
Interview mit Volker Weiß
„Zur gewünschten deutschen Wiedergeburt muss ein entsprechendes Geschichtsbild her“
Die AfD-Vorsitzende Alice Weidel erklärte in einem Gespräch mit Elon Musk während des Bundestagswahlkampf im Januar 2025, dass für sie „völlig klar [sei], dass Adolf Hitler ein Linker war“. Diese Behauptung ist in der extremen Rechten nicht neu. Was hat es mit diesem Narrativ auf sich?
Die Behauptung, Hitler und die NSDAP seien „links“ gewesen, ist tatsächlich sehr alt. Sie erfüllt zunächst einen einfachen Zweck: Wenn die NSDAP eine linke Partei war, dann ist die Rechte mit einem Schlag den gesamten historischen Ballast los, der mit dem verlorenen Krieg, den Verbrechen im Deutschen Reich selbst und in den besetzten Ländern sowie mit der Shoah zusammenhängt. Musste sie in der Vergangenheit noch immer Rechenschaft über ihre kulturellen und weltanschaulichen Koordinaten ablegen, hat sie mit einem Mal eine weiße Weste. Mehr noch, wenn Hitler und die Nazis „links“ waren, dann sind im Umkehrschluss heute Linke Nazis. Die Rechte hingegen ist vor der Geschichte rehabilitiert und der Gegner bis in die Gegenwart belastet. Der Versuch dieser Umdeutung findet sich schon unmittelbar nach dem Krieg, etwa in Adelskreisen, bei Teilen des konservativen Widerstands oder bei Armin Mohler, der den Nationalsozialismus aus der rechten Tradition einfach heraus definiert. Im Fall von Weidel liegt dem noch ein sehr verkürztes Geschichtsverständnis zugrunde, sie definiert einfach jede Strömung, die in die Wirtschaft eingreift, als „links“ – und das gilt eben auch für die NSDAP. Allerdings wären dann nach dieser Sicht so ziemlich alle Strömungen links, da staatliche Interventionen in die Wirtschaft nun einmal zum festen Repertoire der Politik gehören und nicht vom politischen Lager, sondern von der Situation abhängen. Weidels Vulgärliberalismus zufolge müssten Bismarck oder Donald Trump wegen ihrer Zollpolitik als „Kommunisten“ gelten.
Der wahre Kern dieser Behauptung besteht darin, dass sich Faschismus und Nationalsozialismus im Unterschied zum alten Konservatismus tatsächlich bemüht haben, die Massen zu integrieren und sich mittels sozialpolitischer Maßnahmen die Gunst der Bevölkerung zu sichern. Es waren Diktaturen, die aber durchaus auf die Zustimmung der Bevölkerungsmehrheit setzten. Gerade aufgrund der „volksgemeinschaftlichen“ Rhetorik und des antibürgerlichen Habitus haben auch manche Konservative vor 1933 die NSDAP verdächtigt, verkappte Linke zu sein. Aber die Rechnung revolutionär = links ging schon damals nicht auf.
Während also mit der Behauptung, der Nationalsozialismus sei eine „linke“ Ideologie, von der (extremen) Rechten versucht wird, sich von den eigenen Verbindungen zum NS zu befreien, gibt es gleichzeitig vermehrt positive Bezüge auf die sich selbst als explizit sozialistisch verstehende DDR. Wie passt das mit dem Antikommunismus der (extremen) Rechten zusammen? Hat sich da in den letzten Jahren etwas verändert?
In der alten Bundesrepublik gab es eine tiefe Feindschaft gegenüber dem Ostblock, die einerseits aus der Ablehnung des Bolschewismus und andererseits aus der Kriegsniederlage und deren Folgen resultierte. Flucht, Vertreibung, Verlust der deutschen Ostgebiete und nationale Teilung waren tiefe Traumata des nationalen Lagers. Der bürgerliche Teil der Rechten und mit ihm die meisten Altnazis hatten sich unter den Schutz der USA begeben. Allerdings gab es Ausnahmen, da viele Rechte den Westen nicht weniger hassten. Dieses Anti-Westlertum hat heute wieder Konjunktur, wobei ihm entgegenkommt, dass Russland nicht mehr bolschewistisch, sondern durch und durch kapitalistisch, national und reaktionär ist. So eine Haltung verbindet sich mit einerseits nostalgischen Gefühlen gegenüber der vermeintlich heilen, überschaubaren DDR, die rückwirkend zum preußischen Ordnungsstaat verklärt wird. Nicht ganz zu Unrecht übrigens, das preußische Element schimmerte für meine Begriffe tatsächlich immer durch den Autoritarismus der SED durch. Und da Putin nun auch die sowjetische Geschichte in die des imperialen Russlands reintegriert hat, fällt es umso leichter, diese Erzählungen zu übernehmen. Das ökonomische Element des Realsozialismus wird in dieser Sicht schlicht abgespalten, übrig bleibt ein autoritärer Staat, der zudem streng über seine Grenzen gewacht hat. Es durfte zwar niemand raus, aber es kam auch niemand rein. Manche wünschen sich das heute wieder, einen autoritären Nationalstaat, nur mit freier Marktwirtschaft – eine DDR mit D-Mark…
Dein aktuelles Buch trägt ja auch den Titel „Das Deutsche Demokratische Reich“. Das wirkt zunächst paradox und irritierend. Welche These verbirgt sich hinter dem von dir gewählten Titel?
Der Titel nimmt eine Formulierung aus einer Rede Jürgen Elsässers auf, der damit die Zukunft skizzieren wollte, die er sich für Deutschland wünscht. Dabei hat er ein recht wildes Potpourri aus DDR- und NS-Referenzen zusammengestellt. Er will ein deutsch-russisches Bündnis gegen Polen, einen Raketenbahnhof von Elon Musk in Peenemünde, wo die Wehrmacht einst ihre Raketen testete, einen „Reichskommissar für Bandenbekämpfung“, ein Bündnis mit China etc. Das Ganze würzte er noch mit ein paar SED-Slogans und bot es dem Publikum als Synthese seiner Wahl feil. Gewissermaßen eine Art gewendete Totalitarismustheorie.
Auch mit Blick auf Russland hat sich auf den ersten Blick die Perspektive der extremen Rechten geändert. Viele Akteure der extremen Rechten positionieren sich mit Blick auf den Ukraine-Krieg auf der Seite Russlands. Warum?
Das Lager ist sich nicht einig. Ich komme letztlich auf drei große Linien innerhalb der Rechten: Zum einen gibt es eine pro-ukrainische Minderheit, die die Ukraine ganz in der Tradition der Nazizeit als weißes Bollwerk gegen den „asiatischen Osten“ sieht. Dieses neonazistische Spektrum hat in den letzten Jahren immer wieder durch Freiwillige, vor allem aus dem Umfeld des Der III. Weg, von sich reden gemacht. Im Gegensatz dazu fühlt sich der Großteil der extremen Rechten von Putins Machtpolitik angezogen. Man teilt die illiberalen Werte und den Hass auf den Westen. Außerdem unterstützt Moskau seit Jahren systematisch europäische Rechtsparteien, was auch den prorussischen Kurs der AfD erklärt. Zu diesem Lager der prorussischen Kräfte gehören unter anderen Elsässers Zeitschrift Compact oder Hans-Georg Tillschneider von der AfD, die mit Putin schlicht die Sicht teilen, dass der liberale Westen hoffnungslos „dekadent“ und verkommen sei und es dringend eines eisernen Besens bedürfe, damit Deutschland wieder zu alter Größe finden könne.
Und schließlich gibt es noch ein vorgeblich neutralistisches Spektrum, das jede Einmischung in den Konflikt ablehnt, aber die Mitnahmeeffekte wie militärische Aufrüstung und ein gestiegenes Bewusstsein für den „Ernstfall“ begrüßt. Letzteres ist wohl das größte Lager, findet sich von der Jungen Freiheit über die Sezession bis hin zu Tumult und wird auch in weiten Teilen der AfD vertreten. Da die konkreten Forderungen dieses Spektrums – Sanktionsstopp, keine Hilfslieferungen an die Ukraine und keine Aufnahme ukrainischer Kriegsflüchtlinge in Deutschland – allerdings deutlich Russland zugutekämen, ist es eben nur vorgeblich neutral. Objektiv helfen sie Russland. Ich finde es schon bemerkenswert, dass von dem antislawischen Konsens, der die deutsche Rechte durch das 20. Jahrhundert getragen hat, gerade nicht viel übrig ist.
Auf welche historischen Vorbilder und Konzepte greift die extreme Rechte zurück?
Der rassistische Antislawismus, der gepaart mit Antikommunismus und Antisemitismus zum deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion geführt hatte, war nie die einzige Perspektive der deutschen Rechten auf den Osten. Da gab es je nach weltanschaulicher Präferenz durchaus unterschiedliche Sichtweisen. Im 19. Jahrhundert kam Russland als „Gendarm Europas“ eine Schlüsselrolle in der Wiederherstellung der reaktionären Ordnung zu, die nach 1789 unter Druck geraten war. Für die Deutschen kam die Hauptbedrohung aus dem Westen, aus Frankreich, von wo aus die republikanische Idee mit ihren Gleichheitsidealen die hiesigen Gesellschaftsmodelle in Frage stellte. Ich identifiziere in meinem Buch die Konvention von Tauroggen 1812 als eine Art „Geburtsstunde der Konservativen Revolution“, als sich preußische Offiziere ohne Wissen ihres Königs mit dem russischen Gegner gegen ihre französischen Alliierten stellten. Der deutsche Nationalismus feierte dies dann als Beginn des „Befreiungskriegs“, später verdrehte die DDR das Ereignis sogar zur Vorstufe der deutsch-sowjetischen Waffenbrüderschaft.
Die radikalen Nationalisten der zwanziger Jahre hatten teilweise auch eine starke Ostneigung, Autoren wie Ernst von Salomon wären am liebsten gemeinsam mit der Sowjetunion gegen die Entente zu Felde gezogen. Allerdings beinhaltete diese Vorstellung, dass Russland dem Deutschen Reich weite Gebiete zu überlassen hatte, hauptsächlich ging es um die Zerschlagung Polens, das zusammen mit dem Versailler Vertrag verschwinden sollte. In der Vereinbarung zwischen Molotow und Ribbentrop 1939, die den Zweiten Weltkrieg einleitete, fand sich das dann umgesetzt. Auch nach 1945 war diese Linie für einige noch attraktiv, im nationalrevolutionären Lager der alten Bundesrepublik liebäugelten manche mit einer Art „antiimperialistischen Koalition gegen die USA“. Die prorussische Haltung der Rechten heute blickt also auf eine lange Tradition zurück. Seit der Krim-Annexion wird sie dazu noch mit Anleihen an die Friedensbewegung versehen, was doch reichlich grotesk ist.
Welche Rolle kommt dem Gebrauch von „Geschichte“ ganz grundsätzlich im Politikverständnis bzw. in den politischen Strategien der AfD zu?
Die Umdeutung von Geschichte ist im weltanschaulichen Gefüge der Partei fest verankert. Es ging ja nicht nur von Anfang an gegen die „linksgrün-versiffte 68er-Republik“, wie das Jörg Meuthen einmal nannte, sondern von Anfang an auch gegen die Gedenkkultur, die als „Schuldkult“ verunglimpft wurde. Zur gewünschten deutschen Wiedergeburt muss ein entsprechendes Geschichtsbild her, das aber nur etabliert werden kann, wenn die Resultate der kritischen Selbstbefragung seit 1945 verschwinden. Nicht umsonst stehen Gedenkstätten immer wieder im Fokus der AfD-Agitation. Gaulands Rede vom „Vogelschiss“ war eben kein Lapsus, sondern Ausdruck einer Programmatik. Er begreift den NS als isoliertes Ereignis, das quasi von Himmel fiel und nichts mit der Nationalgeschichte zu tun hatte. Eine Anomalie im Kontinuum des Deutschtums, eine völlig ahistorische Deutung.
Gibt es ein „geschichtspolitisches Zentrum“ innerhalb oder außerhalb der AfD, das die geschichtspolitischen Narrative der AfD systematisch, strategisch und intellektuell entwickelt?
Ein Zentrum nicht, aber die geschichtspolitischen Stichworte werden seit Jahren von Medien wie der Jungen Freiheit oder in Büchern entsprechender Verlage wie Antaios geliefert. Verlagschef Kubitschek hat vor einer Weile in einer Rede der kritischen Geschichtsschreibung wortwörtlich den „Krieg“ erklärt, der Text versammelt die wichtigsten Leitlinien zur „nationalen Wiedergeburt“. Ein Beispiel wäre auch das antisemitische Traktat „Finis Germania“ von Rolf Peter Sieferle, das dort 2017 erschienen ist und sich zu einer ganzen Reihe ähnlicher Geschichtsdeutungen gesellt. Die Desiderius-Erasmus-Stiftung hat in Erika Steinbach auch eine Vorsitzende, die immer wieder mit geschichtspolitischen Provokationen arbeitet. Ich denke aber, von einem Zentrum zu sprechen, ist kaum notwendig, denn in den grundlegenden geschichtspolitischen Fragen herrscht unter den verschiedenen Strömungen und Institutionen innerhalb und im Umfeld der Partei Einigkeit. Sicher mag das Tischtuch etwa zwischen der Desiderius-Erasmus-Stiftung und dem Antaios Verlag zerschnitten sein, da die Stiftung näher an Karlheinz Weißmann ist, der sich mit dem Schnellroda-Kreis überworfen hat. Aber in ihrer Ablehnung der Vergangenheitsbewältigung und der Ehrenrettung der „deutschen Soldaten in zwei Weltkriegen“ stehen sie wieder zusammen. Dieses Themengebiet dürfte selbst von dem aktuellen Streit zwischen Götz Kubitschek und Maximilian Krah unberührt bleiben. In dieser Sache singt der ganze Chor das gleiche Lied. Größere Bruchlinien sehe ich eher bei der Frage einer Orientierung auf Russland oder die USA hin, die allerdings auch immer geschichtspolitisch aufgeladen werden können.
Kann im Verhältnis zu hegemonialen geschichtspolitischen Diskursen von einem „fundamentaloppositionellen“ Geschichtsverständnis der AfD gesprochen werden oder gibt es durchaus Grauzonen und Schnittmengen mit geschichtspolitischen Positionen konservativer Akteur*innen in Medien und Politik?
Wir wissen aus der Vergangenheit, etwa den Auseinandersetzungen um die Weizsäcker-Rede von 1985 oder die „Wehrmachtsausstellung“ in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre, dass konservative Kreise durchaus offen für Geschichtsrevisionismus sind. Das sind übrigens genau die Punkte, die auch Kubitschek in seiner Rede hervorgehoben hat. Daher mache ich mir diesbezüglich keine Illusionen, zumal man sich derzeit anschickt, das liberale Erbe der Merkel-Ära zum Verschwinden zu bringen. Aber wirklich bedeutend ist auch hier wohl eher die Frage von Ost oder West. Nicht jeder konservative Verteidiger der Wehrmacht orientiert sich an Moskau. Das Geschichts-Ressort der Welt hat zwar mitunter einen verklärenden Blick auf die „militärischen Leistungen“ der Wehrmacht, die Zeitung ist aber keinesfalls pro-russisch ausgerichtet. Allerdings mache ich mir nicht nur um konservative Akteure Sorgen. Die unsägliche Rede vom „Schuldkult“ wird seit einiger Zeit mit Blick auf den Nahostkonflikt auch von vorgeblich kritischen Kreisen geführt. Dieser Zangenangriff auf die Aufarbeitung der Shoah ist die eigentliche Katastrophe.
Was müssten aus deiner Sicht grundlegende Aspekte eines kritischen Geschichtsverständnisses sein, das diesen extrem rechten Narrativen entgegensteht?
Da das rechte Geschichtsverständnis im Kern mythologisch ist, reicht es aus, sich um die materiellen und geistigen Triebkräfte des Historischen zu kümmern. Ein Geschichtsverständnis, das sich auf die Träger und Strukturen sozialer und kultureller Prozesse und ihre jeweiligen Interessenlagen konzentriert, diese zueinander ins Verhältnis setzt und dabei kritisch hinterfragt, läuft nicht Gefahr, einer nationalen Mythologie das Wort zu reden. Die Rechte drängt hingegen zur identitären Selbstbestätigung und der Herrschaftslegitimation aus dem Mythos heraus. Das ist zurückzuweisen.
Vielen Dank für das Interview!