Erinnern und Aufklären
20 Jahre nach den rassistischen Morden an Mehmet Kubaşık und Halit Yozgat
Auf der Gedenkkundgebung für Halit Yozgat am 6. April in Kassel sagte sein Vater İsmail Yozgat: „Seit genau 20 Jahren haben wir einen Schmerz in uns, der nie vergangen ist. […] Diese Erinnerungen tun weh, aber es ist unsere Pflicht, sie wachzuhalten. Für Halit, für die Wahrheit, für alle, die nach Gerechtigkeit verlangen.“
Auch 20 Jahre nach den Morden, sind viele Fragen der Angehörigen und Betroffenen unbeantwortet. Nach der sogenannten Selbstenttarnung des NSU 2011 versprach die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel eine „lückenlose Aufklärung“ der Verbrechen und der Rolle staatlicher Institutionen, die diese Taten begünstigt hatten. Doch auch nach 15 Parlamentarischen Untersuchungsausschüssen und dem NSU-Prozess in München (2013-2018) ist festzustellen, dass die staatliche Aufarbeitung enttäuschend verlief, von den Behörden vielfach behindert wurde und auch die Justiz nicht für Aufklärung sorgte.
Aufklärung bedeutet zum einen das Aufklären der konkreten Umstände, der Täter*innen und Strukturen, die hinter den Taten standen, sowie Aufklärung über das institutionelle Handeln, vo allem von Polizei und Verfassungsschutz.
Aufklären meint aber auch, das Wissen und die Erinnerung an das Geschehene weiterzutragen. In ihrer Rede zum 20. Todestag ihres Vaters sprach Gamze Kubaşık über das Schweigen, Wegsehen und Misstrauen, was den Hinterbliebenen entgegengebracht wurde, und über fehlende Aufklärung: „Der NSU-Komplex ist nicht abgeschlossen. Er ist nicht aufgeklärt.“
Aufklärung ist somit ein zentraler Bestandteil des Erinnerns. Im Interview berichten Elif und Gamze Kubaşık über die Bedeutung der Erinnerung 20 Jahre nach dem Mord an Mehmet Kubaşık, aber auch über ihre Kämpfe um Aufklärung, Gerechtigkeit und Konsequenzen.
Über das Leben von Mehmet Kubaşık schreibt Marie Kemper.
Hannah Tietze und Fanny Schneider beschäftigen sich mit Formen der Erinnerung an Mehmet Kubaşık.
Mit dem Leben von Halit Yozgat und dem Gedenken in Kassel beschäftigt sich Ari Bergmeier.
Nur wenige Wochen nach den Morden an Halit Yozgat und Mehmet Kubaşık gingen die Angehörigen im Sommer 2006 auf die Straße und forderten „Kein 10. Opfer“.
Ali Şirin beschreibt in seinem Artikel die Schweigemärsche in Kassel und Dortmund als Akt der Selbstermächtigung und Beginn widerständigen Erinnerns.
Abschließend setzen sich Kim Finke und Maria Breczinski mit dem Stand der Aufklärung im NSU-Komplex auseinander.