Gramscis Hegemoniebegriff

Ein analytisches Werkzeug für rechte Theorie?

Der im Jahr 1937 an den Folgen faschistischer Einkerkerung verstorbene italienische Kommunist Antonio Gramsci ist mittlerweile zur meistzitierten und wenig gelesenen Referenz geworden, wenn es um die Frage politischer Vorherrschaft geht. Unter geht dabei zumeist, dass sich Gramsci um die Weiterentwicklung marxistischer Theorie bemühte und dazu einflussreiche Anknüpfungspunkte lieferte.

Der im Jahr 1937 an den Folgen faschistischer Einkerkerung verstorbene italienische Kommunist Antonio Gramsci ist mittlerweile zur meistzitierten und wenig gelesenen Referenz geworden, wenn es um die Frage politischer Vorherrschaft geht. Unter geht dabei zumeist, dass sich Gramsci um die Weiterentwicklung marxistischer Theorie bemühte und dazu einflussreiche Anknüpfungspunkte lieferte.

Gramscis „Gefängnishefte“ werden — in einem Atemzug genannt mit „Geschichte und Klassenbewusstsein“ von Georg Lukács sowie „Marxismus und Philosophie“ von Karl Korsch — als theoretische Grundlage des sogenannten „Westlichen Marxismus“ (Perry Anderson) interpretiert. Besonders seine Ausführungen zu Hegemonie und Zivilgesellschaft dienen als — oftmals unreflektierte — Schlagwörter, wenn es um die Frage politischer Meinungsvorherrschaft geht. Während im grün-alternativen Milieu und auch im bürgerlichen Feuilleton Gramscis Begriff der Zivilgesellschaft meist entpolitisierend und moralisierend als verklärendes Synonym für den „guten, demokratischen“ Teil der Gesellschaft verwendet wird, dient der extremen Rechten das Schlagwort der Hegemonie zur pseudointellektuellen Verkleisterung ihrer faschistoiden Umsturzfantasien.

„Kulturrevolution von rechts“

1985 erschien im rechten Sinus-Verlag unter diesem Titel ein Sammelband des französischen Rechtsintellektuellen Alain de Benoist in deutscher Übersetzung (2017 neu aufgelegt im „neurechten“ Jungeuropa-Verlag). Seither galt auch hierzulande das Schlagwort der Hegemonie als Zauberformel für die Strategie einer „Neuen Rechten“.

Armin Mohler, früher Privatsekretär

des Schriftstellers Ernst Jünger, selbsterklärter Faschist und geistiger Stichwortgeber der extremen Rechten, schrieb das Vorwort. Darin beschwor er schwülstig die „geistige Kühnheit“ von Benoist und dessen „Neue Rechte“ als „Kern von Ideenstreuern“. Der deutschen Rechten hingegen warf Mohler geistige Trägheit vor: „Nur zu oft ist ein naturburschenhafter Anti-Intellektualismus die Ausrede, mit der man um die fatale Tatsache herumzukommen sucht, dass der Geist die Welt regiert. (Wer es Gramsci nicht glaubt, sollte es wenigstens Meister Eckhart glauben).“ Als kommunistischer Theoretiker hätte Gramsci über solche Deutungen wohl gelacht. Doch die „Neue Rechte“ ist nicht am historischen und dialektischen Materialismus interessiert, sondern lediglich fasziniert von wirkmächtigen Schlagworten zur Erlangung von Meinungsführerschaft. Trotz zahlreicher Initiativen ließ die ersehnte rechte kulturelle Vorherrschaft in Deutschland auf sich warten — weder rechte Thinktanks und Zeitschriftenprojekte noch Hinwendungen zu neofaschistischer Subkultur entfalteten die erhoffte Breitenwirkung. Aber sie halfen mit zur Herausbildung einer extrem rechten Bewegung, die mit der Gründung und vorläufigen Etablierung der AfD ihr parteipolitisches Dach erhielt. Ein medial anschlussfähiger völkisch-autoritärer Populismus ist seither Ausdruck eines rechten Strebens nach kultureller und politischer Hegemonie. Mit Gramscis Theorie hat dies jedoch nichts gemein.

Hegemonie und Hufeisen

Eine simplifizierende Verzerrung von Gramscis Denken lässt sich auch bei Vertretern der sogenannten Extremismustheorie feststellen, welche als quasiamtlicher ideologischer Gradmesser für die Verfassungsschutzberichte dienlich ist. So weiß etwa der Politikwissenschaftler Uwe Backes, einer ihrer führenden Stichwortgeber, in der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte (46/2001) über die angebliche Strategie rechter wie linker „Extremisten“ zu berichten: „Wer politische Macht erobern will, muss zunächst den kulturellen Raum besetzen. Jenseits der Macht besteht die primäre Aufgabe in der Bildung einer Gegenelite, die mit ihren zukunftsweisenden Konzepten in den Bereich der veröffentlichten Meinung vordringt, eine ‚Umwertung der Werte‘ betreibt und den geistigen Boden für die revolutionäre Überwindung des Bestehenden bereitet.“ Ein Schelm, wer hier den Verursacher eines solchen Übels errät: „der italienische Kommunist Antonio Gramsci“! Der Extremismusforscher glaubt zu wissen: „Vordenker einer ‚Neuen Rechten‘ knüpften daran ebenso an wie diverse Spielarten der (extremen) Linken.“ Folgt man diesen Vorstellungen von der angeblichen Wesensähnlichkeit eines linken und rechten Extremismus, müssten sich in Bezug auf die hier konkret bemühten Analogien Gramsci und Benito Mussolini damals eigentlich blendend verstanden haben. Das, was hier sinnentstellend in einen Topf geworfen wird, sind in Wirklichkeit fundamentale Gegensätze: Auf der einen Seite eine postfaschistische Rechte, die nach Anknüpfungsmöglichkeiten zur Wiederauferstehung sucht, und auf der anderen Seite eine radikale Linke, die nach Möglichkeiten zur Überwindung kapitalistischer Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse sucht. Zu letzterem gab Gramsci vor dem Hintergrund der eigenen historisch-politischen Niederlage Anstöße.

Westlicher Marxismus

Der englische Marxist und damalige Herausgeber der New Left Revue, Perry Anderson, veröffentlichte 1976 ein viel diskutiertes Werk über den westlichen Marxismus. Im Unterschied zur realsozialistischen Politik unter Leitlinie der KPdSU verstand er darunter eine marxistische Soziologie und Philosophie aus dem Blickwinkel der eigenen Schwäche und Niederlage. Das Scheitern revolutionärer Bestrebungen in der deutschen Novemberrevolution, die Unterdrückung revolutionärer Bestrebungen in vielen Ländern Westeuropas und das Aufkommen des Faschismus zogen auch in der marxistischen Theorie die Frage nach sich, wie in entwickelten kapitalistischen Staaten fundamentale Kapitalismuskritik und Bewusstsein für emanzipatorische Politikansätze wirkungsmächtig werden können. Neben Lukács, Korsch und Gramsci zählte Anderson etwa Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Herbert Marcuse, Walter Benjamin, Jean-Paul Sartre, Louis Althusser, Galvano Della Volpe, Lucien Goldmann und Lucio Colletti zu den Theoretikern des Westlichen Marxismus. Frauen wurden von ihm nicht benannt. Und in der Tat ist ab 1923 und bis zum Aufkommen der sogenannten „neuen Marx-Lektüre“ ab 1965 bislang noch keine Theoretikerin aus diesem Wirkungskreis bekannt gemacht und gewürdigt worden. Einzige Ausnahme ist die Lukács–Schülerin Ágnes Heller als bekannter Vertreterin der Budapester Schule. Gramsci rage laut Anderson aus all den Theoretikern des westlichen Marxismus heraus. Er allein habe noch die „revolutionäre Einheit von Theorie und Praxis“, jenes Typs der klassischen Tradition des Marxismus verkörpert, der die Untersuchung der kapitalistischen Produktionsweise verknüpft habe mit einer Analyse des bürgerlichen Staatsapparates und der Suche nach Strategien für dessen Sturz durch einen hierzu erforderlichen Klassenkampf. Diese Wertung erscheint angesichts der politischen Biografie von Karl Korsch und besonders von Georg Lukács unzutreffend. Jedoch lässt sich festhalten, dass Gramsci — im Unterschied etwa zu den Vertretern der Kritischen Theorie — zugleich Organisator parteipolitischer Praxis und zeitlebens revolutionärer Stratege war, wie es Johannes Bellermann in seiner kürzlich veröffentlichten Einführung in Gramscis Denken auch im Hinblick auf dessen Lebensweg eindrücklich beschreibt.

Gramscis Hegemoniebegriff

Als Mitbegründer der Kommunistischen Partei strebte Gramsci die revolutionäre Umgestaltung Italiens an, musste jedoch erleben, dass unter Mussolini der Faschismus an die Macht kam. Inhaftiert und weitestgehend isoliert von der politischen Kommunikation suchte er in seinen Gefängnisheften nach Antworten, wie im Unterschied zur bolschewistischen Revolution in Russland kommunistische Politik in den westlichen Staaten erfolgreich sein könnte. Angesichts der politischen Situation war Gramsci klar, dass der Sozialismus nicht in naher Zukunft erreichbar und die Verhältnisse auch nicht so leicht zu kippen sein würden, wie sie der sowjetische Regisseur Sergei Eisenstein in seinem Film über den Sturm auf den Winterpalast in Petrograd dargestellt hatte. Den großen Unterschied sah Gramsci hierbei in der unterschiedlichen Herausbildung zivilgesellschaftlicher Strukturen: Während das zerfallende zaristische Russland noch durch einen „Bewegungskrieg“ im Sturm zum Einsturz gebracht werden konnte, sei im Westen angesichts anderer Formen politischer Macht ein „Stellungskrieg“ in den „Schützengräben“ der Zivilgesellschaft erforderlich. Gramsci tarnte unter den Zensurbedingungen der Haft seine Ausführungen oftmals in einer militärischen Sprache. Politische Hegemonie, Vorherrschaft, basiere auf einer „Kombination von Zwang und Konsens“. Während eine „Diktatur ohne Hegemonie“ Ergebnis einer „passiven Revolution“, also einer gewaltsamen Machtergreifung ohne aktive Massenzustimmung sei, erfordere eine aktive Revolution einen „organischen Konsens“. Dies meint hier die Fähigkeit einer Klasse, über ihre eigene Beschränktheit hinaus einen klassenübergreifenden Konsens zur gesellschaftlichen Veränderung durch das Erlangen politisch-kultureller Hegemonie herzustellen: „politische Herrschaft + Zivilgesellschaft, das heißt Hegemonie, gepanzert mit Zwang“, so steht es in einer berühmten Passage der Gefängnishefte. In ihrer Habilitationsschrift über die Staatstheorie des italienischen Marxismus weist die 2020 verstorbene Politikwissenschaftlerin Karin Priester auf die besondere Bedeutung des „integralen Staatsbegriffs“, der Zusammenfassung von bürgerlicher und politischer Gesellschaft, bei Gramsci hin: „Die Notwendigkeit, schon vor der Machtergreifung ‚führend‘ zu sein, d.h. die ideologische, intellektuelle und moralische Führung der Bourgeoisie in Frage zu stellen und ein Bündnissystem führen zu können,“ so Priester, „ergibt sich aus den Kampfbedingungen der westlichen Länder.“ Gramsci verweist in seiner Hegemonietheorie auf die Notwendigkeit zur Erlangung der „Vorherrschaft“ im „Alltagsverstand“, also das Ringen um Einfluss auf die öffentliche Meinung, um Narrative und Deutungen kultureller Traditionen. Er bemüht sich hierbei um die Formulierung einer Theorie der Politik, der Gesellschaft und des Staates unter marxistischen Voraussetzungen — seine Gefängnishefte liefern Lichtblicke und Anknüpfungspunkte für eine Erweiterung marxistischer Theorie unter den Bedingungen verfestigter kapitalistischer Herrschaftsverhältnisse.

Neo- und Post-Gramscianismus

Gramscis Schriften dienten als eine Art Steinbruch, aus dem sich Linke unterschiedlicher Couleur scheibchenweise zur Weiterentwicklung marxistischer Theorie bedienten. Nicht nur seine Hegemonie-Theorie lieferte dazu Anlass, auch etwa seine Ausführungen zu „Amerikanismus und Fordismus“ gelten als wegweisende Ausgangsüberlegungen zum Verständnis historisch-hegemonialer Formen kapitalistischer Regulation. Vor dem Hintergrund der sich damals herausbildenden Taylorisierung erkannte Gramsci im Fordismus das Emporkommen einer neuen Form kapitalistischer Regulationsweise. Taylorismus bezeichnet das Prinzip der Steigerung der Produktion durch Zerlegung in mechanisierte Abschnitte nach einem durch Frederick Winslow Taylor entwickelten „Scientific Management“ in den Automobilwerken des amerikanischen Industriellen und glühenden Antisemiten Henry Ford. Gramscis Ausführungen zu diesen Entwicklungen waren Ansatzpunkte zur Entwicklung neomarxistischer Staatstheorien: Die sogenannte Regulationsschule in Frankreich entwickelte daraus ebenso analytische Werkzeuge zum Verständnis der Funktionsweise kapitalistischer Herrschaft wie hierzulande der Politikwissenschaftler Joachim Hirsch in seiner materialistischen Staatstheorie sowie — nach dem Beginn neoliberaler Deregulierung — in seiner Auseinandersetzung mit dem „Postfordismus“. Weiterentwicklungen hat ein solcher Ansatz in der Theorie internationaler Beziehungen sowie der Internationalen Politischen Ökonomie durch Robert W. Cox, Steven Gill, Hans-Jürgen Bieling oder Sonja Buckel erhalten.

Auch im Feld postmarxistischer poststrukturalistisch geprägter Theorie galt und gilt immer noch Gramsci als Stichwortgeber. Einflussreich war im Kontext der Debatte um Populismus insbesondere die nicht unumstrittene Hegemonie- und Diskurstheorie der Politikwissenschaftler*innen Ernesto Laclau und Chantal Mouffe: Hier geht es um die Frage der diskursiven Konstituierung von Identitäten durch die Wiederbelebung des Gegensatzes von rechts und links. Die Klassenidentität würde demzufolge in einem diskursiven Akt durch die Wiederbelebung der Auseinandersetzung um Rechts/Links sowie Oben/Unten geformt. Eine Neubestimmung des Verhältnisses von Diskurs, Macht und Hegemonie angelehnt an die Ausführungen Gramscis unternahm jüngst auch die Politikwissenschaftlerin und ak-Redakteurin Lene Kempe: Sie beleuchtet den oft repressiven, zuschreibenden Charakter von Diskursen um Hegemonie, indem Narrative — etwa „Exportnation Deutschland“ — zur Bewältigung ökonomischer Krisen einer kritischen Prüfung unterzogen werden. Zugleich wird dort diskursives Handeln als politische Ressource im Hinblick auf Veränderung untersucht.

Rechte Verballhornung

Die extreme Rechte instrumentalisiert Gramscis Schriften durch pseudointellektuelle Taschenspielertricks: „Intellektuelle Vorherrschaft“ ist dort ein Schlagwort zur Aufwertung eigener inhaltlich schlichter Bedeutsamkeit. Die Versuche eines ziegenmelkenden Salonfaschisten, sich mit schlichten Kopierversuchen linker Agitprop-Aktionen ein Denkmal zu setzen, sind genauso billig wie die Inszenierungen des AfD-Bundestagsabgeordneten und Sloterdijk-Schülers Marc Jongen, sich als rechter „Parteiphilosoph“ zu inszenieren. Um es klar zu sagen: Die Rechte hat in Bezug auf Gramsci nichts zu bieten. Ihr hierbei inhaltliche Aufmerksamkeit zuteilwerden zu lassen, ermöglicht ihr, inhaltliche Relevanz zu beanspruchen. Die Literaturwissenschaftlerin Sabine Kebir verwies deshalb auf die Notwendigkeit einer Offensive linker Kultur- und Wissenschaftspolitik, um die Diskurspiraterie der Rechten wirkungsvoll dekonstruieren und unterbinden zu können. Die Schriften Gramscis liefern hierzu wertvolle Grundlagen.

Tipps zur vertiefenden Lektüre:

Johannes Bellermann: Gramscis politisches Denken. Eine Einführung, Schmetterling Verlag,

Reihe theorie.org, Stuttgart 2021, 216 Seiten, 12 €

Sonja Buckel/Andreas Fischer-Lescano (Hg.): Hegemonie gepanzert mit Zwang. Zivilgesellschaft und

Politik im Staatsverständnis Antonio Gramscis, Nomos Verlag, Baden-Baden 2007, 209 Seiten, 29 €

Sabine Kebir: Dekonstruktion von Wackelkandidaten und Diskurspiraten. Gramsci, Brecht und

Anverwandlung linker Signifikanten durch rechte Politik, in: Regina Wamper/Helmut Kellershohn/Martin Dietzsch (Hg.): Rechte Diskurspiraten. Strategien der Aneignung linker Codes, Symbole und Aktionsformen,

Edition DISS, Münster 2010, 288 Seiten, 20 €, S. 54—79

Sabine Kebir: Antonio Gramscis Zivilgesellschaft. Alltag — Ökonomie — Kultur — Politik, VSA-Verlag, Hamburg 1991, 256 Seiten, antiquarisch (s. auch: http://www.max-stirner-archiv-leipzig.de/dokumente/

KebirKulturkonzeptionGramscis.pdf)

Lene Kempe: Die diskursive Seite hegemonialer Ordnungen. Eine Neubestimmung des Verhältnisses von

Diskurs, Macht und Hegemonie, Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2021, 236 Seiten, 26,00 €

Karin Priester: Studien zur Staatstheorie des italienischen Marxismus: Gramsci und Della Volpe,

Campus Verlag, Frankfurt/New York 1981, 241 Seiten, antiquarisch

Perry Anderson: Über den westlichen Marxismus, Syndikat Verlag, Frankfurt a.M. 1976, 187 Seiten, antiquarisch

…und natürlich Gramscis gesammelte Gefängnisschriften beim Argument Verlag!

Weiterlesen