„Wir werden den Protest weiter führen“

Ein Interview mit Firoz über den Refugee-Strike

Im Jahr 2012 war der antirassistische Protest gegen die unmenschlichen Lebensbedingungen von Asylsuchenden in Deutschland so stark wie lange nicht mehr. Im Frühling initiierten Refugees aus Würzburg einen Marsch nach Berlin, an dem sich im Laufe der Zeit immer mehr Asylsuchende und Unterstützer\_innen beteiligten. Neben den Protestcamps am Oranienplatz und am Brandenburger Tor wurde jetzt ein Haus in Berlin-Kreuzberg besetzt, das als Anlaufstelle für Asylsuchende aus ganz Deutschland dienen soll.

Im Jahr 2012 war der antirassistische Protest gegen die unmenschlichen Lebensbedingungen von Asylsuchenden in Deutschland so stark wie lange nicht mehr. Im Frühling initiierten Refugees aus Würzburg einen Marsch nach Berlin, an dem sich im Laufe der Zeit immer mehr Asylsuchende und Unterstützer_innen beteiligten. Neben den Protestcamps am Oranienplatz und am Brandenburger Tor wurde jetzt ein Haus in Berlin-Kreuzberg besetzt, das als Anlaufstelle für Asylsuchende aus ganz Deutschland dienen soll.

Olga Wendtke sprach mit Firoz, der sich seit dem Marsch von Würzburg nach Berlin an dem Refugee-Strike beteiligt, über die Entwicklung des Protestes, über die Forderungen der Geflüchteten und über das Verhalten der Politik.

Seit Anfang Oktober seid ihr nun in Berlin. Was war der Ursprung des Protestes, und wie hat er sich entwickelt?

Im März haben Refugees in Würzburg angefangen, gegen ihre Lebensbedingungen zu protestieren. Dort gab es etwa sieben Monate lang ein Protestcamp. Gestartet haben wir den Marsch dann am 8. September mit 15 Geflüchteten. Es gab einen Marsch zu Fuß und einen Marsch mit dem Bus. Im Laufe der Zeit sind immer mehr Flüchtlinge und Unterstützer_innen aus verschiedenen Städten dazugekommen. Im Laufe der Zeit wurde alles auch emotionaler. Wir sind jeden Tag ungefähr 20 oder 25 km gelaufen. Am 6. Oktober sind wir in Berlin angekommen. Dort waren wir dann zunächst einige Tage am Oranienplatz und haben ein Camp aufgebaut. Danach sind wir zum Pariser Platz am Brandenburger Tor gegangen und haben versucht, dort ein zweites Camp zu errichten. Wir sind in Hungerstreik getreten und haben versucht, Zelte aufzubauen. Die Polizei hat uns das jedoch nicht erlaubt. Sie sagte, der Pariser Platz sei kein Ort für Flüchtlinge, sondern politisch etwas ganz Besonderes. Aber wir haben unseren Protest weitergeführt und werden nicht aufhören, bis unsere Forderungen erfüllt sind.

Gab es Reaktionen von Bürger_innen in den Städten, die ihr während des Marsches durchquert habt?

Es gab verschiedene Reaktionen. Es gab Menschen, die uns Mut zugesprochen und uns gesagt haben, dass sie unsere Aktivitäten sehr gut finden. Es gab aber auch Leute, die uns beschimpft haben. In Erfurt wurden wir von fünf Neonazis attackiert, die gegen uns demonstrierten. Auch in Berlin gab es eine Neonazi- Demonstration gegen Flüchtlinge. Die Neonazis hatten aber keinen Erfolg gegen die Flüchtlinge, weder in Erfurt noch in Berlin, und sie werden auch weiterhin keinen Erfolg haben.

Wie sieht die aktuelle Situation aus?

Zusammen mit unseren Unterstützer_innen haben wir ein Haus in Berlin-Kreuzberg besetzt, damit erst einmal alle Flüchtlinge hierbleiben können. Hier wollen wir ausharren und unseren Protest weiterführen. Wir wollen nicht wieder in unsere Lager zurück. Wir hatten zwei Wärmebusse am Pariser Platz, um uns gegen die Kälte zu schützen. Einen davon hat die Polizei zerstört, einen kleineren Bus können wir noch benutzen.

Welche Forderungen stellen die Geflüchteten und ihre Unterstützer_innen?

Wir sind für die Abschaffung der Residenzpflicht und gegen die Unterbringung von Asylsuchenden in Abschiebelagern. Außerdem sind wir dafür, dass alle Asylbeweber_innen politisches Asyl in Deutschland bekommen, insbesondere auch alle Asylbewerber_innen vom Pariser Platz sowie vom Oranienburger Platz, die auch schon am Marsch von Würzburg nach Berlin teilgenommen haben.

Das Camp am Brandenburger Tor ist von der Polizei nicht genehmigt worden. Wie war die Situation dort und wie ist sie jetzt im besetzten Haus?

Während des Hungerstreiks am Brandenburger Tor gab es Gewalt seitens der Polizei. Flüchtlinge, die sich im Hungerstreik befanden, wurden von Polizist_innen geschlagen. Hier im Haus gab es jedoch noch keine Konfrontation mit den Repressionsorganen. Heute ist aber auch erst der zweite Tag der Besetzung. Unsere Forderung ist es, hier bleiben und ein sicheres Leben führen zu können. Wir wollen keine Auseinandersetzungen mit der Polizei. [1]

Anfang November habt ihr euch mit der Integrationsbeauftragten des Bundes, Maria Böhmer, und der Berliner Integrationssenatorin Dilek Kolat getroffen. Gab es konkrete Ergebnisse?

Wir wurden vom Parlament eingeladen und haben über unsere Forderungen gesprochen. Es gab dazu eine Delegation von fünf Menschen vom Brandenburger Tor und vom Oranienburger Platz. Wir wollen hierbleiben und hier leben, unter denselben Umständen, unter denen alle Menschen hier leben dürfen. Das heißt: ohne Residenzpflicht und ohne Unterbringung in Lagern. Darüber wollten wir sprechen. Die Delegation hat eineinhalb Stunden mit den Politiker_innen diskutiert; diese sind aber überhaupt nicht auf unser Anliegen eingegangen. Sie erklärten nur, wir sollten Deutschland dankbar sein, dass wir hier leben dürfen und Nahrung bekommen. Wir sind nicht zu dem Gespräch gegangen, um um Geld zu betteln, sondern weil wir Asyl benötigen. Wir sind nicht hier, um Urlaub zu machen oder herumzureisen, wir sind nicht aus Spaß in Deutschland, sondern weil die Sicherheitslage in unseren Heimatländern sehr schlecht ist.

Gab es andere Reaktionen aus der Politik?

Nein, gar keine. Kein_e Politiker_in hat uns besucht und gefragt, warum wir trotz der Kälte am Brandenburger Tor sind und was unsere Forderungen sind. Wir werden ignoriert.

In den Medien wurde viel über die Proteste berichtet. Wie beurteilt ihr die öffentliche Berichterstattung?

Es haben uns verschiedene Medienvertreter_innen besucht, aus Deutschland und aus anderen Ländern. Wir haben dort unsere Forderungen mitgeteilt. Ich kann jedoch nicht viel über die Berichterstattung sagen, weil ich kein Deutsch und auch kein Englisch spreche. Es gibt allerdings andere Geflüchtete, die während des Hungerstreiks mit den Medien kommuniziert haben.

Wie sieht die Arbeit eurer Unterstützer_innen aus?

Die Arbeit unserer Unterstützer_innen ist wirklich sehr gut und hilfreich. Wir sind sehr dankbar dafür. Sie machen viel Medienarbeit, damit die Menschen in der ganzen Welt von unseren Protesten erfahren. Es gibt viele Unterstützer_innen in mehreren Städten, etwa in Düsseldorf, Nürnberg oder Regensburg, die hinter uns stehen und unsere Forderungen teilen. Sie sprechen sich auch gegen die Residenzpflicht und das Verhalten der Regierung aus. Wenn wir Konflikte mit der Polizei haben, unterstützen sie uns. Wir wünschen uns von unseren Unterstützer_innen, dass sie bis zum Ende hinter uns stehen.

Wie geht es in nächster Zeit weiter?

Wir haben unsere Zelte am Pariser Platz abgebaut und sind jetzt wieder in Berlin-Kreuzberg. Wir wollen in diesem Haus hier und am Oranienburger Platz bleiben, damit alle Flüchtlinge den Kampf gemeinsam weiterführen können.

Was sind deine Wünsche für die Zukunft?

Ich möchte in Deutschland bleiben und ein ganz normales Leben wie jede_r andere führen. Ich möchte studieren und arbeiten. Ich habe Energie und möchte diese auch umsetzen können.

Vielen Dank für das Interview, und danke auch an die Übersetzer_innen!

[1] Am 11. Dezember 2012 entschied das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, dass die Refugees zunächst bis Ende März in dem besetzten Haus bleiben können. Anfang Januar sollen die Verhandlungen über eine weitere Nutzung beginnen.

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