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„…die Angst weggeschoben“

Vor 70 Jahren: Der Aufstand des jüdischen „Sonderkommandos“ in Auschwitz-Birkenau
Reste des Krematoriums II in Birkenau

Lange Zeit sahen sich vor allem die Überlebenden der Shoah, sofern man überhaupt von deren Schicksal Notiz nahm, mit der nicht selten vorwurfsvoll konnotierten Frage konfrontiert: „Warum habt ihr euch wie die Schafe zur Schlachtbank treiben lassen?“ Widerstand in den Lagern wurde fast ausschließlich mit politischen Häftlingsgruppen in Verbindung gebracht. Jüdinnen und Juden hingegen galten in der öffentlichen Wahrnehmung als weitgehend passive Opfer der Verfolgung. Erst langsam hat sich diese Sicht verändert. Der Aufstand von Häftlingen des Sonderkommandos in Auschwitz am 7. Oktober 1944 war eines der eindrücklichsten Zeugnisse der Selbstbehauptung in einer extremen Situation.

Widerstand im „System absoluter Macht“

Es bleibt umstritten, was überhaupt unter den Bedingungen des Lagers unter „Widerstand“ verstanden werden kann. Der Soziologe Wolfgang Sofsky hat das Konzentrationslager als ein System „absoluter Macht“ beschrieben, das nicht auf „blinden Gehorsam oder Disziplin“ aus sei, „sondern auf ein Universum völliger Ungewissheit, in dem auch Fügsamkeit nicht vor Schlimmerem bewahrt“. Demnach ist „bereits das pure Überleben ein Akt der Gegenwehr“. Tatsächlich hat es zahllose Versuche von Häftlingen in den Lagern gegeben, sich der „absoluten Macht“ zu entziehen. Hierzu zählten das „Organisieren“ von Lebensmitteln, Fluchtversuche, Sabotageaktionen und vereinzelt auch bewaffneter Widerstand. Die Voraussetzungen waren hierfür freilich jeweils höchst unterschiedlich. Innerhalb der „Ordnung des Terrors“ (Sofsky) herrschte ein gestaffeltes Machtsystem, das beispielsweise politischen Häftlingen größere Handlungsräume bot als Jüdinnen und Juden oder Sinti und Roma, die in der rassistischen Hierarchie der Lager am untersten Ende standen. Umgekehrt hat die Literaturwissenschaftlerin und Auschwitz-Überlebende Ruth Klüger die Auffassung vertreten, dass oftmals in jenen Situationen, in denen die Handlungsspielräume faktisch auf null reduziert waren, die Möglichkeiten zum Widerstand paradoxerweise am deutlichsten aufschienen.

Tote auf Abruf – Das jüdische Sonderkommando

Diese Beobachtung ließe sich auch auf den Aufstand des Sonderkommandos in Birkenau am 7. Oktober 1944 übertragen – die einzige bewaffnete Erhebung, die es in Auschwitz gegeben hat. Die systematische Ermordung von Jüdinnen und Juden in Auschwitz-Birkenau mit Zyklon B begann spätestens im Frühjahr 1942. In der unmittelbaren Nähe des Lagers hatte die SS zwei vormalige Bauernhäuser zu provisorischen Gaskammern umgebaut. Die Leichen wurden zunächst im Krematorium des Stammlagers oder in Gruben in unmittelbarer Nähe der Gaskammern verbrannt. Zwischen März und Juni 1943 – als Auschwitz zum Zentrum der Shoah avancierte – nahmen vier eigens errichtete Krematorien – die Krematorien II bis V – innerhalb des Lagergeländes den Betrieb auf. Die Ermordung und Verbrennung fand somit in abgeschlossenen, ausschließlich zum Zweck der Massenvernichtung errichteten Gebäudekomplexen statt. Die Krematorien bildeten den Kern der „Todesfabrik Auschwitz“, deren Infrastruktur bis zum Sommer 1944 weiter ausgebaut wurde. Um etwa die zwischen Mai und Anfang Juli 1944 täglich eintreffenden Transportzüge mit insgesamt über 400.000 ungarischen Jüdinnen und Juden schneller abfertigen zu können, ließ die SS die berüchtigte „Rampe“ innerhalb des Lagers errichten. Die Eisenbahnschienen endeten nunmehr wenige Meter von den Vernichtungsanlagen entfernt. Obgleich die Mordmaschinerie immer weiter perfektioniert wurde, blieben, wie der israelische Historiker Gideon Greif hervorgehoben hat, „die einzelnen Phasen der Tötung […] im Prinzip immer die gleichen“. Bereits an der „Rampe“ nahmen SS-Ärzte die über Leben und Tod entscheidenden Selektionen vor. Schätzungsweise 75 Prozent der Deportierten wurden sofort in die Gaskammern geschickt, wobei man die Opfer über ihr Schicksal in Unkenntnis ließ.

Im Rahmen des akribisch durchgeplanten Vernichtungsprozesses bediente sich die SS des eigens dafür aufgestellten Sonderkommandos. Dieses bestand ausschließlich aus (männlichen) jüdischen Häftlingen. Im Sommer 1944 erreichte das Sonderkommando mit über 950 Angehörigen – die meisten von ihnen stammten aus Ungarn, Polen und Griechenland – seinen größten Umfang. Der Auschwitz-Überlebende Primo Levi hat rückblickend die Erfindung der Sonderkommandos als „das dämonischste Verbrechen des Nationalsozialismus“ charakterisiert: „Juden mussten es sein, die die Juden in die Verbrennungsöfen transportierten, man musste beweisen, dass die Juden, die minderwertige Rasse, die Untermenschen, sich jede Demütigung gefallen ließen und sich sogar gegenseitig umbrachten.“ Das von den Nationalsozialisten in Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslagern praktizierte perfide Prinzip, ausgewählten Funktionshäftlingen bestimmte Aufgaben zu übertragen, auf diese Weise Opfergruppen gegeneinander auszuspielen und gleichsam zu Komplizen des monumentalen Verbrechens zu machen, wurde hier auf die Spitze getrieben.

Tatsächlich sind die Zumutungen, zu denen die Angehörigen des Sonderkommandos gezwungen wurden, kaum angemessen zu beschreiben. Sie hatten die im Krematorium eintreffenden Jüdinnen und Juden zu empfangen und im Vorraum der Gaskammern deren Entkleidung zu beaufsichtigen. Dabei war es ihnen verboten, mit den Männern und Frauen zu sprechen, die nackt in den Gaskammern zusammengepfercht wurden. Nach deren Ermordung durch Zyklon B, für die ausschließlich SS-Leute verantwortlich waren, musste Häftlinge des Sonderkommandos die ineinander verknäulten Leichen aus der Gaskammer zerren, den Toten Goldzähne aus dem Kiefer brechen und den Frauen die Haare abschneiden. Schließlich wurden die Ermordeten in den im Nebenraum gelegenen Öfen verbrannt. Gleichzeitig reinigten andere Häftlinge des Sonderkommandos die Gaskammern. Zudem durchsuchten sie die Habseligkeiten der Opfer nach Wertgegenständen, die in Birkenau in dem unmittelbar an den Krematoriumsbereich angrenzenden Effektenlager gesammelt wurden.

Auf die Frage, wie er und seine Gefährten die tägliche „Arbeit“ in Mitten des Grauens durchhalten konnten, antwortete Leon Cohen, ehemals Häftling im Sonderkommando rückblickend: „Zu jener Zeit hatten wir keinerlei Gefühl, waren völlig leer. Wir hatten unsere Herzen verschlossen, hatten nichts Menschliches mehr an uns. Wir arbeiteten wie Maschinen.“ Diese Wahrnehmungen waren es auch, die den Angehörigen des Sonderkommandos später vielfach zum Vorwurf gemacht worden sind. Indes: Die Situation, in die sie gezwungen waren, übersteigt jegliche Vorstellungskraft. Zudem waren die Häftlinge des Sonderkommandos gleichsam Tote auf Abruf. Sie lebten vollkommen isoliert vom übrigen Lagerkomplex in den Krematoriumsgebäuden. Eine Möglichkeit, das Kommando zu wechseln und in einem anderen Bereich eingesetzt zu werden, bestand für sie nicht. Vielmehr führte die SS regelmäßig Selektionen durch, um sich der Häftlinge, die ja Mitwisser des Massenmords geworden waren, nach und nach zu entledigen.

Widerstand und Selbstbehauptung

Gleichwohl gab es auch im Sonderkommando zahlreiche Beispiele, die deutlich machten, dass deren Angehörige nicht ausschließlich wie „Maschinen“ agierten, sondern sich gegenüber den Zumutungen zu behaupten versuchten. Eine kleine Gruppe von Häftlingen dokumentierte etwa, trotz strengster Verbote, das Mordgeschehen. Die Aufzeichnungen wurden von ihren Autoren auf dem Gelände der Krematorien vergraben. In den Jahren nach der Befreiung konnten die Dokumente, die nach wie vor zentrale Quellen zu den Lebensumständen im Sonderkommando darstellen, zumindest teilweise geborgen werden. Daneben formierten sich ebenso wie in anderen Bereichen des Lagerkomplexes Auschwitz auch im Sonderkommando spätestens seit Ende 1943 Einzelne, die einen bewaffneten Aufstand gegen das Lagerregime planten. Unter schwierigen Bedingungen gelang es, Kontakte zur „Kampfgruppe Auschwitz“, der größten klandestinen Widerstandsgruppe in Auschwitz, herzustellen. Diese war vor allem im Stammlager aktiv, international geprägt und rekrutierte sich in erster Linie aus politischen Häftlingen.

Das ursprüngliche Ziel bestand darin, einen gemeinsamen Aufstand durchzuführen, der von polnischen Widerstandsgruppen außerhalb des Lagers, etwa durch die Aufnahme geflüchteter Häftlinge unterstützt werden sollte. Diese Pläne scheiterten aus mehreren Gründen. Zunächst bedurfte es eines großen Aufwandes, die Isolation des Sonderkommandos zu durchbrechen. Dies galt im Hinblick auf die Weitergabe von Informationen, besonders aber auch für das Organisieren von waffenfähigem Material. Über einen Zeitraum von mehreren Monaten hinweg gelang es schließlich Ella Gärtner, Regina Safirsztain, Esther Wajsblum und Roza Robota, jungen jüdischen Frauen, die im Lagerwiderstand aktiv waren und in der Nähe des Stammlagers in den Weichsel Metall Union Werken Zwangsarbeit leisten mussten, Sprengstoff in kleinen Mengen aus der Munitionsfabrik zu schmuggeln. Über weitere Häftlinge gelangte das Material in die Hände von Angehörigen des Sonderkommandos, die daraus mehrere Dutzend einfache Handgranaten herstellten und in ihren Schlafräumen über den Krematorien versteckten.

Als entscheidendes Problem erwiesen sich jedoch die Differenzen zwischen der „Kampfgruppe Auschwitz“ und der Widerstandsgruppe innerhalb des Sonderkommandos bezüglich des geeigneten Zeitpunkts für den geplanten Aufstand. Die „Kampfgruppe“ orientierte sich vor allem an der herannahenden Roten Armee und warnte daher davor, zu früh loszuschlagen. Auch die Widerstandsgruppen außerhalb des Lagers sahen sich angesichts der deutschen Repression gegen die polnischen Untergrundorganisationen nicht in der Lage, eine Erhebung in Auschwitz zu unterstützen. Demgegenüber drängten die Aktiven des Sonderkommandos im Laufe des Jahres 1944 wiederholt darauf, den Aufstand möglichst rasch durchzuführen, da sie eine Selektion durch die SS im Bereich der Krematorien fürchteten. Gleichwohl wurde vom Lagerwiderstand ein möglicher Termin immer wieder verschoben. Letztendlich entschloss sich die Widerstandsgruppe innerhalb des Sonderkommandos, das eigene Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, zumal sich das Gerücht verbreitete, dass die Deportation und Ermordung einer größeren Gruppe von Häftlingen unmittelbar bevorstehe.

Die Erhebung sollte demnach am Abend des 7. Oktober 1944 stattfinden. Der Plan sah vor, während des Abendappells in einer konzertierten Aktion in allen vier Krematorien die Wachmannschaften anzugreifen, die Unterkünfte in Brand zu setzen, die elektrisch geladenen Zäune zu durchtrennen und mit Hilfe der Handgranaten die Krematorien zu sprengen. Es kam jedoch anders. Tatsächlich versuchte die SS überraschend bereits am Mittag des 7. Oktobers im Krematorium IV die erwartete Selektion durchzuführen. 300 Häftlinge sollten sich demnach für einen angeblichen Transport ins Außenlager Gleiwitz bereit machen. Diese offenkundige Lüge, mit der die SS ihre Mordabsichten zu verschleiern suchte, wurde durchschaut. Die 300 überwiegend ungarischen und griechischen Häftlinge weigerten sich daraufhin anzutreten. Stattdessen attackierten sie mit allen greifbaren Gegenständen die Wachmannschaften. Der Schilderung Filip Müllers, einem Angehörigen des Sonderkommandos zufolge, sei ein „Steinhagel“ auf die SS-Männer niedergegangen, die zudem mit Äxten und Hämmern angegriffen wurden.

Im folgenden Geschehen spielte der ursprüngliche Aufstandsplan keine Rolle mehr. Während ein Teil der Häftlinge vom Krematoriumsgelände floh und die Zäune zu überwinden suchte, steckten andere die Matratzen in den Schlafräumen in Brand. Im Krematorium II überwältigten die Häftlinge ebenfalls die Wachmannschaften, wobei ein Kapo getötet wurde. Einer größeren Gruppe gelang es, die Zäune zu durchtrennen und in den nahe gelegenen Ort Rajsko zu fliehen. Dort allerdings wurden sie von SS-Einheiten gestellt. Keiner der Geflohenen aus dem Krematorium II überlebte den Ausbruchsversuch. Auch im Bereich des Krematoriums IV, das vollkommen in Flammen stand, schlug die SS die Revolte mit brachialer Gewalt nieder. Der Aufstand war gescheitert. Obgleich es den Häftlingen gelungen war, den Zaun zum angrenzenden Frauenlager zu durchtrennen, war es in den anderen Teilen des Lagers ruhig geblieben. Auch in den Krematorien III und V hatte es keine Kämpfe gegeben. Den aufständischen Häftlingen war es nicht gelungen, mit den dort Untergebrachten, die auf die Erhebung vorbereitet waren, Kontakt aufzunehmen. 450 Angehörige des Sonderkommandos verloren am 7. Oktober 1944 ihr Leben. Roza Robota und die anderen Frauen, die den Sprengstoff aus der Munitionsfabrik geschmuggelt hatten, wurden nach wochenlangen Folterungen am 5. Januar 1945 auf dem Appellplatz des Stammlagers öffentlich gehängt. Demgegenüber wurden drei SS-Männer getötet und zwölf verletzt. Das Krematorium IV mit acht Verbrennungsöfen und drei Gaskammern war vollständig zerstört worden und nahm seinen Betrieb nicht mehr auf.

Die Wirkung des Aufstandes

Auch wenn der Aufstand in der Rückschau von überlebenden Augenzeugen des Sonderkommandos als chaotisch und schlecht organisiert beschrieben worden ist und in einem Massaker endete, verfehlte er in mehrfacher Hinsicht seine Wirkung nicht. Israel Gutman, der in Auschwitz inhaftiert war und selbst unter großen Gefahren Sprengstoff für das Sonderkommando geschmuggelt hatte, erinnert sich, dass die Wachmannschaften der SS unmittelbar nach dem Aufstand „nervös und verängstigt“ gewesen seien: „Ihre Sicherheit und ihr Selbstbewusstsein hatten einen schweren Schlag erlitten.“ Umgekehrt machte die Kunde vom Aufstand anderen Häftlingen Mut. Ana Novac, die im Oktober 1944 in einem Lager Zwangsarbeit leisten musste, das nicht zum Komplex Auschwitz gehörte, berichtete von ihrer Reaktion, als ihr eine Häftlingsärztin erzählte, dass in Auschwitz ein Krematorium in die Luft gesprengt worden war. „Es ist, als hätte man die Angst weggeschoben, als wären auch wir um einen Kopf größer geworden.“

Und auch in einer weiteren Perspektive ist die Bedeutung der Revolte des Sonderkommandos am 7. Oktober 1944 nicht hoch genug einzuschätzen. Gideon Greif etwa stellt die Ereignisse auf eine Stufe mit den Aufständen im Warschauer Ghetto und in den Vernichtungslagern Sobibór und Treblinka, da sie deutlich machten, dass Jüdinnen und Juden selbst oder besonders in prekärsten Situationen in der Lage waren, sich zu behaupten und um ihre Würde zu kämpfen. Ähnlich argumentiert Israel Gutman: „Dieser Aufstand hat den nichtjüdischen Schicksalsgenossen in Auschwitz gezeigt, was Juden zu tun vermochten.“ Diese Sichtweise konnte sich nach 1945 jedoch erst allmählich durchsetzen. Die Shoah und erst recht die Geschichte des jüdischen Sonderkommandos waren in der israelischen Öffentlichkeit bis zum Ende der 1950er Jahre „quasi ein Tabu“ (Greif). Den Überlebenden fiel es schwer, über die eigenen Erfahrungen zu sprechen, nach denen zunächst auch kaum jemand fragte. Mittlerweile sind auch in deutscher Sprache einige Studien und Zeitzeugenberichte über das Sonderkommando und dessen Angehörige erschienen. Das Bildungswerk Stanislaw Hantz in Kassel gestaltete im Jahr 2006 eine Ausstellung über Henryk Mandelbaum, der als Häftling im Sonderkommando Auschwitz überlebte. Im Gespräch mit Teilnehmenden einer Gedenkstättenfahrt stellte er 2007 fest: „Ich bin kein Held, weil ich überlebt habe. Ich bin ein ganz normaler Mensch.“

Lesetipp

Jan Raabe, Jürgen Peters und Marie Kaska: „Nur die Sterne waren wie gestern“. Ein Nachruf auf Henryk Mandelbaum, in LOTTA #32, Herbst 2008, S. 56 f.