Zwischen Natürlichkeit und Nationalismus

Rechte Narrative in der Umweltbildung

Naturverbundenheit, Katastrophenprävention und alternative Bildungsformate gewinnen in Zeiten globaler Krisen an Zuspruch. Besonders während der Corona-Pandemie wurden Angebote jenseits staatlicher Institutionen populärer – sie versprechen Selbstversorgung, Gesundheit und „Natürlichkeit“.

Auf Social-Media-Plattformen oder im Rahmen alternativer Bildungsangebote haben sich in den letzten Jahren hybride Szenen etabliert, in denen sich esoterische, verschwörungsideologische und völkisch-nationalistische Motive überlappen und die Grenzen zwischen individueller Krisenbewältigung und kollektiver Radikalisierung, zwischen Weltflucht und autoritärem Denken verschwimmen. Insbesondere in der Umweltbildung gibt es in Teilen Überschneidungen zu verschwörungsideologischen und völkisch geprägten Weltbildern. Unter Umweltbildung verstehen wir pädagogische Ansätze, die ökologische Zusammenhänge erklären, Naturerfahrung ermöglichen und Verantwortung für die Umwelt stärken. Dazu gehören sowohl klassische Formate wie Wald- oder Wildnispädagogik als auch modernere Konzepte wie Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE). Während Naturpädagogik häufig auf unmittelbare Naturerfahrung abzielt, geht es in der Umweltbildung zusätzlich um eine Reflexion gesellschaftlicher Strukturen und nachhaltiger Lebensweisen. Dabei ist es jedoch wichtig, nicht nur klassische Umweltbildungsinstitutionen, sondern auch informelle Formate und digitale Öffentlichkeiten in den Blick zu nehmen. Denn rechte Akteur*innen nutzen diese Räume gezielt, da dort Qualitätsstandards und pädagogische Reflexion oft fehlen.

Antifeministische „Roh-Gang“

Auf TikTok und Instagram trifft man auf bereits bestehende ideologische Milieus, Netzwerke und Narrative. In diesen Szenen verschwimmen die Grenzen zwischen persönlicher Krisenbewältigung und kollektiver Radikalisierung, zwischen harmloser Weltflucht und autoritärem Denken. Es gibt Influencer*innen, die sich als „Roh-Gang“ bezeichnen, weil sie nur rohe Nahrung essen. Sie werden millionenfach geklickt und warnen das Publikum in hypermaskuliner Art und Weise vor den Gefahren von Sonnenbrillen und -cremes, vor Chemtrails und verarbeiteten Lebensmitteln und empfehlen stattdessen das Leben auf Zypern. Dort kann die (heteronormative und traditionelle) Familie in Ruhe Rohhonig und rohes Fleisch mit Brunnenwasser, garniert mit hochpreisigen Nahrungsergänzungsmitteln, konsumieren. Auch wenn davon auszugehen ist, dass bewusst durch Provokation Aufmerksamkeit und damit Umsätze generiert werden sollen, ist der Einfluss von antifeministischen Natürlichkeitsidealen und Verschwörungsgeraune auf ökologisch affine junge Menschen nicht zu vernachlässigen.

Familienlandsitz und Wildnisschulen

Die alternative Bildungsszene um den Anastasia-Anhänger Ricardo Leppe empfiehlt Eltern, ihre Kinder fernab staatlicher Bildungseinrichtungen zu erziehen, um „natürliches Lernen“ zu ermöglichen und sie stattdessen mit zahlreichen Verschwörungsmythen zu indoktrinieren. Neben dem wichtigen Standbein des Siedelns auf Familienlandsitzen und der ökologischen landwirtschaftlichen Selbstversorgung hat die Anastasia-Bewegung eben auch klare Vorstellungen von Erziehung und Bildung und gestaltet diese so naturnah wie völkisch. In den vergangenen Jahren sind einige Projekte aus der Szene bekannt geworden, wie die „Rawaule“ im Kreis Lippe oder auch der Versuch einer Schulgründung im Lahn-Dill-Kreis (vgl. LOTTA #92, S. 12).

Da wäre aber auch der Fall einer Wildnisschule in Mecklenburg-Vorpommern, die sich auf naturpädagogische Angebote für Erwachsene und Familien spezialisiert hat und neben Survival-Trainings auch Formate zur „Rückverbindung zur Natur“ anbietet. Der Betreiber tritt öffentlich mit einem stark regierungskritischen Profil auf, das sich in der Pandemiezeit zuspitzte: Er verbreitet Narrative über „eine globale Kontrolle durch Klimapolitik“, spricht von einem Ende der Meinungsfreiheit, lädt Klimawandelleugner wie Fritz Vahrenholt zum Interview, sitzt mit der AfD auf Podiumsdiskussionen und engagiert sich aktiv im Umfeld der Proteste gegen die Corona-Maßnahmen. Bei einem Wildniskurs, der sich explizit an Männer richtet, lernen die Teilnehmer, sich und ihre Gemeinschaft „im Ernstfall zu verteidigen“ – begleitet von spirituellen Übungen, die Naturverbindung mit archaischem Rollenverständnis kombinieren.

Eine öffentliche politische Positionierung meidet der Wildnisschulenbetreiber – dennoch zeigen sich ideologische Andockstellen an rechte Narrative. So wird etwa zwischen „natürlicher“ und „entfremdeter“ Lebensweise klar wertend getrennt, wobei letztere mit „modernen westlichen Strukturen“ gleichgesetzt wird. Tatsächlich geht es dabei oft um die Abwertung demokratischer Institutionen, von Rationalität und Gleichwertigkeit. Eine überblicksmäßige Analyse von Angeboten gerade im Bereich der Wildnispädagogik zeigt, dass diese Narrative vermehrt auftauchen und in unterschiedlichen Formen bundesweit in die Bildungsangebote einfließen.

Pädagogische Fachkräfte sensibilisieren

In diesem Niemandsland zwischen Naturpädagogik und politischem Aktivismus kann autoritäres Denken leicht Fuß fassen. Diese Grauzonen machen eine klare Abgrenzung für viele pädagogische Fachkräfte schwierig: Wo endet spirituelle Naturpädagogik, wo beginnt politische Ideologie? Und warum sind Konzepte wie „autarke Lebensführung“, „Ursprünglichkeit“ oder „freie Bildung“ besonders anfällig für autoritäres Gedankengut? Hier setzt das im Mai 2025 angelaufene Projekt der bundesweiten Fachstelle FARN an. Unter dem Titel „Kritische Umweltbildung – esoterische und antidemokratische Tendenzen“ untersuchen wir, wie rechte Narrative Eingang in die Umweltbildung finden. Dabei richten wir den Blick auf verschiedene Ebenen: von etablierten Trägern bis zu informellen Angeboten. Ein besonderer Fokus liegt auf der Reflexion kultureller Aneignung: In vielen dieser Szenen werden dekoloniale Begriffe und Praktiken wie „Ahnenarbeit“ oder „indigene Rituale“ aufgegriffen – häufig entpolitisiert, romantisiert oder esoterisch überhöht. Ziel des FARN-Projekts ist es, pädagogische Fachkräfte zu sensibilisieren und Kriterien der Abgrenzung zu erarbeiten, sowie die demokratische Widerstandsfähigkeit im Feld zu stärken – und eine höhere Sensibilität für implizite Ausschlüsse und antisemitische Chiffren zu fördern. Dafür entwickelt das Projekt eine Fortbildungsreihe, einen Fachtag, Workshops und bietet individuelle Beratungen an – ergänzt durch aufklärende Inhalte auf Social Media.

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