„Wir verlangen das Paradies auf Erden“

Die „Märzrevolution“ im rheinisch-westfälischen Industriegebiet — Teil I

Bereits wenige Tage, nachdem am 13. März 1920 extrem rechte Kreise um den hochrangigen Königsberger Verwaltungsbeamten Wolfgang Kapp und den Reichswehrgeneral Walther von Lüttwitz die demokratisch gewählte Reichsregierung für abgesetzt erklärt hatten, um ein rechtsautoritäres Regime in Gestalt einer Militärdiktatur zu errichten, war ihr Putsch in sich zusammengebrochen. Im rheinisch-westfälischen Industriegebiet bildete die Niederschlagung des Kapp-Lüttwitz-Putsches den Auftakt revolutionärer Entwicklungen, die innerhalb weniger Tage das gesamte Ruhrgebiet erfassen sollten.

Bereits wenige Tage, nachdem am 13. März 1920 extrem rechte Kreise um den hochrangigen Königsberger Verwaltungsbeamten Wolfgang Kapp und den Reichswehrgeneral Walther von Lüttwitz die demokratisch gewählte Reichsregierung für abgesetzt erklärt hatten, um ein rechtsautoritäres Regime in Gestalt einer Militärdiktatur zu errichten, war ihr Putsch in sich zusammengebrochen. Im rheinisch-westfälischen Industriegebiet bildete die Niederschlagung des Kapp-Lüttwitz-Putsches den Auftakt revolutionärer Entwicklungen, die innerhalb weniger Tage das gesamte Ruhrgebiet erfassen sollten.

Schon die Monate vor der „Märzrevolution“ waren von ständigen Konflikten zwischen Arbeiter*innen, Freikorps und Polizei geprägt. Streiks, Lebensmittelproteste und Solidaritätsdemonstrationen für die zahllosen bei den Konfrontationen Verhafteten — die nicht zu Unrecht als „politische Gefangene“ wahrgenommen wurden — waren an der Tagesordnung. Die Auseinandersetzungen in Folge des Kapp-Lüttwitz-Putsches bildeten somit gewissermaßen eine weitere Eskalationsstufe im latenten Bürgerkrieg.

Arbeitskämpfe und Streikbewegung

Seit Dezember 1918 war es an Rhein und Ruhr im Zusammenhang mit Arbeitskämpfen und Streiks regelmäßig zu gewalttätig verlaufenden Konfrontationen zwischen Arbeiter*innen und der Staatsmacht gekommen. Im Zentrum der Konflikte standen dabei die Sozialisierungen im Bereich der Schwerindustrie und vor allem des Bergbaus. Als deutlich wurde, dass die im Dezember 1918 vom in Berlin tagenden Reichsrätekongress beschlossene „[unverzügliche] Sozialisierung aller hierzu reifen Industrien, insbesondere des Bergbaus“ von der vorläufigen Reichsregierung (bestehend aus Vertretern von SPD und USPD) und Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) verschleppt wurde, formierte sich ab Mitte Januar 1919 im Ruhrgebiet eine heterogenen linke Streikbewegung, an der sich bald rund 80.000 Arbeiter*innen — vorwiegend aus dem Bergbau — beteiligten. Neben der Sozialisierung der Schwerindustrie forderten sie eine Verbesserung der Lebensmittelversorgung.

Vertreter*innen von SPD, USPD und KPD bildeten eine Kommission, die mit der Reichsregierung über die Sozialisierungsforderungen verhandeln sollte. Diese vermied jedoch konkrete Zusagen und setzte hinter den Kulissen darauf, die überwiegend parteiunabhängige Streikbewegung mit Repression und militärischer Gewalt unter Kontrolle zu bringen.

Latenter Bürgerkrieg

Mit Rückendeckung des Reichswehrministers Gustav Noske (SPD) verfolgte der in Münster amtierende Reichswehrgeneral des Wehrkreises VI, Oskar von Watter, eine gezielte Eskalationsstrategie. Am 11. Februar 1919 ließ er den in Münster tagenden Generalsoldatenrat durch das Freikorps Lichtschlag auflösen und die anwesenden Delegierten verhaften. Wenige Tage später ging das Freikorps in Dorsten brutal gegen streikende Arbeiter*innen vor. Im Volksmund erhielt es den bezeichnenden Namen „Totschlag“ und zog in den Folgemonaten eine blutige Spur quer durch das Ruhrgebiet.

Die Gesamtkonferenz der Arbeiter*innen- und Soldatenräte in Mülheim/Ruhr reagierte auf das militärische Vorgehen gegen die Arbeiter*innenbewegung mit der Ausrufung des Generalstreiks, an dem sich rund 180.000 Arbeiter*innen — etwa die Hälfte der im Bergbau Beschäftigten — beteiligten. An mehreren Orten kam es zu heftigen Zusammenstößen. In Witten schoss die Polizei Mitte März auf eine Demonstration von Arbeiter*innen und tötete dabei 17 Personen. 350.000 Arbeiter*innen traten erneut in den Streik und forderten die Auflösung der Freikorps und eine Entmilitarisierung der Polizei.

Die Reichsregierung reagierte auf die Streiks und Demonstrationen mit der Verhängung des Belagerungszustands über weite Teile des Ruhrgebiets. Faktischer Machthaber über das Industrierevier war somit General von Watter. Carl Severing (SPD) als ziviler Reichskommissar war weder willens noch in der Lage, das eigenständige Agieren des Militärs zu kontrollieren.

Vom Generalstreik…

Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen reagierte die organisierte Arbeiter*innenbewegung im rheinisch-westfälischen Industriegebiet am 13. März 1920 auf die Nachricht vom Militärputsch in Berlin. Bereits am Nachmittag kam es an verschiedenen Orten zu Protestkundgebungen.

In der KPD-Zeitung Ruhr-Echo hieß es etwa in einer Rückschau auf Ereignisse in Bochum im März 1920: „Als um die Mittagszeit […] die Nachricht von dem weißgardistischen Überfall der Kapp-Lüttwitz in Berlin in Bochum eintraf, da nahmen die Kumpels auf den Schachtanlagen Präsident, Karoline, Engelsburg usw. und die Arbeiter des Bochumer Vereins in ihren Betrieben Stellung und beschlossen, die Arbeit sofort niederzulegen und um 4 Uhr auf dem Moltkemarkt gemeinsam aufzumarschieren. Solche Menschenmassen, wie an diesem Tage dem Moltkemarkt zuströmten, sind weder vorher noch nachher hier aufmarschiert.“

In Deutz demonstrierten zwei Tage später 150.000 Menschen gegen den Putsch. Der ausgerufene Generalstreik legte an Rhein und Ruhr in kürzester Zeit Betriebe und Zechen weitgehend lahm.

… zur Revolution?

Doch ging es um mehr als um die Abwehr eines reaktionären Militärputsches. Von Beginn an waren die Aktionen der Arbeiter*innen mit revolutionären Forderungen aufgeladen, die unmittelbar an die Ziele der Streikbewegung des Jahres 1919 anknüpften. An zahlreichen Orten bildeten sich Arbeiter*innen- beziehungsweise Vollzugsräte. Der Vollzugsrat im niederrheinischen Lohberg postulierte in seiner ersten Erklärung: „Nicht Ruhm noch Ehre, nicht Orden und Ehrenzeichen sollen die Triebfeder unserer Aktionen sein, sondern die Sicherstellung unserer Daseinsberechtigung als Mensch. Hinweg mit der modernen Sklaverei! […] Wir verlangen das Paradies auf Erden und lassen uns nicht länger mit der Hoffnung auf ein besseres Jenseits abspeisen.“

In Elberfeld verfassten noch am 13. März die Bezirksleitungen von USPD und SPD unter Beteiligung von Vertreter*innen der KPD einen Aufruf, „den Kampf gegen die neu gebildete Kapp-Regierung mit allen Kräften geschlossen aufzunehmen“. Mit dem Ziel, „die Diktatur des Proletariats […] auf Grundlage des Rätesystems“ zu erkämpfen. Die Erfahrungen der vorangegangenen Arbeitskämpfe und Streiks, die von der Staatsmacht regelmäßig mit dem Einsatz brachialer Gewalt beantwortet worden waren, führten dazu, dass sich die Arbeiter*innen von Beginn an bewaffneten. Überall im Industrierevier entstanden lokale Arbeiter*innenwehren.

„Rote Ruhrarmee“

Daneben formierte sich innerhalb weniger Tage die Rote Ruhrarmee, der sich bis Ende März bis zu 60.000 Männer und Frauen anschließen sollten. Sie konstituierte sich im Verlauf der Kämpfe ohne zentrale Führung. Ihre Angehörigen rekrutierten sich häufig aus schon bestehenden betrieblichen Netzwerken, Nachbarschaften sowie Arbeiter*innen- und Soldatenräten. Viele von ihnen hatten in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs gekämpft.

Die Ausrüstung der Roten Ruhrarmee war prekär und bestand im Wesentlichen aus Schusswaffen, die nach der Novemberrevolution versteckt worden waren. Gleichwohl konnten sich die Rotarmist*innen gemeinsam mit den Angehörigen der Arbeiter*innenwehren zunächst gegen Reichswehr, Sicherheitspolizei und Freikorps behaupten.

Kampf ums Industrierevier

Angesichts des Kapp-Lüttwitz-Putsches und des proklamierten Generalstreiks verhielt sich General von Watter indifferent. Zwar schlug er sich öffentlich nicht auf die Seite der Putschisten, vermied aber auch ein klares Bekenntnis zur Republik. Vielmehr verkündete er, „Ruhe und Ordnung im Industriegebiet“ sicherstellen zu wollen. Noch am 13. März marschierten Reichswehrverbände und Freikorps ins Ruhrgebiet ein — den Arbeiter*innen musste dies als klares Indiz erscheinen, dass Watter den Putsch unterstützte. An zahlreichen Bahnhöfen, die die Truppentransporte passierten, kam es zu ersten bewaffneten Zusammenstößen, etwa in Hamborn, Annen, Unna und Velbert.

Am 14. März gelang es Revolutionär*innen in Bochum, sich eines Munitionszugs der Reichswehr zu bemächtigen und über 2.000 Gewehre zu erbeuten. In den Städten des Industriegebiets verlor die Polizei zunehmend die Kontrolle. Reichswehr und Freikorpsverbände wirkten in den ersten Tagen des um sich greifenden Aufstands orientierungslos. Trotz materieller Überlegenheit und rücksichtsloser Einsatzstrategien musste die Staatsmacht flächendeckend den Rückzug aus dem Ruhrgebiet antreten, um sich in den Garnisonsstädten Wesel, Münster und Paderborn neu zu formieren.

Am 20. März kontrollierten die Rote Ruhrarmee und die Arbeiter*innen- und Vollzugsräte ein Gebiet, das in nord-südlicher Ausdehnung von Dorsten/Haltern über Remscheid/Solingen bis nach Düsseldorf und in west-östlicher Richtung von Dinslaken bis nach Ahlen reichte.

Das „Bielefelder Abkommen“

Um den eskalierenden Konflikt zu befrieden, berief Reichskommissar Severing eine Konferenz in Bielefeld ein, an der am 23./24. März 150 Vertreter*innen von Arbeiter*innen- und Vollzugsausschüssen, Stadtverwaltungen, Regierungspräsidien, Gewerkschaften und Parteien — vom Zentrum bis zur KPD — teilnahmen. Sie unterzeichneten schließlich ein Abkommen, das sowohl eine Beendigung des Generalstreiks als auch die Entwaffnung der Arbeiter*innen vorsah. Der verschärfte Ausnahmezustand sollte aufgehoben und bei Einhaltung der Vereinbarungen vom Einmarsch der Reichswehr in das Ruhrgebiet abgesehen werden. Zudem stellte das Abkommen eine Bestrafung der Putschisten, die „Reinigung“ der Verwaltung von „gegenrevolutionären Persönlichkeiten“ und die Auflösung mehrerer Freikorpseinheiten in Aussicht. Darüber hinaus war von der „sofortigen Inangriffnahme der Sozialisierung der dazu reifen Wirtschaftszweige“ die Rede.

Ob Severing die Umsetzung des Abkommens, das den Forderungen der Arbeiter*innen weit entgegenkam, tatsächlich in Erwägung zog, ist zweifelhaft. Wie er vor Pressevertreter*innen Anfang April offen einräumte, ging es ihm vor allem darum, „durch das Bielefelder Abkommen eine Schwächung und Auflösung der Roten Armee“ zur erreichen. Wenngleich von einer Auflösung der Roten Ruhrarmee nicht die Rede sein konnte, lösten die Ergebnisse der Konferenz doch tiefgreifende Differenzen zwischen den unterschiedlichen Akteur*innen der Aufstandsbewegung aus. Während sich zahlreiche sozialdemokratische Gliederungen aus den bewaffneten Formationen zurückzogen, blieb der weitaus größere Teil der Roten Ruhrarmee bestehen. Auch die Vollzugsräte im rheinisch-westfälischen Industriegebiet blieben skeptisch.

Angriff aufs Ruhrgebiet

Dieses Misstrauen war durchaus berechtigt. Während in Bielefeld noch verhandelt wurde, bereitete Watter im Auftrag der Reichsregierung den Einmarsch ins Ruhrgebiet vor. Aus dem ganzen Reich wurden nun Reichswehr- und Freikorpsverbände in den Westen beordert, darunter die Marine-Brigade von Loewenfeld, die im Jahr zuvor an den Grenzlandkämpfen in Oberschlesien beteiligt gewesen war und die Brigade Epp, deren Angehörige im Mai 1919 bei der blutigen Niederschlagung der Münchner Räterepublik eine zentrale Rolle gespielt hatten. Die schwerbewaffneten Truppen sammelten sich zunächst am Rande des Ruhrgebiets: in Borken/Coesfeld, Münster/Buldern sowie in Rheda/Lippstadt.

Obwohl die Reichsregierung angeordnet hatte, frühestens am 2. April ins Industrierevier einzurücken, besetzte die Brigade Epp bereits am 28. März die Zeche Westfalen in Ahlen. Zwei Tage später rückte die Reichswehr in Haltern ein. Der eigentliche Angriff auf das Ruhrgebiet begann jedoch am 1. April. Der Zentralrat der Arbeiter- und Vollzugsausschüsse in Essen sowie weitere Aktionsausschüsse in Duisburg, Elberfeld, Barmen, Remscheid und Hagen proklamierten daraufhin den Generalstreik. Dem Aufruf folgten rund 310.000 Bergarbeiter*innen. Erneut stand das rheinisch-westfälische Industriegebiet still.

Terror gegen Rotarmist*innen

Dieses Mal konnten die Aufständischen der militärischen Übermacht von Reichswehr, Freikorps und Sicherheitspolizei kaum etwas entgegensetzen. Bei Pelkum, südlich von Hamm, hatten Rotarmist*innen in der Nacht zum 1. April die Eisenbahnbrücke gesprengt, um die Brigade Epp am Überschreiten der Lippe zu hindern. Der Vormarsch des Freikorps konnte jedoch nicht aufgehalten werden. Bei den anschließenden Gefechten starben mindestens 100 Rotarmist*innen — allerdings nicht nur im Kampf. Vielfach kam es zu standrechtlichen Erschießungen und brutalen Misshandlungen. Auch andere Reichswehr- und Freikorpsverbände agierten äußerst brutal, ihr Vormarsch wurde von Hausdurchsuchungen, Massenverhaftungen und Massenerschießungen begleitet.

Der Entgrenzung der Gewalt war von höchster Ebene Tür und Tor geöffnet worden. In einem am 22. März erlassenen Befehl General Watters hieß es: „Verhandelt wird nicht. […] In jedem Bewaffneten ist der Feind zu sehen. Unbewaffnete Massen haben ebenfalls auf der Straße nichts zu suchen. Sie müssen durch Feuer zersprengt werden.“ Einen Eindruck von der eliminatorischen Brutalität, mit der Reichswehr und Freikorps gegen mutmaßliche Aufständische vorgingen, vermittelt etwa der Brief des Studenten Max Zeller, Mitglied der Brigade Epp, an seine Schwester: „Gestern […] machten wir den ersten Sturm. […] Pardon gibt es überhaupt nicht. Selbst die Verwundeten erschießen wir noch. Die Begeisterung ist großartig, fast unglaublich.“

Innerhalb weniger Tage hatte die Regierung die Kontrolle über das Industriegebiet zurückerlangt — mit Hilfe eines Militärapparats, der zu erheblichen Teilen zuvor den Kapp-Lüttwitz-Putsch mitgetragen hatte. Der Generalstreik brach zusammen. Die Rote Ruhrarmee löste sich auf. Zahlreiche ihrer Kämpfer*innen versuchten sich in das von den Briten kontrollierte Bergische Land oder ins Rheinland abzusetzen.

„Märzrevolution“ — eine Bilanz

Am Ende der „Märzrevolution“ und ihrer brutalen Niederschlagung standen mehr als 1.500 Tote und zahllose Verletzte — überwiegend aus den Reihen der aufständischen Arbeiter*innen. Tausende wurden kurzfristig in Kriegsgefangenenlagern interniert. Vermeintlich Beteiligte an der „Märzrevolution“ wurden zum Teil zu drastischen Gefängnisstrafen wegen „Aufruhr“ und „öffentlicher Zusammenrottung“ verurteilt. Die Verbrechen, die von Angehörigen der Staatsmacht begangen worden waren, blieben indessen weitgehend ungesühnt. Ganz im Gegenteil: General Walther von Lüttwitz ging nach seinem gescheiterten Putschversuch vollkommen unbehelligt in den Ruhestand. Franz Ritter von Epp und andere Freikorpsführer avancierten zu verklärten Figuren (nicht nur) in der extremen Rechten.

Die Geschichte der „Märzrevolution“ von 1920 führt zum einem die Skrupellosigkeit und die eliminatorische Qualität vor Augen, mit der die Republikfeinde von rechts auf demokratische und emanzipatorische Bestrebungen reagierten. Zum anderen offenbart der Blick auf die „Märzrevolution“, dass der Weg in den Faschismus keine Zwangsläufigkeit darstellte. Wie schon während der „Münchner Räterepublik“ im Frühjahr 1919 formierten sich soziale Bewegungen, die sich nicht nur gegen ihre reaktionären Widersacher*innen zu behaupten versuchten, sondern auch für ihre politisch und gesellschaftlich Hoffnungen und Utopien eintraten.

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