Nebenbei: Auf Schritt und Tritt mit Udo Voigt

„Yes we can“, könnte sich Claus Cremer, Chef der NPD in Nordrhein-Westfalen, gedacht haben - falls er denn in einer fremden Sprache denken könnte -, als er seinen Parteikameraden vor Monaten das Twittern ans Herz legte.

Ihm war aufgefallen, dass im US-Präsidentschaftswahlkampf ein gewisser „B. Obama den Dienst intensiv nutzte, um seine Positionen an die amerikanische Bevölkerung zu bringen“ – und das nicht ohne Erfolg. Das „Zwitschern“ von Meldungen mit maximal 140 Zeichen müsste doch auch die NPD voranbringen können, dachte sich Cremer. Aber was kommt dabei heraus, wenn Neonazi-Funktionäre, für die das Handy wahlweise ein Hand- oder Funktelefon ist, das Internet ein Weltnetz und die aus dem Laptop einen Klapprechner machen, vor sich hin „zwitschern“? Bei Cremers Bundesvorsitzenden Udo Voigt kann man es nachlesen.

Phasenweise twittert der NPD-Chef, bis der Kraftspeicher seines Handtelefons aufgibt. So sind auch die Stationen seiner Wahlkampftournee im Rheinland der Nachwelt überliefert. „Bin gerade vor dem Arbeitsamt in Mönchengladach zur Mahnwache eingetroffen“, ließ er zum Auftakt seine Leser am Donnerstag wissen. Seither eilt er quasi von Erfolg zu Erfolg. Ein „unglaubliches Interesse“ an der NPD konstatierte er in Neuss und Grevenbroich, ein immerhin noch „großes Interesse“ in Mönchengladbach, ein „voller Erfolg“ ist der Kurzauftritt in Düren usw. usw. usw.

Udo Voigts Twitter bietet immer wieder Überraschendes aus dem abwechslungsreichen Alltagsleben eines Parteifunktionärs. „Auf einer Landes-Versammlung in Schleswig-Holstein konnte ich mich von dem Willen der Mitglieder überzeugen in den Wahlkampf zu gehen“, las man zum Beispiel Sensationelles am 2. August. „Viele hörten interessiert zu und gingen mit einer neuen Vision heim: NPD!“, resümierte Voigt nach einer Kundgebung in Meiningen am 30. Juli. Und trotz aller Finanzprobleme der Partei muss ihr Chef wenigstens nicht hungern: „Der Gastwirt war von uns und dem Flaggschiff [so nennt die NPD ihr Wahlkampffahrzeug, d. Red.] so begeistert, daß er uns das Mittagessen spendierte.“

So liefert der Voigt-Twitter interessante Einblicke in sein Privatleben und sogar in die Hosentaschen des NPD-Parteichefs: „Sogar mein schmutziges Taschentuch wird einer peniblen Kontrolle unterzogen und gut sichtbar ausgebreited“, beschreibt er am Rande einer NPD-Demonstration in Hessen die Kontrollen der Polizei – ohne freilich zu verraten, warum der Vorsitzende nicht mit gutem Beispiel vorangeht und zur Demo ein sauberes Taschentuch einsteckt. Ansonsten aber bestechen Voigts Twitter-Meldungen durch die Liebe zum Detail: „Der NPD-Direktkandidat Hendrik Heller aus dem Wahlkreis Schmalkalden ist gerade zugestiegen“, meldet das Oberkommando der NPD aus dem „Flaggschiff“ in alle Welt. Und sage niemand, die NPD habe keine großen Erfolge vorzuweisen. „Bin gerade auf der Versammlung des Kreisverbandes Freising eingetroffen. Heute feiert man den Sieg über die Sparkasse“, twittert Voigt freudig erregt über einen historischen Triumph: das Einrichten einer Bankverbindung in Bayern.

Inzwischen ist Voigt bereits so geübt in der neuen Technik, dass er es schafft, gleichzeitig Richtungsweisendes vor ausgewähltem Publikum kundzutun und quasi unterm Tisch fröhlich vor sich hin zu twittern. Das klingt dann so: „Halte gerade eine Grundsatzrede über die Geschäftsgrundlagen eines Vertrages und die Perspektiven nationaler Politik in Brandenburg.“ Bei so viel Technikkompetenz dürfte einem Obama-mäßigen Erfolg nichts mehr im Wege stehen. (rr)

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