OWL: „Westfalen-Nord“ – Zwischen modernisiertem Lifestyle, Disziplin und Tradition

BIELEFELD – Am 6. August wollen erneut mehrere Hundert Neonazis durch die niedersächsische Kurstadt Bad Nenndorf marschieren. Entscheidend an der Organisation des Aufmarsches beteiligt ist das neonazistische Netzwerk „Westfalen-Nord“ (WN). Unter diesem Namen tritt die ostwestfälisch-lippische Neonaziszene seit nunmehr zwei Jahren auf. Optisch modernisiert verfolgt die Szene einen „bürgerschaftlichen“ Ansatz, der auf Zuspruch aus der Bevölkerung setzt. Zugleich existieren weiterhin die alltägliche neonazistische Hetze gegen Ausländer und die Gewalt gegenüber dem politischen Gegner. Mit Marcus Winter ist seit letztem Jahr einer der wichtigsten Konzertveranstalter der Szene wieder auf freiem Fuß.

In Ostwestfalen-Lippe arbeitet seit Jahren eine aktive und aktionsorientierte Neonaziszene. Insbesondere der Bielefelder Kameradschaftsführer Bernd Stehmann trieb während der 1990er Jahre die Gründung zahlreicher „Freier Kameradschaften“ in der Region voran. Bis zum Jahr 2000 existierte ein Geflecht lokaler Kameradschaften, die miteinander informell bei den „Freien Nationalisten Ostwestfalen“ vernetzt waren.

Nachdem es im Verlauf der 2000er Jahre um die „Kameradschaft Bielefeld“ ruhiger geworden ist, übernahm insbesondere die „Kameradschaft Weserbergland“ um Stehmanns politischen Sprössling Marcus Winter die Vorherrschaft in der extremen Rechten der Region. Diese überaus aggressiv auftretende Gruppierung war unter anderem für die Entführung und Misshandlung eines jungen Antifaschisten im Jahr 2002 verantwortlich. Aufgrund drohender Repressionen löste sich die Kameradschaft 2005 offiziell auf und trat ab 2006 als „Nationale Offensive Schaumburg“ (NOS) auf.

Ab Mitte der 2000er Jahre konnte der neonazistischen Szene in OWL erfolgreich durch antifaschistische Initiativen und Protestaktionen Spielraum genommen werden. Im Jahr 2007 schlossen sich die zu dem Zeitpunkt kaum noch öffentlich auftretenden Kameradschaften Lippe und Gütersloh sowie die wieder einmal von einem Verbot bedrohte „Nationale Offensive Schaumburg“ zusammen. Fortan traten sie unter dem Namen „Nationale Sozialisten aus Ostwestfalen-Lippe und Schaumburg“ auf.

Regionale Bündelung

Im selben Jahr gründete sich die „Freie Kameradschaft Höxter“, die bis 2010 ein durch zahlreiche Haftstrafen führender Neonazis verursachtes Vakuum zu schließen wusste. Die Kameradschaft erlangte in Folge einer Unterwanderungsstrategie mediale Aufmerksamkeit. So fokussierte sie beispielsweise eine Zusammenarbeit mit dem Steinheimer Bürgermeister Joachim Franzke (CDU), um der angeblichen Ausländergewalt in Steinheim Herr zu werden. Franzke geriet in Folge dessen in die Kritik, da er sich erst nach mindestens zwei Treffen mit den Neonazis von jenen distanzierte.

Im Mai 2009 gründete sich „Westfalen-Nord“ (WN), ein weiterer Versuch, die in der ländlichen Region weit verstreuten Kräfte zwecks aktionsorientierter Kooperationen zu bündeln. Der Einschätzung, es handele sich bei WN um ein Aktionsbüro steht die Entwicklung entgegen, dass keine der früheren Kameradschaften noch unter eigenem Namen auftritt. Auch frühere Websites leiten nunmehr auf WN um oder sind abgeschaltet. Dies spricht dafür, dass WN auch basisorganisatorische Aufgaben erfüllt. Im Februar 2010 trat auch die FK Höxter dem Zusammenschluss bei.

Stilelemente „Autonomer Nationalisten“

Zwischenzeitlich schien die ostwestfälische Neonaziszene sich im Stile der „Autonomen Nationalisten“ (AN) zu präsentieren. Bereits 2008 veröffentlichte die FK Lippe unter dem Namen „Autonome Nationalisten Lippe“ Videos auf Youtube, die Sprühereien hinterlegt mit Rockmusik zeigten. Unter anderem wurde für den „Nationalen Antikriegstag“ 2008 in Dortmund geworben. Auch die FK Gütersloh zeigte deutliche Tendenzen einer Annäherung an die AN.

Die „Nationale Offensive Schaumburg“, die zwischenzeitlich als Vorreiter der AN-Szene in Niedersachsen galt, verkörperte einen revolutionären Habitus im Sinne der AN. Insbesondere der Einschüchterungsversuch eines Richters im Jahr 2007 macht dies überdeutlich. Auf der mittlerweile nicht mehr aktualisierten Homepage heißt es: „Vasallensklaven in Politik und Justiz versuchen den Umsturz mit ausreichend Gesinnungs- und Meinungsverboten zu verhindern, doch diese Verbote gelten nicht für uns! – Wir werden auch mit euch fertig, denn ihr und euer Scheiß-System geht uns am Arsch vorbei!“

Auch „Westfalen-Nord“ greift Aspekte der AN-Szene auf. Bei Demonstrationen wird ganz in Schwarz und mit revolutionären Parolen à la „A, Anti, Anticapitalista“ aufmarschiert. Anfang 2010 wurde zudem ein Video auf Youtube hochgeladen, das vermummte Gestalten bei konspirativen Aktionen zeigt; Sprayen, Aufkleber verkleben, Transparente hochhalten und bengalische Lichter zünden. Das Video wurde mittlerweile wieder gelöscht.

„Bürgerschaftlicher“ Ansatz

Stattdessen verfolgt WN mehr und mehr einen „bürgerschaftlichen“ Ansatz, der darauf fußt, gesellschaftliche Meinungen zu Themen aufzugreifen und im eigenen Sinn zu instrumentalisieren. So beispielsweise bei Themen wie Staatsverschuldung, Hartz IV oder gar im Rahmen einer Initiative gegen die GEZ („Der GEZ-Mafia den Kampf ansagen“), bei denen sich WN in antikapitalistischer Manier für die Verlierer dieser Prozesse (den „kleinen Mann“) einsetzt.

Diese Zuwendung hin zu den Bürgern geht noch weiter, etwa wenn WN sich gegen die Überfremdung ausspricht. Nicht nur wird vor kriminellen und gewalttätigen Ausländern gewarnt, wie etwa im Rahmen zahlreicher Flugblattaktionen. Weiter inszeniert sich WN auch als eine Art Bürgerwehr: „Nehmen Sie noch heute mit uns Kontakt auf und werden Sie aktiv, damit Sie und Ihr Eigentum endlich wieder sicher sind!“

Im Sinne ihres „bürgerschaftlichen“ Ansatzes ist auch die Homepage von WN auf den ersten Blick kaum als neonazistische Kameradschaftsseite zu erkennen. Hell und einladend gestaltet mit Fotos vom Hermannsdenkmal, Sparrenburg und Externsteinen im Banner, erinnert die Seite optisch zunächst eher an die einer Tourismusagentur. Erst am Seitenende findet sich ein Goebbels-Zitat und damit die eindeutige Positionierung zur NS-Ideologie: „Unser Ziel ist die Freiheit unseres Reiches und ein Reich der sozialen Gerechtigkeit in einer kommenden, glücklichen Zukunft“.

Genauso konsequent, wie um Zuspruch in der Bevölkerung geworben wird, so konsequent werden diejenigen bekämpft, die sich politisch gegen die Neonazis aus der Region stellen. Immer wieder kommt es zu Angriffen auf linke Treffpunkte und alternativ aussehende Jugendliche.

Disziplin und Tradition

Ein entscheidender Aspekt des Selbstverständnisses von „Westfalen-Nord“ sind Disziplin und Tradition. Zwar hat man sich in den letzten Jahren insbesondere durch den AN-Lifestyle optisch modernisiert – Begriffe wie „E-Mail“ oder „T-Shirt“ gehen den Kadern dabei jedoch nicht über die Lippen. Man bleibt bei der klassischen „E-Post“ und beim „T-Hemd“.

WN sieht sich selbst als Gegenpol zu einer, wie die Neonazis es nennen, „Spaßgesellschaft“. In einem Beitrag kritisieren sie beispielsweise den Konsum von Alkohol, Drogen und das Wechseln von Sexualpartnern. Gleichzeitig  verdeutlichen sie ihr Selbstbild, in dem sie sich primär als politische Soldaten und Aktivisten sehen: „Wir brauchen fanatische Eiferer für die es nichts als den Weg dieser Bewegung und ihren Idealen gibt. Die sich mit Leib und Leben der Sache verschrieben haben, und was wir nicht brauchen sind dauernd betrunkene armselige Lichter die ‚Nazi’ spielen.“

Der zentrale Event des Jahres ist für sie der Trauermarsch in Bad Nenndorf. Maßgeblich an der Organisation und Durchführung der seit 2006 stattfindenden Demonstration beteiligt sind Kader aus den Reihen von WN. Die Teilnehmerzahl der Demonstration wächst stetig an. Waren es 2006 noch 100, so zählte der letztjährige Aufmarsch bereits über 900 Teilnehmer. Mittlerweile konnte sich der Trauermarsch als neonazistisches Großereignis mit bundesweiter Mobilisierung etablieren. Ziel der Demonstration ist das Wincklerbad, das nach dem Zweiten Weltkrieg unter anderem als Gefängnis für deutsche Kriegsgefangene genutzt wurde. Ähnlich wie in Dresden, Magdeburg oder Remagen wird eine revisionistische Geschichtsdeutung dazu genutzt, Deutsche als Opfer alliierter Willkür und Verbrechen darzustellen, um von der eigenen Kriegsschuld abzulenken.

Musik als Köder

Das Thema Musik ist gewissermaßen Marcus Winters Steckenpferd. Nach seiner Haftentlassung im Frühjahr 2010 war er binnen kurzer Zeit an der Organisation zweier Rechtsrock-Konzerte beteiligt. Auch für WN scheint das Thema von Bedeutung zu sein. Auf Youtube veröffentlicht WN regelmäßig Musik von bekannten Rechtsrock-Bands wie „Sleipnir“ oder „Nordfront“. Mittlerweile umfasst die Sammlung auch Songs des aus der linken Szene „ausgestiegenen“ Neunazi-Rappers Makss Damage.

Auch in der Organisation von Konzerten wird WN nun präsenter. War dies in der Vergangenheit eher Aufgabe Winters, so wird für die „Transatlantik-Linie“, ein internationales Rechtsrockkonzert, das im Juli 2011 im Großraum Magdeburg stattfinden soll, auch von „Westfalen-Nord“ fleißig die Werbetrommel gerührt. Auf dem mutmaßlich von Winter organisierten Konzert treten neben „Nordfront“, „Sturmtrupp“ und „White Resistance“ auch „Youngland“ aus den USA und „Legion of St. George“ aus England auf.

Das Konzert ist eng verknüpft mit Bad Nenndorf, so wird bereits auf dem Konzert-Flyer für den diesjährigen Aufmarsch geworben. Weitere Mobilisierungsaktionen im Rahmen des Konzerts sind wahrscheinlich. Anders als in der Vergangenheit wird das Konzert diesmal nicht als Geburtstagsparty getarnt. Es gibt einen Vorverkauf und eine Abendkasse.

Politische Soldaten – taktisch zivilisiert

„Westfalen-Nord“ bündelt die in der Region verteilten Neonazis und homogenisiert sie. Der modernisierte Lifestyle und die Etablierung einer rechten Erlebniswelt durch Konzerte und Musik, verbunden mit Politik lassen die Szene attraktiver für junge Nachwuchskader erscheinen. Anders als bei AN-Gruppen aus dem Ruhrgebiet, steht bei WN jedoch nicht der Aktionismus im Vordergrund, sondern die NS-Ideologie und das Selbstbild als politischer Soldat. Dies schließt eine taktische Zivilisierung im Rahmen des „bürgerschaftlichen Engagements“ mit ein. (JB)