„Schläge ertragen lernen“

Kampfsport im Nationalsozialismus

Der NS ist eine Kampfideologie, die das gesamte Leben als einen einzigen Kampf sieht, der Auslese und Selektion einzelner Individuen und ganzer „Rassen“ zur Folge hat. Schon die Altnazis im „Dritten Reich“ haben Kampfsportarten zur Schaffung „politischer Soldaten“ instrumentalisiert. Diese nahmen daher eine besondere Rolle im Kanon der Sportarten ein, die im Reich allesamt dem Zweck eines gesunden und kriegsbereiten „Volkskörpers“ dienen sollten.

Der NS ist eine Kampfideologie, die das gesamte Leben als einen einzigen Kampf sieht, der Auslese und Selektion einzelner Individuen und ganzer „Rassen“ zur Folge hat. Schon die Altnazis im „Dritten Reich“ haben Kampfsportarten zur Schaffung „politischer Soldaten“ instrumentalisiert. Diese nahmen daher eine besondere Rolle im Kanon der Sportarten ein, die im Reich allesamt dem Zweck eines gesunden und kriegsbereiten „Volkskörpers“ dienen sollten.

„Boxen und Jiu-Jitsu sind mir immer wichtiger erschienen als irgendeine schlechte, weil doch nur halbe Schießausbildung“. Mit diesen Worten äußerte sich Adolf Hitler in „Mein Kampf“ zu zwei damals in Deutschland noch relativ jungen Kampfsportarten. Gegenüber dem Vorwurf der Rohheit verteidigte er das Boxen, das wie keine andere Sportart „den Angriffsgeist […] fördert, blitzschnelle Entschlußkraft verlangt, den Körper zu stählerner Geschmeidigkeit erzieht“. Im Vergleich mit dem Fechten sei es „nicht roher, […] Meinungsverschiedenheit mit den Fäusten aus[zu]fechten als mit einem geschliffenen Stück Eisen“. Durch das Boxen würden junge Menschen lernen, sich eines „Angreifers mit der Faust [zu] erwehr[en], statt davonzulaufen und nach einem Schutzmann zu schreien“. Außerdem solle „der junge, gesunde Knabe […] auch Schläge ertragen lernen“.

Ideologische Konflikte

Dass Hitler ausgerechnet das Fechten in Kontrast zum Boxen stellte, verwundert nicht, verband man diese Sportart schließlich mit den studentischen Burschenschaften, die sie häufig ausübten — und damit mit dem verhassten Intellektualismus. Bekannt waren im Deutschen Reich vier Kampfsportarten: Ringen, Boxen, Fechten und Jiu-Jitsu beziehungsweise das aus ihm entwickelte Judo. Im Verlauf des Dritten Reichs beleuchteten verschiedene NS-Funktionäre und Sportler diese in eigenen Publikationen aus ideologischer Sicht.

Einer unter ihnen war der Rassenhygieniker Lothar Gottlieb Tirala mit seinem 1936 erschienenen Buch „Sport und Rasse“. Darin beschrieb er Entstehung und Geschichte sämtlicher ihm bekannter Sportarten in ihren Abhängigkeiten zu vermeintlich „rasse“gebundenen Eigenschaften. Das moderne Fechten erklärte Tirala zu einem artfremden Stil: „Die moderne Fechtkunst ist eine Schöpfung der westischen Rasse.“ Unter Berufung auf alte deutsche Fechtbücher argumentierte er, die kräftige „teutonische Rasse“ hätte schwere Schwerter als Hiebwaffen eingesetzt, während die „westische Rasse“ die leichten Stichwaffen Rapier, Florett und Degen verwendet habe.

Über das Ringen hingegen, das er in verschiedenen Formen in allen Völkern beobachtete, schrieb er, dass es unter den „arischen Völkern“ keine großen Unterschiede in der Ausübung gäbe, wobei er das „Glima“ (isländische Ringkampfkunst) als Musterbeispiel benannte und der „teutonischen Rasse“ auch im griechisch-römischen Stil absolute Überlegenheit zusprach. Dem Jiu-Jitsu sprach er seine japanische Herkunft ab, weil alle Jiu-Jitsu-Griffe bereits in Ringkampfbüchern des deutschen Spätmittelalters erwähnt worden seien. Damit spielte er auf die Deutsche Fechtschule an, die durch Autoren wie Johannes Liechtenauer und Hans Talhoffer vertreten wurde. Dass die Kampftechniken sich tatsächlich augenscheinlich sehr ähneln, nahm er als Beleg für die schon zu Weimarer Zeiten entstandene These, die Kampfkunst müsse, wie andere Kulturgüter, irgendwann von „Ariern“ aus Europa nach Asien importiert worden sein.

Jiu-Jitsu und Judo

Dass diese Kampfkunst aus Japan und damit von einer anderen „Rasse“ stammt, war ungeachtet Hitlers positiver Äußerung ein großer Kritikpunkt im Dritten Reich. In seinem Buch „Die Waffe Jiu-Jitsu und Judo-Kampf-Sport“ argumentierte Wolfram Werner damit, dass Jiu-Jitsu und Judo zu „Wehrhaftigkeit, Kameradschaft und zielsicherer Entschlossenheit“ erziehen würden. Jiu-Jitsu als „ausländisches Erziehungsmittel […], das eine wesensfremde Rasse zu großer Vollkommenheit durchgebildet hat“, sei gar nicht so fremd, schrieb Martin Pampel 1935 in „Deutscher Kampfsport ohne Waffe (Judo)“, weil viele „technische Einzelheiten […] in der deutschen Vergangenheit durchaus bekannt“ gewesen seien.

Selbst Erich Rahn, der Begründer des Jiu-Jitsu in Deutschland, sprach davon, ein System geschaffen zu haben, „das unseren deutschen Anschauungen naturgemäß bedeutend näher lag als die Art der asiatischen“. Er berief sich ebenfalls auf die deutschen Systeme des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, die dem Jiu-Jitsu augenscheinlich ähneln würden, und betont, dass Japan zu dieser Zeit völlig abgeschottet gewesen sei. Vermutlich wollte er damit das verbreitete Vorurteil widerlegen, Jiu-Jitsu sei „artfremd“ für Deutsche und damit gefährlich. Diese Rechtfertigung scheint nötig gewesen zu sein, da es in weiten Teilen der Bevölkerung verschiedene rassistische Vorurteile gegen Jiu-Jitsu gab. „Diese Kampfsportart [liege] unserer germanischen Rasse wenig“, schrieb Friedrich Niemann 1936 in seinem „Leitfaden der Wehrsport-Leibesübungen“. „Im Ernstfall vergessen neun von zehn Jiukämpfer ihre Griffe und brechen mit altgermanischer Unbekümmertheit darauf los.“ Dieses „Dreschen“ sollte daher in geregelte Bahnen gelenkt werden. Daher sollte „mehr Gewicht […] auf das Boxen“ gelegt werden, so Niemann.

Besondere Rolle des Boxsports

Dem Boxsport galt im NS tatsächlich die größte Aufmerksamkeit. Man denke an die propagandistische Ausschlachtung der Kämpfe von Max Schmeling, der zum Ideal des Sportlers schlechthin stilisiert worden ist. Der Erfolg ausländischer Sportler im Profiboxen drängte NS-Fanatiker wie Tirala jedoch in Erklärungsnot. „Die schwarze Art ist weniger schmerzempfindlich als die weiße. […]. Deshalb müssen die Schwarzen bei gleicher Kraft und Uebung (Training) besser abschneiden als die Weißen“, argumentierte Tirala. „Der „weiße Kämpfer [müsse] diesen natürlichen Mangel an ‚Härte‘ durch überlegene Intelligenz ausgleichen […], doch über alle Technik siegt häufig die Härte des Schlagens“.

Der SA-Mann und ehemalige Schwergewichtsweltmeister sowie Sportchef des Völkischen Beobachters, Ludwig Haymann, veröffentlichte 1936 ein Buch mit dem Titel „Deutscher Faustkampf nicht pricefight“. In diesem gibt er „den Juden“ die Schuld an der Kommerzialisierung des Boxsports, die durch Hitler in Deutschland beendet worden sei. Man könne nun beginnen, „unter Außerachtlassung aller Sensationen, nationale Kraft und Stärke aus einer naturgegebenen Kampfart zu schöpfen“. Da Boxen jedoch eine neue Sportart sei, hätten die Deutschen zunächst die rassisch bedingten Kampfstile anderer Völker übernommen, sei es die „noble art of defense“ der Briten oder den „wirbelwindartigen, tempogeladenen Nahkampf aus Amerika“, argumentierte Haymann.

Während Tirala also die rassisch-körperliche Veranlagung anführte, zog Haymann eine rassisch-stilistische Erklärung heran. Für ihn sei daher die „Schaffung des deutschen Faustkampfes“ erstrebenswert, die dem von Max Schmeling entspräche. Eine in „Temperament und Volkstum wurzelnde Kampfform“, sei „mithin der erste gelungene Schritt zum deutschen Boxen“.

Verfolgung „undeutscher“ Wettkampfsieger

Die symbolische Aufladung des Boxkampfes 1933 zwischen Max Schmeling und Max Baer, der sich ein jüdisches Image zugelegt und einen Davidstern auf die Shorts gestickt hatte, wurde von der Nazipresse nach Schmelings KO in der zehnten Runde totgeschwiegen. Hingegen nutzte die NS-Propaganda den überraschenden Sieg Schmelings im Ausscheidungskampf gegen den afroamerikanischen Joe Louis drei Jahre später als Beleg der „arischen“ Überlegenheit gegenüber anderen Völkern. Während Schmeling den Nazis als Vorzeige-„Arier“ diente, wurden viele nicht-„arische“ Sportler aus Vereinen und Verbänden ausgeschlossen, verfolgt, und zum Teil in Konzentrationslager deportiert und ermordet.

Einer von ihnen war der Sinto-Boxer Wilhelm Trollmann. Vier Tage nach seinem Sieg über Adolf Witt im Kampf um die Deutsche Meisterschaft im Mittelgewicht 1933 wurde Trollmann der Titel wieder aberkannt. Sein Boxstil wurde als „undeutsches Instinktboxen“ bezeichnet. 1938 wurde Trollmann schließlich verhaftet, in ein Arbeitslager inhaftiert, dann zur Wehrmacht eingezogen, nach einer Verwundung an der Ostfront 1941 in das KZ Neuengamme gebracht und 1943 erschossen. Angeblich musste er sich dort vorher zum Vergnügen der SS-Wärter verprügeln lassen. Ein ähnliches Schicksal ereilte den Ringer Werner Seelenbinder. Der bekennende Kommunist durfte zunächst die Ausübung seines Sports fortführen und belegte bei den Olympischen Spielen 1936 den vierten Platz. 1942 wurde er jedoch wegen des Verdachts auf angebliche Herstellung illegaler Verbindungen und Erstellung unerlaubter Flugblätter verhaftet und 1944 hingerichtet.

Institutionelle Neuordnungen

Boxen und Ringen galten im Dritten Reich (zumindest im Amateurbereich) als reine Männer-Sportarten. Nur im Fechtsport gab es einen hohen Frauenanteil. In dem sich langsam ausbreitenden Judosport, in seiner damals vorherrschenden Form des Jiu-Jitsu, übten sich zudem einige wenige Frauen. Im Bereich des Wettkampfsports waren diese Frauen im Deutschen Reichsbund für Leibesübungen (DRL), der ab 1938 Nationalsozialistischer Reichsbund für Leibesübungen (NSRL) hieß, organisiert.

Um diesen unter Parteikontrolle zu bringen, setzte Hitler den SA-Obergruppenführer Hans von Tschammer und Osten als Reichssportführer ein. Die Methode lautete: Auflösung der marxistischen, Verdrängung der konfessionellen und Gleichschaltung der bürgerlichen Verbände sowie Einführung des Führerprinzips für sämtliche Sportarten. Dazu wurden diese in 15 Sport-Fachämter eingegliedert, über die sie verwaltet wurden. Jiu-Jitsu und Ringen gehörten zum Fachamt für Schwerathletik, Boxen und Fechten bildeten eigene Fachämter.

Ausschluss aus den Vereinen

Seit 1933 wurden auch Maßnahmen in die Wege geleitet, ideologische und politische Feinde der Nationalsozialisten aus dem deutschen Sportbetrieb zu entfernen. Es fand eine Art Wettlauf der meisten Verbände darum statt, möglichst schnell „judenfrei“ zu werden. Vor allem die Deutsche Turnerschaft und der Verband Deutscher Faustkämpfer (für Berufsboxer) waren hier engagiert. Zu diesem Zwecke wurden Erhebungskarten zur Ortung von Juden und Marxisten/Kommunisten eingeführt. Während Juden ausnahmslos aus den Sportvereinen ausgeschlossen wurden, gab es für Marxisten zunächst eine Sperrfrist. Ehemals marxistische Vereine wurden aus den Fachverbänden verbannt. Ex-Mitglieder dieser Vereine konnten erst nach Ablauf dieser Sperrfrist, mit einer besonderen Erklärung und mindestens zwei Bürgen wieder aufgenommen werden.

Während im NSRL der Schwerpunkt auf Wettkampfsport lag, wurden sämtliche andere zivile Sportgruppen im Breitensportbereich über die Organisation Kraft durch Freude verwaltet. Schwerpunkt der SA lag im Wehrsport; die SS betrieb in ihrem Eliteanspruch ebenfalls Wettkampfsport. Für den Jugendsport sollten der Schulsport und die Hitler-Jugend Verantwortung übernehmen.

Kampfsport zur Erziehung

Hitlers Erziehungsvorstellungen wurden zum Vorbild der reichsdeutschen Schulpädagogik. Bereits zu Republikzeiten war die Vorstellung verbreitet, der Sport müsse als Ersatz für die seit dem Ersten Weltkrieg verbotene Wehrpflicht dienen. 1933 nahm das preußische Kulturministerium Boxen in den Kanon der Schulsportarten auf, was vorher ausdrücklich verboten gewesen war. Zunächst wurde es aufgrund von Lehrermangel noch freiwillig angeboten, doch mit Einführung der dritten Turnstunde 1935 wurde Boxen für die schnelle Steigerung der Wehrtauglichkeit zum Pflichtprogramm der höheren Jungenschulen. Boxen wurde selbst an Schulen ohne eigene Oberstufe unterrichtet, an denen dies nicht den gesetzlichen Vorgaben entsprach.

Seit 1937/38 war Boxen Bestandteil der Turnreifeprüfung, in der die Abiturienten eine Runde von drei Minuten durchstehen mussten. Außerdem wurde Boxen in das Wettkampfprogramm von Schulmannschaften aufgenommen. Schulen erhielten zum Teil komplette Box-Ausrüstungen für den Unterricht aus Reichsmitteln, die aus Sprungseilen, Medizinbällen, Schlagpolstern, Boxhandschuhen und sogar Kampfringen bestanden. Trotz Problemen bei der Beschaffung verfügten bis zum Jahr 1936 die meisten Schulen über eine ausreichende Ausrüstung. Nach den Aussagen ehemaliger Schul-Boxlehrer wurden zunächst Grundstellung, Beinarbeit sowie gerader Stoß aus dem Stand und der Bewegung heraus geübt, erst ohne, dann mit Partner. Bei den Partnerübungen kamen dann Deck- und Meid-Bewegungen hinzu. Zudem wurde mit Boxgeräten trainiert. Fortgeschrittene übten auch Sparring. Außerdem kam es zu Übungskämpfen zwischen Schülern und Lehrern, die verboten werden mussten, weil sie teils sogar bis zum KO führten.

Erziehung zu Härte

Die charakterliche Erziehung zu Aggressivität und Mut wurden über die technische Schulung gestellt. In dem Buch „Boxen der Jugend“ schrieb der Autor Konrad Stein 1938: „Je vielseitiger die technischen Mittel […], um so größer sind die Möglichkeiten für den weniger Mutigen, seine Hemmungen zu verbergen.“ In den Boxkämpfen, die Schüler vor den Zeugnissen absolvieren mussten, ging es in der Regel sehr hart zu. Die Schüler waren zu rücksichtslosem Kampfverhalten angehalten. Unter Notendruck sollten sie besonders aggressiv kämpfen. Zudem trainierten und kämpften sie, obwohl für zwei Reichsmark verhältnismäßig günstig erwerbbar, nicht mit Zahnschutz, was häufige Zahnverletzungen zur Folge hatte.

Um die Schüler zu soldatischer Härte und Aggressivität zu erziehen, wurden Verletzungen billigend in Kauf genommen. Trotz Einführung von fünf Turnstunden pro Woche konnte der Unterricht im Verlauf des Krieges auch unter Zuhilfenahme von Trainern aus Sportvereinen immer weniger und schließlich kaum noch aufrechterhalten werden. Ersatzweise gab es einen außerschulischen Pflichtsport in der HJ. Bis 1935 waren knapp über die Hälfte der Jugendlichen zwischen 10 und 18 Jahren Mitglied. Im Dezember 1936 wurde die HJ zur Staatsjugend erklärt, in der jeder „arische“ Jugendliche automatisch Mitglied war. Seit 1933 standen zwei Stunden pro Woche Pflichtsport für alle Hitler-Jungen auf dem Plan. Ziele: Kampf, Härte, Willensschulung und Leistung. Der Pflichtsport wurde aufgeteilt in „allgemeine Leibesübungen“ und „besondere Wehrübungen“. Die vier Kampfsportarten Boxen, Ringen, Jiu-Jitsu und Fechten galten als Instrumente der allgemeinen Leibesübungen.

Die HJ-Anleitung „Ritterliche Waffenspiele“ von Wilhelm Fabricius aus dem Jahr 1935 zeigte Zeichnungen athletischer Jungen nach nationalsozialistischem Idealbild. In der Publikation wurden Schwertfechten, Stockfechten sowie Bogen- und Armbrustschießen als vormilitärische Wehrsportübungen beschrieben. Die Kämpfe sollten mit freiem Oberkörper und ohne Schutzausrüstung stattfinden. Die Jungen sollten „so zeigen, wer in den entscheidenden Eigenschaften, in Haltung und Härte der Bessere ist“. Dabei sollten sie lernen, aggressiv zu kämpfen und nicht aufzugeben.

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Hans Weingartz - http://www.pass-weingartz.de/hw.htm (CC BY-SA 2.0)