Eine biografische Notiz über Genoud erschien 2018 auf der nationalistischen Website „Jeune Nation“.

Banker, Terrorhelfer, Geschäftemacher

Das Leben des Schweizer Nazis François Genoud

Das Wirken François Genouds war ein Leben zwischen stiller NS-Hilfe, offener NS-Verherrlichung, NS-Geschäftemacherei und antisemitisch motivierter Unterstützung des arabischen „Befreiungs“-Nationalismus. Und es sagt viel aus über den Umgang staatlicher Geheimdienste mit NS-belasteten Personen.

François Genoud, 1915 als Sohn eines Tapetenhändlers in der Schweiz geboren, wuchs in Lausanne auf. Der Vater schickte ihn 1931 auf ein Internat nach Deutschland, wo er Ordnung und Disziplin lernen sollte. Während eines Aufenthaltes bei Freunden seiner Eltern in einem Hotel in Bad Godesberg begegnete er im Alter von 17 Jahren Adolf Hitler auf einer Wahlkampfveranstaltung und schüttelte ihm die Hand — ein nach eigenem Bekunden prägendes Ereignis. So rühmte er sich zeitlebens als „Nationalsozialist der ersten Stunde“ — und Hitler als „Genie“, das er nachahmte: „Ich rauche nicht, ich trinke nicht, und ich esse kein Fleisch — wie mein Chef.“

Zurück in der Schweiz schloss er sich der faschistischen Bewegung der Nationalen Front an, seine extrem rechte und antisemitische Gesinnung verschärfte sich. Im Jahr 1936 brach er auf Entdeckungsreise in den Orient auf und hatte dort eine weitere folgenreiche Begegnung: Er traf auf den Großmufti von Jerusalem, Hadsch Amin el-Husseini. Als palästinensischer, antisemitisch eingestellter Nationalist teilte Husseini Genouds Hitler-Verbundenheit. Die Wege beider sollten sich später erneut kreuzen. Der Mufti galt Genoud als politische Vaterfigur, über die er Kontakte zur palästinensischen Bewegung intensivierte.

Agententätigkeit und Fluchthilfe

Zurück in Lausanne eröffnete Genoud eine Bar, die als Kontaktstelle für extrem rechte Kreise diente. Zugleich tauchten erstmals Gerüchte über eine Agententätigkeit Genouds auf. Um das Jahr 1941 herum hatte er Kontakt zu dem deutschen SS-Offizier, SD-Mann und Abwehragenten Paul Dickopf geknüpft und nutzte dies, um sich im selben Jahr in Stuttgart der deutschen Abwehr anzudienen. Vorsorglich meldete er auch dem Schweizer Geheimdienst seine neue Tätigkeit und begann das Spiel der mehrfachen Agententätigkeit — ein wohl wesentlicher Grund dafür, dass er Zeit seines Lebens von den Schweizer Behörden unbehelligt blieb. Der frühere Nazi-Aufsteiger Dickopf war ebenfalls eine schillernde Figur der Nachkriegszeit, in der er sich als innerer Widerstandskämpfer zu stilisieren versuchte — ein wahrlich unglaubwürdiger Versuch, denn der weiterhin überzeugte Nazi Genoud hätte sicher nicht mit einem politischen Gegner derart enge Bande geknüpft. Dickopf aber kletterte auf der Karriereleiter hoch und wurde 1962 Präsident des Bundeskriminalamtes und im Jahr 1968 sogar Chef der internationalen Polizeiorganisation Interpol.

Den Tag der Befreiung empfand Genoud als „große Katastrophe für uns alle“, als „das Ende von allem“. Zusammen mit Paul Niehans, einem Enkel des preußischen Kronprinzen, kümmerte er sichum inhaftierte deutsche Wehrmachtsangehörige. Seine umtriebige Reisetätigkeit und seine Tätigkeit beim Internationalen Roten Kreuz nutzte er bei der Fluchthilfe zu Gunsten von NS-Verbrechern. Auch der Großmufti profitierte davon, als er sich aus Berlin nach Kairo absetzte. „Dort geht der Kampf unter anderen Bedingungen weiter“, hatte al-Husseini noch in Berlin verkündet. „François Genoud war für uns sehr wichtig“, erklärte Heinrich Himmlers früherer Stellvertreter, der SS-General Karl Wolff: „Er konnte sich frei bewegen und diente uns als Verbindungsmann.“ Der Schweizer Nazi-Fan war für die deutschen Altnazis so etwas wie ein Schutzpatron und zugleich dubioser Unterstützer von gesuchten NS-Kriegsverbrechern wie Klaus Barbie oder Adolf Eichmann. Zudem strengte Genoud mit weiteren Nazis Überlegungen an, ob im franquistischen Spanien eine deutsche Exilregierung errichtet werden könne.

Geschäfte mit Nazi-Schriften und arabische Connections

Daneben intensivierte er die Sammlung von und den Handel mit NS-Devotionalien. Im Jahr 1947 landete Genoud seinen ersten Coup als Verleger mit dem Erwerb der Schriften von Martin Bormann, dem Chef der NSDAP-Reichskanzlei und engen Vertrauten Hitlers. Für seine Aktivitäten als Verleger gründete Genoud eine literarische Agentur mit Sitz in Tanger. Die marokkanische Stadt wurde zu seinem Hauptumschlagplatz: Der Kölner Rundschau zufolge war Genoud im Auftrag ehemaliger NS-Führer am Transport von Kunstsammlungen nach Tanger beteiligt, dort gründete er auch weitere Firmen. Er sah sich als eine Art geistiger Verwalter des NS-Regimes und sicherte sich mit seinen NS-Kontakten die Urheberrechte an Hitlers „Tischgesprächen“ sowie an Joseph Goebbels’ Tagebüchern. Eine große Hilfe fand Genoud dabei in Hans Rechenberg, früher Pressereferent in Goebbels’ Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda sowie in der Nachkriegszeit V-Mann des Bundesnachrichtendienstes sowie Wirtschaftsberater in Algerien — und Genoud bis an dessen Lebensende treu verbunden.

In Tanger trafen nach Kriegsende viele geflüchtete Nazis aufeinander, Genoud schloss dort u. a. Freundschaft mit dem früheren „Mussolini-Befreier“ und SS-Offizier Otto Skorzeny, eine ähnlich schillernde Figur, die sich zwischen alten Nazis und Geheimdiensten bewegte. Zugleich festigte Genoud dort Kontakte zu Israelfeinden aus der arabischen Befreiungsbewegung, so etwa zu Ahmed Ben Bella, einem der historischen Führer der algerischen Befreiungsbewegung Front de Liberation Nationale (FLN) und später Ministerpräsident der ersten algerischen Regierung nach der Unabhängigkeit. Dies war der Beginn einer engen Verbindung Genouds mit dem arabisch-nationalistischen Terrorismus, die er bei Reisen in das ägyptische Kairo, etwa durch die Freundschaft zum FLN-Mitbegründer Mohammed Khider, intensivierte.

Der Banker und Terror-Förderer

1958 gründete Genoud in Genf eine eigene Bank mit dem Namen Banque Commerciale Arabe, wobei er von niemand Geringeren als von Hjalmar Schacht, dem ehemaligem Reichsbankpräsidenten, unterstützt wurde. Die Bank diente der Unterstützung des arabischen Nationalismus, besonders in Algerien, dem damaligen Wohnsitz Genouds, der sich nach der Unabhängigkeitserklärung dort als Finanzberater betätigte. Auf dem Höhepunkt seiner Finanzgeschäfte wurde er 1965 auf Bestreben von Ben Bella kurzfristig inhaftiert. Vorgeworfen wurden ihm dubiose Geldtransfers, im Hintergrund spielten jedoch auch inneralgerische Machtkämpfe zwischen Ben Bella und Khider eine Rolle. Durch die Unterstützung von Dickopf und Rechenberg sowie durch einen eigenen öffentlichkeitswirksamen Hungerstreik konnte die Freilassung Genouds nach vier Monaten Haft erwirkt werden. Seine Inhaftierung führte aber nicht zu einem Bruch mit dem arabischen Befreiungsnationalismus — im Gegenteil. Seine Bekanntschaft zum Großmufti, sein Israel-Hass und seine algerischen Kontakte ebneten ihm den Weg zu militanten Palästinensern.

Im Antisemitismus vereint

Als am 27. Februar 1971 der Fedajin-Führer Wadi Haddad in Beirut seine Freunde zum Dank für ihren Einsatz für die palästinensische Sache zum Essen einlud, saß Genoud mit am Tisch. Der antiisraelische Antisemitismus vereinte ihn mit den militanten pro-palästinensischen Bewegungen. Es ist die Zeit der Flugzeugentführungen, Attentate und Bombenanschläge — für Genoud eine gute Sache, solange es gegen Jüdinnen und Juden sowie den verhassten Westen ging. Es ist auch die Zeit, in der deutsche linksradikale Militante in PLO-Lager zur Waffenausbildung reisen und unter dem Deckmantel des Antizionismus antiisraelische Gewalttaten verüben.

Begeistert von Haddads Geschick bei Terroraktionen wurde Genoud zum „Schattenmann“ des Terrors. Haddad bildete auch den Venezolaner Ilich Ramírez Sánchez aus, der unter dem Namen Carlos zum international meistgesuchten Terroristen aufstieg. Haddad übertrug Carlos 1975 das Kommando beim blutigen Überfall auf die OPEC-Konferenz in Wien, in den auch der libysche Staatschef Gaddafi involviert war. Genoud bewunderte Carlos Skrupellosigkeit, sah ihn als heldenhaften „Soldaten“, der sich am „Weltkrieg gegen den Zionismus“ beteiligte. Als Haddad 1978 in Ost-Berlin starb — ob an Leukämie oder einer Vergiftung ist ungeklärt — wurde Carlos zum neuen Bezugspunkt für Genoud, der ihn und seine Gruppe Internationaler Revolutionäre („Carlos-Gruppe“) stützte und förderte. Die Gewalt der Carlos-Gruppe verselbstständigte sich mit der Zeit, und die Gruppe mutierte mehr und mehr zur bezahlten Killertruppe diktatorischer Staaten und einer Vielzahl von Geheimdiensten.

Mit dem Mauerfall endete die alte Blockkonfrontation, und für Carlos und seine Getreuen schwanden Geldquellen und Rückzugsorte. Französische Fallschirmjäger entführten Carlos schließlich aus dem sudanesischen Exil, als er wegen einer Operation am Hoden narkotisiert war. In Paris verurteilte ihn ein Gericht zu lebenslanger Haft. Unklar blieb, ob Genoud mit seinen Geheimdienstanbindungen eine Rolle bei der Auffindung von Carlos spielte. Carlos jedoch hielt auch in Haft seinem „treusten Genossen“ die Treue. In Briefen versprachen beide sich gegenseitig, nach ihrem Tod nach Walhall zu gelangen und dort „mit all unsern schmerzlich vermissten Märtyrern vereint“ zu sein.

François Genoud beendete im Alter von 81 Jahren sein Leben durch Einnahme eines tödlichen Giftes. Er wurde nie für seine Taten zur Rechenschaft gezogen. Laut Auskunft der Schweizer Behörden sei ihm nie etwas konkret nachzuweisen gewesen. Aus Akten ist jedoch herauszulesen, dass die Beobachtung von Genoud einen unschätzbaren Informationswert für die Geheimdienste darstellte, nicht bloß für die Schweizer Behörden. So bleiben nach seinem Tod viele Fragen offen: Wirkte er als Geheimdienst-Mann? War er bloß eine überwachte Quelle? Oder hat er nur mit den Diensten gespielt (oder sie mit ihm)? Wie konnte er unter den Augen der Bankbehörden Millionengelder horten und transferieren — und was geschah weiter damit? Solche Fragen werfen ein bezeichnendes Licht auf den Umgang mit für Behörden nützlichen Nazis in der Nachkriegszeit.

Zwei biografische Recherchen

Der investigative französische Journalist Karl Laske, tätig für Mediapart und lange Zeit zudem für die französische Zeitung Libération, hat die erste Biographie über das skurrile Leben von Genoud verfasst, den er auch noch persönlich getroffen hat. Das Buch wurde vor Genouds Freitod fertiggestellt und erschien in seinem Todesjahr 1996. Fünfzehn Jahre später veröffentlichte der deutsche Journalist, Autor und Literaturkritiker Willy Winkler ebenfalls eine Biographie zu Genoud. Die erneute Herausgabe einer Biographie ist gerechtfertigt, da Winkler sich zwar auf Laskes Recherchen stützt, allerdings auch weitere Fakten zusammenträgt — besonders zur sich linksradikal gebenden Terrorszene. Winkler kennt sich aus: Er hat auch ein solides Werk über die RAF herausgegeben. Für seine Recherchen bemühte er sich auch bei den deutschen Geheimdiensten um Informationen. Doch weder der Bundesnachrichtendienst noch das Bundesamt für Verfassungsschutz zeigten sich auskunftsfreudig. Ein Anruf beim Inlandsgeheimdienst ergab laut Winckler folgende Antwort: „Da die Frist von dreißig Jahren abgelaufen sei, habe man keine Akten mehr zu dem Vorgang, sondern sie, wie der Datenschutz es vorsehe, bereits vernichtet.“

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