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RechtsRock, Drogenhandel, Geldwäsche

Das kriminelle Netzwerk der Thüringer „Turonen“
Thomas Wagner (l.) am Rande eines Neonazi-Konzerts am 15.07.2017 in Themar
Foto: Antifaschistische Recherche
Thomas Wagner (l.) am Rande eines Neonazi-Konzerts am 15.07.2017 in Themar

Am 26. Februar 2021 ging die Polizei mit Razzien in Thüringen, Hessen und Nordrhein-Westfalen gegen einen Kreis von Neonazis vor, die einen schwungvollen Handel mit Drogen betrieben haben sollen. Gegen knapp 20 Personen wird ermittelt, acht von ihnen sitzen in Untersuchungshaft, darunter der Aachener Neonazi Timm Malcoci und der „Szeneanwalt“ Dirk Waldschmidt aus Hessen.

Die Polizei wirft den Beschuldigten vor, in 48 Fällen größere Mengen illegalisierte Drogen beschafft und verkauft zu haben. Bei den Razzien im Februar wurden unter anderem ein Kilogramm Kokain und Crystal Meth sowie 120.000 Euro Bargeld sichergestellt. Der Kopf der Gruppe soll der 46-jährige Thomas Wagner aus Ballstädt bei Gotha gewesen sein. Um ihn besteht seit vielen Jahren eine neonazistische Struktur, die im sogenannten Rotlicht-Milieu im Osten und Süden von Thüringen aktiv ist. Deren Kern tritt seit 2015 im Stil einer Rockergruppe unter dem Namen Turonen auf. Gegen Mitglieder der Turonen gibt es seit 20 Jahren immer wieder Ermittlungsverfahren und Verurteilungen wegen Körperverletzungen, der Produktion volksverhetzender Musik, Verstößen gegen das Waffengesetz und vieles mehr.

Die Turonen sind der Thüringer Ableger des internationalen Combat 18-Netzwerks und spielen eine gewichtige Rolle im RechtsRock-Business. Sie beteiligen sich an der Organisation von Neonazi-Konzerten bis hin in die Schweiz, um sie herum besteht ein Netzwerk von RechtsRock-Bands mit Namen wie Erschießungskommando oder N.A.Z.I., die in ihren Texten die Ermordung politischer Gegner*innen propagieren. Die Politik vor Ort saß das Problem jahrelang aus, Polizei und Justiz blieben oft untätig oder erwiesen sich als zahnlos. So festigte sich eine neonazistische Struktur, die sich zunehmend für unangreifbar hielt. Turonen kauften Immobilien, richteten dort Räume für Konzerte und Kampfsport-Trainings ein, sie betreiben ein Bordell und leisten sich einen Fuhrpark mit Stretch-Limousine.

Bundesweit Bekanntheit erlangte die Gruppe um Wagner durch den Überfall am 9. Februar 2014 auf eine Kirmesgesellschaft, die in einem Kulturhaus in Ballstädt feierte. Ein Dutzend Neonazis stürmte in den Raum, zertrümmerte die Einrichtung und verletzte mehrere Personen schwer. Nach einem Prozessmarathon, der im Juli 2021 endete, wurden neun Neonazis zu Bewährungs- und Geldstrafen verurteilt. Kein einziger der zum Teil einschlägig vorbestraften Angreifer muss wegen dieses brutalen Überfalls in Haft.

Ein Drogenlieferant aus Aachen

Das Kokain wurde laut den Ermittlungen im Raum Aachen besorgt und von Kurieren nach Thüringen gebracht. Dem 38-jährigen Aachener Timm Malcoci wirft die Polizei vor, Lieferungen organisiert zu haben, zum Beispiel am 19. Februar 2020, als ein Kurier mit einem Kilo Kokaingemisch im Auto auf der Rückfahrt nach Thüringen in eine Polizeikontrolle geriet, bei der man die Drogen fand. Malcoci war einer der Anführer der neonazistischen Kameradschaft Aachener Land (KAL) gewesen. Nach dem Verbot der KAL im Jahr 2012 versuchte er sich unter anderem als neonazistischer Rap-Musiker unter den Namen Nordic Walker und Timm Diesel. Im Duo mit Julian Fritsch (aka Makss Damage) trat er am 15. Oktober 2016 nahe St. Gallen in der Schweiz auf. Die beiden Rapper und vier RechtsRock-Bands spielten an diesem Abend vor über 5.000 Neonazis. Organisiert hatte das Konzert das Combat 18-Netzwerk, Turonen hatten sich um den Kartenvorverkauf gekümmert und stellten an diesem Abend den Sicherheitsdienst. Ein Teil der Eintrittsgelder (insgesamt etwa 150.000 Euro) diente der Unterstützung der Angeklagten im Ballstädt-Prozess.

Schon in der Vergangenheit ist Malcoci im Zusammenhang mit organisiertem Drogenhandel in den Fokus der Ermittlungsbehörden geraten (vgl. LOTTA #70, S. 30). Seit 2014 hatte die Polizei gegen ihn und weitere Aachener Neonazis ermittelt, die über das Darknet Drogen, hauptsächlich Amphetamine und andere synthetische Drogen, verkauften. Am 31. Mai 2017 wurde die Bande verhaftet. Im Prozess offenbarten sich schwere Ermittlungsfehler der Polizei und der Staatsanwaltschaft. So kam Malcoci im März 2019 mit einer milden Strafe von zwei Jahren und vier Monaten Haft davon. Er legte gegen das Urteil Revision ein und blieb auf freiem Fuß . Spätestens im Februar 2020 begannen dann nach polizeilichen Erkenntnissen die Drogen-Kurierfahrten von Aachen nach Thüringen. Offensichtlich ist, dass weitere Personen aus dem Aachener Umfeld von Malcoci als Drogenkuriere eingesetzt wurden. Wer diese waren, darauf gibt möglicherweise der bevorstehende Prozess Auskunft.

Ein Geldwäscher aus Hessen

In Untersuchungshaft sitzt auch Dirk Waldschmidt aus Schöffengrund im hessischen Lahn-Dill-Kreis. Der 56-jährige Rechtsanwalt soll ab Ende 2019 in der Gruppe wichtige Funktionen ausgefüllt haben. So sei es laut den Ermittler*innen Aufgabe des Anwalts gewesen, inhaftierte Gruppenmitglieder juristisch zu vertreten um den Informationsaustausch mit diesen aufrecht zu halten. Zudem soll Waldschmidt einen erheblichen Teil der Drogengelder gewaschen haben. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Sonja L. führte er eine „Unternehmens- und Projektberatungsgesellschaft“, bei der im Oktober 2019 Andre K. aus Bad Langensalza als „Facility Manager“ angestellt wurde. Andre K. ist ein Vertrauter von Thomas Wagner. Er war schon am Ballstädt-Überfall beteiligt und soll für den Drogenring Kurierfahrten unternommen haben. Ab 2020 erhielt auch Sina T. ein monatliches Gehalt. Sie ist die Lebensgefährtin von Wagner und sitzt ebenfalls in U-Haft. Im August 2020 wurde schließlich Timm Malcoci in Waldschmidts Unternehmen angestellt. Die Polizei konnte nicht feststellen, dass einer der Angestellten irgendeine Arbeit für die Firma leistete.

Im Januar 2020 erwarb Waldschmidt ein Grundstück am Stadtrand von Gotha. Dabei soll er als Strohmann von Thomas Wagner fungiert haben, der auf dem Gelände ein weiteres Bordell errichten wollte. Der Anwalt aus Hessen trat dabei als Bevollmächtigter einer Immobilien- und Vermögensverwaltung GmbH auf, die erst im September 2019 gegründet worden war und für die Sonja L. als Geschäftsführerin eingetragen war.

Auch bei einem Fall von Erpressung soll Waldschmidt im Auftrag von Wagner gehandelt haben. So wird Wagner vorgeworfen, im Herbst 2020 von einem ehemaligen Partner in Drogengeschäften 70.000 Euro gefordert zu haben. Dieser jedoch konnte nichts geben, da er schwer drogenabhängig war und deswegen seine Mutter sein Geld verwaltete. Nun wandte sich Waldschmidt an die Mutter und forderte in seiner Eigenschaft als Rechtsanwalt von ihr 35.000 Euro für eine anwaltliche Vertretung und für Darlehen, die er ihrem Sohn habe zukommen lassen. Auch täuschte ihr Waldschmidt vor, dass sie sich bei Nichtzahlung der Beihilfe zum Betrug schuldig mache. Alles war frei erfunden, doch die eingeschüchterte Frau zahlte das Geld.

Der Szeneanwalt als Späteinsteiger

Dirk Waldschmidt tauchte Mitte der 2000er Jahre als knapp 40-Jähriger erstmals in der Neonazi-Szene auf. Er sei „ein komischer Typ“ gewesen, erinnert sich ein ausgestiegener Ex-Neonazi: „Der kam aus der Bodybuilding-Szene und hatte zuvor eher mit Rockern zu tun gehabt.“ 2005 trat Waldschmidt in die NPD ein und von 2006 bis 2008 war er stellvertretender Landesvorsitzender der Partei in Hessen. Sein fachlicher Ruf als Rechtsanwalt war nie gut, doch er gab sich der Szene kumpelhaft und vertrat Neonazis in juristischen Angelegenheiten für vergleichsweise kleines Geld. Seine Kontakte zu den Turonen bestanden spätestens seit 2015, als er im ersten Ballstädt-Prozess einen der Angeklagten verteidigte.

Zuletzt geriet Waldschmidt 2020 als Anwalt von Stephan Ernst, dem Mörder von Walter Lübcke, in die Schlagzeilen. Ernst hatte unter anderem angegeben, er sei von Waldschmidt zu einem falschen Geständnis bewegt worden. So habe der ihm zugesagt, dass seine Familie finanzielle Unterstützung aus der Szene erhalten würde, sollte er die alleinige Schuld für den Mord auf sich nehmen. Waldschmidt bestreitet diese Darstellung.

Alimente für den NSU-Helfer

Neben den Firmen, die er mit Sonja L. führte, betrieb Dirk Waldschmidt seine Rechtsanwaltskanzlei in Schöffengrund. Über das Geschäftskonto der Kanzlei wurde seit Juni 2020 ein monatliches Gehalt an Ralf Wohlleben gezahlt. Der war im 2018 als Unterstützer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Er hatte unter anderem die Ceska-Pistole beschafft, mit dem der NSU seine rassistische Mordserie begangen hatte. Da er bereits sechs Jahre und acht Monate in Haft gesessen hatte, war der Haftbefehl gegen ihn nach dem Urteil aufgehoben worden. Seit vielen Jahren ist ein freundschaftliches Verhältnis von Wohlleben zu den Turonen zu erkennen. Zwischen 2014 und 2017 hatten (spätere) Turonen mehrere Konzerte organisiert, deren Erlöse unter anderem der Unterstützung von Wohlleben im NSU-Prozess dienten. Der Thüringer Neonazi Steffen Richter, heute ein exponiertes Mitglied der Turonen, soll im August 2012 dem in der JVA Tonna (Thüringen) inhaftierten Wohlleben ein Kassiber zukommen lassen haben, was dazu führte, dass dieser aus Sicherheitsgründen in die Haftanstalt nach München verlegt wurde. Die „Gehaltszahlungen“ der Kanzlei Waldschmidt an Wohlleben werden von den Ermittler*innen zum Komplex der Geldwäsche des Drogenrings gezählt.

Es gibt keine Hinweise darauf, dass Wohlleben an Straftaten der Bande beteiligt war, möglicherweise wurde er von den Turonen aus reiner Freundschaft und politischer Verbundenheit unterstützt. Dennoch könnte er nun in die Bredouille geraten. Er hat beantragt, dass die restliche Haftstrafe aus dem Urteil im NSU-Prozess, immerhin noch mehr als drei Jahre, zur Bewährung ausgesetzt wird. Doch bei der Entscheidung darüber sind laut Strafgesetzbuch unter anderem seine „Lebensverhältnisse und die Wirkungen zu berücksichtigen, die von der Aussetzung für sie zu erwarten sind“. Sollte sich bestätigen, dass er durch Gelder alimentiert wurde, die eine durch und durch kriminelle Neonazi-Bande durch Drogenhandel und Erpressung beschafft hatte, dann würde dies ein sehr schlechtes Licht auf die „Lebensverhältnisse“ des NSU-Helfers werfen.

(Zu) Sicher gefühlt

Die „Legalisierung“ von Geldern über Scheinarbeitsverhältnisse und Immobilienkäufe ist ein in der sogenannten „organisierten Kriminalität“ geläufiges System der Geldwäsche. Doch ist verwunderlich, wie fantasielos die Beteiligten hier vorgingen. Zwar nutzten sie zum Teil verschlüsselte Kommunikationswege, doch fanden die Übergaben der Gelder und der Drogen in den eigenen „Clubräumen“ oder Privatwohnungen statt, die von der Polizei observiert wurden. Dass sich ein kleines Unternehmen in Hessen, das kaum eine Geschäftstätigkeit vorweisen kann, vier Angestellte in anderen Bundesländern leistet, ist enorm auffällig. Es zeigt, wie dreist die Neonazis vorgingen, wie sicher sie sich fühlten. Sollten sich die Vorwürfe im bevorstehenden Prozess erhärten, dann müssen die Angeklagten mit mehrjährigen Haftstrafen rechnen. Und Szeneanwalt Waldschmidt wird sich einen neuen Beruf suchen müssen.

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