„Keine harmlosen Nachbarn!“

Antifaschistischer Aktivismus gegen ein Anastasia-Projekt

In Wienrode im Harz (Sachsen-Anhalt) hat sich in den letzten Jahren das SiedlerInnenprojekt „Weda Elysia“ als Teil der Anastasia-Bewegung etabliert. Angeführt von Maik Schulz bauen sie einen maroden Gasthof als „Haus Lindenquell“ zu einem Zentrum der Bewegung aus. Ihr Anspruch ist es, den ganzen Ortsteil von Blankenburg zu übernehmen. Vor Ort ruft dies aber auch Widerstand hervor. Wir sprechen mit Ruth Fiedler, bis August 2023 Stadträtin für „Die Linke“ in Wernigerode und Mitinitiatorin antifaschistischer Proteste, über die Situation im Dorf.

Wie war das Leben in Wienrode vor der Gründung von „Weda Elysia“? Gibt es einen Grund, warum sie sich gerade diesen Ort für ihr Projekt ausgesucht haben? Mit welchen Angeboten versucht „Weda Elysia“ Menschen anzusprechen und sich vor Ort zu etablieren?

Wienrode ist ein Dorf mit knapp 900 Einwohnerinnen und liegt in einer strukturschwachen Gegend Sachsen-Anhalts, wo die Einwohnerzahl aufgrund Überalterung und Wegzug kontinuierlich sinkt. Das führt zu niedrigen Immobilienpreisen und einer Menge Leerstand, sodass neue Einwohnerinnen, besonders Junge, mehr als willkommen sind. Hier ist es also leichter, etwas Neues aufzubauen. Anja Maria Schulz, die mit ihrem Mann Maik Schulz Weda Elysia anführt, kommt aus Wienrode. Beide sind bereits seit 2009 im Ort politisch aktiv. Die Mitglieder von Weda Elysia geben sich als „SelbstversorgerInnen“ aus, um wie harmlose NachbarInnen zu wirken. Sie betreiben Nachbarschaftshilfe, bringen sich aktiv in Vereine und das Dorfleben ein. Der ehemalige Ortsvorsitzende, der Parteilose Ulf Voigt, zeigte sich in einem Interview 2018 begeistert. Er distanzierte sich nicht von Familie Schulz und nahm sie vor Kritik in Schutz. Als Maik Schulz 2018 für den Ortschaftsrat kandidieren wollte, begrüßte Voigt seine Kandidatur: „Da sieht man schon, dass er sich im Ort engagieren will.“

Nach und nach trat ihr esoterisches Auftreten in den Hintergrund und wurde zunehmend durch völkische Elemente ersetzt. Fortan trugen sie Trachten der völkischen Bewegung, organisierten Volkstänze und sangen typisches Liedgut. 2018 kauften sie schließlich den verfallenen Dorfgasthof. Einige der Mitglieder von Weda Elysia wohnen in einem Haus in Timmenrode, welches von der Schwester des ehemaligen NPD-Politikers Steffen Hupka vermietet wird. Ich denke, es ist Steffen Hupkas Konzept der „Wehrdörfer“, was letztlich durch Weda Elysia verwirklicht werden soll (vgl. S.12).

Wie reagieren die Einwohner*innen von Wienrode darauf?

Leider findet von zu vielen keine Abgrenzung statt. Viele Menschen wollen sich vor dem Problem wegducken und keine Verantwortung übernehmen. Beim Versuch, andere davon zu überzeugen, gegen Weda Elysia aktiv zu werden, hörte ich oft den Satz: „Einfach ignorieren, die hören schon wieder auf.“ Oder: „Die tun doch keinem was.“

Ein wichtiger Grund, warum kaum Abgrenzung zu rechten Menschen stattfindet, hängt meiner Meinung nach damit zusammen, dass viele der Menschen in der Region auch hier geboren wurden. Sie sind mit den Leuten aufgewachsen, es waren ihre eigenen Klassenkameraden oder die ihrer Kinder, es sind langjährige ArbeitskollegInnen, NachbarInnen oder lokale DJs. Man kennt sich also aus einem ursprünglich unpolitischen Kontext und erlebt sie als ganz normale, nette Mitmenschen. „So schlimm kann das Ganze dann doch nicht sein.“ Von diesen Menschen grenzt man sich auch nicht plötzlich ab. Aber selbst wenn man deren Einstellung als problematisch empfindet, warum sollte man sich durch Argumentieren unnötig das Leben mit dem Nachbarn schwer machen, vielleicht sogar auf der Arbeit sozial ausgegrenzt und im schlimmsten, aber nicht unwahrscheinlichen Fall, belästigt oder bedroht werden? Angst spielt hier sicher auch eine Rolle.

Wie bist du aktiv geworden gegen „Weda Elysia“?

Im Dezember 2019 hat Weda Elysia ein „Julfest“ organisiert. Kurz davor hatten sich meine Schwester und ich bereits mit anderen Menschen aus dem Dorf und der Region getroffen, die sich gegen die Etablierung von Weda Elysia wehren wollten. Allerdings blieb vor dem Fest nicht mehr viel Zeit, um Gegenprotest zu organisieren. Da ich schon bei Die Linke aktiv war, wendete ich mich an meine Parteigenossin und Landtagsabgeordnete Henriette Quade, die uns einen Kontakt zu Halle gegen Rechts vermittelte. Die haben unsere Kundgebung mit einem Infostand und Infomaterial unterstützt. So konnten wir doch mit ein paar Leuten schnell was auf die Beine stellen, damit die Veranstaltung nicht ohne Gegenprotest stattfinden konnte. Danach wollten wir mit noch mehr Gleichgesinnten weitermachen.

Gleichzeitig konnten wir durch diesen ersten Protest auch deutlich mehr öffentliche Sichtbarkeit für das Problem schaffen, weil die Journalistin Andrea Röpke parallel zu unserem Protest das „Julfest“ dokumentierte und somit Bilder davon in bundesweite Medien gelangten. Daraufhin folgte auch mehr Interesse von Außen, an dem was in Wienrode vor sich geht.

Dann kam es zur Gründung des „Bündnis Bunter Harz“, oder?

Wie habt ihr versucht, gegen die Anastasia-Strukturen vorzugehen? Wir wollten mit Bürgerinnen aus dem Ort, Parteien und anderen ein zivilgesellschaftliches Bündnis gegen die Rechten im Ort bilden, um gemeinsam für demokratische Werte einzustehen. Mein persönliches Ziel war es, dass Weda Elysia keine einzige Veranstaltung ohne Gegenprotest durchführen kann. Dazu gab es aber erst einmal kaum Gelegenheit, da es wegen der Corona-Pandemie lange keine öffentlichen Veranstaltungen gab. Und ich denke auch wegen der negativen Presse nach unserem ersten Protest. Lediglich im Sommer 2020, da fand in Pansfeld das „Fest der Früchte“ — ein Äquivalent der „Anastasia Festspiele“ — statt. Ausgerichtet wurde es von Felix Krauß („Felix der Glückliche“), der zuvor bei Weda Elysia aktiv war. Dagegen haben wir Protest organisiert.

Dafür gab es in der Zeit mehr als genug Demonstrationen der Pandemieleugnungsbewegung in der Region. Dort liefen neben Neonazis und Leuten der Identitären Bewegung auch viele sogenannte ReichsbürgerInnen mit. Daher richtete sich unser Fokus auch eine Weile zunächst darauf. Im Mai 2023 versuchte Weda Elysia mit der Eröffnung einer „Kaffeestube“ erneut verstärkt im Dorf aktiv zu werden. Da waren wir natürlich direkt wieder mit einer Kundgebung vertreten. Auch wenn wir nie viele Menschen bei unseren Aktionen waren, waren wir dennoch sichtbar. In einer Region, in der es kaum antifaschistische Aktivistinnen gibt, ist das auch nicht zu unterschätzen. Aber trotz einiger guter Erfahrungen war die gemeinsame Arbeit im Bündnis auch nicht immer leicht.

Inwiefern? Welche Herausforderungen gab es denn bei der Bündnisarbeit?

Zunächst dachte ich, es könne ein aktiver, breit aufgestellter und sichtbarer Protest für Vielfalt und Toleranz auf der Straße entstehen, der den Rechten den Raum nimmt. Unser Plan war, ein überparteiliches Bündnis aus Politik, Organisationen, Verbänden und Zivilgesellschaft zu erschaffen. Es zeigte sich jedoch, dass kein Interesse an einem solchen Bündnis gegen Rechts bestand. Ein Problem, das ich total unterschätzt hatte, ist die tief in den Köpfen eingebrannte Extremismustheorie. Unser Protest gegen Rechts wurde schnell als „linksextrem“ gebrandmarkt, daher zogen es bald viele vor, sich lieber nicht an Protesten zu beteiligen. Das führte zu Diskussionen über Kompromisse im Bündnis, die ich als absurd empfand. Beim Erstellen des Selbstverständnisses wurde beispielsweise diskutiert, ob die AfD als Gegner explizit genannt werden darf oder ob das jemanden verprellen könne, oder ob eine Sitzblockade ein legitimes Protestmittel sei. Der Kreisverband der Grünen zögerte zuerst mit der Zustimmung zum Bündnis, da ihnen das soziokulturelle Zentrum ZORA in Halberstadt, das wir für unser Impressum nutzten, als „linksextrem“ gilt. Der Interkulturelle Verein wollte erst einmal abwarten und beobachten, ein Sozialverband wollte sich nicht „gegen etwas“ stellen, obwohl wir bewusst den Namen Bündnis Bunter Harz — Bündnis für Zivilcourage gewählt hatten. Die SPD wollte nicht kooperieren, weil wir in Wernigerode den von ihnen unterstützten Rüdiger Dorff, ehemaliger „Bundesführer“ des extrem rechten Bund Heimattreuer Jugend — Der Freibund e. V., als stellvertretenden Bürgermeister verhinderten. Die evangelische Kirchengemeinde trat aus dem gleichen Grund nicht bei, da der Fraktionsvorsitzende der SPD auch der Vorsitzende im Kirchenrat war. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Die Berichterstattung über Weda Elysia hat sich schnell auf mich bezogen, da es viele Pressefragen zu beantworten gab und ich gefühlt die Einzige war, die in der Lage war Auskünfte zu erteilen. Auch die vielen Akteurinnen überhaupt zusammen zu bringen, diese Vernetzungsarbeit ist zeitaufwendig und kräftezehrend. Neben den Diskussionen im Bündnis kam es aber auch zu gezielten Einschüchterungsversuchen von rechts. So wurden im Dezember 2019 Autoreifen von Kritikerinnen des Projekts zerstochen.

Du wurdest schon mehrfach angezeigt von Schulz und den Personen um „Weda Elysia“, deine Familie zu Hause bedroht. Wie wirkt sich diese Bedrohungslage auf eure Arbeit aus?

Für viele ist und war das natürlich einschüchternd. Insbesondere da wir eher wenige bei unseren Protesten waren, ist es einfach, einzelne Personen aus der Region zu identifizieren und gezielt unter Druck zu setzen. Zum Beispiel wurde ein junger Aktivist von Neonazis mit Bild geoutet. Viele im Dorf sind daher auch schnell verstummt. Für mich als Kommunalpolitikerin, war das seit dem Mord an Walter Lübcke etwas anders. Ich konnte etwas Schutz von der Polizei erhalten, zum Beispiel durch einen Streifenwagen vor meinem Haus. Aber zum Schutz meiner Kinder mussten wir auch einen Plan machen, wo wir uns im Notfall verstecken und wie wir uns verhalten, falls das Haus angegriffen wird. Man muss das eigene Leben anpassen, aber ich lasse mich nicht von den Drohungen einschüchtern. Wie gehen politisch Verantwortliche im Kreis und der Landesregierung mit diesem Problem um?

Ich muss gestehen, dass ich ernüchtert bin, was das Thema rechte Raumnahme und Einstellung, insbesondere im ländlichen Raum Ostdeutschlands, angeht. Für mich ist es definitiv ein strukturelles Problem. Dabei waren ursprünglich für mich weniger die Rechten das Problem, sondern die völlige Ignoranz von Politik und Gesellschaft, die weder widersprechen, geschweige denn ausgrenzen wollten. Dadurch ist die Hemmschwelle, rechte bis extrem rechte Positionen offen zu vertreten, komplett verschwunden und es entsteht unweigerlich ein sich selbst verstärkender Prozess: Die ständig wiederholten und lautstark vorgebrachten antidemokratischen Positionen werden zu Normalität und verfestigen sich auch bei zuvor Andersdenkenden. Dabei wären eine klare Haltung und breite zivilgesellschaftliche Bündnisse entscheidend, um gegen antidemokratische Projekte wie Weda Elysia vorzugehen.

Was würdest du Aktivist*innen, die gegen ähnliche Projekte in anderen Regionen ankämpfen, als Rat mitgeben?

Gegenhalten, egal was andere sagen. Extrem Rechte gewinnen durch die Verharmlosung und falsche Toleranz in Politik und Gesellschaft kontinuierlich an Boden. Wie müssen uns dieser Entwicklung entschlossen entgegenstellen, immer und überall. Bestenfalls natürlich mit Sympathisantinnen und Betroffenen vor Ort, notfalls aber unbedingt alleine. Es gibt kein Zuviel, aber ein Zuwenig und ein Zuspät. Wir tragen dieses Mal die Verantwortung.

Vielen Dank für das Interview!