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Gefährlicher Ort und identitätsstiftendes Denkmal

Die Stadt im rechten Diskurs

Die Rechte in Deutschland setzt sich zunehmend mit städtischen Orten auseinander. Sie erkennt dort einen Möglichkeitsraum neuer Sichtbarkeit und Mobilisierung, begibt sich in Konflikte um Städtebau oder Sicherheitspolitik. Die Stadt wird damit zur Bühne regressiver Politiken und zur Adressatin rechter Vorstellungen von Harmonie, Ordnung und Gemeinschaft. Zudem zeigt diese Tendenz den Stellenwert, den Raumbezüge für rechtes Denken haben.

Mit dem Bedeutungsgewinn der Rechten im letzten Jahrzehnt haben sich die Grenzen des Sag- und Machbaren verschoben. Parolen von Heimat, Abendland oder einer „ethnopluralistischen“ Ordnung der Welt erreichen (wieder) eine breitere Öffentlichkeit und offenbaren ihr gewaltsames Potenzial. Hinter diesen Begriffen steht die Logik, Eigenem und Fremdem ihre vermeintlich angestammten Plätze zuzuweisen: Der Heimat-Begriff erhebt die eigenen kulturellen Praktiken, Wertvorstellungen und Geschichtsschreibungen zur unumstößlichen Norm. Mit der Vorstellung eines Abendlandes schaffte sich nicht erst PEGIDA eine kulturelle und politische Identität, die sich in erster Linie über eine räumliche Abgrenzung vom Okzident begründet. Die Idee des „Ethnopluralismus“, wie sie sich in rechten Debatten seit den 1970er Jahren entwickelt hat, verräumlicht rassistische Ungleichwertigkeitsvorstellungen, indem sie Kulturen bestimmte Gebiete zuweist, ihnen andere wiederum verwehrt. An der Vielzahl ähnlicher Begriffe wird deutlich, dass rechtes Denken auf räumliche Differenzierungen und Abgrenzungen angewiesen ist: Ein Denken, das von der Ungleichwertigkeit von Menschen ausgeht, muss diese Unterschiedlichkeit auch räumlich fixieren. Rechtes Denken bildet sich folglich in Vorstellungen räumlicher Muster und Grenzziehungen ab, die wiederum dieses Denken strukturieren.

In diesem Zusammenhang scheint es zunächst nicht unbedingt naheliegend, über Stadt zu sprechen. Als zentraler Gegenstand der Sozialwissenschaften wird sie meist als Ort betrachtet, in dem sich gesellschaftliche Widersprüche verdichten. Städtische Zentralität birgt die prinzipielle Möglichkeit der Begegnung, des Austauschs und der Auseinandersetzung — ein Gelegenheitsraum also, der emanzipatorische oder transformatorische Potenziale bereithält. An dieser Stelle greift die Forderung nach einem „Recht auf Stadt“, wie sie beispielsweise in sozialen Kämpfen formuliert wird. Dabei geht es um die Anerkennung und Partizipation in politischen Entscheidungsprozessen, um Zugang zu städtischen Infrastrukturen, Orten und Wissen sowie um die gleiche Verteilung gesellschaftlichen Reichtums. Jedenfalls haben diese Perspektiven die Trennung von Stadt und Land, mit der in gesellschaftlichen Debatten Fortschritt und Regression verortet wird, gestützt. So gilt die Stadt weithin als Ort liberaler Freiheiten und demokratischer Gemeinschaftlichkeit, während das Land für ein regressives Beharren auf Althergebrachtem steht.

Darüber ist manchmal aus dem Blick geraten, dass die Ideengeschichte rechten Denkens ein Verhältnis zur Stadt entwickelt hat und sie mit eigenen Vorstellungen von Städtebau, Gemeinschaft und Ordnungspolitik adressiert. Das bis heute wirkmächtige Bild einer Rechten, die sich ausschließlich mit der Natur, bäuerlichen Traditionen und ihrer Romantisierung identifiziert, die Stadt aber rundherum ablehnt, hat dazu sicher beigetragen. Jedenfalls ist das rechte Verhältnis zu Stadt komplizierter, als es der Dualismus von Agrarromantik und Großstadtfeindschaft suggeriert. Um das zu zeigen, lohnt sich zunächst ein Blick in rechte Ideengeschichte, da sich dort die Bezugspunkte finden, die für gegenwärtige rechte Stadtdiskurse wichtig sind.

Stadt im historischen Diskurs der Rechten

Ein erster Impuls für das rechte Verhältnis zur Stadt kam ab den 1850er Jahren vom deutschen Volkskundler Wilhelm Riehl. Ihn trieb die Sorge vor der Auflösung der ständischen Ordnung in der kaiserzeitlichen Gesellschaft, der Bedeutungsgewinn der Sozialdemokratie und der industrielle Strukturwandel zu einer romantischen Verherrlichung des Landlebens und einer umfassenden Polemik gegen die Stadt. Dort meinte er eine gesellschaftliche Mobilisierung zu erkennen, die das ihm Bekannte umfassend in Frage stellte. In der widernatürlichen Umwelt der Stadt beginne die familiäre und sexuelle Degeneration, hedonistische Lebensweisen würden dominant und Kunst verkomme zur Ware. „Ehrliche Arbeit“ wandle sich in ein zügelloses Streben nach Reichtum und Luxus und „fremde Kapitalisten“ trügen die Macht. Die Stadt selbst wachse unkontrolliert, unnatürlich und greife auf das Land über. Schließlich stelle sie Nation und Volk selbst in Frage und werde Teil einer kosmopolitischen, entwurzelten und traditionslosen Einheitskultur.

Die Motive des Riehlschen Großangriffs auf die Stadt bildeten die Basis einer Vorstellungswelt, die um 1900 mit einer enormen Vielstimmigkeit und Breite ausgebaut wurde. Die Problematisierung der großen Stadt wurde zu diesem Zeitpunkt eine Abwehrideologie, die sich gegen die Zumutungen eines urbanisierten Kapitalismus, emanzipierte Lebensweisen und Kulturen sowie technische Entwicklung positionierte. Für die Vertreter landromantischer und völkischer Ideale war diese Stadt in vielerlei Hinsicht ein Problem: In mehrheitlich sozialdarwinistisch-rassenhygienischen Verstädterungsmodellen erklärten Wissenschaftler wie Otto Ammon die „natürliche Auslese“ und „Entartung“ der Stadtbewohner:innen. Aus klerikaler Perspektive stand die Stadt für den Niedergang von Sitte, Anstand und Moral. Der „soziale Körper“ der Gesellschaft — „Familie, Dorf, Nation“ — stünde in Auflösung, die Frau verlöre ihren Lebensinhalt, der Mann seinen Ordnungswillen und seine nachbarschaftliche Verantwortung. Ein solches Chaos erfordere schließlich den andauernden Ordnungsruf von Polizei und Justiz. Ebenso pessimistisch blickten Kunstkritiker wie Julius Langbehn auf das städtische Treiben. Sie sahen den Niedergang der deutschen Kunst, städtebaulicher Ästhetik und kreativen Genies, was zumindest Langbehn nach einer völkischen Erneuerung rufen ließ.

Während Riehl noch die Hoffnung hegte, große Städte seien eine kurzfristige Mode und könnten wieder vergehen, setzte sich um 1900 die Forderung nach einer grundsätzlichen Neuausrichtung durch. Die Stadt sollte überwunden und durch eine neue, völkische Siedlungsform nach ländlichem Vorbild ersetzt werden. Diese Haltung wurde von Autoren wie Heinrich Sohnrey ausformuliert und fand in rechten Bewegungen ihre Praxis. So entstanden völkische Siedlungen und Lebensentwürfe, auch die Idee einer Gartenstadt hat hier einen Ursprung. Diese Bestrebungen einte das Motiv der Überwindung einer verhassten Moderne. Mit dem Ersten Weltkrieg und der Weimarer Republik wandelte sich jedoch dieses Verhältnis. Rechter Antikapitalismus und revolutionärer Nationalismus arrangierten sich mit technisch-industrieller Modernisierung, die eine autoritäre Herrschaft zu kontrollieren hat. Für diesen Übergang steht zunächst Oswald Spenglers „Der Untergang des Abendlandes“ — ein zweibändiges Sammelsurium, das die Motive der völkischen Stadtfeindschaft zu einer Großerzählung der Kultur- und Weltgeschichte verbindet, jedoch auch einen „neuen Cäsarismus“, eine technokratische Herrschaft fordert, die die deutsche Nation über den Niedergang der abendländischen Kultur hinaus rettet.

Spenglers Brückenschlag zwischen völkischer Denktradition und nationalrevolutionärer Vision setzt sich im kriegsverliebten Frühwerk Ernst Jüngers fort. Es trägt der Wunsch nach einem Ausbruch aus der Bürgerlichkeit liberaler Demokratie und die Frontstellung gegen linken Universalismus und veralteten Konservatismus. Für die Vision einer nationalen Revolte schafft Jünger drei Bedingungen: In der Figur des Frontsoldaten, die er später zum Arbeiter weiterentwickelt, sieht er den Träger dieser Revolte. Der technische Fortschritt der Moderne gibt ihm seine Mittel — das Kriegsgerät, die Maschine. Die „totale Mobilmachung“ des technisierten Arbeiters soll schließlich in der Stadt beginnen, sie von Liberalismus und antinationalen Stimmungen befreien. Ein neuer Nationalismus habe seinen Ursprung in der Stadt und greife von dort aus um sich. Dass Jünger als Vordenker nationalsozialistischer Herrschaft gehandelt wird, scheint vor diesem Hintergrund einleuchtend. Jedenfalls kann das nationalsozialistische Verhältnis zu Stadt als ideologische Synthese verstanden werden, die völkische und nationalrevolutionäre Denktraditionen verband und in Lebensraum- und Siedlungspolitik, Städtebau und Industrialisierung praktisch machte. Sie verband ein vernichtender Antisemitismus, der in beiden Denktraditionen vorherrschend war. Beide Denktraditionen haben darüber hinaus eine Vorstellungswelt der Stadt geschaffen, aus der sich die politische Rechte bis heute bedient.

Stadt im heutigen Diskurs der Rechten

Auch in der Gegenwart bleibt die Stadt ein schwieriges Thema für die Rechte. Städtische Räume versprechen einen Zugang zu einer breiteren Öffentlichkeit und Sichtbarkeit in sozialen Konflikten. Zudem erkennt die Rechte in städtischen Gesellschaften ein Mobilisierungspotential — Wähler:innen und Unterstützer:innen, die sie erreichen möchte. Gleichzeitig ist sie von Denktraditionen geprägt, die einen pessimistischen Blick auf städtische Räume nahelegen.

Diese Doppeldeutigkeit spiegelt sich im rechten Stadtdiskurs der letzten zwei Jahrzehnte. Einerseits begegnet die Rechte der Stadt mit Skepsis und Unbehagen, sieht in ihr die Verkörperung einer liberalen Moderne, gesellschaftlicher Unsicherheit und Überfremdung. Andererseits betont sie die historisch-symbolische Bedeutung der Stadt, adressiert sie mit Vorstellungen eines traditionalistischen Städtebaus, einer homogenen Gemeinschaft und einer autoritären Stadtpolitik. Der Diskurs bewegt sich damit zwischen der Stadt, wie sie aus Sicht der Rechten ist — unübersichtlich, fremd und unsicher — und wie sie sein sollte — harmonisch, homogen und ordentlich. Das zeigt ein genauerer Blick in Debatten um Städtebau, die Gemeinschaft der Stadtbewohner:innen und die politische Kontrolle städtischer Räume.

Wie die Stadt gebaut wird, ist längst nicht nur eine technische Frage. Vielmehr sind Städtebau und Architektur Aushandlungsfelder, in denen sich ökonomische und soziale Interessen, ästhetische und politische Ansprüche und Artefakte der Stadtgeschichte treffen. Die gebaute Stadt wird damit zum Spiegel gesellschaftlicher Widersprüche. Gerade diese Widersprüchlichkeit und Mehrdeutigkeit wird für die Rechte zum Problem. Sie sieht im Städtebau der Moderne das Projekt einer internationalen Elite, die den „alliierten Bombenterror“ und den Wiederaufbau genutzt hat, um die deutsche Stadt von ihrer Geschichte und Identität zu befreien. Innenstädte des Massenkonsums, experimentelle Architektur und „Mietskasernen“ seien daher eher Ausdruck internationaler Moden als lokaler Baustile. Zweckmäßige und geometrische Architektur habe in ihren Augen eine unübersichtliche, lebensfremde und künstliche Umwelt geschaffen.

Vorschläge eines rechten Städtebaus zielen darauf, Ordnung und Harmonie in städtischen Räumen vermeintlich wiederherzustellen. Ihrer Rekonstruktion einer anderen Stadt geht es, laut Léon Krier in CATO, um „die althergebrachten harmonischen Straßenzüge mit erschwinglichen Wohnungen, mit Kleinbetrieben, Lebensmittelgeschäften, Schulen und Kirchen, die mitten in unseren Städten das Aufblühen echter Gemeinschaften ermöglichen“. Die rechte Stadt ist damit Spiegel einer ungebrochenen Geschichte und gebaute Identität — die „historische Seele der Nation“, wie Christian Vollradt schon 2003 in der Sezession behauptete. Letztlich formuliert der rechte Stadtdiskurs damit aber eine regressive Antwort auf die Umkämpftheit und Widersprüchlichkeit städtischer Gestaltung.

Kontrolle über die Stadt

Der Wunsch nach Vereinfachung und Homogenität setzt sich in der Frage fort, wer die Stadt bewohnt bzw. bewohnen darf. Für rechte Diskurse ist sie das Zuhause einer liberalen Elite. Ellen Kositza schrieb in der Sezession beispielsweise: „Der heimatlose Vagabund, der nach ökonomischen Erwägungen ebensogut hier wie dort sein Zelt aufzubauen in der Lage ist — sprich: sich auf Zeit ‚einzumieten‘ in fremdes Eigentum — entspricht einem Prototyp unserer Zeit.“ Diese „neuen Nomaden“ lebten ein ortloses, entwurzeltes Leben und hätten sich einer „globalen Monokultur“ verschrieben. Dabei vernachlässigten sie die soziale Ordnung der Gemeinschaft, familiären Bindungen und Geschlechterrollen. Die Viertel der Stadt würden zudem von „gefährlichen Klassen“ bewohnt. Durch die „multikulturelle Verwüstung der Städte“ (Volk in Bewegung) entstünden überfremdete Orte sexueller und terroristischer Gewalt, die von der Ideologie des Multikulturalismus verharmlost oder ignoriert werde.

Rechte Diskurse verstehen städtische Räume folglich als Orte der Solidarisierung zwischen ihren liberalen und fremden Bewohner:innen. Dagegen richtet sich ihre antifeministische und rassistische Rhetorik von Verwurzelung und Ordnung. In deren Zentrum steht der Bürger als Idealtyp eines Stadtbewohners. In ihm sieht der rechte Diskurs das Oberhaupt der Kleinfamilie, das pflichtbewusst seinen Tätigkeiten nachgeht, Verantwortung für die Gemeinschaft zeigt und ihre Traditionen lebt. In rechten Vorstellungen erscheint die Stadt dementsprechend als geschlossene Gesellschaft, als Volksgemeinschaft im Kleinen.

Um einen anderen Städtebau und wahre Gemeinschaft in der Stadt durchzusetzen, müsse das „Krisengebiet“ Stadt unter eine autoritär-staatliche Kontrolle gestellt werden. Diese müsse das Chaos beseitigen, das die Architektur der Nachkriegsmoderne angerichtet hat. Sie müsse die Verwahrlosung öffentlicher Räume stoppen, „migrantische Banden“ und Drogenkonsu­ment­:innen vertreiben. Abschiebungen müsse sie als Mittel der kulturellen Homogenisierung anwenden. Erst dann wäre es für Polizei und Justiz möglich, Kriminalität und Gewalt effektiv zu bekämpfen. „Linke Szeneviertel“ seien zu beseitigen. Schließlich müsse die ökonomische Verwertung der Stadt gestoppt werden. Damit meint der rechte Diskurs undurchsichtige Geldgeschäfte und Spekulationen mit öffentlichem Eigentum — und fällt damit auf stereotype, oft antisemitische Bilder eines rechten Antikapitalismus zurück, wie ein Blick in das neonazistische Magazin Umwelt & Aktiv beweist: „Öffentliche Einrichtungen werden für ein verhältnismäßiges ‚Taschengeld‘ in die Hände ultraliberaler profitorientierter ‚Heuschrecken‘ veräußert.“

Die Kontrolle über städtische Räume erscheint letztlich als autoritäre Ordnungspolitik, die gesellschaftliche Widersprüche und Konflikte mit staatlicher Gewalt beseitigen will. In anderer Richtung plädiert der rechte Stadtdiskurs damit für eine hierarchisch organisierte Stadtgesellschaft, in der dem hörigen Bürger autoritäre Herrschaft gegenübertritt.

Die Stadt als identitäts­stiftendes Denkmal

Diese kurze Skizze zeigt offenkundig die Parallelen zwischen den Denktraditionen der Rechten und ihrer gegenwärtigen Beschäftigung mit der Stadt. Gleichzeitig scheint der Rückzug aufs Land, wie ihn völkische Bewegungen vorschlugen und lebten, nur noch bedingt eine Option. Im rechten Diskurs erfüllt Stadt die Funktion, rechtes Denken an konkreten Gegenständen plausibel zu machen. Entsprechend ist Neukölln und nicht das Allgäu das beste Beispiel für verfehlte Migrationspolitik und die Bedrohung durch „linke Kriminalität“. Gleichzeitig, meinte der britische Philosoph Roger Scruton 2017 in CATO, sei die Stadt der „wertvollste Teil unseres abendländischen Erbes“ und „zeuge vom Triumph der zivilisierten Menschheit“. Sie soll der harmonische und geordnete Raum der normalen Bürger sein, ohne Widersprüche und Konflikte. Die Stadt erscheint im rechten Diskurs als Denkmal der eigenen Geschichtsschreibung und Identität. An der Stadt vergewissert sich die Rechte der eigenen Überlegenheit, muss sie dafür aber in ihrer historischen Gestalt erhalten oder rekonstruieren. Dass dieses Denken praktische Konsequenzen hat, die Rechte sich in Auseinandersetzungen um die Nutzung und Kontrolle städtischer Räume oder städtische soziale Kämpfe einmischt, zeigen nicht zuletzt die Beiträge im vorliegenden Schwerpunkt.

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