„Lebensraum und Schutz für Generationen“

Neues Neonazi-Zentrum des Meinolf Schönborn

Im hessischen Gieselwerder erwarb ein Strohmann des Neonazis Meinolf Schönborn ein ehemaliges Hotel. Mit der „Residenz Ludenbeck“ soll ein neuer „Schutz- und Lebensraum“ für mehrere Generationen von Neonazis entstehen, der neben Wohnraum auch Gewerbe- und Veranstaltungsmöglichkeiten bieten soll.

Im hessischen Gieselwerder erwarb ein Strohmann des Neonazis Meinolf Schönborn ein ehemaliges Hotel. Mit der „Residenz Ludenbeck“ soll ein neuer „Schutz- und Lebensraum“ für mehrere Generationen von Neonazis entstehen, der neben Wohnraum auch Gewerbe- und Veranstaltungsmöglichkeiten bieten soll.
Das ehemalige Hotel „Am Mühlenplatz 9“ im 1.200-Seelen-Örtchen Gieselwerder ist ein Apartmenthaus mit zehn in sich geschlossenen Wohnungen sowie Nebenräumen, Parkplätzen und Garagen. Bis Anfang des Jahres 2020 wurde das 3.300 Quadratmeter große Gelände noch als Flüchtlingsunterkunft genutzt. Die Gemeinde Wesertal hatte großzügig in Brandschutz und Infrastruktur des Gebäudes investiert. Als die Gemeinde als Mieterin wegfiel, wurde das Gebäude nach Schönborns Angaben für 110.000 Euro versteigert. Das Gelände ist ruhig gelegen, fast alleinstehend am Waldrand und von außen kaum einzusehen. Ab Sommer 2020 sammelte der ehemalige Vorsitzende der 1992 verbotenen Nationalistischen Front, Meinolf Schönborn, Gelder für den Umbau und die Renovierung der Immobilie zum „Gemeinschaftsprojekt verschiedener Patrioten“. Als „Residenz Ludenbeck“ soll im Dreiländereck zwischen Hessen, Niedersachsen und NRW ein „Deutsches Kulturzentrum“ mit Mehrgenerationen-Wohnanlage entstehen. Schönborn bewirbt das Gebäude als „gut zu verteidigen“ für „schlimme Zeiten, die ohne Zweifel auf uns Deutsche schon in naher Zukunft zukommen werden“.

Schönborn ist dabei nicht selbst Inhaber der Immobilie. Als Strohmann beim Kauf fungierte der bisher nicht einschlägig in Erscheinung getretene Jens-Hagen Fröhlich. Auch das Geld dürfte nicht von dem ständig klammen Geschäftsmann Schönborn selbst stammen, sondern von liquiden AnhängerInnen der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Recht & Wahrheit. Diese steht im Mittelpunkt seiner Aktivitäten der vergangenen Jahre. Schon bei der Bekanntmachung des Kaufes berichtete er von finanziellen Problemen. Geldzusagen von 40.000 Euro, die für Renovierungsarbeiten vorgesehen waren, seien wegen finanzieller Not in der Corona-Pandemie zurückgenommen worden. Auch für seine Zeitschrift vermeldete er einen Spendenrückgang von etwa 80 Prozent.
Bisher wohnen in dem Gebäude nur Schönborn mit seiner Lebensgefährtin sowie ein älteres Ehepaar. Doch die Zukunftspläne, die er seinen AnhängerInnen verkündet, sind groß. Videostudio, eigene Druckerei, Großküche und die Möglichkeit zur Selbstversorgung sollen entstehen. Für 2021 kündigt er „Lesertreffen“, Schulungen, regelmäßige Stammtische sowie mehrere Veranstaltungen an.

Neonazi-Aktivist Schönborn

Schönborn ist schon seit den 1970er Jahren in der extremen Rechten aktiv. Ab 1986 war er Vorsitzender der neonazistischen Kleinstpartei Nationalistische Front (NF), die er bis zum Verbot 1992 zu einer Kaderorganisation ausbaute. Immobilien sind ein fester Bestandteil der politischen Strategie Schönborns. Das erste Zentrum zu Zeiten der NF war ein Haus in der Bleichstraße in Bielefeld, es folgte eine ehemalige Gaststätte in Detmold. Nach dem Verbot der NF lief es nicht mehr gut für Schönborns Immobilienvorhaben. Ab 2012 bemühte er sich, das „Weiße Haus“ im brandenburgischen Herzberg zum „Nationalen Schulungszentrum“ auszubauen. Dies scheiterte, nachdem in dem Haus der Neonazi Jörg Lange tot aufgefunden wurde. Neben dem an einem Herzinfarkt Verstorbenen fand die Polizei ein ganzes Waffenarsenal. Der ehemalige Jugoslawien-Söldner gehörte der von Schönborn geführten Neonazi-Organisation Neue Ordnung an. Ein daraufhin eingeleitetes Ermittlungsverfahren des Generalbundesanwalts konnte den Verdacht, dass es sich bei der Gruppe um eine terroristische Vereinigung handelt, nicht bestätigen.
Viele Jahre betrieb Schönborn seinen Z-Versand von Herzebrock-Clarholz bei Gütersloh aus. Ab 2015 verlagerte er seine Aktivitäten auf den ehemaligen „Reichshof“ von Manfred Roeder in den hessischen Knüllwald, wohin er später auch seinen Wohnsitz verlegte. Seiner unregelmäßig erscheinenden Zeitschrift Recht & Wahrheit kann derzeit kein besonders großer Einfluss auf die extreme Rechte beigemessen werden. Inhaltlich bewegt sich die Zeitschrift im Reichsbürgermilieu und richtet sich an ein eher verschwörungsideologisches Publikum. Viele Texte sind aus dem Internet kopierte Artikel in Zweitverwertung. In einem dazugehörigen YouTube-Kanal werden die Ausgaben von Schönborn vorgestellt und kommentiert.
Für die „Lesertreffen“ schafft er es allerdings seit Jahren, wichtige Akteure aus dem Umfeld des verbotenen Collegium Humanum und der aufgelösten Europäischen Aktion für sich zu gewinnen. Zu nennen sind beispielsweise die Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck, Urgesteine wie der ehemalige NPD-Vorsitzende Günter Deckert oder auch der Bundesvorsitzende von Die Rechte, Sascha Krolzig, die bei seinen mehrtägigen Seminarwochenenden referierten. Bei vergangenen Veranstaltungen blieben die Teilnehmendenzahlen moderat unter einhundert. Im Oktober 2020 versammelten sich, nach mehrfachen Terminverschiebungen aufgrund der Corona-Pandemie, nach eigenen Angaben 85 Gäste zu einem dreitägigen Seminarwochenende. Vorträge hielten dabei unter anderem der Neonazi Frank Kraemer vom Medienprojekt Der Dritte Blickwinkel und Johannes Scharf von der Stiftung Europa Terra Nostra, die dem europäischen extrem rechten Parteienzusammenschluss Alliance for Peace and Freedom nahesteht.

In gleichgesinnter Nachbarschaft

Nur fünf Kilometer von der neuen Immobilie entfernt befindet sich in Lippoldsberg eine der traditionsreichsten extrem rechten Buchhandlungen. In dem historischen Klosterhof, zu Lebzeiten Wohnsitz des NS-Autors Hans Grimm, befindet sich bis heute die Kloster-Buchhandlung und der Klosterhaus-Verlag. Seit 2009 wird die Buchhandlung von Margret Nickel gegen den Willen der Grimm-Erben weitergeführt. Ansässig im Kloster ist auch das Sekretariat der Gesellschaft für freie Publizistik (GfP), eine der ältesten extrem rechten Kulturvereine in Deutschland, in der sich VerlegerInnen und Medienschaffende vernetzen.
Der ländliche Raum ist für extrem rechte Immobilienprojekte besonders attraktiv. Neben den niedrigen Grundstückspreisen haben Neonazis mit weniger Gegenwehr durch Proteste zu rechnen. Doch nicht immer geht das Konzept auf, wie sich am Beispiel Gieselwerder schnell zeigte. Eine erste geplante Veranstaltung zur Wintersonnenwende in der neuen Immobilie in Gieselwerder war für Ende Dezember 2020 geplant. Nach Bekanntwerden der als privat angekündigten Veranstaltung erwirkte der Landkreis Kassel ein Verbot. Das konsequente Durchgreifen der Behörden dürfte durch die breite Öffentlichkeit und die neu ins Leben gerufene Bürgerinitiative Wesertal bleibt bunt zu erklären sein. VertreterInnen der Initiative hängten im gesamten Dorf Protestbanner auf und machten auf Schönborns Treiben aufmerksam. Dieser Druck auf die Gemeinde und den Landkreis ist wichtig. Am Beispiel Lippoldsberg wird deutlich, was passiert, wenn weder AnwohnerInnen noch Stadtverwaltung aktiv werden. Neonazis können dann im Weserbergland ungestört
ihren Geschäften nachgehen.

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M. Bialek