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„Aus der Mitte der Gesellschaft“

Ein Überblick über das Treiben der „Bruderschaft Deutschland“
Ralf Nieland (Bildmitte) am 17. November 2018 - kurz vor seinem Angriff auf Gegendemonstranten

Mit der „Bruderschaft Deutschland“ (BD) ist in Düsseldorf und im Düsseldorfer Umland eine extrem rechte Gruppierung aktiv, die als „Spaziergänge“ oder „Streifzüge“ deklarierte Patrouillen mit bis zu 40 Personen durchführt. Dabei versteht sie sich als eine Art „Schutztruppe“ für angeblich durch Gewalt bedrohte Deutsche.

Die aus rechten Hooligans, Neonazis, Türstehern und Rockern bestehende Gruppe, die sich offenbar im Sommer 2016 in Düsseldorf-Garath gründete, tritt als clubähnliche Gruppierung auf, die vom Style und Habitus an die Rocker-Szene anknüpft: angefangen beim Design ihrer Gruppen-T-Shirts über die hierarchische Unterscheidung zwischen „Vollmitgliedern“, „Anwärtern“ und „Unterstützern“ bis zu propagierten Werten wie „Loyalität“. Auch die Bezeichnung „Bruderschaft“ entstammt ursprünglich der Rocker-Szene, sie ist aber bereits in den 1980er Jahren von der extremen Rechten adaptiert worden.

Eindeutige NS-Bezüge und rassistische Glaubens­bekenntnisse

An die NS-Szene richtete sich auch das erste T-Shirt-Motiv der BD: ein Reichsadler, der in seinen Krallen einen Blätterkranz mit dem neonazistischen Zahlencode 18 (Adolf Hitler) trägt, ergänzt durch den Slogan „Treue Blut & Ehre“, also mit deutlichem Bezug zur verbotenen Losung der Hitler-Jugend („Blut und Ehre“). Die Parole „Treue Blut & Ehre“ trägt der neonazistische Skinhead Kai Kratochvil, der als einer der Gründer der BD und Anführer der Neonazi-Szene in Garath gilt, auch als Tätowierung auf seiner Wange. Der 42-Jährige war in die Herstellung und Verbreitung der T-Shirts involviert. Er trug ein solches auch in der Öffentlichkeit, beispielsweise am 11. Mai 2017 bei einer Kundgebung der Partei Die Republikaner. Letztendlich führte die öffentliche Präsentation des T-Shirts zu Hausdurchsuchungen und zu einem Strafprozess gegen Kratochvil und zwei weitere BD-Aktivisten wegen der Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Die BD ersetzte daraufhin die Parole durch „Deutschland ewig treu“, aus der Zahl 18 wurde eine 14. Damit wurde auf einen weiteren in der extremen Rechten weit verbreiteten Code zurückgegriffen, nämlich auf die „14 words“, ein rassistisches Glaubensbekenntnis: „We must secure the existence of our people and a future for white children“.

„Führungsfunktion“

Die Razzien und das Strafverfahren behinderten aber nicht den weiteren Aufbau der BD, die sich zunehmend auf andere Stadtteile und ins Düsseldorfer Umland ausdehnte. Nicht unwesentlich am Aufbau beteiligt war Ralf Nieland aus Düsseldorf-Eller. Der 48-Jährige stammt wie ein Großteil der aktuellen BD-Mitglieder aus der rechten Hooligan-Szene von Fortuna Düsseldorf und kann als Beispiel dafür angeführt werden, wie sich rechte Hooligans durch den Einfluss der HoGeSa-Bewegung politisch radikalisiert haben. Bundesweit gelangte HoGeSa in die Schlagzeilen, nachdem am 25. Oktober 2014 bei ihrer Demonstration in Köln um die 5.000 rechte Hooligans und Neonazis aufmarschiert waren und sich eine Art Straßenschlacht mit der Polizei geliefert hatten.

In der Folgezeit begann Nieland als Administrator der inzwischen aufgelösten Facebook-Gruppe „Düsseldorfer Hooligans gegen Antifa und 1312“ erste Ambitionen als Führungsperson zu entwickeln. Neben der virtuellen Vernetzung von rechten Hooligans und deren Umfeld beteiligte sich Nieland ab 2015 auch vermehrt an Aufmärschen der extremen Rechten, beispielsweise am 14. März 2015 an einer von PEGIDA NRW in Wuppertal organisierten Kundgebung gegen eine Veranstaltung der Salafisten-Szene. Seitdem hat Ralf Nieland an diversen Veranstaltungen der extremen Rechten teilgenommen, unter anderem an der Gemeinsam stark Deutschland-Demonstration am 8. Oktober 2016 in Dortmund. Am 14. April 2018 lief er — unter andrem zusammen mit den BD-Mitgliedern Kai Kratochvil, Richard Lange (D-Eller), Steffan Reinhartz (Solingen) und Klaus Wille (D-Garath) — auf dem „Europa erwache!“-Aufmarsch der neonazistischen Partei Die Rechte in Dortmund mit.

Kontakte und Vernetzung

In der Antwort der Landesregierung NRW vom 18. Januar 2019 auf eine „kleine Anfrage“ von Bündnis 90/Die Grünen heißt es, „dass die aus dem subkulturellen Rechtsextremismus stammenden Mitglieder der ‚Bruderschaft Deutschland‘ über persönliche Kennverhältnisse in der Szene verfügen“ würden. Der Begriff „Kennverhältnis“ mag bei der Partei Die Rechte gegebenenfalls zutreffen, bei der neonazistischen Kleinstpartei Der III. Weg, die Mitte März 2019 im Düsseldorfer Umland ihren „Stützpunkt Rheinland“ gründete, gehen die Kontakte aber weit über ein „Kennverhältnis“ hinaus. So nahm beispielsweise Reinhartz am 22. September 2018 in Parteikleidung am „Tag der Heimattreue“ des Der III. Weg in Olpe teil. Es steht zu vermuten, dass er Parteimitglied ist. Auch an kleineren Propaganda-Aktionen der Partei im Großraum Düsseldorf war Reinhartz beteiligt. An einzelnen Versammlungen und „Streifzügen“ der BD nahmen neben ihm auch noch mindestens zwei weitere Der III. Weg-Aktivisten teil.

Enge Kontakte unterhält die BD zudem zum Verein Mönchengladbach steht auf e.V. um den ehemaligen „stellvertretenden Regionalleiter-West“ von HoGeSa und ehemaligen pro NRW-Vizeparteivorsitzenden Dominik Roeseler und zur First Class Crew in Essen, die auch als Steeler Jungs, Huttroper Jungs und Borbecker Jungs auftritt. Die aus Rot-Weiß Essen-Hooligans und Rockern bestehende Gruppierung, die sich seit knapp eineinhalb Jahren als „Bürgerwehr“ zu inszenieren versucht und dazu jeden Donnerstagabend mit bis zu 100 Personen durch Essen-Steele „spaziert“, wird von der BD als ihr Vorbild bezeichnet. 2018 nahm die BD an mehreren „Spaziergängen“ in Essen teil, bevor am 7. Dezember 2018 die Steeler Jungs und die Huttroper Jungs die BD in Düsseldorf besuchten, um sich gemeinsam in der Altstadt zu präsentieren. Insgesamt kam man auf etwa 70 Personen. 2019 wurden die gegenseitigen Besuche fortgesetzt. Der intensive Kontakt zwischen der BD und der First Class Crew dürfte auf die Vernetzung und Fortführung von Strukturen der HoGeSa-Bewegung zurückzuführen sein, die bei der Mobilisierung rechter Hooligans für die extreme Rechte noch immer eine Rolle spielen, obwohl HoGeSa und der spätere HoGeSa-Ableger Gemeinsam stark Deutschland seit Jahren nicht mehr aktiv sind. Die gute Vernetzung zeigte sich beispielsweise am 20. September 2018 in Mönchengladbach, als am Tag nach dem Suizid des HoGeSa-Mitbegründers und Gründers von Gemeinsam stark Deutschland Marcel Kuschela („Captain Flubber“) etwa 350 rechte Hooligans und deren Umfeld an einem von Roeseler anberaumten „Trauermarsch“ teilnahmen. Optisch dominiert wurde dieser aufgrund ihrer Gruppen-T-Shirts von der First Class Crew und der von Kratochvil und Nieland angeführten und mit deutlich über zehn Mitgliedern angereisten BD, die damit die zahlenmäßig größten erkennbaren Gruppierungen waren.

„Sport frei“

Auch bei den Übergriffen auf Gegendemonstrant_innen am Rande der von den Patrioten NRW am 17. November 2018 unter dem Motto „Migrationspakt stoppen“ organisierten Demonstration in Düsseldorf spielte die mit etwa 30 Mann erschienene BD eine dominante Rolle. Nachdem zuvor durch Parolen wie „Schlagt sie tot!“ die Stimmung angeheizt worden war, griff ein größerer Pulk von rechten Hools — insbesondere aus den Reihen der BD, des Begleitschutzes Köln und aus der Mönchengladbacher Reisegruppe um Roeseler — gezielt Gegendemonstrant*innen an. Nieland und der BD-Aktivist Miguel Arce-Luarca aus Düsseldorf verletzten dabei zwei Gegendemonstrant*innen durch Faustschläge im Gesicht und am Hals. Beide wurden von der Polizei vorübergehend festgenommen.

„War mir eine Genugtuung. Mann kann sich nicht alles gefallen lassen…“, kommentierte Nieland am Tag nach dem Aufmarsch seinen Angriff bei Facebook. Deutlich wurde aus Äußerungen von BD-Mitgliedern bei Facebook zudem, dass der Angriff geplant war. So drückte beispielsweise der als Wachmann und Türsteher tätige Klaus Wille — auf dem dazugehörigen Foto mit Sturmhaube und Teleskopschlagstock ausgerüstet — bereits am Vorabend seine Vorfreude aus: „Freu auf morgen — Sport frei“.

Generation 35+

In der bereits erwähnten Antwort der Landesregierung NRW heißt es, dass „mehr als 50 Personen konkret als Angehörige der ‚Bruderschaft Deutschland‘ zugeordnet“ werden könnten. Weiter wird ausgeführt: „Der Altersdurchschnitt der ausschließlich männlichen Mitglieder liegt bei rund 35 Jahren.“ Neonazistische „Bruderschaften“ würden, so schrieb das Antifaschistische Infoblatt im sehr empfehlenswerten Schwerpunkt seiner Ausgabe 110 (Frühjahr 2016), „von der Generation 35+ dominiert […] Das Identitätsmodell, mit dem viele Neonazis der Generation 35+ in den 1990er und den frühen 2000er Jahren sozialisiert wurden, ist der Männerbund, der eine soziale und politische Einheit darstellt. Dieser verlangt Loyalität und lässt wenig Fluktuation und Widersprüche zu. In den ‚Aktionsgruppen‘ und popkulturell anmutenden Cliquen, die heute das Bild der Neonazis prägen, spiegelt sich dies alles nicht wider. Die Lebenswelt der Rockerszene liegt den ‚Alten‘ näher und da dort bereits Kameraden unterkamen, sind die Wege kurz. Die Bruderschaft bietet eine Plattform, auf der sich ihre Mitglieder als männlich, hart und kompromisslos präsentieren.“

Ausblick

So männlich, hart und kompromisslos sich die BD auch präsentiert, so sorgt sie sich doch um ihr Image, wie mehrere ihrer Stellungnahmen zeigen — die letzte vom 30. Januar 2019, am Tag vor einer Stadtteil-Informationsveranstaltung zum Thema „Bruderschaft“ und neun Tage vor einer 1.300-köpfigen antifaschistischen Bündnisdemonstration in Düsseldorf-Eller. Man lehne „jede Form von Extremismus kategorisch“ ab, so die BD. Und verstehe sich als „Bürger aus der Mitte der Gesellschaft“, deren Ziel es sei zu verhindern, dass Menschen Gewalt angetan werde, und um Opfern von Gewalt zu helfen. Schlussendlich stilisiert sich die BD sogar zum Opfer und beklagt, dass sie so behandelt werde, „wie im Nationalsozialismus jüdische Mitbürger behandelt wurden“. Schließlich habe ein Düsseldorfer Lokalpolitiker Gastwirte dazu aufgerufen, der BD „kein Gastrecht zu gewähren“.

In der Zeitspanne Dezember 2018 bis März 2019 konnte der Eindruck entstehen, dass die „Bruderschaft Deutschland“ angesichts des größer werdenden gesellschaftlichen Druckes, der unter anderem auch ein Hausverbot in ihrer Stammkneipe zur Folge hatte, zurückrudert. Als am 2. Februar 2019 erneut die Patrioten NRW in Düsseldorf demonstrierten, blieb die BD der Veranstaltung ebenso fern wie ihre „Brüder“ aus Essen und anderen Städten.

Gleichzeitig versucht die BD aber, ihre „Spaziergänge“ fortzusetzen — was aktuell jedoch zumeist von der Polizei verhindert wird —, vernetzt sich zunehmend mit vergleichbaren Gruppierungen und der organisierten Neonazi-Szene und pflegt ihre Kontakte in die Rocker-Szene. Zu befürchten ist also, dass weitere Aktivitäten folgen werden. Eine Auseinandersetzung mit der BD wird demnach auch zukünftig nötig sein.

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