Nebenbei: „Liberalistische Gewohnheiten vollständig überwinden“

Köln – Ab und zu müssen die Neonazikameraden auf ein ausreichendes Maß an konspirativem Verhalten verpflichtet werden, dachten sich die „Freien Kräfte Köln“ und veröffentlichten „zur Erinnerung und Mahnung einige Ratschläge für den Alltag eines Aktivisten“: Vorsichtsmaßnahmen, die dazu dienen sollen, „aus der Widerstandsbewegung ein unerschütterliches und unangreifbares revolutionäres Schwert zu formen, mit dem das System besiegt und eine Neue Ordnung für unser Volk und Vaterland erkämpft werden kann“.

Das meiste ist bekannt und kommt nicht überraschend: Vorsicht bei Telefonaten und beim SMS-Versand etwa, und regelmäßig sollte der Handy-Speicher geleert werden. Apropos Handys: Deren Kamerafunktion scheint eine Quelle steter Bedrohung für Neonazis zu werden. „Macht keine Aufnahmen, die zuviel offenbaren oder euch in gesetzliche Konflikte bringen könnten!“, raten jedenfalls die Kölner „Führungskameraden“.

Dass „Interna wie geheime Termine und Treffpunkte“ niemals über Netzwerke wie Facebook, ICQ, Twitter etc. verbreitet werden sollen, ergibt sich eigentlich von selbst. Doch auch in der (U-)Bahn, im Bus, in der Schule, an der Uni oder am Arbeitsplatz sollen die Kameraden keine Unterhaltungen über Angelegenheiten, die Außenstehende nichts angehen, führen: „Behaltet im Hinterkopf, dass es überall Menschen mit ,langen’ Ohren gibt.“

Unauffällig sollen sie sich verhalten, zum Beispiel, was die Kleidung anbelangt: „So schön T-Hemden und Kleidung mit eindeutigem Aufdruck auch sein mögen, sie müssen nicht bei allen Anlässen getragen werden!“ Gerade bei Besuchen in Behörden empfehle es sich manchmal, unauffällig in Zivil zu erscheinen, nicht in „Demo-Kluft oder Szene-Outfit“. Als nationaler Sozialist trage man seine Weltanschauung sowieso „in erster Linie im Herzen und nicht auf der Kleidung“. Aber auch in den eigenen vier Wänden heißt es aufzupassen: Man solle es vermeiden, „bei geöffnetem Fenster laut ,eindeutige’ Musik oder sonstiges Ton-/Filmmaterial laufen zu lassen“.

Die ausführlichsten Ratschläge sind dem „Gequassel“ innerhalb der Szene gewidmet. „Niemand will die Entfaltung von kämpferischen Persönlichkeiten behindern oder gar verhindern, aber die vollständige Überwindung bürgerlicher Schwächen und liberalistischer Gewohnheiten, zu denen nicht an letzter Stelle Schwatzhaftigkeit, Prahlerei und dummes Gerede zählen, sind unabdingbar“, wenn man dem „hehren Ziele“, der Beseitigung des „Systems“ und der Errichtung einer „Neuen Ordnung“ näher kommen wolle. „Internes muß auch intern bleiben und gehört nicht durch Gerede nach außen getragen. Verschwiegenheit ist eine Tugend und Schwätzer braucht niemand!“

Aber auch in den eigenen Reihen seien Klatsch und Tratsch – etwa über persönliche Schwächen oder private Verfehlungen – „extrem schädlich, denn es vergiftet das Klima und gefährdet die Solidarität der Kameraden untereinander“. „Mitteilungssucht, Schwatzhaftigkeit und Angebertum“ hätten in der Vergangenheit „dem Feind insgesamt sicher mehr geholfen als Unterdrückungsmaßnahmen und Verfolgung oder bewußter Verrat von eingeschleusten Spitzeln und Spaltern“.

Womöglich schwebt den Autoren der Kölner Ratschläge jemand wie Axel Reitz als Idealbild des Kameraden vor. Der müsste freilich selbst noch an einigen persönlichen Schwachstellen arbeiten. „Prahlerei“, „dummes Gerede“ und „Gequassel“ fiele uns als erstes ein. (rr)

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