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Himmlers holländische Muse

Der niederländische Autor Rost van Dujin hat sich auf die Spuren der adeligen Baroness Julia Op ten Noort begeben, die als Missionarin für die christliche Oxfordgruppe den SS-Führer Heinrich Himmler in den 1930er-Jahren kennen- und verehren lernte und sich zu einer einflussreichen Protagonistin der niederländischen NS-Anhänger*innenschaft entwickelt hatte. Das Buch basiert auf umfangreicher Quellenarbeit und bietet einen äußerst interessanten Einblick in den außergewöhnlichen biographischen Werdegang. Der Autor ist kein Unbekannter in der niederländischen Polit-Szene.

Er war Mitbegründer der anarchistischen Provos und nach deren Auflösung Mitinitiator der niederländischen „Kabouter“-Bewegung (Heinzelmännchen), ein öko-anarchisches Enfant terrible par excellence also — und zugleich ein Anhänger esoterischer Heilslehren. Als Motivation für seine Nachforschungen offenbart er fragwürdige Ansichten: So meint er, „ungeachtet aller historischen Unterschiede“ in ihrem Leben „Elemente meines eigenen wiederzuerkennen, etwa Ähnlichkeiten im Charakter und die wachsende Einsicht, dass sie eine Frucht theosophischer Kultur war, vergleichbar mit jener, in der ich selbst groß geworden war. Die meine war verwoben mit der Theosophie der wundersamen Madame Blavatsky, Urahnin der New Age-Bewegung.“ Der Autor entdeckt nicht nur fragwürdige Gemeinsamkeiten esoterischen Denkens mit der niederländischen NS-Protagonistin. Er (miss­)­deutet zudem in fragwürdiger Manier deren Fanatismus als „erotische Bekehrung“ und phantasiert beispielsweise, „dass ich im Jahr 1934 als junger Theosoph zu einem SS-Treffen in Breslau gereist wäre, um mich auf andere Gedanken zu bringen, und dass mich dort eine Schar Blondinen mit weißen Handschuhen empfangen hätte. Wäre ich dann vielleicht auch über ihre Ansichten über Reinkarnation und über… Politik empfänglich gewesen?“ Nun lässt sich trefflich über solche Phantasien in einer Biographie über eine NS-Anhängerin streiten. Interessant ist das Buch jedoch gerade deswegen, weil es zwei Zusammenhänge veranschaulicht — den Zusammenhang von Faschismus und Esoterik und die Anfälligkeit von esoterischen (Links-)Alternativen zu rechten Weltanschauungen. Julia Op ten Noort war nämlich nicht nur Anhängerin der Nazi-„Lebensborn“-Bewegung, sondern nach dem Krieg New-Age-Vorreiterin, die sich bis zu ihrem Tod 1994 in Deutschland als spirituelle Verkünderin fernöstlicher Weisheiten betätigte und zugleich ihre alten Nazi-Kontakte pflegte. So hilft die Lektüre zugleich unbeabsichtigt, etwas mehr die verquere aktuelle Melange zwischen Esos und Nazis in der heutigen Szene der Pandemie-Leugner*innen zu verstehen. Trotz der genannten problematischen Züge also eine lehrreiche Aufarbeitung der interessanten Biographie einer niederländischen NS-Protagonistin und Esoterikerin.

Rost van Dujin:
Himmlers holländische Muse. Die zwei Leben der Baroness Julia Op ten Noort
Schmetterling Verlag, Stuttgart 2020
340 Seiten, 22,80 Euro

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