
Die Spitze des Eisbergs
Angriffe auf CSDs als Zeichen wachsender Queerfeindlichkeit
Die Akteure der organisierten Queerfeindlichkeit in Deutschland sind seit Jahren dieselben: die große Mehrheit der Angriffe und Mobilisierungen kommt von der extremen Rechten, Kundgebungen von christlichen Fundamentalist*innen nehmen zu, bei einem Großteil der Beschimpfungen am Rande der CSDs werden die Störer als Mitglieder der weißen deutschen Mehrheitsgesellschaft beschrieben. Zwei Drohungen waren im Jahr 2025 dem islamistischen Milieu zuzurechnen: eine führte zur Absage des CSD in Gelsenkirchen und einer Reduzierung in Mönchengladbach auf eine stationäre Kundgebung, eine weitere in Bremen hatte keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Veranstaltung. Der Anschlag in Berlin war 2026 bisher der einzige islamistische Angriff auf einen CSD in Deutschland. Und der tödlichste.
Auswertung 2025: Flächendeckend bedroht
Von 243 erfassten Veranstaltungen blieben im Jahr 2025 gerade einmal 110 ohne dokumentierte Vorfälle. Bei gut einem Fünftel aller CSDs versammelten sich extrem rechte Akteure zu eigens angemeldeten Kundgebungen oder Aufmärschen, bei fast der Hälfte kam es zu Störungen unterschiedlichster Art – ein spürbarer Anstieg gegenüber dem Vorjahr. Diese Entwicklung durchzieht das ganze Land, von Metropolen bis in kleine Landgemeinden, wenn auch in sehr unterschiedlicher Intensität.
Paradoxerweise ist die extreme Rechte auf den ersten Blick schwächer geworden: Die Zahl großer Naziaufmärsche mit mehreren Hundert Teilnehmenden ist im Vergleich zu 2024 gesunken. Nur eine Handvoll Demonstrationen erreichte überhaupt die Marke von etwa einhundert Personen. Aber was an Masse fehlt, wird durch Organisationsgrad und mediale Reichweite kompensiert. Etablierte extrem rechte Kleinparteien (vor allem Die Heimat und Der III. Weg) und ihre Jugendorganisationen (JN, NJ, NRJ) stellten meist die erforderliche Infrastruktur. Zudem sind Slogans und Memes, die in den Parteien schon seit einigen Jahren weniger erfolgreich herumgedümpelt waren, für massenhafte, schnell anpassbare Online-Mobilisierungen benutzt worden, die dann mehrheitlich von neueren Gruppen mit größerer Reichweite geteilt wurden: einheitliche Symbolik, wiederkehrende Kampagnen-Slogans.
Es hat sich eine Kluft aufgetan zwischen der Wucht der Online-Mobilisierung und der realen Präsenz vor Ort. Frisch gegründete Accounts auf Instagram oder TikTok kündigen mit reißerischen Sharepics vermeintlich große „Antworten“ auf lokale CSDs an – am Tag selbst bleibt davon oft nur eine kleine Gruppe übrig, manchmal taucht überhaupt niemand auf. Doch diese Diskrepanz darf nicht beruhigen: Jede Online-Mobilisierung bedeutet Stress und Kosten für die CSD-Orgas im Vorfeld. Und einzelne Naziaufmärsche wurden gezielt zu überregionalen Ereignissen aufgewertet, mit bekannten Szenegrößen als Rednern und eigens engagierten Musik-Acts. Auffällig ist auch ein Generationen- und Ost-West-Gefälle innerhalb der rechten Szene: Während sich die aggressivsten und zahlenstärksten Mobilisierungen in ostdeutschen Bundesländern konzentrieren, sind es teils ältere, erfahrene Kader aus dem Westen, die Logistik, Anmeldungen und Vernetzung organisieren.
Diese Tendenz zeigt sich auch 2026: sehr viele Online-Mobilisierungen, bisher aber kaum größere Naziaufmärsche. Am deutlichsten zeigt sich die Gefährdungslage im Vergleich zwischen großen und kleinen Veranstaltungen. Während die vereinzelten neonazistischen und/oder christlich-fundamentalistischen Kundgebungen die großen Prides der Republik in der Regel kaum tangieren, geraten kleinere CSDs in ländlichen Regionen schnell in eine gefährliche Schieflage: Dort kann sich das zahlenmäßige Verhältnis zwischen CSD-Teilnehmenden und rechten Demonstrierenden bedrohlich annähern.
Die AfD
Auffällig selten trat und tritt die AfD als Anmelderin eigener Kundgebungen in Erscheinung. Gleichzeitig hat die extrem rechte Partei das Thema Queerfeindlichkeit auf allen Ebenen zur Chefsache gemacht. Über parlamentarische Anfragen, Anträge in Kommunal- und Landesparlamenten und eine intensivierte Kampagnenarbeit trägt die Partei maßgeblich dazu bei, ein queerfeindliches Klima zu befeuern und CSDs die politische und finanzielle Unterstützung zu entziehen. Besonders sichtbar wird dieser Einfluss im Streit um die Regenbogenflagge: Ob sie an Rathäusern gehisst werden darf, ist vielerorts zu einem hart umkämpften symbolischen Stellvertreterkonflikt geworden, an dem sich ganze Kommunen entzweien. In der laufenden Saison zeigt sich zudem, dass mehr und mehr AfD-Politiker (mehrheitlich Männer) eigene Social-Media-Kanäle oder größere Streaming- und Podcastplattformen nutzen, um CSD-Teilnehmende zu nerven und bloßzustellen. Was an manchen Orten große rechte Streamer wie Weichreite machen, macht andernorts der lokale AfD-Abgeordnete: So besuchte etwa Maurice-Gerome Baumgart, für die AfD im Gemeinderat Kranenburg, mit seinem Streaming-Projekt „Blaues Echo“ die CSDs in Soest und Mülheim an der Ruhr, verkleidet mit einer Afro-Perücke und einem Schild mit der Aufschrift „Es gibt nur zwei Geschlechter“, und hoffte darauf, Teilnehmer*innen provozieren und dabei filmen zu können.
„Störungen“: ein weites Feld
Wer die Sicherheitslage von CSDs allein an angemeldeten rechten Demonstrationen misst, unterschätzt das eigentliche Problem gewaltig. Der Alltag vieler queerer Veranstaltungen besteht aus diffuseren Störungen: Plakate werden zerstört, Beleidigungen fallen aus Fenstern oder von Balkonen, Hitlergrüße werden gezeigt, Gegenstände geworfen. Kaum ein CSD, so lässt sich resümieren, kommt vollständig ohne solche Begleiterscheinungen aus. Besonders gefährlich wird es häufig nach der Parade – auf dem Heimweg, an Bahnhöfen, in Zügen. Dabei scheint das Sicherheitskonzept der Polizei oft spätestens am Bahnhof zu enden: So verhinderte 2025 bei der Abreise vom Bautzner CSD Richtung Berlin nur das beherzte Eingreifen einer Zugbegleiterin, dass eine Gruppe aus dem Umfeld der Deutschen Jugend Voran in den Waggon der CSD-Teilnehmenden eindringen konnte. Nur wenige dieser Störungen können eindeutig der organisierten Neonaziszene zugeordnet werden, in der absoluten Mehrzahl der Fälle lässt sich allerdings festhalten: Betroffene, Augenzeugi*nnen und Presseartikel berichten meist von weißen Männern, Anwohnern, Passanten.
Immer wieder gehen Störungen weit über das Rufen queerfeindlicher Parolen hinaus und beschränken sich dabei keineswegs auf die ostdeutschen Bundesländer. So wurde in Krefeld eine Ratsfrau mit einem Ei beworfen, in Düren waren bereits in den Vormonaten ein extrem rechter Zahlencode auf der Fensterscheibe der Fachstelle Sexualität und Vielfalt geschmiert und das Auto der Geschäftsführerin beschädigt worden, am CSD-Tag selbst flogen Eier auf den Demozug. In Göttingen warf eine Gruppe von Menschen Sprengkörper auf Besucher*innen des CSD-Straßenfests und verletzte dabei drei Personen. Fast flächendeckend berichten Organisator*innen und Lokalzeitungen von queerfeindlicher Stimmungsmache in sozialen Medien, Mails und Kommentarspalten: von Beleidigungen bis hin zu expliziten Gewalt- und Tötungsfantasien.
Neben Straße und Netz hat sich ein weiteres Konfliktfeld etabliert: die Verwaltung selbst. Kommunale und Landesbehörden erschweren die CSD-Organisation zunehmend durch Auflagen, verweigerte Genehmigungen oder den Entzug finanzieller Unterstützung. Was auf den ersten Blick wie bürokratische Petitesse wirkt, entfaltet in der Summe eine erhebliche Zermürbungswirkung – gerade für kleinere, ehrenamtlich getragene CSD-Bündnisse, die ohnehin mit begrenzten Ressourcen arbeiten.
2026: Politisierung unerwünscht und eine Zäsur
Die extreme Rechte hat gelernt, mit minimalem Aufwand maximale Einschüchterung zu erzeugen: ein zerstörtes Plakat, eine Sprühaktion, eine gezielte Online-Kampagne reichen oft aus, um Unsicherheit zu produzieren – unabhängig davon, ob am Ende tatsächlich eine große Demonstration stattfindet. Diese Unberechenbarkeit und Normalisierung ist die eigentliche, langfristig wirksame Bedrohung.
Zwei Tendenzen sind bereits jetzt sichtbar im Vergleich zu 2025: Erstens werden die Aktionen von christlichen Fundamentalist*innen mehr, sind deutlicher gegen die CSDs an sich ausgerichtet und vielfältiger. Dabei halten sich Aktionen von evangelikalen und katholischen Akteuren die Waage – gerade letztere sind vor allem als ein Richtungskampf innerhalb der katholischen Kirche zu deuten, deren vereinzelte, aber immerhin vorkommende Liberalisierungen in Bezug auf Homosexualität und CSDs sofort von rechten Akteuren in der eigenen Institution skandalisiert und sanktioniert werden.
Und zweitens nehmen die Probleme mit Verwaltung und lokaler Politik zu, gerade da, wo sich CSDs explizit antifaschistisch positionieren. Politiker*innen aller Parteien fordern dann schnell eine prophylaktische Distanzierung von „der Antifa“ und drohen mit dem Entzug von Finanzierung oder ihrer Unterstützung bei Nichtbefolgen. Ein Beispiel ist der CSD in Quickborn bei Hamburg, der sich explizit als antifaschistisch versteht und der von einem SPD-Stadtrat als „linksautonome Steinewerfer“ bezeichnet und kritisiert wurde. In Dresden versuchte die Verwaltung, den CSD nicht mehr als politische Veranstaltung zu deklarieren, was drastische Auswirkungen auf Finanzierung und Sicherheit gehabt und vermutlich die Veranstaltung unmöglich gemacht hätte. Dem setzen CSD-Organisator*innen, antifaschistische Bündnisse und solidarische Unterstützeri*nnen im ganzen Land eine wachsende Vernetzung entgegen: größere Bündnisse, ausgebaute Sicherheitskonzepte, gezielte Gegenpräsenz an gefährdeten Orten. Gerade kleine, oft prekär organisierte CSDs erweisen sich dabei als besonders wertvoller Ausdruck gelebten Widerstands gegen rechte Raumnahme.
Wie sich die Zäsur des Anschlags in Berlin auswirken wird, ist noch nicht absehbar. Bisher zeichnet sich nicht ab, dass die extreme Rechte ihre queerfeindlichen Kampagnen pausieren oder einstellen würde – die Häme und Schadenfreude dieser Akteure über den Anschlag ist unübersehbar. Die Diskussion in Politik und Mehrheitsgesellschaft fokussiert dagegen ausschließlich auf islamistische Gefährder, womit das Problem externalisiert und wie so oft auf den Täter geschaut wird, anstatt die Bedürfnisse der Opfer ins Zentrum zu stellen. Gleichzeitig werden alle anderen Bedrohungen und Angriffe auf queeres Leben, auch der eigene Beitrag dazu, ignoriert. Wir sind im Moment wütend und traurig und auch etwas ratlos. Die Situation war schlecht und ist jetzt richtig übel.