Die Zerstörung der Vernunft

Die Unterzeile des Titels dieses erstmals 1952 erschienenen und nun erneut aufgelegten Werkes des ungarischen Marxisten Georg Lukács — „Der Weg des Irrationalismus von Schelling zu Hitler“ — weist auf den Inhalt hin: eine antifaschistische und zugleich marxistische Abrechnung mit der idealistischen sowie reaktionären Philosophie in der (weit gefassten) Vorzeit des deutschen Faschismus.

Lukács entdeckt rückblickend die Niederlage der 1848er Revolution als Ausgangspunkt eines philosophischen Irrationalismus in Deutschland, der zum geistigen Wegbereiter des Faschismus kulminierte. Das Motto von Lukács lautet: Es gibt keine unschuldige Philosophie! Entweder dafür oder dagegen! Mit belesener Brachialgewalt deutet der Autor den Weg der Philosophie zu Adolf Hitler. Das Buch ist das am meisten angefeindete Werk des marxistischen Philosophen und Literaturwissenschaftlers. Nicht nur Friedrich Nietzsche wird dort als Reaktionär gebrandmarkt: Auch die Philosophie Martin Heideggers wird in diesem Werk wohl zum ersten Mal radikal sowie analytisch begründet der faschistischen Türöffnung beschuldigt. Der Furor der Aburteilung macht dort nicht Halt: Friedrich Schelling, Arthur Schopenhauer, Søren Kierkegaard, Wilhelm Dilthey, Karl Jaspers… Sie alle werden schonungslos der irrationalistischen Wegbereitung zugeordnet — der Autor macht sogar nicht halt bei seinen Aburteilungen gegenüber früheren Lehrern und Gesprächspartnern wie Max Weber oder Georg Simmel. Einige dieser Urteile erscheinen nicht nur als maßlos überzogen, sondern geradezu bösartig. Doch dies verweist zugleich auf den Charakter dieses Werkes: Es ist eben nicht nur eine tiefgehende Philosophiekritik eines geschichtlich und philosophisch hochgebildeten Marxisten, sondern zugleich auch eine großteils schon während des Krieges entwickelte antifaschistische Kampfschrift. Lukács war auch Literaturkritiker und glühender Verehrer der Schriften von Johann Wolfgang Goethe, Heinrich Heine und Thomas Mann, er verzweifelte daher am Irrationalismus und an antiaufklärerischem Denken. Sicherlich ist das Werk ein Produkt seiner Zeit, geprägt von Polarisierungen und Formulierungen, die heute aus der Zeit gefallen scheinen — sogar stalinistisch verharmlosend wirkende Formulierungen sind dort zu finden — und irritierend erscheint auch aus heutigem Wissensstand eine fehlende tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus. Doch das tut der Faszination gegenüber der Breite und Kraft dieser philosophisch-historisch-politischen Streitschrift keinen Abbruch. Sie muss vielmehr in den Kontext ihrer zeitlichen Entstehung gesetzt werden: Ein Großteil der textlichen Vorarbeiten verfasste Lukács schon in den dreißiger und vierziger Jahren. Der aktive Antifaschist war schier verzweifelt über die faschistischen Erfolge und die geringe Gegenwehr der bürgerlichen Intelligenz. In den dreißiger Jahren war er in Deutschland noch aktiv im Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller. Kurz nach dem Reichstagsbrand 1933 emigrierte Lukács mit seiner Familie in die Sowjetunion. Aus Moskau wiederum musste er vor dem Angriff der Nazis erneut fliehen und schrieb unter elenden Bedingungen, mit seiner Familie in einer Lehmhütte im usbekischen Taschkent lebend, fieberhaft weiter gegen den Faschismus an. Er verlor nicht nur viele Mitstrei­ter:innen; auch sein Bruder wurde von den Nazis im KZ ermordet. In Budapest kam er nach langen Unterbrechungen endlich Anfang der 1950er Jahre dazu, die Schrift zur Veröffentlichung fertigzustellen. Diese umfangreiche Auseinandersetzung mit dem philosophischen Irrationalismus ist laut Lukács daher zugleich auch eine Aufforderung nach der Devise „Discite moniti, ein ‚Lernet, die ihr gewarnt seid!‘ an die denkenden Menschen aller Völker. Eine Warnung, dass es keine ‚unschuldige‘, keine bloß akademische Philosophie gibt, dass immer und überall objektiv die Gefahr vorhanden ist, dass irgendein Weltbrandstifter aus dem philosophischen Gehalt ‚unschuldiger‘ Salongespräche, Kaffeehausunterhaltungen, Kathedervorträge, Feuilletons, Essays usw. wieder ein verzehrendes Feuer à la Hitler entfacht.“ Ein Leseerlebnis für eine  philosophische Tour de Force!

Georg Lukács: Die Zerstörung der Vernunft Aisthesis Verlag, Bielefeld 2022 (Neuauflage) 775 Seiten, 45 Euro

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