BI: Neonazis, der Heilige Abend, die Besinnlichkeit und der Kampf um die Straße

BIELEFELD – Neonazis aus Ostwestfalen wollen die Bielefelder Polizei ärgern und haben daher für Heiligabend und den Silvestertag zwei Demonstrationen angemeldet.* Nicht jedem in der Szene gefällt dies.

Die Neonazis hatten Anfang August in Bielefeld demonstrieren wollen. Ihr Vorhaben scheiterte jedoch, weil ihnen etwa 500 Gegendemonstranten am Hauptbahnhof den Weg versperrten. Die Polizei hatte es als zu gefährlich angesehen, die Gegendemonstration aufzulösen oder die rechte Truppe daran vorbeizuführen. Stattdessen boten die Beamten den Neonazis an, eine Kundgebung am Hauptbahnhof abzuhalten. Damit freilich gaben sie sich nicht zufrieden und verzichteten komplett auf ihren Bielefeld-Auftritt.

Die Polizei sei „völlig unwillens oder wohl eher unfähig“ gewesen, „ein paar hundert Linkschaoten von der Straße zu räumen“, hieß es anschließend in einem Veranstaltungsbericht auf Internetseiten der Szene. Die Demos am 24. und 31. Dezember – angemeldet vom Marcus Winter und Sven Skoda – verstehen die Neonazis nun als „Antwort auf die polizeiliche Repression“. „Euren Feierabend, den bestimmen wir!“, hieß es in dem Veranstaltungsbericht.

„Lieber bei den Familien“

Doch nicht nur Polizeibeamte sorgen sich um Feierabend und Freizeit. Auch in der Szene selbst wird Kritik laut. Nachzulesen ist dies unter anderem in einem einschlägigen Internetforum, nachdem dort in dieser Woche – mutmaßlich von einem der Organisatoren der Heiligabend-Demo – ein Hinweis auf die Veranstaltung veröffentlicht worden war.

„Ich weiß ja, dass es ne nette Druckmaßnahme gegenüber den Behörden ist, aber ob man den Preis dafür bezahlen möchte ist unklar“, kommentierte ein Neonazi aus dem Ruhrgebiet. „Heiligabenddemos werden immer gering ausfallen, dienen daher nur der Erfüllung von Androhungen, haben aber keine propagandistische Wirkung, da sie auch auf Normalmenschen eher abschreckend wirken. Selbst ich bin genervt, wenn ich auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt am Tag von Heiligabend nen Demomob vor mit herlaufen habe.“ „Heiligabend/Weihnachten/Julfest“ hätten eine familiäre Bedeutung, meint „AN West“, wie er sich nennt: „Auch unsere Aktivisten sollten den Tag lieber bei ihren Familien verbringen, als vormittags auf ner unsinnigen Demo, und abends im Suff im WG-Zimmer mit bald 30 Jahren.“

Verkrachte Single-Existenzen

„Patriotoz“ verkündet apodiktisch: „Am 24.12 sollte man sich im Kreis der Familie aufhalten und nicht auf der Straße!“ Und sogar der Kommentator, der sich „Autonomer“ nennt, meint, er finde es persönlich „sinnvoller diesen Tag besinnlich zu verbringen, auch ohne selbst christlich zu sein“. „Odins-Sohn“ stimmt zu: „Ich halte zwar den Kampf um die Strasse für sehr wichtig, allerdings gibt es 364 andere Tage im Jahr und da muss nun nicht unbedingt der 24.12. gewählt werden.“ Heiligabend als Demo-Termin auszuwählen, komme zudem in der „Zivilbevölkerung“ nicht gut an.

„Stritzi“ freilich meint, dass es ein kleines, aber stabiles Potenzial für Demonstrationen an solchen Tagen durchaus gibt: „Auf diesen Weihnachtsdemos kamen doch in der Vergangenheit auch nie mehr als 50-60 Mann,  obwohl man sich bei der Anzahl an völlig verkrachten Singleexistenzen und Aktivistensöhnen/töchtern die von einer Alleinerziehenden Mutter aufgezogen werden im NW [gemeint ist der „Nationale Widerstand“, d. Red.] durchaus wundern kann warum es nicht mehr sind/waren.“

Waffenruhe an allen Fronten

Ganz grundsätzlich wird hingegen Kommentator „Mitternachtsberg“: „Selbst während den Weltkriegen im letzten Jahrhundert war am Heilig Abend Waffenruhe. Es war Waffenstillstand. Wo auch immer der deutsche Soldat an der Front stand, dort ruhten die Waffen.“ Die Weihnachtszeit sei jene Zeit, die deutsche Menschen „seit jeher dafür nützen, tief in sich einzukehren, für ihre Familien und Liebenden da zu sein. Das war schon unter den Germanen so“. Sei Fazit zu solchen „Protestdemos“ – er schreibt das Wort in An- und Abführungszeichen –: „Es ist kurz gesagt unehrenhaft.“

Polenböller und der gemeine Bürger

Sauer angesichts der Reaktionen ist derweil der Autor, der den Demonstrations-Hinweis in dem Forum platzierte. „Die Heilig Abend Demos haben in NRW ebenfalls eine Tradition! Und zwar eine erfolgreiche“, dekrediert er. Seine renitenten Forums-Kameraden freilich sind nicht würdig, Details über diese Erfolge zu erfahren: Er werde „den Teufel tun euch hier diesbezüglich Einzelheiten zu erläutern“. Er fühlt sich offenbar alleingelassen. Es habe doch im August „euphorischen Applaus in Bielefeld vor rund 250 Personen“ gegeben, „als eben genau diese Demonstration für den 24.12. angekündigt worden ist“, erinnert er sich angesichts der Kritik aus den eigenen Reihen. Reaktionen außerhalb der Szene auf die Demo-Ankündigung interessieren ihn wenig: Es interessiere ihn „nicht die Bohne was der gemeine Bürger nun über diesen Demotag sagt“.

Er denkt über Heiligabend hinaus und grübelt bereits, welche Ausreden den Kameraden einfallen werden, wenn über die Demo am Silvestertag diskutiert wird: „Dämonenaustreibung? Da feier ich immer mit der Familie? Ich finde keinen der mich fährt? Ich hab Polenböller vorbestellt?“ (ts)

* /nrwrex/2011/08/bi-neonazis-wollen-heiligabend-demonstrieren

und

/nrwrex/2011/08/presseschau-auch-silvester-neonazi-demo-bielefeld

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