Nebenbei: Wenn ein NPD-Funktionär zu viel Olympia glotzt

Siegen – Stephan Flug ist wintersportbegeistert, aber im Gegensatz zu den Stars der Abfahrtspisten oder der Bob- und Rodelbahnen ein wenig langsam. So kommen wir erst heute, mehr als vier Wochen nach der Abschlussfeier der Winterspiele in Vancouver, in den Genuss seiner ganz persönlichen Olympia-Bilanz.

Stephan Flug ist auch NPD-Funktionär, ihr Kreisvorsitzender in Siegen-Wittgenstein. Und so veröffentlichte er seinen Rückblick, angereichert mit einschlägigen politischen Betrachtungen, unter der Überschrift „Olympische Winterspiele 2010 in Vancouver: Deutschland über alles!“ und dem Untertitel „Über alles in der Welt“ auf der Weltnetzseite seines Kreisverbandes.

Besonders wichtig ist ihm, dass Deutschland nunmehr den „Ewigen Medaillenspiegel“ mit einem „würdigen Vorsprung“ vor Russland anführt. Auch den „selbsternannten ,Weltsheriff’ USA“ hat man längst abgehängt. Flug: „Eigentlich ist es schon in Anbetracht dieser Bilanz eine klare Angelegenheit, welches Land im wintersportlichen Vergleich, als oberste Meßlatte für den Rest der Welt das Zepter hält.“

Doch stopp! Da war doch noch etwas, an das sich ein NPD-Funktionär selbst im Augenblick dieses großen Triumphs zu erinnern hat. Richtig: „Der aufmerksame Beobachter weiß natürlich“, so klärt uns Flug auf, „daß Deutschland größer ist als die Bundesrepublik.“ Und so gestattet er sich „einen völkischen Blick zu unseren derzeitigen Nachbarn“: Österreich belegt Rang 5 des „Ewigen Medaillenspiegels“. Addiere ein „völkisch denkender Sportsfreund“ nun also BRD-, DDR- und österreichisches Edelmetall, ergäben sich sagenhafte 559 Medaillen. Flug ist beinahe außer sich vor Freude: „Mit Stolz darf bei solchen Gesamtleistungen den restlichen Völkern im olympischen Wettkampf symbolisch ein Fernglas gereicht werden, damit der volksdeutsche Medaillenvorsprung und das sportliche Leistungsvermögen nicht gänzlich aus dem Blickfeld der Verfolger gerät.“

Doch es gibt aus nationaldemokratischer Sicht auch Bitteres. Zum Beispiel hatten die Athleten, so Flug, nach ihrem Empfang in München „die fragwürdige ,Ehre“’ sich im Angesicht eines Stoiber und Seehofer, in das Goldene Buch der Stadt München einzutragen“. Das seien, empört sich Sportsfreund Flug, „Politiker, die von einem erfolgreichen Einsatz für Deutschland so weit entfernt sind, wie ein Eiszapfen von der Sahara“. Und solchen Politikern mag er es nicht nachsehen, dass durch ihr Wirken in den letzten Jahrzehnten „ein regelrechter Bevölkerungsaustausch“ stattfinde.

Der hat bedrohliche Auswirkungen auf künftige Medaillenspiegel: „Zahlreiche internationale Kritiker“ verträten die Ansicht, „daß das gefährlichste ,Instrument’, daß jemals gegen Deutschland gerichtet wurde, durch umgebremste Zuwanderung und den willfährigen ,Multi-Kulti-Segen’ der politisch Verantwortlichen, zu den absehbaren Auflösungserscheinungen einer großen Sport- und Kulturnation führen könnten“. Aber noch ist es offenbar nicht ganz so weit. Flug jedenfalls schließt seine nacholympische Betrachtung mit den Worten: „Auf Wiedersehen Vancouver, auf Wiedersehen Whistler. Vorwärts Deutschland. Sotchi, wir kommen.“

Stephan Flug sollte eigentlich bei der Landtagswahl am 9. Mai in Siegen als Direktkandidat antreten, ebenso wie der parteilose Neonazi Axel Reitz im Nachbarwahlkreis. Kurz vor Toresschluss zog die NPD die beiden Wahlvorschläge zurück. Dass sie dies tat und warum sie dies tat, darüber wird auf der Weltnetzseite der Siegen-Wittgensteiner NPD bis zur Stunde kein Wort verloren. Eine Vermutung sei erlaubt: Womöglich hat der Kreisvorsitzende zu intensiv die Olympia-Berichterstattung verfolgt, so dass keine Zeit zum Sammeln der Unterstützungsunterschriften blieb? (rr)

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