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Die rechte Allianz gegen antirassistische Ultras

Der Machtkampf um die Vorherrschaft in den Stadien
Foto: Ultras Aachen

In vielen Stadien kommt es zu Machtkämpfen zwischen antirassistischen Ultras und einer Mischszene aus rechten und rechtsoffenen Hooligans und Ultras. Immer mehr Ultras haben Schwierigkeiten, sich gegen die oftmals körperlich überlegenen Hooligans zu wehren. Viele Vereine schauen untätig zu.

Frankfurt, Mitte Januar 2014: Am Sonntagvormittag treten drei Vertreter von Aachen Ultras, Kohorte Duisburg und Ultras Braunschweig auf die große Bühne. Am Ende der Podiumsdiskussion mit Wolf­gang Niersbach (DFB) und Rainhard Rau­ball (DFL) übergeben sie den Ver­bands­vertretern einen langen Brief. Der Inhalt: Die Schilderung rechter Ge­walt­taten und Bedrohungen gegen ihre Grup­pen sowie eine Aufforderung zum Han­deln. Der Applaus der etwa 300 TeilnehmerInnen des Kongresses von „!Nie Wieder – Initiative Erinnerungstag im deutschen Fußball“ zeigt, dass die Ul­tra­gruppen von Teilen der Fußball-Fanszenen große Solidarität und Un­ter­stützung erhalten. Zuvor hatten Ver­tre­ter der Gruppen bereits ausführlich über ihre Situationen vor Ort berichtet.

Ultragruppen wie die drei genannten sind schon seit Monaten von rechter Ge­walt betroffen und versuchen sich dem ent­gegenzustellen. Die Aachen Ultras engagieren sich zum Beispiel bereits seit mehreren Jahren gegen Diskriminie­rung. Dabei war die Gruppe nach ihrer Gründung 1999 sogar zunächst politisch rechts orientiert. Mitglieder der Gruppe waren an der Organisation von Rechts­rock-Konzerten beteiligt, und auch bei Neonazi-Aufmärschen wurden Kla­motten der Aachen Ultras offen getragen. Ein Umdenken fand erst um das Jahr 2006 statt. Junge Mitglieder kamen hin­zu, das rechte Image passte ihnen nicht mehr. Rechte und gewaltorientierte Mit­glieder wurden der Gruppe verwiesen. Doch auch die ehemaligen Mitglieder besuchten weiterhin die Spiele der Alemannia, wechselten zu den Hooligans oder gründeten die Ultragruppierung Karlsbande. Sie störten sich an der antirassistischen Einstellung der Aachen Ultras, die so zum gemeinsamen Feind­bild der Karlsbande und Hooligan­gruppen wie Westwall wurden. Bedrohungen, öffentliche Angriffe und „Hausbesuche“ folgten. Die Aachen Ultras zogen sich schließlich, von Stadt, Verein und Fanprojekt sträflich alleingelassen, im Januar 2013 aus dem Stadion zurück.

Auch beim MSV Duisburg war eine Gruppenspaltung der Auslöser für die Eskalation innerhalb der Fanszene. Im Sommer 2012 verließen einige Mit­glieder die Ultragruppe Kohorte, nach­dem diese sich öffentlich antirassistisch positionierte. Die in Folge der Ab­spaltung entstandene Ultragruppe Proud Generation Duisburg näherte sich der rech­ten Hooligangruppe Division an, wäh­rend die Kohorte immer mehr Ab­stand zu den Hooligans suchte und damit zum Feindbild innerhalb der Fanszene wurde. Im Oktober 2013 kam es dann nach dem Heimspiel des MSV gegen Saarbrücken zu einem Angriff von rechten Hooligans und Neonazis auf die Kohorte, nachdem diese sich während des Spiels per Transparent mit den Ultras Braunschweig solidarisiert hatten.

Denn in Braunschweig brodelt der Konflikt innerhalb der Fanszene schon seit Jahren und fand im vergangenen Jahr seinen Höhepunkt mit einem Auftrittsverbot der Ultras Braunschweig. Als die Gruppe im September 2013 das erste Mal seit Jahren im Gästeblock ein Spiel ihres Vereins besuchen wollte, wurde sie von rechten Hooligans gewaltsam aus diesem vertrieben. Doch trotz eines großen Medienechos verdrehte der Verein Eintracht Braun­schweig die Täter-Opfer-Rollen und be­legte die Gruppe Ultras Braunschweig mit einem Auftrittsverbot, um die Situation zu beruhigen. Zuvor war sie aus verschiedenen Gründen jahrelang nicht bei Profispielen anwesend, sondern besuchte die Spiele anderer Braun­schweiger Teams – zum Beispiel der Wasserballmannschaft Eintracht Braun­schweigs. In diesen Jahren veränderte sich die Gruppe – war sie vor gut zehn Jahren ebenso wie die Aachen Ultras noch rechtsoffen, politisierten sich die Mitglieder immer mehr. Die Gruppe trennte sich von einigen Mitgliedern und positionierte sich antirassistisch.

Doch so erschreckend diese drei Beispiele sind – sie zeigen nur die Spitze eines Eisberges. Fanforscher Gerd Dembowski spricht gar von über zehn Fanszenen, in denen diese Entwicklung in den letzten Jahren auszumachen war. „An mich wenden sich zur Zeit ständig Fußball-Fans aus der ganzen Republik, die sagen: ‚Wir haben auch ein Be­drohungsszenario’, ‚Wir haben auch Ansa­gen bekommen von anderen Fußball-Fans, von anderen Ultra­gruppen, von anderen Alt-Hooligans in unserer Fan-Szene: Wenn ihr noch mal ein Banner gegen Rassismus aufhängt, dann bekommt ihr aufs Maul.’“, sagte Dembowski Anfang März gegenüber dem Deutschlandfunk. Eine Geschichte, die zum Beispiel ohne öffentliche Wahrnehmung verlief, ist die der Banda Confusa aus Essen. Bereits 2008 wurde die Gruppe mit antirassistischem Selbstverständnis von Essener Hooligans zur Aufgabe getrieben – nur wenige Wochen, nachdem sie sich von den Ultras Essen abgespalten hatte, und ohne dass sie sich jemals politisch im Stadion geäußert hätte. Auch hier sorgte der Konflikt dafür, dass die Bindung zwischen Ultras und Hooligans in Essen wieder enger wurde.

Auch beim BVB gibt es ein inniges Verhältnis zwischen Teilen der Ultraszene und den Hooligans. Dazu kommen hier allerdings noch die organisierte Dortmunder Naziszene um den verbotenen Nationalen Widerstand Dortmund bzw. den heutigen Kreisverband der Die Rechte. Eine zentrale Rolle innerhalb dieser Mischszene kommt der Ultragruppe Des­perados zu, die immer wieder mit den Neonazis und der rechten Hooligan-Gruppierung Northside in Verbindung gebracht wird. Mitglieder der Northside, die sich im August 2012 per Spruchband auf der Dortmunder Südtribüne mit dem verbotenen Nationalen Widerstand Dortmund solidarisierten, wurden wiederum von AugenzeugInnen bei einem Angriff auf die Duisburger Kohorte gesehen.

Ein ähnlicher Konflikt zeigt sich aktuell auch bei Fortuna Düsseldorf. Dort musste die antirassistische Ultragruppe Dissidenti gar die Kurve wechseln, nachdem sich die Gruppe gegen vereinseigene Hooligans ausgesprochen hatte, als diese die Zaunfahne einer befreundeten rechten Gruppe aus Madrid zeigten. Die – sich selbst auch antirassistisch nennende – tonangebende Gruppe Ultras Düsseldorf stellte sich in der Frage um die Zaunfahne zwar auf die Seite von Dissidenti, äußerte aber gleichzeitig, für Dissidenti sei kein Platz mehr im eigenen Block, da „eine weitere Spaltung der Fortuna-Fanszene um jeden Preis zu verhindern“ wäre. Somit wurde die Gruppe quasi unter den Augen des Vereins und der Öffentlichkeit auf die gegenüberliegende Seite des Stadions verbannt, während die Hooligans einzig die Fahne nicht mehr hissen, sich aber vorerst weiterhin frei in der Fankurve bewegen können.

Ultraszene wird uneinheitlicher

Ausdifferenzierungen bis hin zur Spaltung einer ganzen Fanszene sind ein noch junges Phänomen. In der Ent­stehungsphase der Ultragruppen in Deutschland Ende der 1990er Jahre waren nahezu alle Gruppen nicht an Politik interessiert, sondern be­schränkten sich vor allem auf das Basteln von Kurvenshows. Ob sich Hooli­gans mit den Ultras zusammentaten oder nicht, war von Ort zu Ort verschieden. Dass jedoch Gruppen wie die Aachen Ultras auch an verabredeten Schlägereien außerhalb des Spieltags teilnahmen, war kein Einzelfall.

Die deutsche Ultraszene entstand in einer Zeit, in der in den deutschen Stadien die große Zeit der Hooligans mit zunehmender Videoüberwachung und Stadionverboten vorläufig ein Ende fand. In den Fankurven herrschte geradezu ein Vakuum. Diese Situation nutzten Jugendliche und gründeten erste Ultragruppen. In den vergangenen gut zwanzig Jahren entwickelte sich die Ultrakultur zu einer beeindruckenden und großen Jugendkultur, die in Deutschland mittlerweile bereits mehr als 20.000 AnhängerInnen zählt. Doch mit dem Wachstum differenzierte sich die Szene gleichzeitig auch immer mehr aus. Inzwischen gibt es Ultragruppen, die Gewalt ablehnen, solche, die am liebs­ten Hooligans wären, einige rechts­orientierte, wieder andere, die sich selber als links definieren. Jede Ultra­grup­pe hat ein eigenes Profil. Doch ge­wisse Werte werden nahezu überall als wich­tig angesehen. So hat jede Ultra­gruppe eine eigene Zaunfahne, Zu­sammenhalt wird großgeschrieben und der Support in den Stadien koordiniert.

Ein Teil der Ultras sucht also die Nähe zu den örtlichen Hooligans. In Fanszenen wie beispielsweise Frankfurt oder Rostock schließen sich viele Ultras der Hooliganszene an. In anderen Städten kommt es immer mal wieder zu einem Machtkampf, wo die politische Kom­ponente eine immer größere Rolle spielt. Mittels körperlicher Gewalt versucht eine Mischung aus Hooligans und Ultras die Macht in den Kurven zu übernehmen. Häufig sind die oft jüngeren und nicht so gewaltaffinen Ultras körperlich unterlegen. „Hausbesuche“ sind nicht nur in Aachen ein Mittel gewesen, um progressive Ultras in die Schranken zu weisen. Teilweise scheuen die Ultras aus ideellen Gründen oder aber auch einfach aus Furcht die Öffentlichkeit und geben nach. Während die Vereine vor Fernsehkameras plakative Aktionen durchführen, trauen sich jugendliche Fans in den Fankurven häufig nicht einmal mehr, T-Shirts gegen Rassismus zu tragen. Denn bei den Hooligans dominieren in vielen Städten immer noch Weltbilder von Macht, Gewalt und Männlichkeit, die häufig anschlussfähig für die örtlichen Rechten sind. Auch wenn es nicht in allen Städten Überschneidungen zwischen Hooligans und organisierter rechter Szene gibt – ideelle Anknüpfungspunkte bestehen umso häufiger.

Ob es eine gemeinsame Strategie rechter Gruppen im Fußball gibt, ist fraglich. Momentan ist jedoch ein Schneeballeffekt festzustellen: Werden in einem Stadion linke Fans verdrängt, scheinen in einer anderen Stadt rechte Gruppen Morgenluft zu wittern. Die dem Rechtsrock-Milieu zugeordnete Band Kategorie C wendete sich im Sommer 2013 in einem YouTube-Video direkt an rechte Ultras und Hooligans und forderte sie zum Handeln auf: „Es gab auch schon viele Leute, die haben sich dagegen gewehrt. Das beste Beispiel war in Aachen, da wurden diese Antifa-Leute dann auch vertrieben aus dem Stadion und das sollte auch in ganz Deutschland mal passieren.“ Einem Artikel von Spiegel Online zufolge gründeten Anfang 2012 insgesamt 17 Hooligangruppen das Netzwerk GnuHoonters. Der Name stehe für „New Hunters“ (neue Jäger). Unterstützt werde das Netzwerk, dem etwa 300 Personen zugerechnet werden, von der extremen Rechten. Zu den Zielen des Netzwerkes gehörten demnach die „Herstellung alter Werte, keine Antifa im Stadion und Meinungsfreiheit zurückgewinnen.“ Die genaue Wirkung und Bedeutung des Netzwerkes ist in ExpertInnenkreisen allerdings umstritten.

„Football – no politics“?

Auch die restlichen Fans im Stadion spielen eine Rolle im Machtgefüge einer Fanszene. Ein zentrales Moment der Akzeptanz rechter Einstellungen in den Stadien ist die gemeinsame Vereins­an­ge­hörigkeit. Das Vereinskollektiv ver­bindet. Wer sich da gegen dis­kri­mi­nie­rende Sprüche oder rechte Hooli­gans wendet, fordert die Gemeinschaft heraus. Ein Bruch entsteht, dem die Stra­tegen unter den Rechten mit dem Dogma „Football – no politics“ begegnen. So singt unter anderem die sich als „unpolitisch“ bezeichnende Band Kategorie C: „Fußball ist Fußball und Politik ist Politik“ und „Antifa halts Maul!“. Nach dieser Logik würden nicht diejenigen Politik „ins Stadion bringen“, die sich diskriminierend äußern, sondern diejenigen, die sich dagegen engagieren und Neonazis in der eigenen Fankurve als solche benennen. Gruppen wie den Ultras Braunschweig oder auch den Aachen Ultras wurde eben jener Vorwurf gemacht. Die Gruppen galten als „Nestbeschmutzer“.

Auch die Vereine beschränkten sich in Aachen oder Braunschweig entweder auf einzelne Alibi-Aktionen oder warfen gar diejenigen Gruppen aus dem Stadion, die sich couragiert gegen Diskriminierung stellten. Die Aachen Ultras warteten vergeblich auf Unterstützung. Bei Eintracht Braunschweig blieb der Verein nicht tatenlos: Ausgerechnet die Ultras Braunschweig durften nach dem Vorfall in Mönchengladbach nicht mehr als Gruppe im Stadion auftreten – die Angreifer hingegen kamen ungeschoren davon. Trotz kritischen Medienechos hielt der Verein am Verbot fest und bat zudem alle übrigen Bundesligavereine, die Ultras Braunschweig bei Spielen der Eintracht in ihrem Stadion ebenfalls nicht mehr als Gruppe auf die Tribüne zu lassen. Außer Sankt Pauli und Werder Bremen haben sich bisher alle Vereine daran gehalten. Sebastian Ebel, Prä­sident des Vereins, erklärte gegenüber dem ZDF: „Wir haben die Gruppe bestraft, die provoziert hat.“ Seiner Meinung nach sei der Konflikt „nie politisch motiviert gewesen“. Außerdem beschuldigte er die Ultras, für den Konflikt verantwortlich zu sein, da sie den Eintracht-Fans in der Masse Rechtsradikalismus unterstellt hätten.

Dennoch gibt es auch Vereine, die anders reagieren. Zum Beispiel der Bonner SC. Am 1. September 2013 kam es während einer Partie gegen Alemannia Aachen II zu rechten Beleidigungen gegen die Bonner Fangruppe Bonnanza. Die Gruppe Bande Bonn rief u.a. „Ihr seid scheiße wie die ACU“ (Aachen Ultras) und „Hasta la vista Antifascista“ in Richtung Bonnanza. Bereits kurz nach dem Spiel äußerte sich Vereinspräsident Matthias Möseler auf seiner Facebook-Seite zu den Vorfällen: „Der Bonner SC distanziert sich entschieden von den am gestrigen Sonntag im Spiel gegen Alemannia Aachen II gehörten Schlachtgesängen einer ganz offensichtlich national­kon­ser­vativen Zusammen­rot­tung.“ Das zunächst klare Statement wurde später im Vereinsmagazin leider gegen ein Verbot jedweder politischer Aussagen eingetauscht. Dort heißt es: „Im Stadion haben politische Ansichten keinen Platz“ und „Transparente mit po­litischen Inhalten sind untersagt“. Der Bonner SC orientiert sich damit wie viele andere Vereine und Verbände auch am Extremismusmodell und spielt Fans, die mit dem Statement „keine Politik beim Fußball“ den rechten Fangruppen – ob bewusst oder unbewusst – den Weg ebnen, in die Hände.

Progressive Ultras brauchen Unterstützung

Progressive Ultragruppen haben folglich in vielen Städten immer größere Schwierigkeiten, sich gegen die organisierte und körperlich überlegene Mischszene rechtsorientierter Ultras und Hooligans zu behaupten und zu wehren. Die Menschen, die sich trotz schwierigster Erfolgsaussichten häufig als einzige im Stadion gegen rechte Tendenzen zur Wehr setzen, sind das Feindbild organisierter Rechter und deren Umfelds. Diese Ultras brauchen Unterstützung vom Verein und Unterstützung aus der Zivilgesellschaft, um diesem Druck standhalten zu kön­nen. Nötig ist aber auch Un­ter­stützung von anderen antirassis­tischen Struk­turen in der Stadt, denn bei diesem Konflikt geht es eben bei weitem nicht mehr „nur um Fußball“, sondern schon längst um eine politische Vormachtstellung in einer der größten Jugendkulturen der Welt. Und diese wirkt sich immer auch auf das übrige Stadtbild aus.

Die Aachen Ultras, die Kohorte Duisburg und die Ultras Braunschweig gehen diesen Weg allen Widerständen zum Trotz weiter. Aber sie haben gemerkt, dass sie Unterstützung brauchen. Beim „!Nie Wieder“-Kongress ist dies auch den übrigen BesucherInnen aufgefallen. DFB und DFL sagten schnelle Unterstützung zu und versprachen ein Treffen mit den jeweiligen Ultragruppen. Bis zum Redaktionsschluss hat es dieses Treffen nicht gegeben.

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