume für weiblichen rechten Aktivismus zu schaffen.

Besucht man die Facebook-Seite der SSD springen einem Bilder von Kriegerinnen ins Auge, die aus einem Fantasy-Videospiel stammen könnten. Eine pathetische Inszenierung begleitet von martialischen Aussagen in den digitalen Raum hinein. Neben der Vorliebe für düstere Fantasy-Romantik sind auf der Seite des weiblichen Pendants zur BSD (vgl. LOTTA #74, S. 30 ff. und LOTTA #78, S. 32 ff.) zahlreiche Artikel zu finden, die sich kritisch zum Thema Einwanderung äußern, Gewalttaten von tatsächlichen oder vermeintlichen Geflüchteten hervorheben oder sich ablehnend gegen staatliche Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie äußern.

„Kleine Schwester“ oder „Kampfgefährtin“?

Das geschlechterpolitische Denken der extremen Rechten beschränkt sich auf zwei Geschlechter und lässt sich knapp auf die Aussage „Frauen und Männer sind gleichwertig, nicht jedoch gleichartig“ zusammenfassen. Dahinter steckt die Annahme einer spezifischen Weiblichkeit beziehungsweise Männlichkeit, die einander in ihrer Unterschiedlichkeit ergänzen und so zu einer Einheit werden. Dem Mann fällt hierbei der aktive Part zu, während die Frau als schützenswert gilt und mit ihrer höheren Emotionalität für das wohlige Zuhause und die Erziehung der Kinder zu sorgen hat. Soweit die Theorie. In der Praxis haben sich in den vergangenen Jahrzehnten unterschiedliche Selbstbilder rechter Aktivistinnen herauskristallisiert. Mutterschaft ist längst nicht mehr das einzig lebbare Frauenbild in der rechten Szene.

Die SSD bietet nun also Frauen im Umfeld der BSD eine Möglichkeit der politischen Organisierung, die ihnen zuvor durch das exklusive „Männer-Format“ der BSD verwehrt blieb. Als Grund für ihren politischen Aktivismus benennt die heute aus etwa einem Dutzend Frauen und einem überschaubaren Umfeld offizieller „Unterstützerinnen“ bestehende Gruppe immer wieder eine desolate gesellschaftliche Lage und besondere Not, also eine Art Ausnahmezustand. An der Gründung waren unter anderem die spätere Emmericher AfD-Kommunalwahlkandidatin Stefanie van Laak (ehemals „Patrioten NRW“, heute „NRW stellt sich quer“), Nicole Merken (Recklinghausen), Sabrina Wehnes (Bochum) und Nicole Janssen (Herne) beteiligt. Alle vier sind bereits vor Gründung der SSD aktivistisch in Erscheinung getreten. Allerdings dauerte van Laaks SSD-Mitgliedschaft nicht lange an, wie ihre ehemaligen „Schwestern“ betonen. Sie sei „unehrenhaft“ ausgeschieden. Und auch Janssen, 2019 als Aktivistin von Stark für Herne (vgl. LOTTA #77, Winter 2019/2020, S. 32 f.) in Erscheinung getreten, scheint seit dem Frühjahr 2020 nicht mehr dabei zu sein.

Obwohl BSD und SSD betonen, Schulter an Schulter — und damit gleichberechtigt — in den Kampf ziehen wollen, zeigt sich doch immer wieder, dass ein solches Verständnis zumindest bei der BSD nicht wirklich vorhanden ist. Während die BSD ihre männliche Exklusivität durch das Herausretuschieren von Frauen aus ihren Gruppenfotos deutlich macht, setzten sich auf den ersten Bildern der SSD gleich drei führende „Brüder“ prominent in Szene — quasi als männliche Unterstützer und qua BSD-Selbstver- ständnis auch Beschützer. Bei allem weiblichen Aktivismus zeigt sich hier exemplarisch die im rechten Denken an- gelegte männliche Dominanz. So ist die SSD trotz ihres Anspruchs, „Kampfgefährtin“ zu sein, für die „Brüder“ in erster Linie die „kleine Schwester“.

„Wer die Familie angreift…“

Die 2016 gegründete BSD inszeniert sich spätestens seit 2018 als eine Art Bürger- wehr. Hierbei eifern die „Brüder“ dem rechten Männlichkeitsideal eines soldatischen Mannes nach, dessen Aufgabe es ist, Beschützer und Verteidiger des „Eigenen“ zu sein. Im klassisch rechten Denken ist körperliche Gewalt zumeist immer noch den männlichen Aktivisten vorbehalten, auch wenn sich im Verlauf der letzten Jahrzehnte rechte Frauen-Gruppierungen wie der Skingirl Freundeskreis für die Teilnahme am Straßenkampf einsetzten und einzelne Aktivistinnen sich als Teil der „kämpfenden Front“ verstehen.

Aber auch wenn sich die Anwendung von Gewalt geschlechtlich unterscheidet, so eint doch wieder- um die Akzeptanz von Gewalt wie zahlreiche Facebook-Posts der SSD zeigen.
Nicht selten wird Bezug auf Begriffe wie „Ehre“, „Ruhm“ oder „Blut“ genommen. Oder es wird ein Bild eines Zähne fletschenden Wolfs gezeigt, verbunden mit der Aussage „Wer die Familie angreift, das Rudel in Gefahr bringt, braucht sich nicht wundern gebissen oder verjagt zu werden.“ Neben derartigen Sprüchen steht auch das gemeinsam genutzte Logo der „Geschwisterschaften“ einer zuschlagenden Faust sinnbildlich für die Gewaltakzeptanz, die die SSD mit ihren „Brüdern“ teilt.

Mit der Gründung einer eigenen Frauenorganisation greifen die Initiatorinnen auf eine gewisse Tradition in der rechten Szene zurück. Bereits in den 80er Jahren hatten sich erste Frauenorganisationen etabliert. Mit dem Mädelring Thüringen gab es in den 2000er Jahren bis zu dessen Auflösung eine rein weibliche „Kameradschaft“. Die SSD scheint sich ideologisch stark an ihrem großen „Bruder“ zu orientieren, und zumindest auf Ebene der sozialen Medien lässt sich ein starker gegenseitiger Bezug, eine ähnliche Themensetzung und auch eine ähnliche Handschrift in den Postings erkennen. Als Gegenpart zu den kriegerischen Frauen-Figuren auf der Facebook-Seite der „Schwestern“ sind es Bilder von Rittern mit Schwert und Rüstung, die auf den Posts der BSD zu sehen sind. Die SSD und BSD teilen sich in ihrer Präsenz neben dem Logo auch das Motto „Loyalität und Kameradschaft“. Die „Geschwisterorganisationen“ inszenieren sich als zwei Seiten einer Einheit, die im Kampf ihre jeweiligen Waffen ziehen.

Während die BSD sich beispielsweise gerne beim testosterongeladenen Kampfsporttraining zeigt, setzt die Schwesternschaft wenig überraschend häufiger auf ihre „weibliche Seite“ und wählt Emotionalität und exklusive Empathie als Mittel. In den ersten Monaten der Pandemie rief sie beispielsweise zu Spenden für einen Verein für krebskranke Kinder, einen kleinen Zirkus und eine Suppenküche auf — und überbrachte diese dann. Eine derartige karitative Betätigung ist allerdings auch der BSD nicht fremd. So organisierte diese beispielsweise eine Spendensammlung für ein Tierheim und beteiligte sich an einer Spendenaktion für ein Kinderhospiz.

Gemäß dem Motto der SSD „Hand in Hand, fürs Vaterland“ ist aber sowohl für die SSD als auch für die BSD solidarisches Handeln und Schutz immer nur für das „Eigene“ gültig. Beide brachten das erst kürzlich wieder durch ihre gemeinsame Teilnahme an einer Demonstration der Neonazi-Partei Der III. Weg am 3. Oktober 2020 in Berlin zum Ausdruck.

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