UN: Die Nazi-Dichterin und ihr Neonazi-Anhang

SCHWERTE – Meterlang zog sich der Schriftzug über eine Grundstücksmauer an der Agnes-Miegel-Straße in Schwerte: „Agnes-Miegel-Straße bleibt, sonst gibt´s Randale“, lasen die Anwohner dort in dieser Woche. Wie in zahlreichen anderen Städten wird in Schwerte darüber diskutiert, ob eine Straße den Namen einer Nazi-Dichterin tragen sollte. In der Stadt im Kreis Unna meldeten sich Neonazis nun in ihrer ganz eigenen Art und Weise in dieser Diskussion zu Wort.

Dass es Neonazis waren, die jene Parole auf der Mauer hinterließen, darauf deutet die Abkürzung hin, die von den Autoren hinzugefügt worden war: „NWU“, was wiederum für die zahlenmäßig recht kleinen Neonazitruppe „Nationaler Widerstand Unna“ steht, die im Internet seit einiger Zeit als „Freies Netz Unna“ (FNU) firmiert. Ein noch deutlicheres Indiz auf die Urheberschaft liefert ein Text, der wenige Tage nach der Schmieraktion wortgleich auf den Internetseiten zweier „Ortsgruppen“ jenes „Freien Netzes“ erschien.

„Krawall“ angedroht

Der Vorfall zeige, so hieß es bei den „Ortsgruppen“ Schwerte und Unna, dass es „auch Widerstand seitens deutscher Jugendlicher gibt, die sich von dem heutigem Zeitgeist weder ihre Zukunft, noch ihre Vergangenheit und Herkunft diktieren lassen wollen“. Ihre, der Neonazis, Forderung sei klar: „Wir lassen uns unsere Agnes-Miegel-Straße nicht nehmen, weder hier noch anderswo, Agnes Miegel-Straße bleibt, ansonsten gibts Krawalle!“

Im Übrigen versuchen die Neonazis, die schon mit ihrer Bezeichnung „Ortsgruppe“ historisch an die NSDAP anknüpfen wollen, Miegel vordergründig in Schutz zu nehmen. Ihr werde bloß „nachgesagt“, sie habe „in ihrer Lebzeit mit dem ,NS-Regime’ in Verbindung gestanden“. Und weiter: „Die fadenscheinigen Beweise der heute selbsternannten Volksvertreter sind längst nicht so offenkundig, wie sie behaupten.“

„Bekennende Nationalsozialistin“

Mit dem aktuellen Stand der Forschung hat diese Einschätzung allerdings nichts zu tun. Die Hitler-Verehrerin Miegel schrieb Gedichte mit Titeln wie „An den Führer“ („Übermächtig füllt mich demütiger Dank, dass ich dieses erlebe, Dir noch dienen kann“) oder „Dem Führer“ („Unsere Herzen, hart von Not und Krieg, hat mit seinen glühenden, glaubensvollen Worten er durchpflügt wie Ackerschollen, bis ein neuer Frühling aus uns stieg“), war unter anderem Mitglied der NS-Frauenschaft und der NSDAP und diente als literarisches Aushängeschild des NS-Regimes. Nach 1945 blieb von ihr jedes Wort der Distanzierung aus.

Das alles könnten jene „Ortsgruppen“-Neonazis aus Schwerte und Unna auch wissen, denn ihre „Dachorganisation“, das „Freie Netz Unna“, hatte Anfang März Miegel zum 132. Geburtstag einen ausführlichen Text gewidmet. „Agnes Miegel war bekennende Nationalsozialistin und widmete dem Führer einige Gedichte“, freute man sich dort. „Die altgermanische und im Nationalsozialismus wieder aufblühende ,Blut und Boden’ Ideologie zieht sich wie ein roter Faden durch diese Gedichte.“

„Minusmenschen“

Miegel erschien den FNU-„Kameraden“ gar als „wohl bedeutendste Dichterin des deutschen Volkes“. „Ihre Gedichte an den Führer, an die deutsche Jugend, über ihre Heimat und die zahlreichen Ehrungen, wie etwa der 1939 ihr verliehene Ehrenpreis der Hitlerjugend, machen sie unsterblich.“ Auf der anderen Seite stünden „Demokraten“, was bei den Neonazis selbstredend abwertend gemeint ist, sowie „linke Minusmenschen“, die nach ihr benannten Straßen neue Namen geben wollten.

Wie die Ruhr Nachrichten meldeten*, sind sich in Schwerte die Fraktionen von SPD, Grünen und Linken einig, dass die Agnes-Miegel-Straße auf jeden Fall umbenannt werden soll. CDU, FDP und die WfS (Wählervereinigung für Schwerte) möchten demnach erst die Meinung der Anwohner hören, bevor sie der dichtenden Hitler-Verehrerin den Straßennamen nehmen wollen, so die Schwerter Lokalausgabe der Tageszeitung. Eine Entscheidung der Kommunalpolitiker wird für September erwartet. (ts)

* http://www.ruhrnachrichten.de/lokales/schwerte/Front-gegen-Nazi-Namen-waechst;art937,1346657