Drachenfels-Wanderung der AfD-Jugend NRW am 19. Oktober 2025.
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Alles beim Alten

Beispiel NRW: Wie die Völkischen in der AfD ihren eigenen Nachwuchs formen

Unter dem Namen „Generation Deutschland“ (GD) hat die AfD Ende November in Gießen eine neue Jugendorganisation gründen lassen. Die Fehler, die ihr einst mit der „Jungen Alternative“ (JA) unterliefen, will sie diesmal vermeiden: Nicht mehr in einer eigenständigen und damit kaum kontrollierbaren Struktur wie dem eingetragenen Verein JA soll sich der Nachwuchs künftig sammeln, sondern als Gliederung der AfD, deren Mitglieder allesamt der Satzung der Partei unterliegen.

Jean-Pascal Hohm ist erwartungsgemäß zum Vorsitzenden der Generation Deutschland gewählt worden. Aus Rheinland-Pfalz gehört Jan Richard Behr dem Vorstand als einer der stellvertretenden Vorsitzenden an, aus Hessen Nafiur Rahmann als Beisitzer. Aus NRW wurden mit großen Mehrheiten der ehemalige Landeschef der Jungen Alternative, Patrick Heinz, zum GD-Vize sowie Cedric Krippner zum Beisitzer gewählt. Die vom AfD-Landesvorsitzenden Martin Vincentz präferierten Kandidaten Manuel Linnemann und Michael Holz blieben mit schwachen Ergebnissen auf der Strecke.

„Kaderschmiede“ und „Innovationsmotor“

Für die AfD war die JA mehr und mehr zum Risiko geworden. Jahre vor der Partei war sie vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft worden. Dass sie negative Schlagzeilen machte, als eine Landesvorsitzende wehrsportähnliche Übungen als „Trainingslager Ostfront 2025“ anpries; dass so manche JA-Aktion wirkte, als sei sie aus einem Handbuch der Identitären Bewegung (IB) abgekupfert; dass die JA als Radikalisierungsmotor der Partei gelten konnte; dass sie zuverlässig als Bindeglied zur extremen Rechten außerhalb dieser AfD gehandelt wurde: Mit alldem solle nun Schluss sein, forderten die einen in der Partei. Die anderen meinten, zumindest vorsichtiger solle eine neue Parteijugend agieren, um nicht sofort als Haufen Rechtsradikaler zu erscheinen.

Zweifel, dass ein solcher „sauberer“ Neubeginn klappt, drängen sich freilich auf. Sie lassen sich schon festmachen am ersten Vorsitzenden der GD. Mit 90-prozentiger Zustimmung wurde der 28-jährige Hohm beim Gründungskongress gewählt. Der Verfassungsschutz in Brandenburg stuft den Landtagsabgeordneten aus Cottbus als „Rechtsextremist“ ein. Gleichwohl wurde er früh im Bundesvorstand der AfD als neuer Chef der Organisation favorisiert. Aus Sicht der Partei hat er hinzugelernt. Und er steht für Parteinähe des neuen Verbands. „Die Hauptaufgabe der Jugendorganisation wird darin bestehen, die Partei zu stärken – nicht darin, sich im Aktivismus zu verlieren“, zitierte die FAZ Hohm. Innerparteilich habe die JA „zu wenig Gewicht“ gehabt, weil sie sich „zu selten aktiv in die Parteistrukturen“ eingebracht habe. „Wer ernst genommen werden will, kann nicht nur am Rand stehen und die Arbeit anderer kritisieren, sondern muss selbst dazu beitragen, dass sich die Dinge verbessern.“

Als „Kaderschmiede“ und „Innovationsmotor“ will er die GD verstanden wissen – wobei die Parteioberen ersteres sicher besonders zu schätzen wissen, gilt doch die parteinahe Desiderius-Erasmus-Stiftung weithin als Totalausfall. Hohm verbindet beides: einerseits den Drang zur Selbstverharmlosung, wie er für viele AfD-Politiker:innen typisch ist, und andererseits das Bekenntnis zum neofaschistischen „Vorfeld“ der Partei. Er rät zwar allen, die sich vorrangig aktivistisch betätigen wollten, das in den Organisationen dort zu tun, hält aber an der Nähe etwa zur Identitären Bewegung fest: „Ich halte es aber für legitim, was sie machen, und sehe keinen Grund, mich zu distanzieren.“ Im Podcast der extrem rechten Vernetzungsplattform Ein Prozent räumte Hohm ein, dass er jene Plattform in den Anfangsjahren „voller Stolz“ mit aufgebaut hat und an der Besetzung der CDU-Zentrale in Berlin 2016 durch die Identitäre Bewegung beteiligt war. Zweiteres ist sogar fotografisch dokumentiert. Hohm ist auch regelmäßiger Gast beim Podcast des neofaschistischen Jungeuropa-Verlags.

Zu Hohms Szene-Vernetzung gehört die enge Freundschaft zum extrem rechten Bewegungsmanager Philipp Stein. Ende 2021 dirigierte und koordinierte Hohm die von Neonazis und rechten Hooligans dominierten Corona-Proteste in den Straßen von Cottbus. Bilder zeigen ihn mit Megaphon vor dem schwarzvermummten Mob.

Im Vorfeld des AfD-Parteitags, der im Januar die „Abgliederung“ der JA beschloss, hatte es noch Widerstand vieler JA-Funktionäre gegen den autoritären Durchgriff von oben gegeben. Doch letztlich fügte sich die Junge Alternative in das Unvermeidliche. Ihr Bundeskongress in Apolda beschloss die bundesweite Auflösung zum 31. März. Zehn Tage vor diesem Stichtag fiel – unter Aufsicht der stellvertretenden AfD-Landessprecher Kay Gottschalk und Sven Tritschler – bei einem JA-Landeskongress im Wahlkreisbüro von Matthias Helferich auch die Entscheidung für das Aus in NRW.

Völkische Netzwerke in NRW intakt

Schon zuvor hatte die NRW-JA nie einen Hehl aus der Nähe zur völkischen Rechten gemacht. Die personelle und ideologische Anbindung an die „Neue Rechte“ innerhalb und außerhalb der AfD wurde durch Leute wie Helferich, Roger Beckamp, Zacharias Schalley oder Irmhild Boßdorf aufgebaut. Das völkische Netzwerk in der NRW-AfD zog den eigenen Nachwuchs in der Hoffnung heran, seinen Einfluss künftig auszubauen und den Machtkampf in Nordrhein-Westfalen endlich für sich zu entscheiden. Insbesondere Helferich hatte sich der jungen Rechten angenommen. Dafür bot er sein Wahlkreisbüro in Dortmund-Dorstfeld für Freizeitveranstaltungen, Infoabende, Landeskongresse und Aktionstage an.

Auch im Vorfeld der GD-Gründung war sein Netzwerk aktiv und bildete einen „Jugendstammtisch NRW“, der direkt und indirekt zahlreiche Veranstaltungen und Aktionen zwischen Politik und Freizeit organisierte, darunter: einen „Jugendstammtisch“ in Essen mit Helferich und Beckamp am 27. August, ein „Jugendsommerfest“ in Köln am 30. August, ein „Wahlkampfkommando“ mit Aktionen in Gevelsberg, Unna und Dortmund am 13. September, einen Diskussionsabend in Rheine mit Boßdorf, dem „neurechten“ „Vordenker“ Benedikt Kaiser und Hohm am 18. September im Wadelheimer Landhaus, ein Fußballturnier in Köln im September, einen Kegelabend in Unna am 18. Oktober, und eine Wanderung zur Burg Drachenfels am 19. Oktober.

Am Aufbau einer neuen AfD-Jugendorganisation in NRW arbeiteten dabei dieselben Köpfe mit, die bereits den alten JA-Verband dominierten: Patrick Heinz etwa, Cedric Krippner, Leon Bergen, Marius Dusza, Luca Hofrath, Mike Barth, Jan Pioch, Gerald Christ, Patrick Kolek, Elias Sievers, Leon Biallawons oder auch Jeremy Franosch. Bei den Treffen des „Jugendstammtischs NRW“ waren freilich nicht nur die bekannten völkischen Akteur:innen aus den Reihen der AfD anwesend, sondern auch andere Personen aus der extrem rechten Szene. Zum „Jugendsommerfest“ in Köln reiste zum Beispiel der wegen fehlender Verfassungstreue verhinderte AfD-Oberbürgermeisterkandidat in Ludwigshafen, Joachim Paul, mit seinem Freund Patrick Klöckner, der Kopf der mittlerweile aufgelösten IB-Nachfolgeorganisation Revolte Rheinland war, an. Das ehemalige Revolte Rheinland-Mitglied Simon Thiele kam zum Jugendstammtisch in Essen. Johannes Poensgen, ein anderer ihrer Ex-Akteure, wanderte zur Burg Drachenfels mit. In Essen mit dabei war auch der Wittener Neonazi Fidelis Balthasar Edelmann. Und auch der wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung verurteilte Patrick Kolek zeigte sich bei Veranstaltungen der sich im Aufbau befindlichen Jugendorganisation in NRW.

Beim offiziell von der extrem rechten ESN-Fraktion im Europaparlament organisierten Diskussionsabend in Rheine erschien – öffentlich unangekündigt – auch Hohm. Die Veranstaltung war der offensichtliche Versuch von Boßdorf, den Parteinachwuchs in NRW auf seine Person einzuschwören: „Mit dieser Energie des Landtagsabgeordneten aus Cottbus ist mir nicht bange um die Zukunft unserer Partei!“

Nordrhein-westfälische Spaltpilze

Ähnlich euphorische oder auch nur schlicht freundliche Worte aus ihrem Mund über Manuel Krauthausen, der zunächst als nordrhein-westfälischer Kandidat für den Vizevorsitz der Generation Deutschland gehandelt wurde, wurden nicht überliefert. Und auch die anderen Vertreter der völkischen Rechten in der NRW-AfD hielten sich zurück, wenn es um die Ambitionen des 33-jährigen Bundestagsabgeordneten aus Eschweiler ging. Völlig erklärbar allerdings war die Zurückhaltung vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen in der Landes-AfD. Krauthausen agierte mit Personen wie Manuel Linnemann, dem Jugendbeauftragten der NRW-AfD, und Maurice Stefan als eine der Leitfiguren, als die Landesspitze der Partei sich, reichlich spät im Vergleich zur Riege rund um Helferich, in die Vorbereitung der GD-Gründung einschaltete. Eine Spendengala für den Nachwuchs organisierten Vincentz & Co., später ein Oktoberfest für die kommende Generation Deutschland. Erwartungsgemäß blieb der völkische Teil des Nachwuchses größtenteils fern. Und Krauthausen verschwand wieder in der Versenkung.

Es bleibt bei der klaren Teilung in der NRW-AfD, der sich auch in der Parteijugend widerspiegelt: Hier ein Landesvorsitzender, der sich und seine (Noch-)Vorstandsmehrheit als irgendwie „gemäßigt“ darstellen will. Dort Helferich, der die Partei auf einen völkisch-nationalistischen Kurs zu bringen versucht. Hier jüngere AfD-Mitglieder mit gutem Draht zur Vincentz-Riege, die mit primitiv-populistischen Parolen so etwas wie jugendlichen Sturm und Drang darzustellen versuchen. Dort die Gruppe, die schon im alten JA-Landesverband Regie führte und noch alte Rechnungen mit Vincentz offen hat. Beide Seiten hoffen auch auf Beistand aus der obersten Parteispitze. Ganz dezent setzte die ihre Duftmarken.

Während Alice Weidel mit dem AfD-Landesvize und JA-Ehrenvorsitzenden Tritschler einen Tag durch NRW reiste und dabei auch dem „Wahlkampfkommando“ der ehemaligen JA einen Besuch abstattete, ließ sich Tino Chrupalla mit Vincentz und dem umstrittenen Landtagsabgeordneten Klaus Esser ablichten. Dabei dürfte der Crew um Helferich klar sein, dass auf Weidelsche Symbolik wenig zu geben ist, weil ihr Opportunismus so stark ausgeprägt ist wie ihre Machtambitionen. Weit verlässlicher dürfte ihnen Björn Höcke erscheinen. Der hatte zwar auch vorübergehend für schlechte Laune in der „Neuen Rechten“ gesorgt, weil er nicht kämpferisch für die JA in die Bütt gegangen war, als es schlecht um sie stand.

Doch schwerer wiegen die ideologische Nähe zu ihm und die engen Bande, die die Helferich-Connection zur Thüringer AfD geknüpft hat. Im Sommer stellte sich Höcke nach längerem öffentlichen Schweigen hinter die alte JA-Riege: Die Selbstauflösung der JA habe zu einem Zeitpunkt stattgefunden, an dem sie eigentlich organisatorisch „einen Höhepunkt“ erreicht habe, meinte er. „Warum sollte man das opfern?“ Die JA könne „wie ein Phönix aus der Asche auferstehen: professioneller, aber eben nicht ferngesteuert“.

Höcke und sein Gefolge wollen eine offen extrem rechte Jugend nicht mäßigen und zurechtstutzen. Sie wollen vielmehr genau diese Leute – und damit sich selbst – in der AfD noch einflussreicher machen. Der völkische Teil der Generation Deutschland in NRW arbeitet daran.

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